Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Künstlerpech

Dez• 20•16

Am nächsten Morgen laufen wir mit unseren Laptops in das Städtchen. In der Bibliothek soll es laut Prospekt des Hafenmeisters W-Lan geben. Die Bibliothek ist noch eine Stunde geschlossen. Darüber klärt uns eine Angestellte freundlich auf, als wir das Gebäude betreten. Was wir denn wollten?
„W-Lan.“
„Oh. That’s no problem!“ Sie stellt das W-Lan an, gibt uns jeweils ein generiertes Passwort und bittet uns in der Lobby an einem der Tische Platz zu nehmen. Da ist sie, die skandinavische Hilfsbereitschaft. Ich schicke endlich die letzten Fotos für die Pressearbeit an den Verlag. Komisch, dass dafür kein richtiger Fotograf engagiert wird… Aber damit habe ich meine letzten Landpflichten erfüllt und fühle mich plötzlich befreit. Die Vorratschapps sind voll. Wasser haben wir auch noch gebunkert. Was kostet die Welt?

Lagerfeuer

Schöner Abend

Mittags laufen wir aus. Vor dem Hafen ziehen wir die Segel hoch. D.h.: Ich ziehe. Ima ist noch vollkommen außer Gefecht gesetzt durch ihre Prellung. Auch der Strom zieht, und zwar ordentlich, so dass wir trotz des leichten Windes vorankommen. Wir haben uns heute kein Ziel gesetzt. Richtung Ebelø. Irgendwo unter der Küste ankern. Der Wind soll auch über Nacht schwach und ablandig bleiben. So dass wir überall ankern könnten.

Leise plätschert Néfertitis Bugwelle. Eben zog das Ufer doch deutlich schneller vorbei. Und der Wind ist nicht weniger geworden. Wir erreichen gerade den alten Hafen, als das Gefühl zur Gewissheit wird: Der Strom ist gekentert! Denn das Tauchboot, dass hier vor Anker liegt, hat sich gedreht. So ein Pech! Ich halte mich dicht unter Land, kreuze im Flachen, um den schwächsten Gegenstrom zu erwischen. Am Nordseitigen Ufer läuft es anscheinend besser, obwohl dort Windschatten herrschen sollte. Oder lassen die ihre Maschine mitlaufen?

„Klar zur Wende?“
„Klar.“
„Ree!“ Wende auf Wende kämpfen wir uns dicht am Ufer zur Brücke vor. An den Brückenpfeilern steht eindeutig mitlaufender Strom. Künstlerpech, die erste: Anscheinend bin ich weitab vom Ufer in einen Neerstrom geraten und hielt es für das Kentern des Hauptstromes. Mich dicht am Ufer haltend kam ich aus dem Neerstrom nicht heraus, während die Boote weiter nördlich mitlaufenden Strom hatten…

Schattenspiele am Strand

Am Strand

Der leichte Wind folgt dem Wasser. So kreuzen wir an Fredericia vorbei. Langsam öffnet sich der Sund. Diese Weite fühlt sich gut an. Aber der Wind lässt nach und bald dümpeln wir in bleierner Flaute. Auf der Fynseite ist die Landschaft wild romantisch. Eine bewaldete Steilküste. Davor ein fast menschenleerer Strand. Nur ein Motorboot ankert weit voraus. Ich denke laut nach:
„Wir könnten hier ankern.“ Ima ist dafür weiter zu segeln. Verkehrte Welt! Tatsächlich riffelt sich vor uns die Wasseroberfläche. Aber wer weiß, ob wir später einen vergleichbaren Ankerplatz finden. Ima denkt jetzt ebenfalls laut nach:
„Na gut. Es ist schon halb vier… bis wir vor Anker sind, vergeht bei dem Wind auch noch mal eine Stunde … Dann wäre es halb fünf… Lass uns ankern!“ Derweil erreicht uns die Bö. Plötzlich herrscht schönster Segelwind. Wir gucken uns an. Dann lege ich das Ruder und halte trotzdem auf die Steilküste zu. Als es flacher wird, nehme ich die Genua weg. 5 m … 4,50 m … 4 m. Ich fahre einen Aufschießer und gebe den Anker ins Wasser. Ima beobachtet das Echolot und ruft:
„3,50 m … 3,20 m!“ Néfertiti törnt ein und wir liegen ruhig im Windschutz der bewaldeten Steilküste, während draußen der Wind durchsteht.

