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Segeln als Digitale Nomaden

Meuterei

Jan• 20•15

Als wir um die Huk herum sind, halsen wir. Ima kommt an Deck. Sie spürt, dass wir uns dem Ende des heutigen Törns nähern. Ich verspüre ein menschliches Bedürfnis.
„Übernimmst du mal?“ …

Segelboot Néfertiti vor Avernako

Kurs Nord

Sie greift nach der Pinne, während ich kurz nach unten verschwinde. Schöne neue …

Während ich im Vorschiff sitze, höre ich kein noch so müdes Plätschern. Nur Stille. Plötzlich neigt sich Néfertiti leicht nach Steuerbord und die Bugwelle hebt an, ein lustigeres Lied zu singen. Mit einem Mal gluckst das Wasser fröhlich an der Bordwand entlang. Als ich zurück an Deck steige, macht Néfertiti gute Fahrt. Dreieinhalb Knoten. So schnell waren wir den ganzen Tag noch nicht. Ima grinst mich breit an. Ich setze mich auf die Rückbank, um die Pinne wieder zu übernehmen.
„Danke.“ Ima macht keine Anstalten mir das Ruder zurückzugeben.
„Ich kann wieder übernehmen.“
„Nee. Das macht Spaß. Jetzt möchte ich auch mal segeln.“ Naja. Darüber sollte sich jeder Skipper freuen. Und das würde ich auch. nur …
„Aber der Ankerplatz ist hier.“ Die Bucht können wir inzwischen einsehen. Im Scheitel liegen viele Boote. Nur hier am Rand könnte man noch einigermaßen unbehelligt ankern.
„Ich möchte jetzt aber segeln. Nach Lyø.“ Einen Moment bin ich perplex. Was ist das jetzt für eine Laune? Den ganzen Tag hat sie gemault endlich ankommen zu wollen und jetzt das?!
„Wir wollten morgen nach Lyø. Und ich freue mich auf Avernakø.“

„Avernakø ist langweilig.“ Woher will sie das wissen? Ima behauptet immer, dass ich der Sturkopf von uns beiden sei, aber jetzt segelt sie stur von unserem Ankerplatz weg. Das ist Meuterei! Hinter uns verlässt eine Yacht das Fahrwasser und steuert auf den von mir angepeilten Ankerplatz zu. Hmm!
„Hallo?! Wir wollten beide nach Avernakø.“ (Wir haben die Route ja gemeinsam festgelegt.)
Meine Ägypterin lässt sich nicht dreinreden. Während bei uns an Bord der arabische Frühling ausgebrochen ist, schert noch eine zweite Yacht aus dem Fahrwasser aus, um ebenfalls in „unsere“ Bucht zu laufen. Néfertiti segelt derweil mit munter plätschender Bugwelle immer weiter fort vom Ankerplatz. Ich kann Ima schlecht mit Gewalt zwingen…  Das erste Boot läuft an „unserem“ Ankerplatz vorbei, aber die anderen gehen in den Wind und nehmen die Segel herunter. Ich versuche es mit Vernunft.
„Jetzt lass uns umdrehen! Bevor auf dem schönen Ankerplatz ein anderer liegt.“
„Lass mich jetzt doch auch mal segeln.“ Auch mal?!
Bevor es zum Eklat kommt, sagt Ima:

„Jetzt lass dich doch nicht so foppen!“ und wendet breit grinsend. Da hat der Wind gerade wieder nachgelassen. Ein Schelm, der da denkt … Wenn das ein Witz sein sollte, ist er nach hinten los gegangen. Jedenfalls kann ich nicht sofort wieder auf Fröhlich umschalten. Derweil ist auch die zweite Yacht weiter nach innen gefahren, aber eine weitere große Yacht verlässt das Fahrwasser mit Kurs auf die Bucht. Wenn die sich jetzt auf „unseren“ Ankerplatz legt… !

Mit Motorunterstützung und soviel Fahrt wie möglich (Weißer Dampf) laufen wir wieder zurück. Das wird ein Kopf an Kopf Rennen.
Innerlich hängt mir die Meuterei noch nach. Ganz schön blödes Gefühl, wenn man (selbst nur vorübergehend) die Kommandogewalt verliert…

Ich rolle die Genua ein. Die große Yacht kommt fünf, sechs Bootslängen vor uns an dem von mir anvisierten Platz an, stoppt auf und ein Mann geht nach vorne, um sich an der Ankerwinde zu schaffen zu machen.
„VERDAMMTE SCH…!!“ Mein aufgestauter Ärger hallt weithin vernehmbar über die Wasserfläche, was mir pikierte Blicke nicht nur von der Yacht drüben, sondern auch von Ima einbringt. Immerhin veranlasst mein Ausbruch die beiden auf der Yacht ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken und doch noch etwas weiter in die Bucht hinein zu fahren.

