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Leben als Digitale Nomaden

Verlust

Feb• 13•15

Abends, als die Sonne untergeht, flaut der Wind ab. In der Dämmerung rolle ich die Genua aus und schlage sie ab. Wir haben ja zwei ;) Bin trotzdem etwas zerknirscht. Packe die alte Genua ein und schlage die (bessere) zweite Genua an. Nur noch die Schoten aufschießen…

Klaus wechselt die gerissene Rollgenua aus

Abendlicher Segelwechsel

Beim Aufschießen schlägt die Schot unglücklich von unten gegen die Winschkurbel. Genau in dem von den Mathematikern der NASA errechneten Eintrittswinkel, der die Winschkurbel, die immer (!) klemmt, aus der Führung springen lässt. Aber die NASA Mathematiker haben noch mehr drauf: Die Kurbel knallt auf das hohe Schanzkleid, das bisher alle aus der Hand gefallenen Werkzeuge sicher an Bord gehalten hat, verharrt einen Moment und fällt außenbords. Platsch! Weg ist sie.

Ich bin einen Moment total fassungslos. Jetzt ins kalte undurchsichtige Wasser tauchen? Ich bringe es nicht über das Herz. Néfertiti schwoijt. Ich zögere… und zögere …und dann ist die Chance vertan. Ich hadere mit mir und der Welt. Die schöne Winschkurbel! Erst die Genua und jetzt das!

Wir bereiten ein Abendmahl und gehen früh in die Kojen. Ich kann nicht schlafen. Muss ständig an die Winschkurbel denken. Das ist nicht gerade schlaffördernd. Irgendwann muss ich doch eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufschlage und zur Wanduhr über Imas Koje schiele, ist es kurz nach fünf Uhr.

Allerdings beißt der Verlust immer noch in mir: Schon mein erster Gedanke hat irgendwie mit der verlorenen Winschkurbel zu tun. Ich schäle mich mit dem miesen Gefühl von Verlust aus dem Schlafsack. Jetzt wäre ich bereit zu tauchen, aber der Wind hat über Nacht gedreht und Néfertiti liegt völlig anders.
„Das kann man ja nicht mitansehen!“ sagt Ima, die inzwischen auch aufgestanden ist: „Ich mache ein Ritual.“ Das sind die Eigentümlichkeiten, wenn man mit einer Ima reist.
„Ein Ritual?“
„Danach wirst du dich besser fühlen.“
„Aha.“ Will mir ja nicht nachsagen lassen, ich hätte es nicht wenigstens probiert.

Portrait Klaus

Alles klar für Néfertiti?

Sie fordert mich auf mit ihr zu meditieren und spricht einige salbungsvolle Worte, die die Kurbel in ihre neue dunkle Schlammwelt entlassen, und macht einige eigentümliche Gesten mit ihren Händen. Danach bedaure ich den Verlust zwar immer noch, aber wenigstens kann ich jetzt an etwas anderes denken. Unseren baldigen Aufbruch nämlich. Heute wollen wir in die Flensburger Förde und morgen werde ich Ima zum Zug bringen…

Eine Stunde später lichten wir unter bedecktem Himmel den Anker. Langsam motoren wir zurück in die Dyvig. Der Sturm hat eine der privat gelegten Tonnen vertrieben, aber wir kennen den Weg  ja von gestern. Auch das Nadelöhr ist kein Problem. Nichts erinnert mehr an das vorsichtige Herantasten vom Vortag.

Leider herrscht fast Flaute und das leichte Wehen kommt genau aus der Richtung in die wir müssen. So marschieren wir mit dröhnendem Motor unter einem grauen Himmel erst durch den Als Fjord und dann durch den Sund. Eine liebliche Landschaft. Wälder und Felder schmiegen sich an die sanften Hügel. Es ist schön hier.

Wir erreichen das Stadtgebiet Sonderborgs. Noch eine letzte Biegung dann werden wir an der Klappbrücke sein. Plötzlich kommt uns ein Schwall von Booten entgegen. Anscheinend hat sich die Brücke gerade geöffnet. Als wir sie in Sicht bekommen, bestätigt sich die Annahme. Auf einer Leuchtanzeige wird die nächste Brückenöffnungszeit angezeigt. Noch zwanzig Minuten. Also öffnet sie zur vollen Stunde. Da sie eben auch geöffnet gewesen sein muss, vermute ich, dass sie zu jeder vollen und halben Stunde geöffnet wird. Wenn ich hier später alleine zurückkomme, wird mir das vielleicht hilfreich sein. Und wenn ich ein Handbuch hätte, bräuchte ich solche Überlegungen nicht…

