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Segeln als Digitale Nomaden

Alleinflug

Dez• 07•16

Am nächsten Tag scheint die Sonne. (Wenn nicht gerade ein Schauer über uns hinweg zieht. Das reinste Aprilwetter.) Wir unternehmen trotzdem eine Wanderung. Wollen nach Nordborg. Folgen dem hübschen Weg am See entlang. Wir haben nur die ungefähre Richtung. Schließlich liegt der See hinter uns und wir kommen auf einer Asphaltstraße heraus. Ima sagt:
„Wir müssen links!“
„Nein, da kommen wir zum Hafen. Wir müssen rechts!“
„Nein links!“ Ima ist total sicher.

Bei der Dyvig

Am See entlang

Hm! Wenn man nur zu zweit ist, fehlt ein Schiedsrichter. Weil der Skipper in Fragen der Navigation aber erfahrungsgemäß immer Recht hat, setzt er sich schließlich auch ohne Schiedsrichter durch.

Am Wegesrand blüht Kamille (die Echte) und Roter Klee. Ima betätigt sich als Kräuterfrau. Wir laufen und laufen. Weit und breit sind keine Häuser in Sicht, die zu Nordborg gehören könnten. Kein Kirchturm.

Schließlich kommen wir zu einer befahrenen Straße, die vermutlich nach Nordborg führt. Aber hier entlang laufen? Eine ältere sportliche Dänin holt uns ein und wir fragen nach dem Weg, kommen ins Gespräch… Noch drei Kilometer nach Nordborg. Immer an der Straße entlang. Wir hätten links gehen sollen!
Ima ist großzügig genug, ihren Triumph nicht auszukosten. Jedenfalls nicht über Gebühr. Ein Grinsen kann sie sich doch nicht verkneifen.

Dyvig: Ima sammelt Kräuter

Ima sammelt Kräuter

Aber drei Kilometer an der Straße entlang? Da kehren wir lieber um. Sind gerade rechtzeitig vor dem nächsten Schauer zurück an Bord. Was für ein verrücktes Wetter.

Später kommt die Sonne wieder heraus und trocknet die nassen Stellen. Ich streiche den verletzten Baum. (Der ist bei uns ja noch aus Holz und die Stelle will konserviert sein.) Habe noch einen Ersatzbeschlag an Bord. (Den ich allerdings auf der ganzen Fahrt nicht anbringen werde. Die provisorische Leinenführung über die Baumnock bewährt sich zu gut….)

Am nächsten Tag will Ima noch einmal an Land ein paar Kräuter sammeln. Ich habe keine Lust.
„Rudere doch alleine!“
„Meinst du?!“
„Klar.“ Was das für Ima bedeutet, kann man nur verstehen, wenn man von ihrer Angst vor dem Wasser weiß. Und jetzt alleine in einem Boot?! Sie zögert eine Weile, aber schließlich sagt sie:
„Okay.“ Ich lasse Ben Nemsis zu Wasser und Ima steigt mit steinerner Miene ins Beiboot. Ich glaube, sie fühlt sich wie andere beim ersten Alleinflug.
„Du schaffst das!“
„Und wenn nicht?“
„Dann springe ich ins Wasser und hole dich.“
„Echt?“
„Ja.“ Ima stößt sich von Nefertiti ab und rudert in Schlangenlinien zur Landestelle hinüber, bindet Echna am Steg fest und verschwindet im Grünen.  Irgendwann kommt sie zurück an Bord. Total aufgeregt, aber auch glücklich sich überwunden zu haben.

Später laufen wir aus, um den kurzen Sprung zur Genner Bugt zu machen. Ima ist ganz wild darauf Ruder zu gehen. Was so ein kleines Erfolgserlebnis doch ausmacht…

Ima rudert in der Dyvig

Ima allein im Boot

ie schmale Passage zur Dyvig

Eingang zur Dyvig

Ima steuert Nefertiti durch das schmale Fahrwasser aus der dyvig

Dyvig Adé

Bei knapp einer Windstärke probieren wir den Genaker aus. Es dauert eine gefühlte Viertelstunde, bis die Schoten klariert sind. Dann heiße ich den Genaker vor, ziehe den Bergeschlauch hoch und plötzlich ziehen uns knapp 70 m². (Groß und Genaker)
Ima strahlt:
„Was für ein großes Segel. Und wie die Farben strahlen!“ Der Skipper strahlt auch. Leise flüstert die Bugwelle. Ein sanftes Plätschern. Auch wenn die Logge sich wieder zugesetzt hat und keine Werte anzeigt. Die anderen segeln uns nicht davon. Im Gegenteil.
„Ich will mal ein paar Fotos für Sebastian machen.“ Unser Segelmacher hatte um Fotos gebeten. Aber zu meinem Verdruss kann ich das schöne Segel nicht richtig mit der Kamera einfangen. Ich bräuchte unbedingt eine Kamera mit Weitwinkelobjektiv…

Dann schläft der Wind ein. Bei Null Windstärken hilft auch die größte Segelfläche nichts. Aber sobald ein bisschen Wind aufkommt … Der Wind kehrt nach einer Weile zurück, allerdings gedreht. Aus Richtung Genner Bugt. Wir bergen den Genaker und kreuzen unter Groß und Genua in die Genner Bugt. Das war vielversprechend…

