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Leben als Digitale Nomaden

Alle Zeichen stehen auf Sturm

Feb• 05•16

Mancher Sturm ist selbstgemacht. Und die schlimmsten Verwüstungen werden nicht immer von Wind und Wellen hervorgerufen.

Néfertiti: Blick von innen nach außen

Innen und außen

Irgendetwas weckt mich. Ich bin in Sekunden hellwach. Ima sitzt auf ihrer Koje und guckt mich mit großen Augen an:
„Lass uns weiterfahren. Hier ist es hässlich.“ Ich habe gerade mal zwei Stunden geschlafen, aber fühle mich vollkommen erfrischt. War mal hier und habe das Dorf in keiner schlechten Erinnerung. Aber das ist Jahre her.
„Sicher?“
„Ja.“
„Ok.“ Ima wundert sich über mein schnelles Einlenken, aber ich möchte gerne den Ostwind ausnutzen. Außerdem habe ich das Gefühl ihr nach der gestrigen Überfahrt etwas schuldig zu sein… Also schäle ich mich aus dem Schlafsack, schlüpfe in meine Klamotten und steige an Deck. Ich löse die Springs und schieße sie auf. Starte den Motor.
„Ima, Vorleine los!“
„Vorleine ist los!“
Der Wind drückt den Bug von der Pier weg. Ich löse die Achterleine und ziehe sie
erst durch den Ring und dann an Bord. Dicht vor uns liegen zwei große Yachten im Päckchen, aber der Wind leistet ganze Arbeit. Der Bug schwingt schneller herum als das Heck, schon sind wir von dem Päckchen frei und ich gebe langsame Fahrt voraus. Muss immer noch an das perfekte Ablegemanöver von René und Marlies in Wiek denken. Wo die beiden wohl sind? Habe mehrfach eine SMS geschickt, aber keine Antwort bekommen. (Später wird sich herausstellen, dass ich die Festnetznummer mit der Handynummer verwechselt habe …)

Noch in der Hafeneinfahrt geht die Genua hoch und der Motor aus. Als wir das Fahrwasser erreicht haben, folgt das Groß. Dazu drehe ich schon lange nicht mehr in den Wind. (Die Methode von Lucky funktioniert tadellos: Baum soweit rauslassen, dass das Segel kurz vor dem Killen stehen würde und dann das Groß setzen. Danke noch Mal für den Tipp!)

Néfertiti gleitet zügig durch das gewundene Fahrwasser. Wir sind schon unter der ersten Brücke durch und steuern auf die nächste zu. Ima setzt Wasser auf:
„Gas an!“ Ich beuge mich zum Gaskasten, öffne den Deckel und lege den Haupthahn um.
„Gas ist an.“ Sie brummelt irgendetwas vor sich hin.
„Was hast du gesagt?“
„Die Insel war viel schöner!“ Sie meint Rügen. Und ja, ein landschaftliches Kleinod ist der Sund hier eher nicht.
„Wir hätten noch eine Woche auf Rügen bleiben sollen!“ Und dann möglicherweise bei schlechtem Wetter und Sturm zurück hetzen? Nein.
„Wir mussten den Ostwind nutzen.“
„Das sagst du immer.“ Der Wasserkessel pfeift und Ima füllt die Thermoskanne. Mein Mund ist völlig ausgetrocknet und ich freue mich diebisch auf den Tee.
„Wir wussten doch, dass Dänemark hässlich ist…“ Oh Ima. So ein schöner Morgen.
„Kannst du mal einen Gang runterschalten?“
Guck dich doch mal um. Ist das da eine Autobahn?“ Mein Gott!
Ja. Ich glaube.  Aber wir hatten keine …“ Sie fällt mir ins Wort:
„Ich wollte noch einmal nach Hiddensee!“ Ein ätzendes Gefühl kriecht in mir hoch.
„Ima, bitte!“ Sie stellt die Thermoskanne auf die Cockpitbank und setzt ihr Lamento fort. Ich beiße mir auf die Zunge, aber das ätzende Gefühl wird tiefer und tiefer, je länger sie monologisiert. Solche Gefühle lassen sich nicht unterdrücken. Als wir die halbe Strecke zur Brücke hinter uns gebracht habe, verwandelt es sich von einer Sekunde zur anderen in hellen Zorn:
„Musst Du die Stimmung zerstören!? Was kann ich für das Wetter auf Rügen?!“ Wir sind länger geblieben als wir wollten und haben immer gesagt, dass wir den ersten Ostwind nutzen werden.

