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Segeln als Digitale Nomaden

Wir kriegen den Hals nicht voll! (Teil 2)

Jan• 25•17

„Wow! This boat looks really seaworthy!“ Kein Schnickschnack. Breite Seitendecks. Das ist ein Kunststoffschiff, das mir auch gefallen würde.
„It is!“ Der lange, lange Mast verrät gute Leichtwindeigenschaften.
„Come on board. Do you like a cup of coffee?“ Wir steigen an Bord der Lotten und brauchen nicht lange das Eis zu brechen. Wir sind auf einer Wellenlänge. Es stellt sich sogar heraus, dass Nils ebenfalls in der Filmbranche tätig ist. Die beiden erzählen begeistert von ihrem Norwegentörn. Sie müssen nur noch zurück nach Alborg, aber bei den Bedingungen warten sie lieber hier… Plötzlich reißt uns die Frau des Dänen aus der Unterhaltung.
„Our friends are coming!“ Ich habe sie gar nicht bemerkt. Schaue ins Hafenbecken. Sie sind sozusagen schon im Endanflug. Schnell steige ich auf die Pier und eile zu Néfertiti. Das geht nicht gut!


Ich springe an Bord, schwinge mich über unseren Baum (Der direkte Weg ist durch das Schlauchboot versperrt) und haste nach vorn. Komme buchstäblich in allerletzter Sekunde, um sein Heck von unserem Bugkorb abzuhalten. Der Steuermann ruft:
„Thanks!“ Ja. Danke auch. Das Boot passt knapp in die Lücke. Trotzdem verhole ich uns noch einmal dreißig Zentimeter nach achtern. Jetzt sollte auch bei Schwell alles klar gehen und wir kommen trotzdem ohne Hilfe wieder hinaus… Der Freund des Skippers vor uns, hat es bemerkt und bedankt sich später für die kleine Geste.

Aber erst einmal stiefele ich (noch immer in Ölzeug, aber ohne die Schwimmweste) zurück zur Lotten. Kaum sitze ich wieder im Cockpit, kommt eine kleine Yawl herein. Vielleicht neun Meter lang. Zwei Männer an Bord, vermutlich Vater und Sohn. Sie versuchen mit Rückenwind in eine der Boxen zu fahren, werden vom Wind geschoben und der jüngere Mann am Ruder rettet sich mit Vollgas zurück. Anders als Néfertiti läuft das Boot auch rückwärts gut.
„We should help them.“ Nils begleitet mich. An der Pier ist hinter der Lotten noch Platz. Wir winken sie heran, aber die beiden sind auf ihren Platz fixiert. Nils sagt:
„Never, never try this in such conditions. They should go against the wind!“ Dem mag ich gar nicht widersprechen. Wir rennen, denn die starten schon den zweiten Versuch. Der Wind drückt sie quer, der Bugkorb verhakt sich hinter dem einen Pfahl, das Heck wird herumgedrückt. Neben der freien Box liegt ein unbemanntes Folkeboot. Der Außenborder hängt über die Pfahlreihe hinaus. Wir klettern an Bord, aber der Bugkorb ist für uns unerreichbar. Wir können die kleine Yawl nicht abhalten. Sie liegt jetzt „sicher“ vor der Pfahlreihe, wird vom Sturm gegen die Pfähle gedrückt. Zeit durchzuatmen! Nils ruft dem jungen Steuermann etwas auf dänisch zu. Obwohl ich kaum Dänisch spreche, verstehe ich es trotzdem:
„Gib uns eine Leine, wir ziehen dich zur Pier!“

Aber der junge Mann ist in Panik. Er hört nichts und sieht nichts. Anstatt erst einmal nachzudenken, gibt er Vollgas voraus. Das können wir nicht abhalten, obwohl wir es versuchen. Ein häßliches Geräusch übertönt das Fauchen des Windes. Die Schraube des Außenborders kratzt über die gesamte Bordwand der kleinen Yawl. Fluchtartig verlassen sie den Ort des Geschehens. Wenn sie schon nicht den von Nils vorgeschlagenen Platz wollen, könnten sie auch längsseits an die Mittelpier gehen, wo über gut 50 m freie Plätze sind, an denen man gegen den Wind anlegen könnte. Stattdessen steuern sie die Pfahlreihen im vorderen Teil des Hafens an.
„That will end in a catastrophe! They surely need help!“ raunt mir Nils zu. Und obwohl unsere Hilfe scheinbar unerwünscht ist, rennen wir um das gesamte Hafenbecken herum. Wir kommen zu spät.

