Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Alter Angeber oder: A perfect day

Dez• 22•16

Leise gluckst der Strom an der Bordwand Néfertitis. Irgendetwas hat mich geweckt. Es ist noch früh, aber schon hell. In der Ferne höre ich das Prusten eines Schweinswales. Aha. Wir haben diese etwas steifen Geschwister der Delfine fast jeden Tag gesehen, aber immer noch vermögen sie mich aus der Koje zu locken…

Néfertiti segelt it Windfahnensteuerung unter braunen Segeln

Richtung Aebelø

Als ich das Schiebeluk zurückschiebe, macht es ein quietschendes Geräusch, das auch Ima aufweckt.
„Was ist?“
„Schweinswale.“ Es herrscht totale Flaute. Unweit des Bootes durchbrechen drei Rückenflossen gleichzeitig die bleierne Wasseroberfläche. Auch Ima kann sich noch immer für diese dunkelgrauen Gesellen begeistern. Nur einen Augenblick später steht sie neben mir im Cockpit. Sie hat schlauerweise das Fernglas mitgebracht und beobachtet noch lange, wie die Schweinswale mit geradem Kurs Richtung Aebelø in der Ferne verschwinden.

Aebelø. Da wollen wir auch hin. Vor Jahren habe ich die Beschreibung der Ankerplätze bei Aebelø gelesen und seitdem zieht mich diese Insel an. Die romantischen Steilufer, die Wälder. Die geschützten Ankerplätze im Westen und im Osten. Wie oft habe ich das Foto betrachtet und davon geträumt hier vor Anker zu gehen. Jetzt werden wir diese Insel selbst entdecken.

Ein leises Lüftchen regt sich. Aus Ost. Vielleicht eine Windstärke. Ima hat den neusten Wetterbericht gecheckt. Mehr als 2 Bft werden den ganzen Tag nicht erwartet.
„Wollen wir trotzdem los?“ Wir könnten auch hier auf Wind warten… Wir haben die Freiheit. Wir haben den einzigen wirklichen Luxus überhaupt: Zeit.
„Ob wir hier ankern oder da dümpeln, ist doch egal. Lass uns segeln.“ Naja. Ich habe den Luxus. Ima rechnet jeden Tag mit Einladungen von Filmfestivals. Außerdem hat sie eine Menge Bewerbungen draußen und damit könnte ihre Zeit auf Néfertiti jeden Tag beendet sein.

Grauer Himmel

… Eigentlich verspricht dieser Tag gar nichts!

Der Himmel ist grau. Nicht abweisend und drohend, sondern eher pastellfarben und friedlich. Kaum sind wir ankerauf, etabliert sich eine stete Brise aus ENE. 2 Windstärken. Ich rigge die Windfahnensteuerung und Ima legt sich auf ihre Koje. Urlaub genießen. Nichts tun. Nur ab und zu, wenn sie eine verkehrte Bewegung macht höre ich ein unterdrücktes Stöhnen aus der Kajüte. Ich genieße derweil auch das süße Nichtstun. Habe meinen Schmöker ins Cockpit geholt. Wenn ich eine Seite durch habe, wandert mein Blick über den Horizont. Nichts in Sicht? Weiterlesen… Gelegentlich eine Wende. So kreuzt Néfertiti gemütlich auf Aebelø zu. Im Laufe des Vormittags kommen einige Boote heran. Aber wir sind die einzigen, die segeln. Dabei steht die Brise durch. Irgendwann lege ich das Buch beiseite. Starre in die langsam vorbeiziehenden Blasen. Ins vergängliche Kielwasser. Jetzt in diesem Moment ist alles perfekt. Ein warmes, glückliches Gefühl zieht durch meinen Körper.

