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Segeln als Digitale Nomaden

Unter Segeln: Imans erstes Mal

Nov• 25•12

„Wie verführt man seine Frau denn zum Segeln?“
„Mit Segeln. Nicht mit mitsegeln!“

 

Strijensas – Haringvliet
18.6.12

Am Montag sagt die Wettervorhersage umlaufende Winde voraus, um 3, Gewitterböen. Im Moment sieht es nach Nordost aus. Wir könnten mit Raumem Wind segeln. Die Sonne lacht von einem blauen Himmel herab. Wir verabschieden uns von den vielen Freunden und Kameraden, die wir in der letzten Woche kennenlernen durften. Unser Ziel ist der Haringvliet. Segeln üben.
Elvira und Martin werden am Dienstag ins Grevelinger Meer laufen. Sie wollen sich auch erst eingewöhnen und dann weiter nach England segeln.

Segelboot Néfertiti liegt im Jachthafen Strijensas

Die anderen sind alle viel größer …

Als wir die Leinen loswerfen, hat der Wind auf West gedreht. Genau gegenan. Wegen des heftigen Schiffsverkehrs ist im Hollands Diep kreuzen verboten. Also nicht segeln, sondern Motor testen. Auch gut. Aber wo ist der blaue Himmel geblieben?

Kaum sind wir aus dem Hafen, drücke ich Iman die Pinne in die Hand. Sie schluckt und guckt mich groß an.
„Willst Du steuern?“
Sie kämpft einen Moment mit sich, aber lässt sich darauf ein. In kürzester Zeit hat sie den Bogen raus. (René hatte Recht mit seinem Tipp zum Lernen: Unter Motor wird man nicht von den Segeln abgelenkt und kann sich alleine auf das Steuern mit der Pinne konzentrieren).

Ich höre mit Elefantenohren auf jedes noch so kleine Geräusch des Diesels. Was ist dieses Zirpen? Dieses schnellere Drehen im Schwell? Dieses Klackern? … Ich kontrolliere immer wieder die Temperatur und den Ladedruck. Alles scheint in Ordnung zu sein.

Eine Stunde später hat sich der Himmel schwarz zugezogen. Eine Bö heult im Rigg. Es fängt an zu regnen. Ich übernehme und Iman verschwindet nach unten. Zwei Minuten später regnet es nicht mehr, es schüttet wie aus Kübeln.

Iman guckt vergnügt aus dem Niedergang heraus. Sie singt und macht Faxen, was ich für ein gutes Zeichen halte. Ich sitze derweil im strömenden Regen (aber auch mit bester Laune). Néfertitis Bewegungen sind sanft. Selbst ohne die stützenden Segel. Kaum sind wir unter der Brücke zum Haringvliet hindurch, bricht die Sonne durch die dunklen Wolken und der Wind erstirbt. Der Motor läuft jetzt geraume Zeit und langsam fasse ich Zutrauen.

Wir ankern im Schutz der Insel Tiengemeten und kochen Nudeln. Nach dem Essen macht Iman eine kleine Siesta. Hat sie sich auch redlich verdient.

Ich sitze im Cockpit und gebe mich meinem stillen Glück hin: Wir segeln. Auf eigenem Kiel. Es ist kein Traum. Es ist Wirklichkeit. Irgendwann kommt der Wind zurück, dreht auf Südwest und baut eine kurze steile Welle auf. Iman wird von alleine wach. Ich hätte hier gerne übernachtet, aber so ist es halt beim Segeln. Man muss sich an die wechselnden Umstände anpassen. Macht das nicht den Reiz aus? Im Einklang mit den Kräften der Natur zu sein? Entscheidungen gegebenenfalls zu revidieren… Hier können wir jedenfalls nicht bleiben. Wir gehen Ankerauf, um einen geschützteren Ankerplatz auf der Südseite des Haringvliets zu suchen.

 

Segeln: Iman segelt unser Segelboot Néfertiti

Iman segelt Néfertiti schon an ihrem ersten Tag auf See

 

Segel hoch. Mit zwei Reffs im Groß und klein gereffter Rollfock kreuzen wir durch das enge Fahrwasser. (Iman an der Pinne, während ich mich um die Navigation kümmere.) 4-5 kn. Néfertiti legt sich leicht über, in Böen auch mal etwas stärker, aber sie zieht nie das Schanzkleid durch das Wasser. Eine echte Königin.

Trotz der kurzen Anlaufstrecke bildet sich Schaum auf den Wellenköpfen und legt sich in Streifen zur Windrichtung.

Das reicht an Abenteuern für einen ersten Segeltag. Ich möchte doch, dass Iman das Segeln liebt … Und mir ist nicht entgangen, dass sie immer wieder zu der kleinen Ansammlung von Masten hinüber schaut.
„Wollen wir lieber nach Den Bommel gehen?“
Iman lächelt mich erleichtert an.
„Ja.“
Die erste Nacht vor Anker wird bestimmt nicht lange auf sich warten lassen. Auch wenn der Wind über Nacht abflauen soll. Vor der Hafeneinfahrt drehen wir bei. Groß runter. Motor an.

