Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Klooooong!

Feb• 01•15

Platsch, platsch machen die Riemen. Manchmal quietschten sie, wenn sie am Gummi des Schlauchbootes reiben. Platsch, iiitch, platsch. Echna müsste mal wieder richtig aufgepumpt werden. Ima sitzt in meinem Rücken und ich habe freien Blick auf Néfertiti. Schön, wie sie da im Gegenlicht liegt. Die Nacht war ruhig. Morgens sind die meisten Boote aufgebrochen und jetzt liegt Néfertiti fast alleine in der weit geschwungenen Bucht Lyøs unter blauem Himmel …

Blick auf die Bucht von Lyø

Lyø

Wir schweben über dem Meeresboden. Ich sehe Sand und vereinzelte Wasserpflanzen unter uns und begreife, dass wir noch ein ganzes Stück näher an der Landzunge hätten ankern können. Auch nicht schlimm. So gibt es eben etwas mehr Frühsport.
Platsch, platsch.

Eigentlich wollten wir heute über den kleinen Belt segeln, aber das Wetter soll sich halten und die Insel strahlt eine Lieblichkeit aus, dass wir gestern nicht lange diskutieren mussten: Heute werden wir eine lange Wanderung machen. Gemeinsam.

Ich ziehe Echna auf’s Trockene und haue den Draggen mit Kraft in den Sand. Dann binde ich die Kameratasche an den Gürtel und schultere den Rucksack. Ima guckt mich an.
„Fertig?“
„Ja.“

Ima platscht mit ihren Kloks durch das Wasser, während ich mir die Wanderschuhe an den Rucksack hänge, um barfuß hinter ihr her zu gehen. Sie will zur Spitze der Landzunge. Zum Landsend sozusagen. Ima schreitet wie extraterrestisch durch das Gegenlicht. Talal, unser Produzent, sagte einmal über Ima: Eigentlich könne man nicht sagen, sie sei kosmopolitisch. Eher intergalaktisch. Daran muss ich denken, als Ima plötzlich stehen bleibt.
„Ist was?!“ ruft sie rüber.
„Nein. Du siehst toll aus!“

Ima im Gegenlicht auf Lyø

Alien?

Landsend ist, na ja, halt landsend. Hier geht’s nicht weiter. Zurück nehmen wir den Weg am anderen Ufer. Es ist schön hier. Eine Herde Kühe war uns auf dem Herweg gefolgt und verstellt uns nun den Weg. Ima nimmt sie als willkommenen Anlass meine Hand zu ergreifen. Nicht, dass ich sie im Falle eines Falles verteidigen könnte…
„Bist du sicher, dass die uns nicht angreifen?“ Was ist schon sicher? Als junger Mensch bin ich in Bayonne mal mit den Stieren gelaufen. Ich konnte diese Stimmung, dieses Fieber das während der Festtage in der Stadt herrschte, spüren, aber nicht begreifen. Ein Franzose sagte:

„Komm mit auf den Platz, wenn Du es verstehen willst.“ Ich hatte da nicht nur Tierschutzbedenken, sondern hielt das auch sonst für eine ziemlich dämliche Idee.
„Non, merci.“ Er zuckte mit den Achseln, kletterte über die Absperrung und war schnell zwischen den Menschen verschwunden. Aber es arbeitete in mir. Er hatte recht. Ich war zufällig während der Festtage nach Bayonne gekommen… Plötzlich kletterte ich über die Balustrade und fand mich in der Menge wieder. Schon raste der Stier auf uns zu. Diese schwere Masse, einmal in Bewegung, bahnte sich ihren Weg. Alle spritzten zur Seite. Ich wich wie die anderen seitwärts aus und das schwere Vieh rannte kaum drei Meter an mir vorbei… Was für ein Gefühl! Der Stier wendete und kam zurück. Ausweichen! Nicht zu früh. Nicht zu spät. Das Fieber hatte mich angesteckt. Ich war Teil der Euphorie. So ging das eine Weile. Zwischendurch wartete man auch einfach und der Stier war irgendwoanders zugange. Dann ging ein Raunen durch die Menge. Ein zweiter Stier kam und die Menschen spritzten zur Seite. Ich auch.

Ein Mann rannte vor dem Stier her. Warum drehte er sich nicht um? Der Stier kam näher. Menschen schrien ihm Warnungen zu, aber der Mann rannte weiter auf die Ballustrade zu. Wahrscheinlich wollte er nur raus. Der Stier erwischte ihn mit seinen Hörnern und wirbelte ihn durch die Luft. Ein paar Beherzte lenkten das Tier ab, während Sanitäter den Mann auf eine Bare hoben…

Hinterher hielt ich das Ganze immer noch für eine ziemlich dämliche Idee. Ich habe es nie wieder gemacht. Aber die Erfahrung möchte ich auch um nichts in der Welt missen und ich habe die Stadt (und ihre Menschen) danach mit völlig anderen Augen gesehen.