Néfertiti steht nördlich Bogenses. Vor uns liegt Aebelø. Ich nehme eine Peilung des Kirchturms und klettere den Niedergang hinunter, um die Peilung in die Seekarte einzuzeichnen. Knapp drei Seemeilen bis zum Ankerplatz. Luftlinie. Kreuzend das Doppelte. Hinter mir dreht sich Ima stöhnend auf der Koje um:
„Ahhhhu!“
„Wie geht es dir?“
„Naja … Hast du auch Hunger?“
„Ja.“
„Hast du Lust uns eine Avocadocreme zu machen?“ (Immer noch Reste) Ich fühle mich schon den ganzen Tag so beschenkt. So lebendig. Ich habe auf alles Lust!
„Klar. Mache ich!“ Wenig später sitzen wir schmausend im Cockpit. Die Sonne kommt heraus, knallt heiß vom Himmel, aber wir sitzen angenehm im Schatten des Großsegels. Hatte ich nicht eben schon den Eindruck alles sei perfekt? Jetzt ist es sogar noch ein bisschen besser!

Aebelø

Wir sind nicht die einzigen, die bei Aebelø ankern…

Dabei ist eines schon lange klar. Anscheinend haben auch andere die Beschreibung des Ankerplatzes gelesen. Gut dreißig Yachten liegen schon jetzt vor Anker und im Laufe des Abends werden es noch deutlich mehr werden. Der Wind legt auf drei Windstärken zu.
„Rhee!“ Die letzte Wende. Néfertiti läuft auf das Feld der Ankerlieger zu. Fröhlich gluckst die Bugwelle, aber Ima guckt mich mit gerunzelter Stirn an:
„Wollen wir nicht die Segel herunternehmen?“ Übermütig sage ich:
„Nö!“
„Angeber!“ Ich glaube, man sollte jedes Manöver auch unter Segeln beherrschen, aber dazu muss man bei günstigen Bedingungen üben, üben, üben. Und die Bedingungen sind gerade … perfekt! Laut sage ich:
„Das musst du doch verstehen! Angeben, indem wir andere Boote überholen, können wir nicht. Da bleiben nur Angebemanöver unter Segeln!“ Da muss auch meine Amazone lachen.

Ankerplatz Aebelö

Ankerplatz Aebelø

 

Im Windschatten der Bäume nimmt der Wind ab und wird unstetig. Wir haben gerade mal Ruderwirkung. Laufen in Lee der großen Yacht durch und wenden, arbeiten uns in die erste Reihe vor. Da vorne neben der Motoryacht will ich den Anker fallen lassen. Ich drehe kurz bei, und bereite Anker und Kette vor. Auf der Motoryacht plärrt plötzlich ein Kind. Brüllt und tobt. Ich sage:
„Trotzphase.“ Ima guckt mich bittend an:
„Lass uns doch nach hinten gehen. Zu den Individualisten.“ Fast alle Boote ankern hier. Nur zwei Boote ankern dicht vor der schmalen Sichel bei der ehemaligen Verladestelle. Die Individualisten.
„Da ist es nicht so schön.“
„Aber viel ruhiger.“
„Na gut. Dann kann ich auch noch ein bisschen angeben!“ Sie grinst mich an und gibt mir einen Kuss. Wir halsen und segeln durch das Feld der Ankerlieger wieder zurück. Vor der ehemaligen Verladestation drehe ich einen großen Kreis, um den Untergrund zu loten. Der Grund steigt hier sanft an. Traue mich kaum es zu schreiben: Perfekt! Ich rolle die Genua ein und fahre einen Aufschießer. Gebe den Anker ins Wasser und berge das Groß. Ima reicht mir den Ankerball hoch. Noch kurz den Motor an, um den Anker einzudampfen. Willkommen auf Aebelø!

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 22.7.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Comments

  1. Carsten sagt:

    Hallo Klaus,
    sehr schön geschrieben. klar muss man einen perfekten Tag genießen und auch so benennen. Gefühlt überwiegen ja die anderen Tage.

    Gruß Carsten

    • Klaus sagt:

      Ach Carsten, da fällt mir siedend heiß ein… Entschuldige, ich komme im Moment zu nichts. Bzw Nur zu lauter anderen Dingen…Wollte längst deine Mail beantwortet haben, aber finde einfach nicht die nötige Muße…
      Ich hoffe Ihr hattet ein schönes Weihnachtsfest. Ich entnehme mal deinem Kommentar, dass du mir das nicht übel genommen hast. Danke dafür!
      Liebe Grüße
      Klaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.