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Segeln als Digitale Nomaden

Seenot

Jan• 09•15

Wer rechnet bei solchem Wetter schon mit Seenot? Die Fähre läuft weiter mit kaum verminderter Fahrt durch das Fahrwasser auf das manövrierunfähig liegende Segelboot zu. Der dänische Motorsegler stoppt beim Havaristen, hastig …

Schleppverband, Hilfe aus Seenot

Der Schleppverband setzt sich langsam in Bewegung


wird eine Leine übernommen. Die Dänen versuchen, das blaue Segelboot aus der Gefahrenzone zu schleppen. Kaum sind beide Boote außerhalb des Fahrwassers, donnert die Fähre vorbei, ohne die Fahrt spürbar verringert zu haben. Die Segler treiben ohne Fahrt eben außerhalb des Tonnenstrichs.

Als wir näher kommen, drosseln wir unsere Geschwindigkeit. Der Skipper des blauen Segelbootes steht im Cockpit und winkt uns heran. Die deutsche Nationale hängt schlapp am Heck. Ein kleiner Junge sitzt neben ihm mit Schwimmweste und sieht ziemlich geschockt aus.
„Unser Ruder ist gebrochen! Fahrt ihr nach Erosköbing?“
„Nein, wir wollten vor Hjortø ankern.“
Ein resignierendes Schulterzucken…„Keine Sorge. Wir bleiben auf Stand by und suchen euch einen Schlepp, der euch nach Erosköbing bringt. Und falls wir keinen finden …“ Er nickt.

Von achtern kommen die Briten auf, inzwischen auch unter Motor.
„Willst du die wirklich nach Erosköbing schleppen, wenn wir keinen finden?“
„Klar.“
„Nicht nach Hjortø?“
„Die werden das in Hjortø kaum repariert bekommen.“ Wir fahren den Briten entgegen.
„Are you going to Erosköbing?“ ruft Ima schon von weitem. Sie verstehen nicht. Als wir näher heran sind, versucht es Ima noch einmal:
„Are you going to Erosköbing?“
„Yes.“ Und ich füge hinzu:
„Can you pick up the blue boat? It’s rudder is broken. They have to go to Erosköbing and we want to stay here at Hjortø.“
„Sure.“

Die Dänen werfen die Leine los und fahren … Richtung Erosköbing. Der britische Skipper stellt mir eine entsprechende Frage, die ich nur mit einem Schulterzucken beantworten kann. Vielleicht biegen sie kurz vorher noch ab… Oder sie trauen sich das Manövrieren mit dem geschleppten Boot im engen Hafen nicht zu … Die Briten übernehmen die Leine und wir bleiben auf stand by bis sich der Schleppverband langsam in Bewegung setzt.

Néfertiti ankert vor Hjortö

Néfertitis Ankerplatz

Dann laufen wir vorsichtig auf die Küste Hjortøs zu.
„Du kannst doch alleine ankern, oder?“
„Ja, warum?“
„Dann kann ich schon einmal Gemüse schnibbeln.“
„Gut.“ Ima ist nicht die einzige, die jetzt richtig Hunger hat. Während sie nach unten klettert, tasten wir uns auf dem flachen Wasser zum Ankerplatz vor. Schließlich liegen wir vor 20m Kette auf 3m Wassertiefe (Sollte unbedingt die Markierungen erneuern. Inzwischen hat es auch die 15m Markierung abgeschoren…) Aber Platz gibt es hier genug. Wir ankern als einziges Boot vor dem schmalen Sandstreifen, den man nicht wirklich Strand nennen kann. Jedenfalls nicht, wenn man von der Nordsee kommt. Ich spanne das Sonnendach auf, während Ima in der Kombüse schaltet und waltet. Zur Belohnung gibt es (mal wieder) die leckersten Muscheln, die ich je gegessen habe. Eine Rotwein-Tomatensoße mit Gemüse, die mich hinterher den Teller ablecken lässt. Ima schmunzelt, als sie das sieht:
„Wie Frida.“ Das ist eine von zwei Labradorhündinnen, um die sich Ima in Berlin fast täglich gekümmert hat. Auch ich habe die langen Waldspaziergänge mit den beiden Hunden geliebt…

Schließlich dösen wir satt und gemütlich im Schatten des Sonnendachs. Es ist heiß. Nach einer Weile kann ich an nichts anderes mehr denken als an kühles Wasser, schwimmen, ins Wasser springen. Aber um das Boot herum treiben lauter Quallen. Vielleicht sind am Strand weniger?
„Wollen wir schwimmen?“

Kurz darauf rudern wir auf die Insel zu. Ich liebe es in das klare Wasser zu schauen. Manche Unterwasserpflanzen bilden einen kleinen Wald über den wir wie schwerelos hinweg schweben …
Bald planschen wir im Wasser. Ima ist übermütig und spritzt mich nass. Na das kann ich auch!
So tollen wir im Wasser herum und fühlen uns großartig. Außer uns ist hier niemand. Auch keine Quallen.

