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Segeln als Digitale Nomaden

Der Anker schliert

Feb• 14•17

Todmüde, nach der Überfahrt und zwei kurzen Nächten, strecke ich mich erst einmal auf der Koje aus. Der Wind heult im Masttop. Er soll nachmittags ordentlich wehen, aber später abflauen und von Süd auf Südwest drehen. Bei Südwest werden wir hier genauso geschützt liegen.

Landfeste ausbringen, west schwedische Schären

Fjordholmen

Als ich Abends wach werde, ist von Abflauen nichts zu spüren. Regen prasselt auf das Deck. Der Wind hat auf Südwest gedreht, aber nicht abgeflaut, sondern für mein Empfinden eher noch zugelegt. Routinemäßig checke ich die Ankerpeilungen. Kein Zweifel. Wir sind vertrieben. Wortlos ziehe ich mir das klamme Ölzeug über.
„Was ist?“
„Der Anker schliert.“
„Und was machen wir?“
„Neu ankern.“ Als ich den Anker an Deck hole, wundert mich nichts mehr. Weicher, nach Fäulnis riechender Schlick und kiloweise Seegras hängen an den Flunken. Kurz darauf fällt der Anker ein zweites Mal. Er hält wieder nicht.

Ich bringe das Dinghy zu Wasser und bereite den Draggen und eine lange Leine vor, um eine Landfeste auszubringen. Das Ende belege ich auf einer der Bugklampen Néfertitis. Der Rest der Leine landet gut aufgeschossen im Schlauchboot. Während ich zu der luvwärtigen Insel hinüber rudere, gebe ich die Leine meterweise aus. Das funktioniert gut. Das Anlanden gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht, denn die Felsen sind glitschig. Außerdem gibt es in Ufernähe wie befürchtet keinen Haken, nichts, an dem ich die Leine verknoten könnte. Schließlich finde ich einen Felsenriss, in dem ich den Draggen verkanten kann. Ob das hält, wenn sich der Winkel ändert, in dem Néfertiti zieht, weil sie schwoit? Ich probiere es aus. Der Draggen scheint fest verklemmt zu sein. Aber allein diesem Draggen Néfertiti anzuvertrauen?! Etwa 12 m weiter (und 7 m höher) steht eine verkrüppelte Birke. Kurzerhand klettere ich über die regennassen Felsen hinauf. Das sollte gehen. Muss aber doch noch einen Blick auf das tosende Meer werfen. Auf der höchsten Stelle der Schäre bin ich dem Wind schutzlos ausgesetzt und werde fast umgeweht. Das sind sicher 7 Windstärken. Atemberaubend, wie die Wellen auf die Felsen branden. Über den Abendhimmel ziehen dunkle Sturmwolken hinweg. Was für eine raue aber majestätische Landschaft.

Fjordholmen in den west schwedischen Schären

Landfeste ausbringen

Nach einigen Minuten reiße ich mich von dem Anblick los. Es gibt wichtigeres zu tun. Bald sitze ich wieder im Schlauchboot und ziehe mich an der ausgebrachten Trosse zurück an Bord. Das geht wesentlich schneller und einfacher als Rudern. Hier unten kräuselt sich das Wasser kaum. Stecke zwei lange Leinen zusammen und nehme für alle Fälle noch eine dritte mit. Kurz darauf klettere ich wieder über die schlüpfrigen Felsen und bringe die zweite Leine aus.

Mit dem guten Gefühl, das Nötige getan zu haben, und ein Hohelied auf mein neues Ölzeug singend, ziehe ich mich an der Leine zurück an Bord. Ich führe noch die Kette des gesetzten Ankers nach achtern, um ihn zum Heckanker umzufunktionieren. Wie wohlig die warme Kajüte scheint. Wie gemütlich und geborgen. Ima empfängt mich mit einem Handtuch und rubbelt mir die Haare trocken. Kindheitserinnerungen drängen unbewusst an die Oberfläche. Eine Wärmflasche wartet in der Koje und einen heißen Tee hat meine Wüstenprinzessin auch gemacht.

Die Idee einen Schutzhafen aufzusuchen, kommt mir nicht, obwohl der Wind in Böen Sturmstärke erreicht. Noch ist es hell und wir hätten uns etwas unbequem, aber einfach in Sicherheit bringen können. Während Ima voller Vertrauen in meine Entscheidung etwas Leckeres auf den Tisch zaubert, checke ich den Wetterbericht. Es sollte eigentlich längst abgeflaut haben. Aber selbst wenn nicht: Bei Süd und Südwest liegen wir hier gut geschützt. Nach dem Abwasch verschwinden wir in den Kojen. Bin zu groggy, um Ima etwas vorzulesen. Néfertiti liegt vollkommen ruhig und bald bin ich eingeschlafen.

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 12.8.

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2 Comments

  1. Walter sagt:

    hallo Klaus,
    mich wundert, daß da keine Fallwinde auftauchen…
    …die Felsen sind wohl etwas zu niedrig?

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Walter,
      ja ich denke, das ist zu niedrig. Auf dem Foto kann man eine Baumgruppe entdecken. Die markiert den höchsten Teil der luvwärtigen Schäre. Ich schätze, dass sie maximal sieben Meter hoch ist.

      Wir hatten oft in den Schären Starkwind. Aber Fallwinde sind mir kein einziges Mal bewusst aufgefallen. Außer vielleicht mal aus einer Regenwolke, aber das hatte dann nichts mit der Geografie zu tun und kann einen überall erwischen…

      Liebe Grüße :)
      Klaus

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