„Aber hier ist es hässlich!“ Verdammt, verdammt, verdammt! Ich packe die Teetasse, die ich mir gerade eingeschenkt hatte, und schleudere sie gegen die Cockpitbank, sie prallt ab und fliegt in elegantem Bogen ins Wasser. Aber das kann mich nicht beruhigen. Rasender Zorn hat von mir Besitz ergriffen und ich pfeffere die Thermoskanne gegen das Cockpitsüll. Sie prallt ebenfalls ab und landet weniger elegant aber ebenfalls außenbords.
„Verdammt noch mal! Nächstes Mal fahre ich alleine!“ Es ist mir bitter Ernst. Ima reagiert gänzlich unerwartet. Sie brüllt mich an:
„Alleine?! Wo ich alles für das Boot getan habe?! Ohne mich wärst du zu feige gewesen, es zu kaufen!“ Sie greift nach dem erst besten Gegenstand und schleudert ihn nach mir. Sie verfehlt mich zwar weit, aber so etwas gab es noch nie. Bei uns fliegen schon einmal die Fetzen, aber das hier verletzt eine Grenze. Egal wie übermüdet man sein mag. Ich finde, das was eben passiert ist schrecklich und es ernüchtert mich von einer Sekunde zur anderen. Ima steigt den Niedergang hoch und greift nach einer der Grätings.
„Ich schmeiße sie über Bord!“ Ich halte die Gräting fest.
„Ima, beruhige dich!“ Sie ist den Tränen nahe.
„Du willst ohne mich segeln?!“
„Du moserst jeden Tag und merkst es nicht einmal. Jeden verdammten Tag!“
„Aber du kannst doch nicht ohne mich segeln!“ Plötzlich ist alle Streitlust aus ihr gewichen. Kraftlos sinkt sie auf der Cockpitbank zusammen. Sie hat Tränen in den Augen. Ich kann sie nicht trösten. In mir ist nur eisige Kälte. Ich stelle unsere Beziehung gerade ernsthaft in Frage. So will ich nicht weitermachen.

Wir sitzen schweigend im Cockpit. Mein Mund ist ausgedörrt. Ich bedaure meinen Wutausbruch zutiefst. Der leichte Wind schiebt uns unter der Autobahnbrücke hindurch. Habe keine Lust mehr zu segeln. Will nur irgendwo ankommen. Eine mir vollkommen unbekannte Kälte ist in mir. Weder die Sonne noch das sanfte Segeln vor achterlicher Brise kann die Stimmung heben. Ich will nicht mehr rund Fyn. Und heute nicht nach Omø. Zumal der Wind von Ost auf West umspringen soll. Mit diesem Klageweib nachts den Ankerplatz wechseln? Wenn, dann sollten wir in den Hafen gehen. Oder wir segeln zum Guldborgsund. Sie hat wirklich einen Gegenstand nach mir geworfen, um mich zu verletzen! Ich habe das Gefühl zu ersticken. Ich knalle Türen und kann laut werden, aber meine Wut richtet sich nie direkt gegen Menschen. Ima bricht das Schweigen:
„Können wir nicht irgendwohin, was näher ist?“
„Wir könnten zum Guldborgsund.“
„Ok.“

Während die Windfahnensteuerung steuert, klettere ich den Niedergang hinunter und setze die neuen Kurse ab. Es geht ein langes Stück an der Untiefe entlang. Ich spüre noch die Übelkeit von gestern. Fühlt sich an wie Muskelkater im Magen.

„Entschuldige.“ Ich fühle mich überfordert. Weiß nicht, ob ich ihr Friedensangebot annehmen will.
„Du wolltest mich verletzen!“ Sie ist kleinlaut.
„Ich habe nicht nach dir geworfen. Nur raus.“ Ich weiß nicht, ob das die Wahrheit ist. Ich weiß gerade überhaupt nichts mehr. Sie sagt:
„Es tut mir Leid.“ Na gut. Das kann ich auch sagen:
„Mir tut es auch Leid.“ Aber in meinem Inneren ist nur Kälte. Hoffentlich ist da nichts kaputt gegangen.

