Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Brecher

Feb• 01•17

„Gute Nachrichten!“
„Was?“ Ima ist mit ihrem Handy zugange:
„4 bis 6 Windstärken!“ Man gewöhnt sich ja an vieles und das klingt in unseren Ohren inzwischen nach gutem Wetter… Es flaut ab! Im Moment herrschen im Hafen geschätzte 3 Windstärken. Kein Vergleich zu den letzten Tagen. Aber der Himmel ist grau und tiefe Wolken ziehen schnell über uns hinweg.

Grauer Himmel über grauer See

Schauerböen

Eigentlich wollten wir ja über Saeby nach Skagen, aber alle haben uns abgeraten.
„ Nach Skagen braucht ihr wirklich nicht. Das ist typisch T&T.“
„T&T?“
„Touristisch und Teuer. Ist auch nur eine Sandbank…“ Nun. Vielleicht segeln wir über Saeby nach Laesø oder gleich hinüber… Der (alte) Törnführer bezeichnet Saeby als drei Sterne Sehenswürdigkeit. Nennt sie in einem Atemzug mit Mariager und Ebeltoft, die wir beide verpasst haben…
Wir gehen, schon in voller Montur, noch einmal zur Lotten, um uns von Hans Christian zu verabschieden. Sein Sohn Nils wird heute zurück an Bord kommen und sie werden gemeinsam die letzten Meilen nach Alborg in Angriff nehmen. Hilfsbereit fragt er:
„Braucht ihr eine Hand?“
„Nee danke, alles klar.“ Ima guckt mich zweifelnd an und zuckt dann mit den Achseln. Tatsächlich sind wir ziemlich eingeparkt. Nach vorne und hinten nur wenige Zentimeter Platz. Außerdem ist gestern noch eine Yacht hereingekommen, die sich auf das Boot vor uns im Päckchen gelegt hat. Allerdings ist sie deutlich länger und überlappt unseren Bug um zwei bis drei Meter. Aber ich habe mir das Manöver schon genau überlegt: Alles keine Probleme, die man nicht mit einem Kugelfender lösen könnte… Nur Ima beobachtet meine Vorbereitungen mit zweifelnden Blicken.

Liegeplatz in Hals

Eingeparkt

Schließlich liegen wir nur noch vor Mittelleine und Vorspring. Ich starte den alten Sabb und gebe langsam voraus. Der Skipper des überlappenden Bootes erscheint im Cockpit. Ich gehe zur Mittelklampe und löse die Mittelleine. Schieße sie auf, während das Heck ganz langsam von der Pier weg wandert. Schließlich sind wir vom Klüverbaum des Traditionsseglers frei. Ich gehe in den Leerlauf.
„Vorspring los!“ Ima zieht die Leine an Bord.
„Vorspring ist los.“ Langsam dreht die Schraube rückwärts und Néfertiti gleitet aus der engen Lücke. Für den Skipper des überlappenden Bootes gibt es nichts zu tun… Mit knapp einem halben Meter Abstand zieht Néfertiti rückwärts an seinem Heck vorbei.
„Fawell!“ Ruft er uns zu.
„Fawell!“ Wir drehen im engen Hafenbecken und laufen auf die Hafenausfahrt zu.
Ima schießt den Festmacher auf und wirft ihn auf die Cockpitbank.
„Das war ein tolles Ablegemanöver!“ Ich grinse zurück. Hier haben wir uns sicher nicht blamiert.
Langsam gleitet Néfertiti durch die Hafenausfahrt und Ima reicht die Fender ins Cockpit.

Segeln

Segeln unter Landschutz

Vor der Hafenausfahrt setzen wir die Genua und stoppen die Maschine. Laufen vor dem Wind durch den Tonnenstrich. Die Sicht verschlechtert sich minütlich. Es fängt an zu regnen. Dann setzt auch schon die erste Bö ein. Das Land verschwindet hinter uns in einer Regenfahne. Dabei sind es nur knapp zwei Meilen bis zum Ufer. Hinter den Zwillingsbaken rigge ich die Selbststeuerung und setze das gereffte Groß. Néfertiti läuft mit Halbem Wind gen Norden. Pflügt durch das Wasser. Ich sitze im Regen und bin glücklich. Endlich wieder unterwegs. Vielleicht sind wir morgen schon in den Schären! Der Schauer zieht durch und die Sicht reißt wieder auf. Der Wind nimmt ab. Weht jetzt mit 4-5 Windstärken. Ausreffen? Oder nicht? Ich zögere… Für die Böen sind wir richtig besegelt.

Hov kommt in Sicht. Als der kleine Hafen querab liegt, reffen wir doch aus. Danach kredenzt Ima einen Tee und sagt ohne rechten Zusammenhang:
„Das war aber ein tolles Ablegemanöver!“ Sie gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Erst jetzt begreife ich, was ihre seltsamen Blicke bedeuteten, wie groß ihre Skepsis in Wirklichkeit war:
„Du hast nicht geglaubt, dass wir da raus kommen?!“ Wenn Ima eines auszeichnet, dann ihre kompromisslose Ehrlichkeit:
„Nee. Ich dachte, dass das schief gehen muss, aber du schienst deiner Sache so sicher…“ Ich nehme einen heißen Schluck Tee.