Kein Mucks. Ich drücke noch einmal den Starterknopf. Der Anlasser orgelt, aber der Diesel springt nicht an. Néfertiti macht beigedreht langsame Fahrt auf die andere Fahrwasserseite zu.
„Wenn wir auf der anderen Fahrwasserseite ankommen, gehst Du über Stag. Schaffst Du das?“ Iman nickt nur und ich turne den Niedergang hinunter, öffne die Motorabdeckung und nehme das englischsprachige Manuel zur Hand
.

Iman bleibt erstaunlich gelassen. Gut, dass sie inzwischen mit dem Boot umgehen kann. Wer hätte gedacht, dass sich die Übungsstunden so schnell auszahlen würden? Wenn wir zu dicht an einer Fahrwasserseite sind, geht sie über Stag, segelt zurück und dreht wieder bei. Ich kann keinen Fehler entdecken. Bin aber auch kein Martin. Also im Handbuch suchen.

Dort steht unter Punkt eins der möglichen Fehlerquellen: „Governor full speed?“
Ich fasse mir an die Stirn und verbuche es unter Dämlich.de, klettere den Niedergang hoch und stelle den Gashebel auf Vollgas. Vorglühen. Starten. Sofort erwacht der Motor zu dröhnendem Leben und wir laufen in den stillen Hafen ein.

Wir haben den Hafen für uns. Keine Menschenseele weit und breit. Iman freut sich an Land zu sein. Sie hat das Bedürfnis nach Bewegung. Also machen wir, kaum das Néfertiti aufgeklart ist, einen Spaziergang in den Ort. Vielleicht gibt es ja ein nettes Café… Wir queren das kleine Sträßchen, dass am Ufer entlang führt, Richtung Kirche.
„Iman.“
Sie guckt mich an.
„Ich wollte nur sagen: Du warst toll.“
Ein breites Lächeln zieht über ihr Gesicht.
Ich bin stolz auf meine schöne Wüstenblume.

In dem Dorf herrscht eine unheimliche Atmosphäre. Den Bommel ist wie ausgestorben. Eine alte Leuchtreklame deutet immerhin an, dass es hier mal ein Gasthaus gegeben haben muss, aber die Fenster sind verrammelt. Kein Mensch auf den Straßen. Im Giebel eines Hauses hängt eine Schultasche neben der holländischen Flagge. Kinder können so gemein sein. Ich muss an meine Zeit im Internat denken. Was Kinder alles tun, nur um einem anderen eines auszuwischen…

Wo sind denn die Menschen dieses Dorfes? Ein paar Häuser weiter entdecken wir eine zweite Schultasche, die hoch oben am Flaggenstock hängt. Vielleicht doch kein gemeiner Mitschüler?
„Da hinten hängt noch eine dritte.“
Was das wohl soll?

Das Knattern eines Mopeds dringt durch die Stille, nähert sich. Ein Jugendlicher fährt an uns vorbei. Es gibt also doch noch Menschen.
Zumindest einen…

♦♦♦

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7 Comments

  1. Jutta sagt:

    Schönes Wortspiel. Mit Segeln und Mitsegeln. Kleiner aber feiner Unterschied. Finde ich gut, dass du Iman die Pinne gleich anvertraut hast. Ich musste da ewig drum kämpfen.
    Euer Blog macht Spass.
    Jutta

  2. Susanne sagt:

    Respekt, dass Iman gleich an die Pinne geht. Ich habe das wochenlang verweigert. :) Und auch alleine segelt, während du nach dem Motor unter Deck schaust.

    • Klaus sagt:

      Liebe Susanne

      Ja, das hat Iman echt toll gemacht. Finde ich auch. Aber es entspringt auch ihrer Art durch die Welt zu gehen. Neuem gegenüber immer aufgeschlossen und alles mal ausprobieren… :)

      Meine Überlegung war recht simpel: Steuern ist leichter als man denkt. Also: Ich lasse sie gleich steuern, bevor sie anfängt darüber nachzudenken und sich alles viel schwieriger vorstellt, als es tatsächlich ist. Hat auch gut geklappt, oder?
      Wie war das bei Dir? Hast Du nicht hinterher auch gedacht, dass es leichter ist als vorher vorgestellt?

      Auch wenn ich an den Nebeneffekt nicht gedacht habe: Ich glaube, Iman fühlte sich dadurch von Anfang an als ein vollwertiges Teammitglied…

      Liebe Grüße
      Klaus

      • Susanne sagt:

        Ja, an der Pinne stehen ist viel leichter als die Segel setzen. Das hat mein Mann gleich von Anfang an gesagt. Aber ich fühlte mich überfordert mit der Pinne. Ich kannte die KVR nicht und die Kieler Förde ist ein viel befahrendes Gebiet. Dann habe ich die KVR gelernt und als ich mich sicher fühlte, übernahm ich auch die Pinne. So leicht geht das?, das habe ich gedacht. Nun muss mein Mann immer die Segel sezten und die Pinne gebe ich ungern her, auch nach den Segel setzen. :)

  3. Klaus sagt:

    Auch nach dem Segelsetzen… Super! :)

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