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Segeln als Digitale Nomaden

Nach Flensburg

Feb• 18•15

Als ich wieder aufwache, ist es stockfinster. Mitten in der Nacht. Néfertiti hat mich geweckt. Sie tanzt an ihrer Kette …

Ima am Ruder

Noch ein paar…

Hat der Wind gedreht? Ich schlüpfe aus meinem Schlafsack und schiebe das Luk auf. Nieselwetter. Der Wind kommt jetzt aus Süden. Noch liegen wir im Windschutz der Huk, aber in der Förde hat sich Schwell aufgebaut und der läuft um die Huk herum. Wir haben verdammt nahe am Ufer geankert. Besser, ich kontrolliere den Anker. Will Ima nicht wecken und mache kein Licht. Im Dunkeln taste ich nach meiner Jacke und steige an Deck. Das Ankerlicht der Motoryacht, die hundert Meter weiter innen geankert hat, leuchtet still in die Nacht hinaus. Schleiche auf Zehenspitzen zum Vorschiff und taste mit der Hand nach der Ankerkette. Kein Ruckeln, kein Zuckeln. Der Anker hält. Schleiche wieder zurück ins Cockpit und steige den Niedergang hinunter. Als ich das Schiebeluk vorsichtig schließe, fragt Ima:
„Hat der Wind gedreht?“
„Ja.“
„Sollen wir ankerauf gehen?“
„Es ist nur Schwell. Der Wind kommt immer noch über Land. Noch können wir bleiben…“ Der beste Ankerplatz wäre jetzt vor dem Ruderclub im Scheitel der Förde, den ich als dritte Möglichkeit zu ankern vorgestern Abend ausbaldowert hatte. Aber weder Ima noch mir ist jetzt nach nächtlichem Aktionismus. Ich füge noch hinzu:
„… wenn es dir nicht zu ungemütlich ist.“
„Nee. Ist eigentlich ganz schön so. Man wird in den Schlaf gewiegt.“ Kurz darauf höre ich wieder Imas gleichmäßigen Atem, der mir verrät, dass sie eingeschlafen ist. Ich schlafe wegen der potentiellen Legerwallsituation nur mit halb geschlossenen Augen. Wache immer wieder auf und quäle mich jedes mal aus dem schön warmen Schlafsack, um die Situation draußen zu checken. Irgendwann ist die Motoryacht verschwunden. Aber der Wind dreht in der ganzen Nacht nicht weiter…

Schließlich dämmert der Morgen grau und ungemütlich. Regenschauer. Wir trinken einen Tee, ziehen das Ölzeug über und gehen ankerauf. Motoren das kurze Stück bis Flensburg.

Als wir den Hafen erreichen, kommt die Sonne heraus. Der Hafen ist überfüllt. In den Böen herrschen gut 7 Windstärken. Nicht die besten Voraussetzungen um in die engen Pfahlreihen hineinzufahren. Der Seitenwind würde ein Wendemanöver auf dem engen Raum extrem schwierig machen. Also fahren wir außen vorbei. Ich will erst hineinfahren, wenn ich vorher von außen einen freien Platz entdeckt habe…

Ima am Niedergang

… meiner Lieblingsbilder …

 

Wir finden keinen. Nur direkt neben dem ehemaligen Café Bellevue ist ein Platz frei. Maximaler Tiefgang 1,50m steht auf einem Schild. (Ich erinnere die genaue Zahl nicht mehr, aber es war knapp zu wenig für uns) Aber vielleicht ist der Untergrund Schlick und es reicht trotzdem? Wahrscheinlich ist der Wunsch Vater dieses Gedankens….

