Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Segeln nach der 10° Regel

Mrz• 14•15

Ich wache gegen 6.00 Uhr auf. Die Sonne scheint, aber es ist frisch. Der Wald am Ufer lacht mich an. Soll ich jetzt ankerauf gehen? Der Wald zwinkert mir lieblich zu. Könnte auch einen Ausflug machen. Erst einmal zu frühstücken! Es gibt sogar noch zwei Croissants und ein Brötchen von gestern…

Wandern

Fahrtenseglers Spaziergang


Und Muckefuck! Ist zwar von einer Firma, die man boykottieren sollte, wie Ima sagen würde, auch aus gutem Grund, aber als ich die Dose im Flensburger Supermarkt sah … Wer kommt schon gegen die Kindheitsgeschmäcker an? Der Wetterbericht sagt eigentlich schönes Segeln voraus: SW 3-4 westdrehend 4-5, aber Schauer- und Gewitterböen. Und natürlich gibt es wieder eine Starkwindwarnung für Belte und Sund. Im geschützten Als Sund geht allerdings kein Wind. Und eine Entscheidung habe ich mit der Tasse dampfender Kindheitserinnerungen auch getroffen: Ich werde einen Guten-Morgen-Spaziergang durch diese liebliche Landschaft machen. Will mir zu gerne das Wikingerboot ansehen. Mache Echna im Sonnenschein klar. Als ich einen Tee in die Thermoskanne gefüllt habe, das Wanderfernglas und den Fotoapparat zusammengepackt habe, fängt es an zu nieseln. Ich warte eine Weile. Dann ziehe ich die Regenjacke über, hänge die Ruder ein und pulle an Land. Leider ist mir entgangen, dass sich diese Nieseltropfen im Schlauchboot gesammelt haben. So trete meine Wanderung mit einem nassen Hosenboden an.

Kaum bin ich auf dem schmalen Kiesstrand angelandet, kommt die Sonne heraus. Super. So trocknet meine Hose schneller. Ein schmaler Pfad führt mich durch den Wald. Schade, dass Ima nicht dabei ist. Sie würde diesen Weg lieben. Kann sie geradezu fühlen. Ein kurzer Marsch führt mich zum Bootshaus des Wikingerbootes. Nachdem ich das Boot ausgiebig bewundert habe, setze ich mich an einen großen Picknicktisch in der Sonne und mache mir Notizen der gestrigen Ereignisse für den Segelblog… Nippe zwischendurch an meinem heißen Tee und fühle mich großartig.

Ankerplatz im Als Sund

Ankerplatz im Als Sund

Am späten Vormittag bin ich wieder an Bord. Gegen 11.20 hole ich den Anker kurzstag und setze das Groß. Dann breche ich den Anker aus. Die letzten Meter der Ankerkette wollen partout nicht durch den Ketteneinlauf. Néfertiti treibt von alleine Richtung Fahrwasser und ich habe Zeit, unter Deck zum Vorschiff zu hetzen: Im Kettenkasten hat sich ein Haufen gebildet. Nachdem ich ihn klariert habe, rasselt die restliche Kette durch die Klüse und ich kämpfe mich rückwärts wieder zurück in die Kajüte. Da könnte man ja Platzangst kriegen.

Wir segeln gemächlich in der Abdeckung der Bäume, aber die schnell über uns dahin eilenden Wolken verraten, dass wir im Fjord gegen einen ruppigen Westwind werden ankreuzen müssen.

Wir erreichen die Untiefentonne und luven auf einen Kurs hoch am Wind an. Es ist handiger als erwartet. Schönster Segelwind. Alles wäre also gut, wenn nur nicht …

Das Groß vibriert lautstark. Es gibt einen surrenden Ton von sich. Stimmt: Da gab es einen Grund, warum ich das andere Groß bevorzugte, der nichts mit der Größe zu tun hatte. Total vergessen. Ich fiere das Großfall etwas und das Vibrieren wird weniger. Ganz weg kriege ich es nicht. Hmm. Keine Dauerlösung.

Langkieler Tasso unter Segeln

Tasso unter Segeln

Kurz nach zwölf zieht die nächste graue Wolke heran. Ich reffe die Genua vorsorglich etwas ein. Der Wind schralt immer wieder und ich kontrolliere ständig die Höhe, die wir segeln, am Steuerkompass. Sobald der eine Bug um zehn Grad schlechter wird, wenden wir. Die Sonne scheint und es macht Spaß. Habe mich inzwischen auch daran gewöhnt nur eine Winschkurbel zu haben.

