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Segeln als Digitale Nomaden

Bruch

Dez• 05•16

Im Als Fjord steht eine kurze steile Welle. Überall weiße Schaumkronen. Néfertiti läuft unter schnell ziehenden grauen Wolken. Der Wind heult im Rigg, krängt Néfertiti, kaum, dass wir aus dem Windschatten der Bäume heraus sind. Gut sechs Windstärken. Wir müssen gegenan.

Himmel über der Dyvig

Himmel über der Dyvig

Weiß legt sich der Schaum in Windrichtung. Ich drehe hinter der Untiefentonne bei und binde das erste Reff ins Groß. Außer uns segelt hier keiner. Schon gar nicht gegenan.
„Bist du wieder dem Segelwahn erlegen?“ höre ich Ima aus der Kajüte klagen.
„Ja!“ Was soll ich auch sonst sagen? Schließlich ist Néfertiti ein Segelboot. Noch dazu eines, das solches Wetter mag. Allerdings stampft sie in der kurzen Welle. Vielleicht ist es auf der anderen Seite etwas geschützter?

Ich wende, um ans Als-seitige Ufer zu kommen. Auf dem Bug läuft es deutlich besser. Gischt spritzt bis ins Cockpit. Es wird langsam flacher. Wir nähern uns dem Ufer. Ich denke, ich kann noch etwas dichter unter Land. Néfertiti schäumt auf das Ufer zu. Aber sind wir nicht gerade erst aufgelaufen? Schließlich wende ich auf den alten Bug zurück. Tatsächlich. Meine Rechnung geht auf. Die Wellen sind hier deutlich zahmer. Und Néfertiti wird nicht mehr von jeder Welle ausgebremst. Allerdings höre ich ein seltsames Knirschen. Ein Geräusch, dass ich nicht verorten kann, das aber nicht zum normalen Geräuschvokabular Néfertitis gehört. Hm… Aber ich kann keinen Fehler entdecken. Das werde ich mir am Ankerplatz genauer angucken.

Mühsam erkämpfen wir uns die Huk. Wie befürchtet, folgt der Wind dem Fjord und wir müssen, obwohl das Fahrwasser einen deutlichen Knick macht, weiter gegenan. Wenigstens können wir (fast) anliegen. Ima hat schon längst keine Lust mehr. Ich stelle mich auf die Dyvig ein. Der Wind legt zu. Vielleicht sollte ich das zweite Reff einbinden? Aber zur Dyvig ist es nicht mehr weit. Also begnüge ich mich damit, die Genua etwas weiter einzurollen.

Plötzlich gibt es einen lauten Knall. Das Groß knattert im Wind. Und steht irgendwie komisch. Schot und Baum sind noch an Ort und Stelle. Es dauert einen Moment, bis ich erkenne, was passiert ist.

Der Baum ohne Reffbeschlag

Reffbeschlag wurde herausgerissen

Der Reffbeschlag ist gebrochen und aus dem Baum gerissen. Zwei spitze Schrauben stecken noch im Beschlag, der an der Reffleine hängend hin und her schaukelt. Die Spitzen könnten das neue Groß beschädigen, wenn ich das zweite Reff einbinde oder das Groß berge. Plötzlich steht Ima im Niedergang. Ich sage:
„Ein Messer! Ima, schnell!“
„Mir ist nicht gut. Ich muss hoch! Bindest du mich ein?“ Was auch immer ich gleich machen werde. Jetzt kann ich keine seekranke Ima neben mir brauchen!
„Bleib unten und gib mir ein Messer!“
„Aber mir ist schlecht!“ Eben hat sie noch gelesen…
„Nimm ein Superpep! Ich muss das hier klarieren.“ Klingt herzlos, aber ich muss die Reffleine kappen und zwar schnell, bevor das neue Groß Schaden nimmt. Ima zögert.
„Ima, gib mir das scharfe MESSER!“

Sie kramt im Besteckschap… und kramt … und kramt. Néfertiti schlingert in der steilen Welle.
„Ich finde es nicht. Such selbst!“ Ich lasse die Pinne los und steige (etwas angestrengt) beherrscht den Niedergang hinunter, verheddere mich in der Lifeline, aber finde das Messer sofort in der Spüle. Steige wortlos wieder an Deck und kappe die Reffleine, ohne dass das Groß einen Schaden genommen hätte. Die Reste des Reffbeschlags werfe ich durch den Niedergang auf den Kartentisch. Ima schreckt bei dem Geräusch zusammen.
„Kannst du nicht den Motor starten?“ Am Liebsten würde ich das zweite Reff einbinden und weiter segeln. Aber irgendetwas in mir nimmt im letzten Augenblick wahr, dass Ima das gerade als Extremsituation erlebt und nicht als „nur“ einen gebrochenen Reffbeschlag. Also schlucke ich die Erwiderung, die mir auf den Lippen liegt, herunter und sage stattdessen:
„Okay. Machen wir.“ Es fängt wieder an zu regnen. Eine neue Bö heult über Néfertiti hinweg. Ich dirke den Baum an und berge das Groß, während Néfertiti sich halbwegs auf Kurs hält. Zurück im Cockpit starte ich die Maschine. Ima kommt ebenfalls an Deck und setzt sich trotz des Regens zu mir. Guckt auf den Horizont. Zur Dyvig ist es nicht mehr weit.

Dyvig

Gut angekommen

Mit gereffter Genua und Dieselkraft boxen wir uns gegen den Wind vor, bis wir die Dyvig einsehen und abfallen können. Schnell erreichen wir die schmale Einfahrt. Da geht es Ima aber auch schon wieder besser. Wenig später fällt der Anker in der rundum geschützten und erstaunlich leeren Bucht. Bloß gut, dass der Beschlag heute gebrochen ist und nicht in einer wirklich brenzligen Situation!

Wir entzünden ein paar Kerzen. Das anheimelnde Licht in der Kajüte verscheucht schnell die dräuenden Stimmungswolken an Bord. Dazu gibt es heißen Tee. Und ein paar Kekse haben wir auch noch… Gleich können wir dann in aller Ruhe überlegen, was denn heute falsch gelaufen ist!

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 15.7.

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4 Comments

  1. Ike sagt:

    Hallo Klaus,

    wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich einen sonnigen Tag im Winter, wenn ich diesen Eintrag lese, höre ich den Wind im Rigg, das schlagende Segel und spüre die Bewegungen des Bootes in der See.

    Danke für diese Auszeit.

    Ike

  2. Wer kennt solche Situationen nicht. Sehr schön beschrieben. War durch den Text auch kurz auf See. Spürte die Gefühle, die man bei solchem Bruch hat, weil mir sowas ähnliches schon passiert ist. Muss mich jetzt erstmal emotional wieder erholen.

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