Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Nachts

Dez• 16•16

Geschrei! Ich wache aus einem Traum auf. Es ist stockdunkel. Aufgeregtes Rufen! Sofort habe ich unsere Nachbarn im Verdacht. Die haben zu allem Übel letztlich mit verdammt kurzer Kette geankert…

Ankerlieger sehr dicht bei Faenø

Zu nah?!

Ich schäle mich aus den Decken und schiebe das Luk auf. Ima ist auch aufgewacht:
„Was ist denn los?“
„Keine Ahnung.“ Unsere Nachbarn liegen unverändert neben uns. Auf dem Zweimaster weiter hinten sind die Salingsleuchten an. Aufgeregtes Rufen. Ich verstehe kein Wort. Der Einhandsegler, der gestern Abend so gekonnt geankert hat, schwoit entgegen der Richtung aller anderer Boote. Es herrscht leichter Schwell. Es ist frisch. Ich verschwinde in der Kajüte, um mir etwas anzuziehen. Als ich wieder an Deck bin, ist das Ankerlicht des Einhandseglers in die andere Richtung gewandert. Der schwoit nicht. Der treibt. Ima fragt:
„Was ist denn los?“
„Da treibt ein Boot.“

Inzwischen ist der Zweimaster ankerauf gegangen und setzt dem vertriebenen Boot nach. Deshalb das Geschrei. Die versuchen den Einhandsegler zu wecken. Mit dem Suchscheinwerfer strahlen sie das Boot an. Lautes Rufen… Keine Reaktion. Langsam treibt es gen Norden. Jetzt umkreist der Zweimaster das Boot. Rufen. Minuten verstreichen. Ich nehme das Fernglas zur Hilfe, aber auf dem treibenden Boot reagiert niemand… Schließlich nehmen die Leute vom Zweimaster das Nebelhorn zur Hilfe. Geben einmal lang. Keine Reaktion. Noch einmal. Keine Reaktion. Nach einer viertel Stunde dreht der Zweimaster unverrichteter Dinge ab.

Ich steige in die Kajüte und nehme unser Horn zur Hand. Gebe das allgemeine Gefahrensignal. Fünf Minuten lang. Ununterbrochen: Kurz, kurz, kurz, kurz, lang. Auf dem Boot rührt sich nichts. Auch auf den anderen Booten in unserer Nachbarschaft nicht. Soviel Gleichgültigkeit bestürzt mich doch. Das Signal führt immerhin dazu, dass die vom Zweimaster noch einmal Mut fassen und umkehren. Da muss etwas passiert sein. Die sollten an Bord gehen! Aber nach weiteren zehn Minuten Schreien und Leuchten kehrt der Zweimaster endgültig zu seinem Ankerplatz zurück.
Ima steht inzwischen neben mir.
„Ich rudere da rüber!“
„Bist du verrückt?!“
„Vielleicht ist er lebensgefährlich verletzt. Das gibt es doch nicht, dass einer so schläft…Vielleicht eine Kohlenmonoxidvergiftung… Ich muss nachsehen!“ Ima guckt mich mit versteinertem Blick an. Ich weiss, sie hält das für überhaupt keine gute Idee, aber ich habe mich entschieden. Das spürt Ima, ohne dass ich es extra sagen müsste:
„Aber pass auf!“
„Mach ich. Gib mir mal meine Schwimmweste… und die Taschenlampe.“ Während Ima nach den Sachen sucht, pumpe ich das Schlauchboot prall und lasse es zu Wasser. Ima bringt mir die Schwimmweste und ich ziehe sie über. Stecke die Taschenlampe in die Jackentasche.
„Bist du sicher?“
„Ja.“ Inzwischen ist das Boot relativ weit abgetrieben. Scheint aber seine Richtung gewechselt zu haben und wieder näher zu kommen. Ohne das Ankerlicht könnte man es auf die Entfernung überhaupt nicht sehen. Ich steige ins Schlauchboot, stoße es ab und rudere mit Kraft. Je weiter ich mich vom Ankerplatz entferne, desto mehr Schwell steht. Das Schlauchboot klettert auf eine der kabbeligen Wellen und rutscht auf der anderen Seite talwärts. Nichts dramatisches. Trotzdem bin ich ganz froh über die Schwimmweste. Plötzlich springt der eine Riemen aus der Dolle. Ich befestige den Riemen neu und rudere weiter, da springt der andere heraus. Mit einem Fluch befestige ich ihn und rudere langsamer weiter, ohne Kraft auf die Riemen zu bringen. Dass selbst dieses Zodiak nur ein besseres Badeboot zu sein scheint, ist doch ein Armutszeugnis. Trotz des verminderten Krafteinsatzes springen die Riemen noch dreimal heraus, aber dann habe ich das Boot erreicht. Ich habe ein mulmiges Gefühl.

Sonnenuntergang bei Faenø

Sonnenuntergang bei Faenø

Mit einer Hand halte ich mich am Süllrand fest. Mit der anderen Hand hämmere ich flach auf das Deck.
„Hello!“ Rufe den Namen des Bootes. „Hello!!“ Drinnen rumort es und ein verschlafener, nackter Mann taucht am Niedergang auf.
„Good morning, Sir. You are on drift!“ Bedächtig schaut er sich um. Es besteht keine akute Gefahr. Wir treiben mitten im Fahrwasser und es ist weit und breit kein anderes Boot unterwegs.
„I fetch some clothes.“ In der Kajüte geht das Licht an. Ich warte im Schlauchboot. Schließlich taucht sein Kopf wieder im Niedergang auf.
„Thank you.“ Ich nicke ihm zu:
„Do you need a hand?“ Er winkt ab. Ich will nur sicher gehen:
„You are awake now?“
„Yes, I am fine. Thank you!“ Er wirkt nicht alkoholisiert und verschwindet wieder, schaltet das Ankerlicht aus und die Positionslichter ein. Dann steigt er an Deck, holt die Ankerleine ein und startet die Maschine. Ich stoße das Schlauchboot ab:
„Bye bye.“
„Bye. Have a good trip!“
„Thanks. You too.“ Ich rudere zurück zu Néfertiti. Zu meinem Erstaunen kehrt er nicht zum Ankerplatz zurück, sondern folgt dem Sund nordwärts.

Ima ist sichtlich erleichtert, als ich zurück an Bord bin.
„Und?“
„Nur ein akuter Fall von göttlichem Tiefschlaf.“
Ich ziehe mich aus und lege mich in meine Koje. Ima schläft in wenigen Augenblicken ein, aber ich bin hellwach. Drehe mich von einer Seite auf die andere. Schalte schließlich das Licht wieder ein, greife nach meinem Schmöker und lese noch ein Stunde, bis mir doch noch die Augen schwer werden…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt in der Nacht vom 20.7. auf den 21.7.

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5 Comments

  1. Sehr gut reagiert. Wünsche mir, dass ich in so einer Situation auch so konsequent dem Bauch folge und es nicht der Gleichgültigkeit erliege wie scheinbar vielen Anderen.

  2. Christian sagt:

    Mensch Klaus,

    Klasse, das nenne ich kameradschaftlich gute Seemannschaft.

    Beide Daumen hoch!

    Liebe Grüße – Christian

  3. Klaus sagt:

    Danke ihr beiden! :)

    Liebe Grüße
    Klaus

  4. Ein sehr vorbildliches Verhalten und spitze beschrieben!

    Liebe Grüße
    Volker (Schoner)

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