Aber es herrscht viel Verkehr. Kann Néfertiti unmöglich unter Selbststeuerung sich selbst überlassen, aber auch so hilft sie mir bei den Wendemanövern. Ich stelle sie auf den neuen Bug ein, sie luvt Néfertiti und geht durch den Wind, während ich nur noch die Genua zu bedienen habe.

Von achtern kommt eine weiße Yacht auf: Tasso setzt zum Überholen an. Schöne Linien. Ihr Kurs wird sie ziemlich dicht in Luv vorbei führen. Da schralt der Wind. Ich würde gerne wenden, aber das Boot ist schon sehr nah. Ich will ihnen nicht vor den Bug wenden. Sie sind deutlich schneller. Ich warte lieber, bis sie vorbei sind, um dann hinter ihrem Heck zu wenden. Als sie kaum eine Schiffslänge neben mir sind, ruft der Skipper der Tasso:
„Hallo Klaus!“
Ich bin perplex. Erkenne weder Schiff noch Gesicht.
„Hallo!“
„Dass ich dich ausgerechnet hier treffe, hätte ich ja nicht gedacht! Super Blog! Ich bin Volker!“
Alles klar. Ich zücke meinen Fotoapparat und schieße Fotos.
„Schick mir deine Emailadresse, dann schicke ich dir die Fotos von Tasso unter Segeln!“ Drüben wird jetzt auch der Fotoapparat gezuckt.
„Ja. Danke. Bist du allein?“
„Ja. Habe Ima in Flensburg abgesetzt!“

Wir klönen noch einen Moment, dann ist Tasso vorbei. Inzwischen hat der Wind wieder zurück gedreht und ich bleibe auf dem Bug.

 

Néfertiti unter Segeln

                                            Das erste Bild von Néfertiti unter Segeln                                               (Mit freundlicher Genehmigung von Volker Weber)

Als der Wind das nächste Mal dreht, gehen wir gleichzeitig über Stag. Toll, dieser Blog! Ich freue mich über die Begegnung. Kurz darauf wende ich wieder zurück, während Tasso weiter dem jenseitigen Ufer zustrebt. Néfertiti fährt noch zwei, drei Wenden, da liegt Tasso plötzlich dicht unter dem jenseitigen Ufer still. Das Großsegel ist aufgefiert und killt. Will Volker da ankern? Allerdings ist niemand auf dem Vorschiff zu sehen. Oder sind sie aufgelaufen? Aber ich kann weder hektische Aktivitäten erkennen, noch irgendwelche Notsignale. Trotzdem komisch…. Ich beschließe erst einmal weiter zu beobachten, uns aber trotzdem zu nähern, indem wir auf Backbordbug wenden. Auch wenn es momentan der ungünstigere ist. Somit segeln wir (noch) weiter hoch am Wind, aber nähern uns gleichzeitig der Tasso. Als sich fünf Minuten später die Situation nicht geändert hat, falle ich ab und laufe direkt auf Tasso zu, um zu fragen, was los ist. Ist noch ganz schön weit. Sicher sitzen die auf Grund…

Als ich die halbe Distanz bewältigt habe, wird drüben das Groß dicht geholt, Tasso nimmt Fahrt auf, fällt ab, halst und läuft dann hoch am Wind auf uns zu. Als sie noch fünfzig Meter entfernt sind, halse ich ebenfalls und luve an, bis wir auf Parallelkurs laufen. Dann fiere ich die Großschot, damit sie schneller aufholen können. Schließlich sind sie in Rufweite und ich hole die Großschot wieder dicht:
„Seid ihr aufgelaufen?“
„Nee, ich musste telefonieren. War wichtig.“
„Dachte schon, es sei etwas passiert …“
„Nee, alles gut, aber Danke, dass du zur Hilfe kommen wolltest!“
So haben wir noch etwas Gelegenheit von Bord zu Bord zu quatschen. Sie wollen in die Dyvig und sind sonst auch auf der Elbe zu Hause. Langsam aber sicher zieht Tasso vorbei. Ein letztes Farewell, dann sind sie weg.

Segelboot Néfertiti unter segeln

Segeln zur  Genner Bugt

Wenig später knickt der Fjord ab und wir können anliegen. Während Néfertiti ihren Kurs hält, setze ich erst Wasser auf für einen Tee und bereite dann eine Dose Ravioli aus der eisernen Reserve. Ich habe tierischen Hunger und in dem Verkehr hier keine Muße, richtig zu kochen. Tröste mich mit dem Gedanken an eine leckere Gemüsesuppe, die ich am Abend bereiten werde. Auch als Wegzehrung für morgen. Kurz darauf sitze ich im Cockpit und freue mich auf etwas Warmes. Manche Ravioli aus der Dose esse ich ja ganz gerne, aber diese schmecken grauenvoll. Da helfen auch keine Kräuter zur Verfeinerung…Wenigstens sind sie warm! Und Hunger vertreibt es auch. Derweil biegt die Tasso in die Dyvig ein und wir haben die Einfahrt wenig später ebenfalls querab.