Auf Lyø

Auf Lyø

Ich sage zu Ima:
„Kühe sind friedliche Wesen.“ (Und die hier haben alle Euter.)
„Schön. Aber sie sind auch ganz schön groß!“ In dem Moment sehen alle Kühe gleichzeitig zu uns her. Wir gehen durch die Herde durch. Eine Kuh lässt einen Fladen fallen. Sonst passiert nichts.

Wir wandern zwischen Maisfeldern und Wiesen Lyøs und nähern uns einer Anhöhe. Ima findet roten Klee und sammelt Blüten (für einen Frauentee, schmeckt grässlich, mir jedenfalls). Ich gehe schon mal weiter. Von weitem habe ich in den Bäumen einen Felsen gesehen, der sich, als ich näher komme, als Hünengrab entpuppt. Ima ist weit zurück und ich klettere auf den Deckstein, öffne den Rucksack und gieße mir einen Becher Tee ein. Warte auf meine ägyptische Kräuterfrau. Genieße den weiten Blick über den Kleinen Belt.

Ima auf dem klingenden Stein

Auf dem klingende Stein

Schließlich kommt Ima nach.
„Willst Du auch einen Tee?“
„Ja. Wie bist Du da hoch gekommen?“ Sie greift nach einem Stein, der in einer kleinen Mulde liegt. Aber es ist kein Griff. Den Stein in der Hand, sagt sie:
„Haben das Kinder gemacht?“ Sie legt den Stein zurück und es ertönt ein nachhallendes Klooooooooooooong. Wohlklingend. Wie Musik. Ima ist ganz aufgeregt:
„Das sind die Klingenden Steine. Die Frau von der Aldebaran hat davon erzählt. Ich hatte nur vergessen, auf welcher Insel das war…“
Wir machen ein kleines Percussionkonzert. Klooong, klooong kluuuuuung. Nach einer Weile klettert Ima zu mir hoch und wir trinken Tee. Sie kuschelt sich an mich und sagt:
„Die Ostsee ist viel sanfter als die Nordsee!“
„Findest du?“
„Ja. Und man muss auch nicht ständig auf die Uhr gucken, weil man die Tide kriegen muss.“
Tatsächlich liegt die Ostsee sanft unter uns. Aber wahrscheinlich ist sie die ewigen Vergleiche mit der Nordsee Leid. Ich glaube rückblickend, das war der Moment, da die Ostsee beschloss, uns mal zu zeigen, was eine Harke ist…
Aber noch scheint die Sonne.

Irgendwann gehen wir weiter.  Im Ort entdecken wir einen leeren købmandsladen, der zu verkaufen ist, schnacken mit dänischen Urlauberinnen (Ima schnackt) und finden auf dem Rückweg zum Schlauchboot eine Muschelbank, die unser Abendessen sichert…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 8.8.14

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6 Comments

  1. Klaus sagt:

    Hallo ihr Zwei!

    Schön, dass ihr den Klokkesten gefunden habt. Von der Seite, von der ihr gekommen seid, gibt es ja nicht mal einen Hinweis darauf, sondern nur im Dorf. Lyø ist wirklich eine schöne kleine Insel.

  2. War letzen September auch auf Lyö und habe dazu zwei Blogeinträge gemacht. Vorweg, bei „Landsend“ liegt ein Sarg, der Glockenstein liegt schon 5000Jahre dort,…

    http://dilemmer.blogspot.de/2014/09/dbd10-lyo-eine-echte-perle.html

    http://dilemmer.blogspot.de/2014/09/dbd11-mythos-jetzt-wieder-live.html

    Sonnigen Gruß
    Timo

    PS: Toller Bericht, Danke für´s veröffentlichen!

    • Klaus sagt:

      Hi Timo,
      sorry, aber durch die vielen Links wurdest Du ratzfatz von der Software als Spammer aussortiert… ;) Musste Deinen Kommentar erst einmal manuell freischalten.

      Die arme Ann tut mir Leid. Von den Dörflern als Hexe ermordet. Vermutlich nur, weil sie ein bisschen anders tickte… Aber wenn ich Deinen Artikel richtig verstanden habe, liegt ihr „Sarg“ bei der Nordostspitze, während unser Landsend die sichelförmige Landzunge im Nordwesten war… ;)

      Liebe Grüße
      Klaus

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