Strandspaziergang

Hindernisse

Ima ist zu Taten aufgelegt:
„Die Sonne scheint. Lass uns einen Strandspaziergang machen.“ So mache ich Ben Nemsis klar und wir rudern zum Strand. Zwanzig Meter hinter Néfertiti wird es richtig flach. Ein Sandbank mit höchstens einem Meter Wasser und größtenteils deutlich weniger lauert unter der Wasseroberfläche.
„Vielleicht müssen wir später noch einmal neu ankern.“ Ima zuckt nur mit den Achseln:
„Wat mut, dat mut!“ Wenig später spazieren wir unter der wild romantischen Steilküste entlang. Setzen uns irgendwann in den Sand. Ich lege meinen Kopf in Imas Schoß und sie streicht über mein Haar. Néfertiti im Blick. Das Leben ist schön.

Als wir an Bord zurückkehren, ist der Wind vollkommen eingeschlafen. Bei den Verhältnissen brauchen wir die nahe Sandbank wohl nicht zu fürchten. Zumal wir auf Sandgrund ankern, dem besten Ankergrund für unseren Anker. Ich beschließe, Néfertiti nicht mehr umzuparken.

Langsam kriegen wir Hunger. Der Smutje (das bin diesmal ich) zaubert Zucchini-Kartoffel-Puffer mit einem Tomaten-Avocado-Salat. (Letzte Reste, die weg müssen. Das macht erfinderisch!)
Also genießen wir ein weiteres Festmal und selbst ich genehmige mir ein Glas von dem gestern geöffneten Wein. (Bin mit Alkohol sowieso vorsichtig, aber besonders vor Anker. Schließlich weiß man nie, was in der Nacht passiert…)

Am Strand

Spaziergang

Schon auf Faenø hätte ich gerne ein Lagerfeuer gemacht. Die windstille Nacht heute ist wie dafür gemacht. Aber Ima will lieber schlafen. Das soll mich aber nicht abhalten:
„Wenn was ist, tröte dreimal mit dem Nebelhorn. Dann komme ich sofort.“
„Und das Feuer? Du kannst es doch nicht allein lassen.“
„Das decke ich mit Sand zu. Geht ganz schnell.“ Also packe ich ein paar Utensilien ein und rudere an Land, bevor es ganz dunkel wird. Tatsächlich finde ich eine geschützte Stelle. Im Rücken eine senkrechte Stufe aus Wurzeln und getrocknetem Lehm, die die Wärme reflektieren wird. Ich sammele Holz. Zersäge längere Stücke zu handlichen Maßen. Habe bald einen ansehnlichen Vorrat zusammen. Da schallt eine Stimme von Néfertiti herüber:
„KLA-US!“ Man braucht gar nicht zu schreien. Vom Nebelhorn ganz zu schweigen. Das Wasser trägt den Schall.
„Ja!“
„Ich will doch kommen!!“
„Okay. Ich hole dich!“ Also schiebe ich das Schlauchboot wieder ins Wasser und rudere unter Ausnutzung der querlaufenden Strömung zurück zu Néfertiti.
„Entschuldige, dass ich mich erst jetzt entschieden habe.“
„Kein Problem.“

Unser Lagerplatz, Aufsicht

Lagerfeuer

Wenig später versuche ich das Feuer mit einem Funkenspender in Gang zu bringen. Ima lacht sich halbtot.
„Sieht aus wie Wunderkerzen.“ Ich versuche meine Ehre zu retten:
„Der Zunder ist feucht.“ Aber das wird als Ausrede gewertet und so trage ich doch nur weiter zur Heiterkeit der Crew bei.
„Hast du das in irgendeinem Buch gelesen?“ kommt es glucksend von Ima.
„Nein … Auf Youtube gesehen.“ Nach gefühlten weiteren zehn Minuten ausgelassener Heiterkeit auf Seiten der Crew gebe ich auf und zücke das mitgebrachte Feuerzeug. Aus dem zurückgehaltenen Glucksen wird lautes Lachen. Auch mit Feuerzeug dauert es eine Weile bis der Zunder glüht. Pusten … Pusten … Pusten. Endlich springt die Flamme auf.
(Künstlerpech. Die Zweite. Ich heize seit bald dreißig Jahren mit Kohleöfen. Behaupte mal, ich weiß, wie man ein Feuer in Gang bringt.)
Dann wird es behaglich. Die niedrige Steilwand in meinem Rücken reflektiert die Wärme, während Ima auf der anderen Seite des Feuers sitzt. (Ein bisschen Retourkutsche muss schon sein) Wir reden kaum. Starren in die Flammen, legen gelegentlich Holz ins Feuer, hängen unseren Gedanken nach. Angenehmes Schweigen. Wir fühlen uns wohl. Der Rauch steigt kerzengerade auf und die neben dem Feuer getrockneten Holzscheite machen kaum Funken. Längst ist es dunkel. Schließlich sagt Ima:
„Darf ich in deine Arme?“
„Klar.“ Sie kommt herüber.