Ima steuert

Komisch. So elegant sieht das Rudergehen bei mir nie aus …

Während die anderen Kreise fahren, steht Néfertiti fast auf der Stelle. Mit kaum merklicher Fahrt voraus nähern wir uns zentimeterweise der Durchfahrt. Eine Bö fällt über Néfertiti her. Sieht so aus, als gäbe es jetzt Wind. Ima macht einen Tee. Die Zeit vergeht schnell. Plötzlich ertönt das Klingeln und die Brücke öffnet sich. Wir reihen uns in den Konvoi ein und fahren auf der anderen Seite gleich weiter.

Als wir die Hafenausfahrt passieren, bläst uns eine frische Brise entgegen. In Böen könnte das auch schon wieder sechs sein. Wir motoren, bis wir die Untiefentonne zu fassen haben. Dann stoppen wir auf und ich gehe zum Mast vor, um vorsorglich ein Reff ins Groß zu binden. Néfertiti stampft in der kurzen Welle. Nachdem das Groß gesetzt ist noch schnell die gereffte Genua ausrollen. Motor aus. Wir segeln. Aber diesmal bricht nicht wirklich Stille aus.

Die Kreuz über die Sonderborg Bugt ist mühsam. Es hat sich eine kurze Welle aufgebaut, die Néfertiti insbesondere auf Steuerbordbug bremst. Gischt spritzt. Wusch. Ich liebe diese Bewegungen, während Ima immerhin lächelt. Ich weiß, dass sie am Liebsten weiter mit dem Motor gefahren wäre, aber das sind wir ja schon den halben Tag. Die Sonne lugt zwischen den schnell ziehenden Wolken hervor.

Schlag um Schlag arbeiten wir uns zu der Steilküste vor. Wende um Wende. Es geht auch mit nur einer Winschkurbel. Segeln ist toll. Komisch nur, dass Néfertiti auf dem einen Bug besser läuft als auf dem anderen. Muss ich mal im Auge behalten. Vielleicht kommt die Welle auf Steuerbordbug unmerklich spitzer ein, aber vielleicht ist der Mast auch nicht richtig getrimmt. Er ist ohnehin sehr weit nach achtern geneigt… Wusch. Néfertiti taucht in eine Welle ein und hinterlässt einen Teppich aus Schaum.

Baumniederholer im Gegenlicht

unterwegs

Wir runden die Steilküste. In der Außenförde ist der Seegang ruhiger. Halber Wind. Néfertiti schäumt mit 6 Knoten durch die Flensburger Förde. Wow. Ich bin vom Segeln begeistert.

Ima ist von der Landschaft begeistert. Wälder, Steilküsten.
„Hier hätte ich den ganzen Urlaub verbringen können.“ Wir segeln vorbei an Holnis, was ich als ersten möglichen Ankerplatz ausgeguckt hatte. Aber je näher wir bei Flensburg übernachten, um so besser.

Unser Ziel ist die Meierswiek. Im Scheitel ankern schon zwei Boote. Kurzentschlossen ändern wir den Plan und tasten uns ganz außen dicht ans bewaldete Ufer. Eine Steilküste geht bis fast ans Wasser und schenkt uns völligen Schutz gegen den böigen Südostwind. Oben biegen sich die Baumwipfel, aber hier unten spürt man kaum eine Luftbewegung.

Später lassen wir Echna zu Wasser und rudern an den Strand. Spazieren am Wasser entlang und lassen langsam Imas letzten Urlaubstag ausklingen. Wir denken beide an die Trennung morgen. Sind ein bisschen schwermütig. Bislang haben wir alle Reisen gemeinsam begonnen und beendet.

Ima sagt: „Das ist einer der schönsten Ankerplätze dieses Törns.“ Wir sind wieder an Bord. Die Bäume drüben und der schmale Strand strahlen wirklich etwas Anheimelndes aus.