Im Schlauchboot schweben wir über die Unterwasserwelt hinweg

Unterwasserwald

Schließlich liegen wir faul im Sand und lassen uns von der Sonne wieder aufwärmen. Da blitzt vor mir etwas im Flutsaum. Eine Flasche. Aber es sieht so aus, als läge da noch etwas im Inneren der Flasche: Eine Nachricht.
„Guck mal, Ima. Ich glaube da liegt eine Flaschenpost.“
Ich springe auf und mache die paar Schritte. Tatsächlich. Die erste Flaschenpost meines Lebens. Innen finde ich eine Kinderzeichnung über eine Bootsreise (glaube ich). Von Lea, einem kleinen Mädchen aus Svendborg.
„Zeig mal.“ Ima ist auch ganz aufgeregt.
„Die musst Du aber auch beantworten.“
„Klar. Ehrensache.“ (Hat ein bisschen gedauert, aber inzwischen habe ich das auch getan.)
Schließlich rudern wir mit unserer Beute zurück.

Abends zieht eine riesige schwarze Wolke auf. Als sie uns erreicht, fängt der Wind an im Rigg zu pfeifen. Wirft sogar einen leichten Schwell auf. Nicht schlimm. Das Barometer fällt nicht, also nur eine lokale Erscheinung. Ich schalte das Ankerlicht ein, haue mich mit einem Schmöker auf die Koje. Ima kredenzt uns einen heißen Tee. Als die Wolke durchgezogen ist, hört der Spuk wieder auf.

Abendstimmung

In dieser Wolke steckt Wind

Eine Stunde später heult es abermals im Rigg. Eine zweite noch gewaltigere Wolke steht über uns. Ima verabschiedet sich in die Koje. Ich mache ihr eine Wärmflasche, was sie mit einem Kuss quittiert. Aber diesmal hört der Wind nicht auf, als die Wolke durchgezogen ist.

Ich konnte beim Ankern den Grund nicht erkennen, obwohl das Wasser hier durchsichtig ist. Sah alles dunkel aus. Ich vermute, dass wir auf Seegras ankern. Deshalb unterbreche ich in den nächsten ein, zwei Stunden sechs Mal meine Lektüre, erhebe mich von der Koje und kontrolliere den Anker. Er scheint zu halten. Kein Ruckeln, kein Zuckeln. Die Ankerpeilung steht ebenfalls. Ich denke, unser Anker ist schwer genug, um sich auch durch das Seegras hindurch einzugraben. Trotzdem bin ich gar nicht mehr traurig über das Missgeschick mit den fehlenden Markierungen auf der Kette. Werde morgen fröhlich die „überflüssige“ Kette hieven. Irgendwann habe ich genug Vertrauen aufgebaut, um zu glauben, dass wir diese Nacht nicht auf Drift gehen werden. (Außerdem ist der Schmöker gerade nicht mehr sooooo spannend). Ich schaue zu Ima hinüber. Sie sieht so entspannt aus, wenn sie schläft. Ich lösche das Licht und bin ihr bald ins Reich der Träume gefolgt.

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2 Comments

  1. Ingo sagt:

    Moin Klaus,

    ich geniesse es dieses mal mit euch durch die dänische Südsee zu segeln. Das Revier ist mir gut bekannt, aber die Reise mit euch eröffnet mir neue Perspektiven. Wir ankern nur mal zum baden, da wir für unseren Sohn immer die Versorgungsmöglichkeiten eines Hafens brauchen.

    Dir von dir gewählte Schreibweise „Erosköbing“ finde ich einfach nur Klasse!! Jetzt weiss ich auch warum ich so gerne dort bin!!

    Deine Geschichten lese ich sehr gerne und freue mich auf jedes neue Kapitel!

    Herzliche Grüße aus Kiel, Ingo

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