Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Zeit aufzubrechen

Feb• 26•15

Am nächsten Morgen lächelt mich niemand von der Backbordkoje aus an. Da liegt nur ein mächtiger Rucksack, den ich gestern Nacht nicht mehr ausgepackt habe. Dafür prasselt immer noch Regen auf das Kajütdach…

Ima und ich am Strand in der Flensburger Förde

Irgendwie fehlt sie mir schon jetzt …

Ich setze Teewasser auf und hole das Auspacken nach. Kaum bin ich fertig (Ima hätte ihre Freude an meinem heutigen Ordnungssinn) setze ich mich mit Handbüchern und Seekarten auf meine Koje. Neben mir auf dem Salontisch steht eine Tasse dampfenden Tees. Ich nehme ein Schlückchen, noch zu heiß, und wende mich den Seekarten zu…

Wohin? Einhand rund Fyn klingt toll. Ich stecke Distanzen ab, blättere in Handbüchern. Gelder Bugt soll schön sein. Haderslevfjord auch. Ebelø … Aerø (Bastian Hauck zu Ehren, der leider seinen schönen Blog nicht mehr weiterführt und der eine ganz besondere Verbindung zu dieser Insel hat) Ich lese und plane, mache mir Notizen… Selbst das älteste Handbuch macht Appetit auf die unbekannten Orte, während der Regen seine Musik dazu spielt. Schließlich habe ich einen Plan: Heute Proviant aufstocken, Wasser fassen. Irgendwo in der Förde ankern oder im Als Sund. Und morgen Richtung Norden segeln. Mal gucken, wie weit wir kommen (und wie sich das Wetter entwickelt! Kann ja nicht zwei Wochen lang regnen und stürmen… ) Halt!

Irgendwo ankern? Nein. Plötzlich weiß ich, wo ich hin will und Néfertiti hat ein erstes Ziel. Die Steilküste von Holnis.

Damit hat es eine besondere Bewandtnis: Als ich noch kein Boot hatte, habe ich mir auf der Übungsseekarte ein Navigationsspiel ausgedacht. Viele dieser fiktiven Fahrten starteten oder endeten in Flensburg und oft habe ich bei Einbruch der Nacht vor Holnis „geankert“. Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, dass ich Nicht-mehr-Träumer heute einfach vor Holnis ankern muss! Ich räume die nicht mehr gebrauchten Seekarten weg und lege die anderen auf den Kartentisch. Da fällt mein Blick auf eine volle Tasse kalten Tees.

In einer Regenpause gehe ich zum Hafenkontor und tausche die Schlüsselkarte gegen die Ablegekarte. Derweil scheint der Himmel aufzureißen und ich laufe noch „schnell“ nach Flensburg hinein, um letzte Besorgungen zu machen. Ein Kauderwelsch Sprachführer Dänisch steht ganz oben auf der (nicht geschriebenen) Liste. Als ich die Fußgängerzone Flensburgs erreiche, fängt es wieder an zu regnen und ich flüchte in ein Café. Was Ima jetzt wohl macht? Ich schreibe ein paar Ansichtskarten. Danach regnet es immer noch, also schreibe ich gleich weiter für den Blog. Eigentlich wollte ich längst unterwegs sein, aber draußen gießt es in Strömen. Ich schaue durch die Fenster auf die vorbei hastenden Menschen. In mir breitet sich ein wohliges Gefühl aus. Es schmeckt nach Freiheit. Nach Alles-ist-möglich. Der Regen dauert noch Stunden, aber das kann meine wilde Vorfreude nicht beeinträchtigen. Irgendwann hört es auf zu regnen und ich mache den letzten großen Proviantkauf. Schleppe den schweren Rucksack zurück zum Hafen… An Bord merke ich, dass ich den Sprachführer vergessen habe. Auch egal. Jetzt werde ich nicht noch einmal zurückkehren.

Uferweg in der Flensburger Förde

Schöne Flensburger Förde

Nur noch schnell Wasserbunkern. Leider geht das mit der Ablegekarte nicht. Hm…! Ich entdecke einen zweiten Hahn, der wie eine Dusche gedrückt werden muss. Nichts um einen ganzen Tank zu füllen, aber wenigstens einen Kanister. Ich gehe zurück an Bord und komme mit einem Kanister und zwei leeren Flaschen zurück. Während ich den Kanister fülle, steigt ein Mann über den Bugkorb seiner Yacht auf den Steg. Er sieht mich missbilligend an und murmelt:
„Muss das schön sein, wenn man Wasser hat.“ Ich bin so perplex, dass mir gar nichts dazu einfällt. Das Gesicht des Mannes verrät keine Spur von Humor. Eher sieht er mich an, als hätte ich gerade seine Tochter geschwängert und sitzen gelassen. Hält der mich jetzt für einen Wasserdieb?! Er geht weiter und ich gucke ihm etwas konsterniert nach. Scheinbar liegt Néfertiti hier zwischen den hunderttausend Euro Yachten nicht nur größentechnisch verkehrt. Zeit aufzubrechen.

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