Ich steuere nach Kompass. Unser Kurs führt uns vorbei an einer Untiefentonne, die pünktlich an erwarteter Stelle in Sicht kommt. Kaum Welle, guter Wind, kaum Regenschauer… Was will man mehr?

Hinter der Untiefentonne habe ich den Kurs auf die SW-Huk von Barsø abgesetzt. Ich kann die Insel schon lange sehen. Mit guter Fahrt laufen wir jetzt direkt auf sie zu. Bis dicht unter das Ufer ist es tief genug für uns.

Erst auf dem letzten Stück in die Genner Bugt hinein müssen wir kreuzen. Wir segeln wieder nach der 10° Regel. Und haben Glück. Der Wind raumt und am Ende kann Néfertiti sogar anliegen. Allerdings legt der Wind auch zu. Eine schilfumstandene Ankerbucht kommt in Sicht. In der kleinen Bucht liegen schon einige Boote. Ich kontrolliere die Seekarte. Ja. Das müsste es sein. Eine Bö fällt ein. Wirft kabbelige Wellen auf und heult im Rigg. Überall Katzenköpfe… Aber die auserkorene Ankerbucht ist sozusagen eine Bucht in der Bucht. Und perfekt geschützt. Ich berge die Segel, tuche das Groß auf und starte die Maschine.

Romantischer Ankerplatz in der Gennert Bugt

Genner Bugt

Ich werde auf den Schwoijkreis achten müssen. Kurz vor dem Feld der Ankerlieger stoppe ich auf (schon halb im Windschatten der hohen Bäume) und bereite den Anker vor, lege die Kette an Deck aus. Spritze noch einmal schnell nach unten und bringe endlich neue Kabelbinder-Markierungen an. Dann tasten wir uns langsam zwischen den Booten durch und finden unseren Ankerplatz ganz innen im Scheitel der Bucht, dicht bei dem Wrack eines alten Fischkutters, der im Schilfgürtel liegt.

Ich drehe noch eine Ehrenrunde, um den Schwoijkreis zu loten, dann stoppe ich auf, begebe mich auf das Vorschiff und lasse den Anker ins Wasser gleiten. 15 Meter Kette auf 4,5m Wassertiefe. Kurz eindampfen. Perfekt. Die äußeren Ankerlieger spüren einen leichten Schwell. Bei uns kräuselt sich nicht einmal das Wasser. Noch schnell den Ankerball, dann schäle ich mich aus dem Ölzeug.

Aber noch bin ich voller Energie. Suche erst einmal erfolglos nach den Segelnadeln, aber finde nur das Garn. Höre Imas Kommentar, als würde sie neben mir stehen:
„An Bord muss alles seinen festen Platz haben.“
Recht hätte sie. So bleibt mir nur mit den Schultern zu zucken und mich in die Pantry zu stellen, um nach dem missglückten Mittagessen Gemüseeintopf zu kochen. Während die Suppe vor sich hin köchelt, greife ich zu den Seekarten und Handbüchern. Morgen Haderslevfjord? Der Wetterbericht verheißt nichts Gutes für die nächsten Tage. Soll ich wirklich weiter nach Norden laufen? Schauen wir mal…

Ich schicke Ima eine SMS, dass ich gut angekommen bin und lege mich auf die Koje. Das Leben ist schön.

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 15.8.

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3 Comments

  1. Michael sagt:

    Sehr schön geschrieben …

    Deine Berichte steigern die Vorfreude …
    Am 28. geht’s bei uns los … Jippiehhh ;-)

    Viele Grüße , Micha

  2. Sönke sagt:

    Wie immer schön geschrieben.
    das gibt mir Motivation meine Baustelle voranzutreiben um selber aufs Wasser zu kommen…

  3. Klaus sagt:

    Moin Ihr Beiden,

    Danke für die Blumen…
    Im Moment kollidiert das Blog Schreiben ja mit dem schönen Wetter … Gibt auch einiges bei Néfertiti zu tun …
    Aber das werde ich schon irgendwie unter einen Hut kriegen :)
    Liebe Grüße
    Klaus

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