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Segeln als Digitale Nomaden

Zum Mariagerfjord

Jan• 16•17

Ima sitzt im Ölzeug an der Pinne und wartet auf mein Kommando. In den Böen faucht der Wind laut in den Wanten. Wir werden diesen Ankerplatz verlassen. Zur Mündung des Mariager Fjordes. Da sollten wir besser geschützt liegen. Vor allem wenn der Wind dreht. Zumindest hier unter Landschutz fühlt sich der Wind handig an. Aber ohne das dazugehörige Wellenbild verschätzt man sich leicht. Ich weise Ima ein:
„Da ist ein Stellnetz.“ Sie folgt mit den Augen meinem ausgestreckten Arm.
„Ja.“
„Und da.“ Sie nickt.
„Wenn der Anker frei ist, läufst du im rechtem Winkel von der Küste weg. 360° Grad.“ Das wäre auch unser Notfallkurs gewesen, wenn wir in der Nacht hätten ankerauf gehen müssen. Im Dunkeln sind die Stellnetze ja beinahe unsichtbar…
„Okay.“

Sturmwolke

Bescheidenes Wetter

Wir brechen den Anker mit Motorunterstützung aus. Ich führe die Kette durch die Klüse und Ima steuert Néfertiti seewärts. Dann setze ich das Groß im ersten Reff und rolle die Genua bis auf 5 Ringe aus. Mal sehen wie sich Néfertiti draußen macht.
„Übernimmst du?“ Imas Arm schmerzt noch immer.
„Klar.“ Ima steigt hinunter, um die Leinen zu holen, mit denen wir uns einbinden.
„Du hast noch nichts ins Logbuch geschrieben!“ Ach ja. Die Buchführung…
„Schreib: 8 Uhr… Baro? Lies mal ab … Wetter: Bedeckt, Zirren, einzelne hochgetürmte Cumulus, Altostratus … diesig … mäßige Sicht …Wind: SW 4 bis 5… Kurs 349° … Log 52,0 … Fahrt: 3-4 Knoten … Segel: Genua… 5… R wie Ringe … Groß 1. Reff… Bemerkungen: Anker auf.“

Nach einer halben Stunde ist klar, dass die Verhältnisse auch draußen handig sind. Der Wind hat sich bei 5 Windstärken eingependelt. Halber bis Raumer Wind für uns. Ich reffe die Genua aus. Néfertiti dankt es und pflügt mit vier bis fünf Knoten durch das Wasser. In Böen nähern wir uns auch mal der magischen 6.

Je weiter wir aus dem Landschutz herauskommen, desto höher werden die Wellen. Sanft heben sie Néfertiti, die über den Kamm klettert und auf der anderen Seite wieder herunter gleitet. Ima sitzt auf ihrem Lieblingsplatz am Niedergang und starrt auf die grauen Wellen um uns herum. Eine Bö fällt ein. Néfertiti krängt etwas stärker. Drei besonders steile Wellen laufen von der Seite unter uns hindurch und lassen Néfertiti rollen. Gischt spritzt bis zu uns ins Cockpit. Ima dreht sich lächelnd zu mir um:
„Wer hätte das gedacht?“
„Was?“
„Dass Frau Kamel hier sitzt, mitten auf der See, und keine Angst hat.“ Ich grinse sie an, aber sie ist noch nicht fertig:
„Weißt du noch damals im Seegatt vor Norderney?“ Ja, ich erinnere mich gut. Wir waren auf der Innenseite des Seegatts. Hinter der Barre und mussten das Fahrwasser halten. Wenn Néfertiti ins Wellental sauste, hob sich trotzdem der Magen, wie im Flieger, wenn das Flugzeug in ein Luftloch fällt. Dagegen ist das heute leichte Kost. Aber ich enthalte mich jeden Kommentars. Stattdessen sage ich aus vollem Herzen:
„Bist wohl doch kein Weichei!“ Sie grinst breit und wirft mir einen Luftkuss zu.
Backbord voraus tauchen im Dunst Windräder auf, verschwinden wieder, tauchen wieder auf. Ideale Landmarken. Wenn sie denn auf der Uraltseekarte verzeichnet wären… Vermutlich stehen sie vor dem Randersfjord. Die schemenhaft im Nebel verschwindende Landmasse scheint dort auch einen Einschnitt zu haben. Ich schaue auf die Logge, um abzuschätzen, wie weit wir schon sind. Nicht, dass wir in Wirklichkeit vor dem Mariagerfjord stehen und daran vorbei segeln… Auf der Logge steht nicht 52 + abgelaufene Seemeilen sondern: 1,2 sm. Irgendjemand muss versehentlich einen Knopf gedrückt haben … (Für Nichtsegler: Ohne Bezug zum letzten bekannten Schiffsort – in diesem Fall dem Anfangsstand bei der Bucht – ist der Wert für uns wertlos) Ich überschlage Fahrt und Dauer. Demnach müssten wir eigentlich zwischen den beiden Fjorden stehen… Bin (fast) sicher vor dem Randers Fjord zu stehen. Aber eben nur fast. Was ist, wenn ich mich irre?! Hoch am Wind zurück? Womöglich kreuzen?