Segelboot Néfertiti ankern vor Avernako

Ankerplatz vor Avernako

Ima dreht in den Wind und ich nehme das Groß runter. Das Segel begräbt Ima unter sich. Da höre ich sie unter dem braunen Tuch rufen:

„Die Pinne lässt sich nicht bewegen!“ Anscheinend hat sie sich in der Großschot verfangen. Eben war Ima so keck und jetzt kann sie die Schot nicht klarieren? Ich eile mit einem Fluch zur Pinne. Da rauscht die Dirk durch. Der Baum verfehlt mich knapp und knallt Ima auf Kopf und Rücken. Sie schreit vor Schmerz und Schreck auf.
„Bist du okay?“
Keine Antwort.
„Bist du OK?!“
„Jaaaa!“ Vielleicht okay, aber jetzt ganz entschieden auch sauer. Ich klariere erst das Ruder, dirke den Baum neu an (diesmal richtig), tuche das Groß auf und ankere dann da, wo ich schon vor einer gefühlten Ewigkeit ankern wollte. Derweil hat sich Ima benommen auf ihre Koje gelegt.

Dann schaue ich mir Ima an. Ihre Pupillen sind gleich groß. Ich fahre mit dem Finger vor ihrem Gesicht hin und her: Sie kann normal fokussieren. Kein Blut da, wo sie der Baum getroffen hat. Trotzdem hat sie Kopfschmerzen.
Sie sagt:
„Tut mir Leid, dass ich heute den ganzen Tag so ätzend war.“
„Mir tut mein Ausbruch eben auch Leid.“ Wir lächeln uns an.
Aber Ima wäre nicht Ima, wenn sie nicht noch etwas in Petto hätte:

„Aber Klaus: Ich verlange eine Öffentliche Erklärung!“
„Eine was?“
„Eine Erklärung. In deinem Blog.“
„Aha… Eine Erklärung??!“
„Ja: Wenn ich weiter mit dir segeln soll, musst du öffentlich erklären, dass mir der Baum nie wieder auf den Kopf fällt.“ Soso.
„OK. Mache ich.“
„Im Blog. Öffentlich.“
„Ja.“
„Im Blog!!“

So. Jetzt wisst ihr was es mit dem ersten Beitrag dieses Törns auf sich hat. Ich steige noch einmal an Deck, um der Absichtserklärung auch Taten folgen zu lassen: Die Klemme hatte nicht richtig geklemmt und die Dirk war durchgerutscht. Ich verschiebe den Achterknoten vom Ende der Dirk bis kurz vor den Punkt, an dem das Groß den Baum halten würde, wenn man die Dirk entspannt. So kann der Baum nicht mehr herunterfallen, wenn die Klemme nachgibt. Wieso bin ich nicht schon früher auf diese Idee gekommen?

Später gibt es ein großes Glück-gehabt-dass-nichts-Schlimmeres-passiert-ist-Essen und dann sitzen wir noch eine Weile versöhnt und eng umarmt im Cockpit…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 6.8.14

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8 Comments

  1. Jens sagt:

    Ihr seit süß, ihr zwei :-) Ich hatte mir das mit der Meuterei zwar anders vorgestellt, aber es ist herlich zu lesen. Das mit dem Knoten ist eine gute Idee, werde ich auch machen. Bin gespannt, wie euch Lyo gefällt. Unseren ersten Besuch dort habe ich noch in bester Erinnerung. Bei über 30 KN Ostwind eine kontrollierte Bruchlandung hingelegt, weil der Hafen schneller zu Ende war, als ich vermutete. Aber an sonsten eine schöne Insel. Bin gespannt, wie es euch weiter ergeht.
    LG
    Jens

    • Klaus sagt:

      „Kontrollierte Bruchlandung, weil der Hafen schneller zu Ende war …“ Das hast Du schön ausgedrückt! Kann es mir bildlich vorstellen. Ich hoffe, es ging noch einmal glimpflich ab.
      Lyo war toll!

      Liebe Grüße :)
      Klaus

      • Jens sagt:

        Na ja, war eben kontrolliert, deshalb ist nichts kaputt gegangenen. Haben uns quer gegen die Dalben der ersten Liegeplatzreihe treiben lassen, um erst mal durchschnaufen zu können. Später haben wir dann korrekt festgemacht. :-)

        • Klaus sagt:

          Hi Jens,
          das finde ich klasse: 1. Kreative „Erste Hilfe“ (Problemlösung Dalbenreihe), 2. dort in Ruhe nachdenken und dann 3. die beste endgültige Lösung finden…
          Würde ich mir gerne eine Scheibe von abschneiden … ;)
          Liebe Grüße
          Klaus

  2. Jörg sagt:

    Hallo Klaus, um weitere Meutereien zu vermeiden, vielleicht solltest Du deiner Crew mal den schönen Brauch des Kielholens erläutern? ;-)

    Immer wieder schön hier zu lesen.

    • Klaus sagt:

      Lieber Jörg,
      Endlich mal konstruktive Vorschläge! Ima fragte mich aus dem Nachbarzimmer, was denn los sei, weil ich so laut lachen musste. :D

      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Bertram sagt:

    guten Morgen Klaus, ☕
    ah die Auflösung (⛵ zum Wasserleichenrätsel ⛵)
    „bonne fin – tout bon“
    beste Grüße
    Bertram

    • Klaus sagt:

      Salut Bertram, :)
      Ca va? Sitze tatsächlich gerade in einem Café und habe den Kaffee gerade vor mir stehen. ;)

      Wir haben echt noch einmal Glück gehabt. Das hätte auch schlimmer ausgehen können… Mag gar nicht dran denken.
      Alles Liebe
      Klaus

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