„Ja. Wenn nur der Wind nicht recht dreht.“ (Skipper ticken irgendwie anders…)

Meierswiek, Strand

Angelandet

Wir verschwinden früh in der Koje und löschen das Licht. Ich kann nicht schlafen. Nach einer Weile höre ich wie Ima sich von einer Seite auf die andere dreht. Sie ist auch noch wach. Ich frage ins Dunkle hinein:
„Kannst du nicht schlafen?“
„Nein.“
„Denkst du an morgen?“
„Ja. Ich will gar nicht weg.“
„Ich habe mir was überlegt: Ich bringe Dich nach Hamburg.“
„Was?“
„Ich bringe Dich mit dem Zug nach Hamburg. Dann haben wir diese Reise zusammen beendet. Und wir sind noch ein paar Stunden länger zusammen. Wir nehmen ein Schleswig Holstein Ticket, dann kann ich mit dem gleichen Ticket abends zurück.“ Und die fehlenden Handbücher kann ich auch gleich mit einpacken…
„Das würdest du tun?“
„Ja.“ Sie steht noch einmal auf und gibt mir einen Kuss:
„Dann kannst du ja auch die fehlenden Handbücher mitnehmen.“
„Ja.“
Kurz darauf ist sie eingeschlafen. Ich höre noch eine Weile auf den Wind, aber hier unten ist es wirklich still. Imas Atemzüge sind lauter…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 10.8.14

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7 Comments

  1. Lucky sagt:

    Ein süßes Ende des gemeinsamen Törns. Ich habe auch schon einmal (digitale) Seekarten zu Hause vergessen – als ich es in Kalmar gemerkt habe war aber ein „eben mit dem Zug zurück“ nicht möglich. Die >200 € tun mir heute auch noch weh.

    Bei der Kurbel mach dir keine Gedanken. Es ist ärgerlich, aber sowas passiert halt mal. Das hat ja auch nix mit Vergesslichkeit oder Dummheit zu tun. Wir haben auch schon welche versenkt, wer hat das nicht?

    • Klaus Klaus sagt:

      Oh … Das mit den Seekarten kann ich Dir so gut nach fühlen. Aber manchmal wendet sich das Schlechte zum Guten. Ich hätte den ganzen Seekartenkoffer Ostsee genommen. Inzwischen hat mir aber Hans seine alten Seekarten geschenkt…(Danke, Hans) Sind zwar schon etwas älter, aber wenn man sieht, dass heuer Hanse Nautic auch Seekarten von 2007 verkauft, (weil es in manchen Ländern keine aktuelleren gibt)relativiert sich das wieder.

      Mit der Kurbel ist das ein anderer Schnack. Sie hat eine Sechskantnut: Keine der gängigen Winschkurbeln, die ich bei verschiedenen Ausrüstern in Hamburg ausprobiert habe, passt. Wenn jemand einen Tipp hat…

      Liebe Grüße :)
      Klaus

  2. Kerstin sagt:

    Sach mal, sind das tatsaechlich Handschuhe und eine Wollmuetze, die Ima da auf dem letzten Bild traegt? Im August? Schauerlich…..Aber was solls, Dyvig ist wirklich ein Hut, genau wie die Flensburger Foerde. Schoen, dss Euch die Ostsee gefallen hat.

    Unsere Bugsprietueberlegungen folgen.

    Hab Spass und alles Liebe an Euch beide und das Boot, Kerstin

    • Kerstin sagt:

      Hit….Dyvig ist ein Hit, sollte es heissen. Sorry

      • Klaus Klaus sagt:

        Hi Kerstin,

        die Wollmütze ist echt, der Schal auch… Aber mit den Handschuhen ist das so eine Sache…

        Ima schwört auf ihre Segelhandschuhe. Die Fingerkuppen sind abgeschnitten und sie kann damit besser zupacken. Zum Fingerwärmen brauchte Ima sie nicht ;)

        Ich freue mich total auf Eure Erfahrungen mit dem Klüverbaum, aber macht Euch keinen Stress deswegen. Soweit ich mich bisher mit dem Thema beschäfftigt habe, scheinen die Argumente dafür zu überwiegen, aber vielleicht bringt Ihr ja noch einen neuen Aspekt in die Überlegungen …

        Liebe Grüße
        Klaus

  3. Bertram sagt:

    Lieber die Winsch als dein Fruunsminsch… geht über Bord ⛵ liebe Grüße
    Bertram

    • Klaus Klaus sagt:

      Da gibt es ja einen Poeten… :D
      und Recht hast Du! Es ist nur ein Ding. Man kann es ersetzen. Auch wenn sich inzwischen herausgestellt hat, dass das nicht sooooo einfach ist. Zur Not kann man es selbst bauen…

      Schön mal wieder von Dir zu hören. Bald wird es wieder warm und Du bist herzlich auf Néfertiti willkommen… ;)

      Alles Liebe
      Klaus

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