Bö im Mariagerfjord

Ungemütliches Wetter

So gibt es eine Premiere. Erst einmal reffe ich die Genua etwas ein, denn Néfertiti liegt besser beigedreht mit kleiner Vorsegelfläche. Dann drehen wir bei. (Ima kann mit ihren Schmerzen nur in Notfällen steuern und die Windsteueranlage will ich jetzt nicht extra riggen.) Sofort werden die Bewegungen Néfertitis ruhiger. Ich steige den Niedergang hinunter und hole mein Handy aus dem Schapp. Fahre es hoch und schalte das GPS ein. Für Euch vielleicht Routine, für mich aber Neuland. Ich lese die Position ab und zeichne sie in die Karte ein, während Néfertiti sich auf und ab bewegt. Aber wir rollen nicht. Eigentlich ganz gemütlich. Wir stehen vor dem Randers Fjord. Zur Ansteuerungstonne sind es noch fünf Meilen. Ich setze den Kurs zur Tonne ab und überlege dann noch einmal:

Eine enge Rinne läuft von der Ansteuerungstonne auf Als Odde zu, der Mündung des Mariagerfjordes. Laut Karte ist es auf beiden Seiten der Rinne bis weit unter Land mindestens 3,50 m tief. Da die Rinne einen Kurs sehr hoch am Wind fordert, beschließe ich die äußeren Tonnen zu schnibbeln und setze den Kurs höher ab. Bloß keine Höhe verschenken! Wir werden uns bis die Tonnen der Rinne in Sicht sind jenseits der 4 m Linie halten. Sollte bei dem ablandigen Wind kein Problem sein. Ja. Ima hat Recht und ihr auch: Mit alten Karten sollte man sich tunlichst ans Fahrwasser halten! Aber bei dem schönen Wind den Motor starten? Der ablandig ist, so dass auf dem Flach kaum Seegang steht? Ich steige wieder zu Ima an Deck. Halsen, die Genua ausreffen und weiter geht es.