Néfertiti läuft sanft über die inzwischen wieder weiß gesprenkelte See. Halber Wind. Drei bis vier Knoten. Sonne. Alles könnte so schön sein.

Wir laufen meist jenseits der vier Meter Linie in Richtung der zwei Untiefentonnen. Eine Wolke wirft ihren Schatten auf uns und sofort wird es kühl. Soll ich Ima in den nächsten Bus setzen? Will ich an der Seite dieser Frau leben? Verdammt es ist bitter ernst. Oder reagiere ich gerade total über?!

Vor uns in akzeptabler Entfernung von der Kurslinie taucht ein senkrechter Strich auf. Ich schaue durch das Fernglas. Eindeutig eine Untiefentonne. Kann auf die Entfernung nur das Topzeichen noch nicht erkennen… Aber da ist auch die zweite. Wenig später erreichen wir die Untiefentonnen und müssen anluven. Hoch am Wind an Ledas Grund vorbei. Auf dem letzten Stück müssten wir kreuzen. Außerdem flaut der Wind ab. Ich starte den Motor. Er übertönt nicht das ohrenbetäubende Schweigen.

Westlich des Fahrwassers kurz vor der Brücke ist ein großer flacher Bereich, der sich zum Ankern anbietet. Wir laufen dicht unter die Steilküste, um dort geschützt vor dem inzwischen wieder mäßig wehenden Südostwind zu ankern. Wenn der Wind später auf West dreht, wie angekündigt, lägen wir hier auch gut. Nur wenn er weiter bis Nordwest drehen sollte, wäre das schlecht.

Ganz vorsichtig schleichen wir an den Fischerbojen vorbei auf das Flache. Ankern letzten Endes auf 2,40 m. Eben jenseits des Windschwelles. Wir haben noch den halben Tag vor uns. Ima möchte gern an Land, aber ich bin groggy:
„Sorry, du kannst gerne alleine rüber rudern. Aber ich habe zwei Stunden geschlafen. Ich will nicht an Land, sondern in die Koje!“ Alleine möchte sie aber nicht. Ich lege mich auf die Steuerbordkoje und bin in Minuten eingeschlafen.

♦♦♦


Diese Blog Eintrag spielt am 4.8.

 

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6 Comments

  1. Carsten sagt:

    Wow, ich merkte gerade, wie Eure Unruhe mich angesteckt hat. Verdammt ehrlich und deutlich geschrieben.

    LG Carsten

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Carsten,
      ich nehme an, dass das Schlafdefizit, da auch seine Rolle spielte… Manchmal kracht es einfach. Manche Beziehungen halten das aus, und manche nicht.
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Jörg sagt:

    Wo Licht ist, ist auch Schatten. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Anders gehts nicht.

    Gruß, Jörg!

    • Klaus Klaus sagt:

      Schönes Bild. Auch tröstlich. Trotzdem wünscht man sich das manchmal anders…
      Liebe Grüße
      Klaus

      • Hein Meyer-KL. sagt:

        Moin Klaus
        Versteh einer die Frauen,mit zwei,nach strafrechtlichen Gesichtspunkten,fast lebenslangen Beziehungen(23 und bis heute 18J)und zusammengezählt(meine,deine,unsere)6Kindern (zwischen36 und 13J)die wir großgezogen haben bekomme ich das immer noch nicht hin.
        Mitlerweile weiß ich das viele Auseinandersetzungen auch auf grund schwankender Hormonhaushalte auf beiden Seiten entstehen,aber was nützt das wenn man immer wieder in diese Falle tappt weil selbst dem geübten Stoiker und Ignoriertechniker wie mir manchmal doch der Kragen platzt.
        gruss hein

        • Klaus Klaus sagt:

          Moin Hein,
          da hast Du ja eine Menge Erfahrung! Männer sind anders… und Frauen auch! Aber es gehören immer zwei dazu, wenn es eskaliert. Jedenfalls bei uns. Dieses Mal haben wir ja noch so gerade die Kurve gekriegt… ;)
          Liebe Grüße
          Klaus

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