Wir fahren noch einmal langsam hin und her. Leute sind auf den Booten. Sie sehen zu uns herüber und wieder weg. Ich sage zu Ima:
„Wenn ein Platz frei wäre, würde uns jemand ein Zeichen geben.“
Niemand gibt ein Zeichen, obwohl die meisten Segler unsere Suchfahrt bemerken. Nachdem wir zum dritten Mal langsam an den Pfahlreihen vorbeigefahren sind, ohne einen freien Platz zu entdecken, hat sich der Vater des Gedankens durchgesetzt:
„Lass es uns beim Bellevue versuchen. Vielleicht reicht es ja.“
„OK.“

Wir kommen gut zwischen den Pfählen rein. Ima legt eine Achterleine über den luvseitigen Pfahl und reicht sie mir weiter, hängt den Bootshaken in einen Ring am Ponton des ehemaligen Bellevue und führt uns langsam in die Box…
Es reicht nicht. Zwei Meter vor dem Steg sitzen wir auf Schiet. Ich gebe Rückwärts. Erst langsam schließlich Vollgas. Wir sitzen fest!

Dabei hatten wir fast keine Fahrt. Aber Néfertiti will auch mit Vollgas nicht zurück… Ich lege die Achterleine um die Schotwinsch und winsche uns zentimeterweise zurück. Mit einem Mal macht Néfertiti einen Satz und wir schwimmen wieder. Laufen langsam rückwärts aus der Box hinaus.
„Klaus!“ Das ist Ima. Alarm in der Stimme. Die Spitze des Bootshakens hat sich verkantet. Um den Bootshaken aus dem Ring zu nehmen, müsste Ima ihn zum Bug hin schwenken, aber da sind die Wanten und das Beiboot im Weg. Ehe ich aufstoppen kann hat sie den Bootshaken losgelassen.
„Tut mir Leid.“ Der schöne Bootshaken hängt im Ring und steht schräg von der Wand ab.
„Macht nichts, hole ich später.“ Wenn er dann noch da ist…

Ima am Ufer der Flensburger Förde

… von Ima (Komisch. Habe den ganzen Tag kein einziges Foto gemacht…sorry)

Wir fahren ein weiteres Mal ganz langsam die Reihen ab. Am ersten Steg ist eine riesige Box frei geworden. Ohne lange zu fackeln steuere ich Néfertiti hinein. Der Pfahl ist zu hoch für Ima. Ich stoppe auf. Lege die Leine über den Pfahl und laufe langsam in die Box. Ich habe in weiser Voraussicht unsere längste Leine als Achterleine genommen… Sie ist nicht lang genug. Nicht einmal annähernd. Während ich den Festmacher schnell mit einem zweiten verlängere, treibt Néfertiti quer. Wir drohen mit dem Motorboot auf der Backbordseite zu kollidieren. Ima ist zu schwach uns abzuhalten und der Schraubeneffekt reicht nicht aus, um Néfertiti wieder auszurichten. Ich belege die Leine und stürze nach vorne, um uns abzuhalten, was mir in allerletzten Sekunde auch gelingt. Ein freundlicher Motorbootfahrer klettert von Bord seines Bootes, um uns zu helfen. Ima wirft ihm die Vorleine zu und mit hünenhafter Kraft zieht er Néfertiti zum Steg.
„Ima bediene bitte die Achterleine.“
„OK.“ Während Ima ins Cockpit eilt, klettere ich mit der zweiten Vorleine an Bord des Motorbootes und von dort auf den Steg. Gemeinsam ziehen wir Néfertiti bis an den Steg. Die meiste Arbeit hat der freundliche Motorbootfahrer schon alleine gemacht.
„Danke.“
„Gern geschehen.“ Er trollt sich. Noch schnell die Leinen korrigieren, damit wir über den Bugkorb ein und aussteigen können. Ich zerre mit aller Kraft an der Vorleine, aber kriege Néfertiti gegen den Winddruck kaum bewegt. Wie hat der Mann das eben fertig gebracht? Nun gut. Seine Statur ist deutlich kräftiger als meine. Trotzdem…
„Sag mal: Hast Du die Achterleine belegt?“
„Ja, warum?“