Inzwischen habe die beiden die Positionen gewechselt. Mit hoher Fahrt fährt der Vater in die Box. Keine Fender draußen, drückt der Wind sie auf das Nachbarboot, das glücklicherweise selbst einen Fender draußen hat. Aber nur einen. In ihrer Aufregung haben sie nicht daran gedacht, eine Achterleine zumindest über den luvseitigen Pfahl zu legen. Obwohl wir noch versuchen das Boot abzuhalten, kracht es in den Steg. Der Junge springt mit der Vorleine über, anstatt sie einem von uns in die Hand zu geben. Kurzerhand steige ich an Bord, um dem Vater zu helfen, das Boot vom leeseitigen Nachbarboot abzuhalten. Nils klettert auf das luvseitige Nachbarboot und ich werfe ihm die Achterleine zu. Nils ist ein Bär von einem Mann und zieht uns gegen den Windpress herüber. Ich kann die Sorgleine packen, die vom Pfahl zum Steg gespannt ist und damit haben wir gewonnen…

Als das Boot kurz darauf fest ist, sind die beiden Kapitäne so geschockt (oder schamerfüllt), dass sie kaum ein Wort des Dankes herausbringen. Eigentlich bringen sie überhaupt kein Wort heraus. Wir ziehen uns dezent zurück. Die müssen erst einmal ihre Wunden lecken. Auf dem Rückweg schließt sich uns ein dänisches Pärchen an. Der Mann sagt:
„Manchmal wird man ja draußen auf See überrascht und hat keine Wahl. Aber die kommen gerade aus Alborg. So unroutinierte Segler! Die hätten gar nicht auslaufen sollen!“
Ich sehe das lockerer. Wir haben alle unsere Erfahrungen gemacht. Und unsere Dummheiten! Aber Nils gibt mir dann doch zu denken:
„Die hätten dein Boot rammen können. Oder meines. Die waren eine Gefahr für den ganzen Hafen!“

Später sehe ich die beiden auf dem Folkeboot. Sie checken, ob sie irgendeinen Schaden gemacht haben, aber ich schätze, sie haben nur ihre eigene Bordwand zerkratzt…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 8.8.

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5 Comments

  1. Walter sagt:

    …auch wenn man sehr geschockt ist, ein Danke (und wenn es später bei einem Besuch vor dem Boot der Helfer ist) sollte trotzdem kommen!
    Sehr schade, aber heutzutage „denken“ viele, das ist wohl nicht „notwendig“ :-(
    Das erlebte ich des öfteren in den Mittelmeerhäfen wenn bei Bura angelegt wurde/werden mußte (zu 99% röm. katholisch)
    Hauptsache „Hafenkino“ :-<

    • Klaus sagt:

      Hi Walter,
      normalerweise sehe ich das so wie du. Aber die beiden waren echt durch. Total weichgekocht. Die Nachwehen des Erlebten, Scham, … jedenfalls standen die vollkommen neben sich. Ich bin sicher, du hättest ihnen das in der Situation auch nachgesehen… ;)

      Hauptsache Hafenkino: Nach unserem ersten Törn in der Dänischen Südsee hatte ich die Ostseesegler ja auch ein bisschen im Verdacht, aber sobald man etwas abseits der ausgetretenen Pfade segelt, ist die Hilfsbereitschaft sofort wieder intakt. Ich denke, das ist wie in der Großstadt: Wo viele helfen könnten, wenn jemand hilflos auf dem Boden liegt, tut es niemand, während fast jeder zur Hilfe schreitet, wenn er der einzige ist, der helfen könnte…

      Liebe Grüße :)
      Klaus

  2. Jens sagt:

    Ja, ist uns auch schon mal passiert, Nach 6 Std. gegenan knüppeln von Assens nach Lyo bei 35 kn Wind sind wir in Lyo eingelaufen, ohne den Hafern zu kennen. Im Handbuch sieht das immer alles so groß aus. Aber wer Lyo kennt… klitze klein. Da wir auf Anhieb keine freie Box sahen und der Hafen schneller als gedacht zuende war. Haben wir aufgestoppt und uns gegen die erste Dalbenreihe treiben lassen.Wir waren völlig alle und froh, endlich drinnen zu sein. Von den, in den Boxen liegenden Schiffen ragte keines über die Dabenreihe hinaus. Trotzdem, ein Riesengeschrei, „Bist du verrückt oder besoffen, pass auf mein Schiff auf…usw. War ehrlich bedient. Wir haben dann in der zeiten Reihe noch eine letzte Box entdeckt und sind dorthin. Da wir nun achterlichen Wind (Immer noch 35 kn) hatten , schaffte ich die Luvleine achtern nicht. Unsere Nebenlieger, ein Motorboot, sah unsere Bedrullie und sprintete zum Steg, um uns aufzufangen. Später durfte ich seine Achterleeleine benutzen um meine Luvleine belegen zu können. Ich war so dankbar, dass mir jemand geholfen hat und natürlich gabes ein dickes Dankebier. Fazit: Auch Mobo-Fahrer sind nett. Ich stand später noch so unter Dampf, dass ich den ersten Schreihälsen am liebsten noch auffe Schn… jaja, ihr wisst schon. Ach ja.. und der Hafenmeister, der uns wohl beobachtet hatte meinte später: nix Liegegeld, das war für euch ein Nothafen, auch nett, oder?

    • Klaus sagt:

      Cooler Hafenmeister!
      Die Idee sich erst einmal an die Pfähle zu legen und zu verschnaufen, finde ich super. Dann in Ruhe zu überlegen, was man macht. Meinen Respekt dafür hast du jedenfalls. ;) Das ist doch der Vorteil beim Boot, dass man nicht wie beim Autofahren alle Entscheidungen in Sekundenbruchteilen treffen muss.
      Die Schreihälse sagen mit solchen Ausbrüchen übrigens meistens mehr über sich selbst, als über den, den sie beschimpfen… ;)

      Liebe Grüße
      Klaus

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