Nefertiti unter Genaker und Groß

Unter Genaker und Groß

Ich kenne die liebliche Genner Bugt ja schon. Bald spazieren wir am Strand entlang. Laufen im eiskalten Wasser auf die Untiefe hinaus, die nur knietief in die Bucht hinein ragt. Die reinste Kneippkur. Wir suchen Muscheln. Das Wasser ist so kalt, dass ich das geplante zweite Schrubben des Unterwasserschiffs verschiebe. (Das erste Mal in der Schlei war nur grob. Da wartet noch Arbeit auf mich. Die zugesetzte Logge spricht Bände!) Muscheln finden wir keine… Dafür retten wir uns wenig später so gerade zurück an Bord, bevor der nächste Schauer losbricht.

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 16. und 17.7.

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9 Comments

  1. Jens sagt:

    Ja, der Gennaker und die Kamera. Unser Obelix (Blau-weiß längs gestreift) hat knapp 90 qm… und lässt sich auch nicht richtig ablichten. Vielleicht bekomme ich ja mal Bilder von ihm, die ein Anderer von außen macht. Aber euer sieht auch super aus :-)
    LG
    Jens

  2. Dirk sagt:

    Hallo Klaus,

    Habt ihr gut gehütet bisher, das Geheimnis mit Imas Wasserabgst. Aber Glückwunsch zu diesem ersten Schritt!
    In Nordborg habt ihr NIX verpasst. Ein verschlafenes Städtchen, in dem die Uhren stillstehen. Nicht mal die gleichnamige Werft ist eines Blickes würdig. Eine Hinterhof-Lagerhalle in der ein paar Bauteile rumstehen. Na gut, das Schlösschen war ganz nett…
    Danke an dich, daß du uns wieder so intensiv an deiner Reise teilhaben lässt!
    LG Dirk

    • Klaus sagt:

      Ja, wir haben die Herausforderungen ganz langsam von Törn zu Törn gesteigert… ;)

      Gut, wenn wir nichts verpasst haben. Habe mir das neulich noch einmal auf der Karte angeschaut und denke, dass sich die Dame mit der Entfernung doch etwas verschätzt hat. Vielleicht haben wir sie auch nur missverstanden, aber auf der Karte schien das deutlich näher zu sein… Trotzdem wäre links herum der direkteste Weg gewesen…
      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Walter sagt:

    Moin Klaus,
    es wird mal allerhöchste Zeit, hier mal etwas reinzuschreiben –
    habe alle Einträge durchgelesen – super geschrieben.
    Dein Schreibstil gefällt mir sehr gut!

    Schön, daß sich Ima überwinden konnte, alleine aufs Wasser zu gehen.
    Leider sind sich viele Eltern nicht bewußt, was sie anstellen, wenn sie ihre Kinder ins Wasser zwingen :-(

    Allzeit gute Fahrt/Wache und immer die Handbreit unterm Kiel.

    lG Walter

    • Klaus sagt:

      Danke, Walter, dein Lob freut mich sehr. Wow. Du kennst sogar Imas Geschichte… Schon seltsam, dass man dann sogar Jahrzehnte später immer noch diese Ängste mitschleppt…

      Ich wünsche dir auch allzeit eine gute und sichere Fahrt.
      Liebe Grüße :)
      Klaus

      • Walter sagt:

        moin Klaus,
        leider vergißt der Hinterkopf viele Erlebnisse nie – obwohl es heißt, daß man nur die schlimmen Sachen vergißt.

        ahja,
        ich verwende immer noch meine, ältere, GoPro_3, die reicht mir für das Segeln und auch für das Mountainbiken vollauf.
        …ich habe nicht den vollen Weitwinkel eingestellt, das verzerrt schon ziemlich.

        Auf einem Segelboot trage ich meist so eine Art Brustgeschirr an dem die Kamera befestigt ist (aber nur wenn „action“ angesagt ist) – das optionale Kopfband ist mir da zu unsicher, wenn es heißt: eine Hand fürs Schiff, eine Hand für mich :-)
        …beim Mountainbiken ist sie am Lenker befestigt.

        noch viel Spaß euch Beiden,
        lg Walter

  4. Jörg sagt:

    Hallo Klaus,
    diese kleinen Actioncams (GoPro, Sjcam, Rollei usw.) haben sehr weitwinklige Objektive (mit ordentlicher Verzerrung).
    Damit kann man neben Fotos auch Videos machen, die zwar fast alle anderen langweilen, aber sich selber schaut man ja gern beim segeln zu. Mir hilfts über die Winterpause hinweg.

    Gruß, Jörg!

    • Klaus sagt:

      Danke für den Tipp, Jörg. Tatsächlich steht eine gute (kontraststarke mit guten Available light Eigenschaften) Kamera samt Weitwinkel ziemlich weit oben auf der Liste herbeigesehnter Anschaffungen. Will mich auch für den Blog intensiver mit Fotografie beschäftigen. Wenn ich mal ein Video mache, soll es aber richtig gut werden. Vielleicht steigt meine Schwester (Deutscher Kamerapreis 2016) ja mal ein und hilft mir… ;)
      Liebe Grüße
      Klaus

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