Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Im Mariagerfjord

Jan• 18•17

Kaum sind wir an der Muringboje fest, macht sich ein Gefühl breit, stärker als alles andere:

Ankerplatz Mariagerfjord bei Sturm

Kein Wetter für gemütliches Segeln

„Hast du auch Hunger?“
„Ja.“ Ima wärmt den Linsentopf, den wir gestern vorgekocht hatten. Das Gute an Eintöpfen ist, dass sie am nächsten Tag noch besser schmecken. Zwischen zwei Löffeln sagt Ima:
„Ich möchte so gerne an Land!…“ Sie will sich bewegen.
„…Bin schließlich ein Steinbock. Ich brauche Erde.“
„Gerne.“ Aber als ich den Abwasch gemacht habe und an Deck steige, um das Schlauchboot wieder prall aufzupumpen, spüre ich die ersten Tropfen. Wie eine Wand wandert eine Regenfahne auf Néfertiti zu. Schnell bin ich wieder unter Deck. Kaum habe ich das Luk dicht, fängt es an zu schütten. In fröhlicher Symphonie trommeln die Tropfen auf das Kajütdach. Ima hat ihre Jacke schon an:
„Doch keine so gute Idee?“
„Ich würde mal sagen: Gut, dass wir erst gegessen haben. Aber es wird ja nicht ewig regnen…“
Ima zieht ihre Jacke wieder aus und legt sich in ihre Koje.
„Dann werde ich ein bisschen schlafen. Aber weck‘ mich, wenn die Sonne heraus kommt.“
„Versprochen.“ Minuten später ist sie eingeschlafen. Ich will wenigstens eine kurze Standortmeldung schreiben. Oder vielleicht doch erst einmal das Tagebuch auf den neusten Stand bringen? Habe eh kein Netz…

Ankerplatz Mariagerfjord

Lieber gemütlich auf der Koje sitzen und schreiben

Schreiben geht mal besser von der Hand und mal schlechter. Heute läuft es gut. Da hört das Prasseln auf. Ich werfe einen Blick nach draußen. Strahlender Sonnenschein. Eigentlich würde ich viel lieber weiter schreiben, den kreativen Rückenwind nutzen, aber versprochen ist versprochen. Als fünf Minuten später die Sonne immer noch scheint, wecke ich Ima. Während sie sich landfein macht, schreibe ich noch einen Absatz. Sie guckt mich an:
„Du hast keine Lust, oder?“
„Doch. Bin schon fertig.“ Ich lasse Ben Nemsis zu Wasser und rudere uns an Land.

Am Ufer des Mariagerfjord

Wetterkapriolen

Wir laufen am Wasser entlang. Genau genommen gibt es nur zwei Richtungen, die wir einschlagen können. Dem Deich in die eine Richtung folgen oder in die andere. Wir wenden uns landeinwärts. Schritt um Schritt erreichen wir einen Wald. Während ich eher an ein „Füße vertreten“ gedacht hatte, marschiert Ima, als wolle sie eine 30 km Wanderung bewältigen. Aber ich kann mich ja nicht lumpen lassen, wenn ich bedenke, was Ima so alles mit macht… So wandern wir in reinstem Aprilwetter durch Wald und Feld. Sammeln Hagebutten. Ich mag die Früchte und aus den Kernen kann man einen gar nicht mal so schlechten Muckefück rösten. Selbst die blassrosa Blüten haben einen zarten, feinen Rosengeschmack und veredeln jeden Salat. Nach Stunden kehren wir beide wohlig ermattet, aber erfüllt an Bord zurück. (Ich meine dieses erhabene Gefühl, dass der Aufenthalt in der Natur einem immer wieder schenkt.)

Auch am nächsten Morgen heult der Wind in der Takelage. Ima fragt:
„Können wir nicht einen Ruhetag einlegen?“ Der Wetterbericht hat sich (mal wieder) verschlechtert. Von vier Windstärken ist keine Rede mehr. In den nächsten Tagen soll es richtig mies werden. Andererseits gibt es in fünf Tagen ein Wetterfenster für die Überfahrt nach Schweden. Da sollten wir aber im Norden Dänemarks sein… Wenn wir schon nicht nach draußen können, würde ich eigentlich gerne tiefer in den Mariagerfjord hinein segeln. Ist ein rundum geschütztes Gewässer und unsere gestrige Wanderung lässt eine wunderschöne Landschaft erwarten. Wälder und Felder in stetem Wechsel. Andererseits liegen wir hier sicher.

Landausflug

Doch eher eine Wanderung als ein Spaziergang

Auch wenn das Liegen an einer Muringboje seine Tucken hat, wenn Wind gegen Strom steht. Das Boot schwoit genauso wie vor Anker. Allerdings klopft die Boje (anders als die Ankerkette) immer mal wieder an die Bordwand. Irgendwie werde ich auch die Sorge nicht los, dass die Leine schamfielen könnte. Deshalb bin ich in der Nacht mehrmals aufgestanden und habe die Leine kontrolliert, die allerdings überhaupt keine Anzeichen für Schamfielen aufwies. Das moderne Boot mit dem kurzen Lateralplan, das an der zweiten Boje hinter uns liegt, richtet sich mehr nach dem Wind aus, als nach der Strömung und liegt gut ab von der Boje… Aber was soll’s. Ein Ruhetag wird uns gut tun.
„Okay!“

Landspaziergang Mariagerfjord

Landgang

So verbringen wir einen gemütlichen Tag an Bord. Lesen, vorlesen, faulenzen. Eine Wohlfühlmassage für die Crew gibt es auch… Irgendwann legt der Wind noch einmal zu und dann liegen auch wir weit genug ab von der Boje.

Als nachmittags die Sonne heraus kommt, setzen wir mit dem Schlauchboot zum anderen Ufer über und genießen am Imbiss ein paar Dänische Spezialitäten. An der Wand hängt ein großer Strohhut als Dekoration. Ima reitet der Schalk. Sie nimmt den Hut vom Nagel und setzt ihn lausbübisch lächelnd auf. Wer es bemerkt, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Das gilt auch für den jungen Mann hinter dem Tresen. Der Hut steht ihr eindeutig besser als der Wand. Ima spricht ihn an, und er erzählt uns (!?) von seinem Studium und wie es ist auf dem Land zu leben. Flirten die gerade ganz ungeniert miteinander… ?

Ima in der Strandbar

Ima in der Strandbar

Ja. Tatsächlich. Nach einer Weile sieht mich Ima mit einem Blick an, der ungefähr sagt: Ist ganz harmlos. Du bist doch nicht böse, oder? Nein, bin ich nicht. Irgendwann sind die Funken zwischen den beiden verglüht. Der junge Mann kassiert eine Familie ab. Im Raum hat sich eine angenehm entspannte Atmosphäre ausgebreitet. Alle fühlen sich gut. Ima raunt mir zu:
„Wollen wir auch los?“
„Okay.“ Sie hängt den Hut wieder an die Wand und wir brechen auf.
In der Tür umarmt sie mich und gibt mir einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Als wir eng umarmt weitergehen, flüstert sie mir ins Ohr:
„Ich will keinen anderen als dich. Das weisst du doch, oder?“ Ja, das weiss ich.

♦♦♦

 

Sonnenuntergang

Abendstimmung

Dieser Blog Eintrag spielt am 4.8. und 5.8.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Comments

  1. Carsten sagt:

    Meine Tochter würde jetzt sagen: „Awwwwww…“ ;-)

    Danke fürs teilhaben lassen. Dein Schreibstil ist einfach genau meins.

    LG Carsten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.