Inzwischen ist die Sonne heraus gekommen. Wohlig warm scheint sie auf uns herab. Zehn Minuten später zieht über Land der nächste Regenschauer heran. Reffen? Ich begnüge mich damit die Genua etwas einzurollen.
Routinemäßig geht mein Blick zum Echolot. Jedesmal wenn mein Blick den Kompass sucht, wandert er auch weiter zum Echolot. Plötzlich wird es flacher. Naja. 4,20 m. Auf unserem Weg gibt es eine Untiefe. Sie sollte eigentlich tief genug für uns sein. (Auch wenn ich nicht genau darüber fahren wollte.) Um sicher zu gehen, nehme ich Peilungen von Hov und dem Leuchtturm. Der Schnittpunkt liegt mittig auf besagter Untiefe… Wenig später wird es wieder tiefer. Da ist die Wolke auch durch und ich rolle die Genua wieder aus.

Grauer Himmel über grauer See

Grauer Himmel über grauer See

Wir haben den größten Teil der Strecke geschafft. Voraus schäumt es weiß. Was ist denn das? Am ganzen Horizont. Brecher?! Kann es kaum glauben. Greife zum Fernglas. Tatsächlich. Überall weiße Schaumkronen. Kann das Brandung sein? Es gibt eine Untiefe, um die wir herum müssen, aber wir haben doch ablandigen Wind… Wir nähern uns mit ständigem Blick auf das Echolot. Imas Antennen leisten mal wieder ganze Arbeit:
„Ist was?“
„Brecher. Überall vor uns.“
Wo ist denn nur die grüne Tonne?! Stehen wir jetzt, nachdem wir eben schon zu weit ab von Land die andere Untiefe gefunden haben, zu dicht unter Land?! Vor uns ist jedenfalls kein Durchkommen. Ich drehe bei. Suche die Umgebung nach der grünen Tonne ab, auf die ich eigentlich den Kurs abgesetzt hatte. Nichts. Suche rundum. Auch da, wo ich die Tonne nicht erwarte. Nichts.
„Reich mir bitte mal das Handy hoch.“ Gestern habe ich noch die von Nils empfohlene Navionics App heruntergeladen. Die kostenlose Probeversion. (Um 36 Euro soll das gesamte Seegebiet von den Schären bis zu den Ostfriesischen Inseln pro Jahr kosten.) Soll sie mal zeigen, was sie kann.
„Hier.“ Das Display leuchtet auf und schon bestätigt das Gerät, dass wir zu dicht unter Land stehen. Außerdem zeigt es uns die Richtung zur grünen Tonne, die ich jetzt plötzlich ganz leicht mit dem Fernglas ausmachen kann…

Néfertiti fällt ab. Wir passieren die Tonne und die bislang guten Verhältnisse ändern sich schlagartig. Aus Norden läuft eine kräftige Dünung heran, durch die wir uns hindurch boxen müssen. Wo es flacher wird, stehen Brecher. Last not least dreht der Wind auf Nordwest. Das ist die Richtung, in der Saeby in Sicht gekommen ist. Zumindest das, was ich für Saeby halte… Der Wind lässt etwas nach und Néfertiti stampft jämmerlich in der steilen Welle. Die Untiefe haben wir so gut wie passiert. Über Land dreht der Wind immer etwas rück. Vielleicht können wir dichter unter Land anliegen? Zumindest aber sollte die Windsee weniger sein, die die Dünung hier noch überlagert. Kaum haben wir genug Abstand zu der Untiefe, wenden wir und laufen auf Land zu. Tatsächlich nimmt die Windsee ab, je dichter wir unter Land kommen und schließlich dreht der Wind … rück! Nicht viel, aber genug. (Das hängt mit dem erhöhten Reibungswiderstand des Landes zusammen und der Erdrotation. Stichwort Corioliskraft) Schließlich wende ich und kann Saeby anliegen. Wow!

Auf der nördlichen Hafenmole steht Brandung. Spritzt immer wieder über die Mole, aber die schmale Einfahrt selbst scheint passierbar zu sein. Die Angler ziehen ihre Angeln ein, als wir uns nähern. Danke. Im Hafenbecken herrscht friedvolle Stille. Wir bereiten in aller Ruhe Leinen und Fender vor und laufen in die erste Boxengasse. Hinter dem großen Motorboot scheint ein Platz frei zu sein. In besagter Box liegt allerdings ein winziges Motorboot, das durch das andere verdeckt war. Hätten mal lieber auf die Festmacher am Pfahl selbst achten sollen…

In der nächsten Boxengasse findet Néfertiti dann aber doch noch ein freies Plätzchen …

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 10.8.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Comments

  1. Sören Menke sagt:

    Ach es ist herrlich Deinen Blog zu lesen, gerade weil ich auch eine Freundin habe, die eigentlich nichts mit dem Segeln zu tun hat. Mir zuliebe oder weil sie bei mir sein will kommt sie jedes Jahr mindestens drei Wochen mit auf Toern auf unserer Neptun22. Egal ob Holland, Dänemark, Rügen oder Wattenmeer. Bei uns raucht es auch hin und wieder gewaltig. Den Satz:“Ich setze Dich in den Zug nach Hause“ Habe ich leider auch schon gesagt. Aber die Versöhnung an Bord hat bis jetzt stets gesiegt. Bin schon neugierig, wie es weiter geht!

    • Klaus sagt:

      Hi Sören, was für ein schöner Kommentar. Ima kommt auch eher mir zuliebe mit, aber nach einer Weile an Bord will sie oft nicht mehr zurück… ;) Ihr Verhältnis zum Segeln bleibt aber trotzdem gespalten… Auf dem Törn ist noch viel passiert, kannst dich drauf freuen: Nicht haltende Anker, stürmisches Wetter, Flauten, Navigationsfehler, harmonische liebevolle Momente, Alleinsegeln…
      Liebe Grüße
      Klaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.