Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Im Reich der Stellnetze

Jan• 14•17

Frühmorgens werde ich wach, dabei hat sich Ima sogar die Toilette verkniffen, um mich nicht zu wecken. Habe nur ein paar Stunden geschlafen, aber fühle mich frisch. Noch ist alles ruhig. Ohne lange zu fackeln schlüpfe ich in mein Ölzeug. Die neue Batterie muss wohl erst einmal richtig aufgeladen werden. Immerhin hat sie die Nacht durchgeleuchtet. Wir gehen ankerauf.

Stellnetze im Kattegat

Stellnetze

Die weißen Cumuluswolken über uns ziehen schnell. Vorsorglich binde ich das erste Reff ein.
„Ist doch gar nicht so viel Wind.“
„Guck mal auf die Wolken.“ Der Wind lässt nicht lange auf sich warten. Aber da sind wir schon um die Huk herum und unter Landschutz. Mit 4-5 Knoten (und kurzzeitig 6) rauschen wir die Küste entlang. Keine Welle. Bønnerup kommt in Sicht. Eine große Yacht auf Gegenkurs läuft den Hafen an. Zwei Motoryachten überholen uns mit hoher Fahrt und laufen ebenfalls in den Hafen. Ima enthält sich jeden Kommentars, während die Molen an uns vorbeiziehen und Bønnerup langsam im Kielwasser zurückbleibt.

Ich will in der langgezogenen Bucht ankern. Romantischer (und wahrscheinlich auch besser geschützt) wäre es vor dem Wald, aber ich scheue die Steine, die in der Seekarte verzeichnet sind. Außerdem kommen wir an der gewählten Stelle näher ans Ufer…

Vor uns breitet sich die weit geschwungene Bucht einladend aus. Ich luve an. Wir müssen nur jenseits der 2 m Linie bleiben. Naja. Zur Sicherheit jenseits der 3 m Linie. Der Himmel hat sich zugezogen. Wildgrau ziehen dunkle Wolken unter einer hellgrauen Stratusschicht.

Wetterkapriolen

Segeln in Dänemark

Was ist das? Pfähle voraus? Ich drehe bei und angele nach dem Fernglas. Auf jedem Pfahl sitzt ein Kormoran. Ein Stellnetz versperrt uns den Weg. Knapp eine halbe Meile seewärts scheint eine Durchfahrt zu sein. Wir halsen und laufen auf die Durchfahrt zu. Néfertiti ist schon relativ nahe heran, als ich weiße Kugeln ausmache, die mit einer Leine verbunden sind. In der vermeintlichen Durchfahrt ist kein Durchkommen! Also noch eine Meile weiter hinaus. Wir halsen auf den anderen Bug und segeln am Stellnetz entlang. Je weiter wir hinaus kommen, desto ruppiger wird das Wasser. Schließlich runden wir das Netz und laufen wieder auf den Strand zu. Jetzt sind meine Augen auf die niedrigen Pfähle geeicht. Da ist noch ein kleineres Stellnetz und da noch eines. Zwischen beiden kreuzen wir auf die Häuser zu und ankern schließlich vor dem Strand auf 2,50 m Wassertiefe. Groß auftuchen. Klar Schiff machen. Der Wind heult im Rigg. Wir liegen trotzdem ziemlich ruhig.

Vor Anker bei Starkwind

Gibt es Unbill, der nicht nurch eine Tasse heißen Tees gelindert werden kann?

Drei Wetterberichte sagen erstaunlicherweise das Gleiche voraus: 5-6 Windstärken. Südost später Südwest. Morgen Südwest. Übermorgen abnehmend auf 4 Bft und auf West drehend. Wenn es so weit ist, werden wir im Schutz der Küste weiter Richtung Hals segeln. Vielleicht auch in den Limfjord, wenn sich kein Wetterfenster für die Überquerung nach Schweden öffnet. Oder weiter nach Skagen.
„Dem Ort der Maler.“
„Skagen?“
„Ja. Da soll ein ganz besonderes Licht herrschen.“ Das interessiert Ima, die schließlich mal Kunst studiert hat. Ein Schauer prasselt auf das Kajütdach. Ich trage Tagebuch nach. Eigentlich wollte ich von unterwegs viel öfter schreiben, im Blog, aber ich merke, dass mir dafür die Zeit fehlt. Komme kaum dazu mein Tagebuch auf dem aktuellen Stand zu halten… Ich habe das Gefühl, dass ich mich lieber auf das Erleben konzentrieren möchte, statt auf die publizistische Auswertung… (Sorry an dieser Stelle dafür. Damals war es ein diffuses Gefühl. Rückblickend bin ich froh, dem nachgegeben zu haben, denn jetzt im Winter darüber zu schreiben, lässt mich die Reise ein zweites Mal erleben… und hilft diese tristen Wintertage zu überstehen.)

„Was wollen wir denn heute kochen?“ An Bord markieren so einfache Fragen den Höhepunkt des Tages… (einen der Höhepunkte ;) … )
„Wie wäre es mit Linseneintopf. Dann haben wir auch gleich etwas vorbereitet, wenn wir morgen doch weitersegeln und es ruppig werden sollte…“
„Gute Idee.“ Und im Dampfkochtopf gekocht, kann nicht einmal etwas heraus schwappen.