Das Anlegemanöver war das unrühmliche Ende unserer gemeinsamen Fahrt. Ima tut noch Salz in die Wunde:
„Das war das erste Anlegemanöver, dass wir so richtig versemmelt haben.“ War auch das erste Mal mit Pfählen und böigem Seitenwind… Aber versemmelt bleibt trotzdem versemmelt. Und diesmal kann die Crew es auf den Skipper schieben…

Während ich zum Hafenmeisterbüro gehe, packt Ima ihren Rucksack. Von Land aus bemerke ich viele freie Plätze, die ich vorhin beim Vorbeifahren nicht sehen konnte. Nicht einer der Segler ist auf die Idee gekommen uns heran zu winken. Irgendwie macht mich das traurig. Ist es das, was in vielen Segelblogs und auf Youtube als „Hafenkino“ bezeichnet wird? Anstatt zu helfen, macht man sich über die Probleme der anderen lustig? Willkommen in der schönen neuen Welt!

Im Hafenmeisterbüro steht auch der Motorbootmann.
„Danke nochmal. Das war echt toll eben.“
„Schon gut.“ Sein Blick sagt: Was machst du für ein Bohei um eine so selbstverständliche Sache. Er versteht nicht, warum es mir so wichtig ist seine Hilfsbereitschaft zu würdigen.

Nach dem Bezahlen gehe ich noch zum Bellevue vor. Ein hoher Bauzaun versperrt den Zugang. Ich müsste einbrechen. Ein kurzer Blick links … rechts… Kommt keiner. Schnell steige ich über den Bauzaun, was gar nicht so einfach ist. Der Bootshaken hängt noch immer in dem Ring. Glück gehabt.

Als ich zurück bin, ist Ima fertig mit Packen. Wir haben beide einen Kloß im Hals. Ich schultere ihren schweren Rucksack, während sie meinen leichten nimmt, und kurz darauf sitzen wir im Bus zum Bahnhof …

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am Montag, den 11.8.14

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4 Comments

  1. René sagt:

    Hallo Klaus,
    hab im Forum gelesen dass der 7er Zahlenwimpel bedeutet: Suche Liegeplatz. Vielleicht eine Möglichkeit?
    Liebe Grüsse
    René

    • Klaus sagt:

      Hi René,

      danke für den Hinweis. Das wird wahrscheinlich kaum einer wissen. Und die, die es wissen stehen wahrscheinlich von sich aus am Steg, um zuhelfen… Jetzt weiß es mindestens ein Segler mehr, nämlich ich. :D

      Soll ich jetzt zugeben, dass ich erst einmal nachschauen musste, wie der Zahlenwimpel 7 überhaupt aussieht…? :)

      Liebe Grüße an Marlies
      Klaus

  2. Dirk sagt:

    Ja Klaus, das kenne ich auch vom letzten Sommer. Schade…dabei ist das doch‘ n Klacks. Lagen in Marstall, eine Folkeboot kam suchend in unsere Reihe, konnte die freien Plätze hinter uns nicht sehen und wollte abdrehen. Ein kurzer Ruf mit Handzeichen, zweimal mit angefasst und schon gab’s ein glückliches Gesicht und zwei Bier gratis. Warum sollte ich mir diesen Glücksmoment entgehen lassen? Leider funktioniert das andersherum nur bedingt. Es ist wie im richtigen Leben…
    Gruss Dirk

  3. Klaus sagt:

    Lieber Dirk,

    „Glücksmoment“ ist ein schönes Stichwort. Auch ohne Bier als Belohnung: Es macht Spaß anderen zu helfen und ist beglückend… Das merken die Stoffel ohne einen „Mein-Leben-macht-keinen-Spaß-Was-kann-ich-tun?-Workshop“ wahrscheinlich nie… Schön, dass Du ein Bruder im Geiste bist… :)
    Liebe Grüße
    Klaus

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