Nächtliches Lagerfeuer

„Boa, …“

„Boa, ist das gemütlich warm auf deiner Seite.“ So liegen wir eng umschlungen auf meinem viel geschmähten alten Bundeswehrparka, der für solche Unternehmungen wie hier ideal ist. Ima nickt ein, während ich weiter in die Flammen schaue und langsam das Feuer niederbrennen lasse. Néfertitis Ankerlicht leuchtet beruhigend zu uns herüber. Was für ein schöner Abend. Nach Mitternacht brechen wir schließlich auf. Löschen die letzte Glut mit Wasser und decken die Asche für alle Fälle noch mit Sand zu. Hier wird sich nichts selbst entzünden. Und wer es nicht weiß, wird morgen die Feuerstelle nicht einmal bemerken.

Dann rudern wir zurück zu Néfertiti. Ich hole noch das Beiboot an Deck. Dann verhole ich mich in die Koje. Ima ist schon tief und fest eingeschlafen, als ich das Licht lösche…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 21.7.

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6 Comments

  1. Martin sagt:

    Ja da isser ja endlich!

    Hallo Klaus, wie immer schöne, interessante und unterhaltsame Berichte und nun findet sich auch der lang erwartete Spendenbutton auf Deiner Homepage, prima!
    Falls der geneigte Leser Deines wunderbar geschriebenen Blogs mal einen Wunsch äußern darf: vielleicht an und ab mal eine Karte mit einbinden wo ihr da so unterwegs seid. Als nicht so revierkundiger muss ich dann schon öfter mal in die Karte schauen. Ansonsten noch einen kreativen Winter! Gruß Martin

  2. walter sagt:

    hay Klaus,
    tnx für den (wieder) sehr schönen Bericht aus meiner, schönen, zweiten Heimat :-)
    Ich wohne ja 1500km südlicher, da ist das Meer erst in 4 bis 5 Std erreichbar.

    zur Reise auf der Karte
    ich „fahre“ hier mit -> http://yachttrack.org
    Allerdings heißt es selber suchen, da Klaus sicher keinen Tracker am Laufen hat.

    @Spendenbutton
    feun feun, daß er endlich „on board“ ist ;-)

    lG Walter

  3. Klaus sagt:

    Moin ihr beiden.

    eigentlich rennst Du, Martin, da offene Türen ein bei mir. Ich liebe Karten. Besonders Seekarten. Leider ist die Einbindung von Karten rechtlich problematisch. Viele Blogger, die für Freunde und Familie bloggen, setzen sich darüber hinweg, aber je größer und bekannter ein Blog wird…

    Als ich den Blog ins Leben gerufen habe, habe ich deshalb die großen Kartenhersteller kontaktiert mit der Bitte eine Orginalseekarte als Hintergrundbild benutzen zu dürfen. Trotz Nachhakens habe ich nie eine Antwort bekommen… Am Ende ist die Hintergrundkarte ein selbstgemachtes Fantasieprodukt geworden… und ich habe mich von der Idee verabschiedet für jeden Törntag die Seekarte einzuscannen…

    Walter hat Recht. Ich habe bei Yachttrack keinen Tracker laufen. Würde jetzt auch nicht so viel bringen, da sich Néfertiti ja wieder in Hamburg befindet und nicht an den Orten, an denen der Blog gerade spielt…

    Danke auch für die freundliche Aufnahme des Spendenbuttons.

    Liebe Grüße :)
    Klaus

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