Seekarte und Tagebuch Néfertitis

Navigationsvorbereitungen für alle Fälle

Als es dunkel wird, lege ich mich auf die Koje. Eigentlich hätte ich tagsüber Schlaf nachholen sollen. Um für alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Ich habe mich auch auf die Koje gelegt, aber es war mir zu hell und ich konnte nicht einschlafen. Jetzt bin ich wirklich müde. Da fängt Néfertiti an zu bocken. Der Wind hatte den ganzen Tag im Rigg geheult. Aber man gewöhnt sich ja an alles. Deshalb haben wir das irgendwann kaum mehr wahrgenommen. Jetzt weht der Wind nicht stärker, aber er hat fast auf West gedreht. Plötzlich liegen wir hier nicht mehr gut geschützt sondern in einem unangenehmen Schwell. Ich checke erst die Ankerpeilungen (alles okay) und dann die Wetterberichte.

„Was ist denn hier los?!“ Ima ist aufgewacht.
„Der Wetterbericht ist schlechter geworden. Den ganzen Tag 6 Bft. Aber eigentlich sollten wir Südwest haben. Dann wären wir hier gut aufgehoben…“ Im Scheitel der Bucht liegt ein Schießgebiet, für dass ich keine Schießzeiten ermitteln konnte. Sonst hätten wir dort geankert und wären bei Westwind besser geschützt. Jetzt bleiben uns nur zwei Möglichkeiten:
„Wir könnten ankerauf gehen und zum Mariagerfjord segeln oder hier bleiben in der Hoffnung, dass der Wind wieder zurückdreht.“
„Du willst doch jetzt nicht segeln, oder?!“ Nein. Ich bin hundemüde. Wir ankern hier mit fünffacher Kettenlänge auf Sand. Der Anker wird halten. Tatsächlich haben wir auch schon unruhiger gelegen…
„Nein, ich würde lieber bleiben. Etwas Schlaf kriegen und gegebenenfalls morgen früh aufbrechen.“ Ima ist einverstanden.

Ich lösche das Licht. Bald höre ich ihre gleichmäßigen Atemzüge. Die Glückliche ist eingeschlafen. Ich liege wach. Todmüde. Döse. Stehe alle halbe Stunde auf und kontrolliere die Ankerpeilungen. Will schlafen, aber kann nicht. Gegen eins werden Néfertitis Bewegungen plötzlich ruhiger, obwohl der Wind nach wie vor in den Wanten singt. Er hat zurück auf Südwest gedreht…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 3.8.

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4 Comments

  1. Christian sagt:

    Hallo Klaus,
    Freue mich auf jede Deiner Ankündigungsmails, dass wieder ein neuer Eintrag online ist. Bin immer „live“ dabei :-) Wieder mal danke dafür, das ist gerade im Winter klasse!
    Der Titel hat mir spontan unsere eigenen Erlebnisse mit Stellnetzen in 2016 in Erinnerung gerufen. Sind im Frühsommer 2016 zum ersten Mal über das Stettiner Haff. Der Unterschied ist, dass ich von Stellnetzen spreche, die sauber neben dem kartierten Fahrwasser verlaufen. Trotzdem spannend gewesen, gerade im Bereich der deutsch/polnischen Grenze sehr tricky.
    Ich kann auch gut nachvollziehen, dass Du während der Fahrt kaum zum Schreiben, schon gar nicht online, kommst. In meinem früheren Leben bin ich mit dem Mountainbike kreuz und quer durch die Alpen geradelt. Immer den Photo im Anschlag, mit Tagebuch, Bericht … Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich viel mehr genießen kann, wenn ich deutlich weniger photografiere, einfach den Moment genieße und in mir aufsauge. Schön, dass wir hier trotzdem so intensiv mit dabei sein können.
    Herzliche Grüße – Christian

    • Klaus sagt:

      Hallo Christian.
      danke für dein Verständnis. Schön, dass du so ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Irgendwie beruhigend. Ich bewundere die anderen Blogger sehr für ihre immer aktuellen Berichterstattungen und habe manchmal den Eindruck zu langsam zu sein. Manchen Blogs merkt man die Hast beim Schreiben allerdings auch an. Anderen nicht. Bei Kerstin von Lopto habe ich den Eindruck, dass sie dafür eine gute Balance gefunden hat… Naja.Vielleicht kriege ich das ja irgendwann auch noch mal hin ;)
      Schön, dass du live dabei bist,
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Carsten sagt:

    Hallo Klaus wie Christian schon geschrieben hat sind Stellnetze eine ware Freude. Ich habe sowohl im Stettiener haff wie im Achterwasser mit den Netzen gekämpft. Nun ist unsere Geschwindigkeit eine andere (Katamran für die anderen Leser). Als Kat Segler haben wir bei der Übernachtung den Vorteil oder eben auch Nachteil, dass wir an Land übernachten. Ich kann mir vorstellen das eine Ankernacht einen durchaus den Schlaf rauben kann. Da hast Du ja schon einige Efahrung mit.
    Gruß Carsten

    • Klaus sagt:

      Hi Carsten,
      habe mir erlaubt den Buchstabendreher zu korrigieren (Christina). Trotzdem es einem gelegentlich mal den Schlaf raubt, gehören laue Ankernächte für mich zum Schönsten, was segeln zu bieten hat. Ich möchte um nichts in der Welt darauf verzichten…
      Wann fährst du zur boot? Bin am 1. Samstag da.
      Liebe Grüße
      Klaus

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