Die erste grüne Tonne kommt leewärts in Sicht. Es ist nicht unsere Ansteuerung, sondern eine vorgelagerte Tonne, die eher relevant für größere Schiffe ist. Das Echolot zeigt eine Wassertiefe von 4 Metern an. Mit Hilfe der großen Tonne entdecke ich auch die kleineren der Rinne. Auf geht’s. Ich luve an. Mit (zu) hoher Fahrt läuft Néfertiti über das Flach. … 3,70 m… 3,50 m… Voraus sieht man den Sandgrund in der Sonne leuchten. Eine Bö orgelt heran. Die dunkle Wolke über uns bringt zusätzlichen Wind. Das sind deutlich mehr als 6 Bft. Ausgerechnet jetzt! Néfertiti schießt mit 6 Knoten über die Untiefe. Wahnsinn. Ich reffe die Genua ein, um Fahrt herauszunehmen. Da sagt Ima erstaunlich gelassen:
„2,70 m.“ Diese alten Karten! (Müsste natürlich heißen: Dieser dämliche Skipper!)
Ich falle ab. … 2,50 m… Laufe auf die nächsten Fahrwassertonnen zu. Es wird noch flacher… 2,40 m… Unter uns sehe ich den Sandgrund. Wenn es auf 2,30 m gehen sollte, werde ich in den Wind schießen und die Segel bergen, damit wir uns hier ganz langsam und vorsichtig unter Motor aus der Bredouille bringen können… 2,40 m… Die Tonnen kommen näher… 2,50 m… Langsam nimmt die Tiefe wieder zu… 2,90 m… Schließlich erreichen wir die Rinne. Aufatmen. Im Tonnenstrich haben wir gut 6 m Tiefe, aber dicht daneben leuchtet der Sandgrund hell. Strom setzt hier scheinbar auch. Nur mit großem Vorhalt können wir uns im schmalen Fahrwasser halten. Plötzlich sagt Ima warnend:
„Du musst die Roten an Backbord lassen!“
„Tu ich doch.“ 40° Vorhalt sehen schon komisch aus. Und zur Zeit ist die nächste rote Tonne tatsächlich an Steuerbord.
„Tust du nicht!“
„Ich segele mit Vorhalt.“ Erst als wir mit unverändertem Kurs durch das nächste Tonnenpaar schlüpfen, versteht sie. Kurz vor der eigentlichen Einfahrt wird der Kurs zu steil für uns. Ich starte die Maschine und berge die Genua. Die Landschaft erinnert ein wenig ans Watt der Nordsee. Ima ist ganz hingerissen:
„Ist das schön hier!“

Abends im mariagerfjord

… aber schön

Zwei gelbe Muringbojen liegen aus. Rundum geschützt durch Land bzw. überflutete Sandbänke. Anders als bisher sind die Muringbojen nicht vom Dänischen Segelclub ausgelegt, sondern von den örtlichen Segelclubs. Im Handbuch Axels (das noch älter als die Karte von Hans ist) steht, dass sie von jedem benutzt werden dürfen… Ima sieht mich fragend an:
„Willst du an die Boje gehen?“
„Ja.“
„Das habe ich aber noch nie gemacht!“ Wenn ich eines weiß, dann wie man seine Crew ermutigt:
„Ich auch nicht.“

So kommt es zu einer weiteren Premiere. Ich berge das Groß, bereite eine Vorleine vor und lege den Bootshaken bereit, während Ima uns mit langsamer Fahrt im Fahrwasser hält. Das Aufpickmanöver werde ich alleine fahren müssen. Ima ist mit dem geprellten Arm nicht in der Verfassung das Boot bei solchem Wind zu halten.

Ich fahre gegen den Wind an. Bemerke erst spät, dass auch hier mehr Strom steht, als erwartet. Ich lege die Pinne, um den seitlichen Strom auszugleichen. Noch fünf Meter… drei Meter… ein Meter… Aufstoppen. Ich schnappe den Bootshaken und eile auf das Vorschiff. Der Strom versetzt uns. Ich bekomme die Öse glücklich beim ersten Versuch gehakt. Fädele die Vorleine hindurch.
„Motor aus!“ Ima stoppt die Maschine. Angekommen im Mariagerfjord.

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 4.8.

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2 Comments

  1. Klaus sagt:

    Der Mariager Fjord ist echt schön und hält gute Ankerplätze für euch bereit. Genießt ihn!

    • Klaus sagt:

      Hi Klaus, ich fürchte wir haben diesen schönen Fjord nicht richtig gewürdigt… Wollten weiter, hofften auf ein Wetterfenster zum Übersetzen nach Schweden, was auf sich warten ließ…

      Nächstes Mal! :)

      Liebe Grüße
      Klaus

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