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Segeln als Digitale Nomaden

Néfertiti auf den Felsen

Feb• 16•17

Irgendetwas hat mich geweckt. Es ist stockdunkel. Ima ist auch wach. Sie sagt:
„Ich glaube, wir sind näher an den Felsen.“ Eine leichte Erschütterung geht durch das Boot. Haben wir gerade aufgesetzt? Ich werfe einen Blick durch die Bullaugen: Schemenhaft kann ich die Felsen ausmachen.


„Nein.“ War nur Einbildung. Der Wind heult mit unverminderter Kraft über uns hinweg, aber nicht mehr aus Südwest, sondern aus West. Eigentlich nicht so schlimm, denn die Schäre ist wie ein L geformt und der kürzere Schenkel schützt uns gegen West, aber die Felsen hier sind deutlich niedriger und obwohl sich kaum Wellen bilden, sind wir jetzt der Kraft des Windes viel stärker ausgesetzt. Außerdem gehen unsere Landfesten nach Südsüdwest und nicht nach West. Ich ziehe mir Ölzeug an, schnappe die Taschenlampe und steige an Deck. Ein Wunder, dass der Heckanker uns quer zum Wind hält.

Ima steht am Niedergang.
„Reichst du mir bitte meine Schwimmweste raus!“
„Was willst du machen?“
„Den zweiten Anker ausbringen.“ Schnell sitze ich im Schlauchboot, zu meinen Füßen der Zweitanker und die Ankertrosse klar zum Ausgeben. Schon einmal mit einem Schlauchboot gegen sieben Windstärken angerudert? Da hier keine Welle steht, könnte das gehen, aber man muss Druck auf die Ruder bringen. Ich entferne mich von Néfertitis Heck. Einen Meter… zwei… fünf… Da springt der Riemen aus der Plastikhalterung des alten Zodiac Bootes. Bevor ich ihn wieder angebracht habe, bin ich schon zurück getrieben, am Heck Néfertitis vorbei.

An der Ankertrosse, deren Ende auf der Heckklampe belegt ist, ziehe ich mich zu Néfertiti zurück und starte einen zweiten Versuch… Diesmal komme ich nur zwei Meter weit, bevor der andere Riemen herausspringt… Beim dritten Versuch bemühe ich mich weniger Kraft in die Riemen zu legen. Ich komme kaum von Néfertiti weg. Zentimeterweise, aber langsam mache ich Luv. Ein Meter… Das konnte klappen, zwei Meter… da springt der Riemen wieder raus.
„Verdammt!“

Neuer Versuch… Fünfter Versuch. Ich binde die Riemen zusätzlich fest. Nach fünf Metern springt er aus der Führung, hängt aber noch in der Leine. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ … Siebter Versuch… Zwölfter Versuch… Siebzehnter Versuch… Ich verfluche sämtliche Zodiak Mitarbeiter im Allgemeinen und die Konstrukteure im Besonderen. Kämpfe gegen den Wind, der ein bisschen nachzulassen zu scheint. Mache langsam Luv… sieben Meter… Acht… Längst sind beide Riemen aus der Halterung gesprungen… Habe nicht wirklich Halt mit der Leine als provisorischer Dolle… Kämpfe… Adrenalin schießt mir durch die Adern…. Ich brülle vor Wut und Frust… Das hilft mir die letzten Reserven zu mobilisieren… Zwölf Meter… Fünfzehn… Meine Kräfte erlahmen… Der Wind kommt zurück… werde zurück getrieben… 14 Meter… Schmeiße den Anker über Bord. Mehr ist nicht drin! Sinke fix und fertig zusammen… Werde schnell zurück getrieben… Richte das Schlauchboot quer zum Wind aus und kriege das Schanzkleid Néfertitis zu fassen. Steige groggy an Bord und setze die Ankertrosse dicht. Habe überhaupt keine Vertrauen zu den beiden Ankern. Trotzdem halten sie uns quer zum Wind… Noch!

Ich packe die letzten Leinen ins Schlauchboot und ziehe mich an der Draggenleine an Land. Klettere mit der Taschenlampe auf den kurzen Schenkel des „L“s. Tatsächlich: da ist ein Haken. Kehre um und löse die inzwischen nutzlose Leine vom Baum, verlängere sie noch zweimal. Mit dem letzten Meter erreiche ich den Haken. Versuche Néfertiti dichter an die L-Felsen zu ziehen. Wenn mir das gelingt, müssten wir hier mit den Ankern und der Draggenleine nach achtern gut liegen. Auch wenn der Wind noch weiter dreht. Aber ich bekomme die Leine keinen Meter gezogen. Scheinbar hat sie sich unter Wasser verklemmt…

Ich stolpere über die nassen Felsen zum Dinghi, stoße es ab und lasse mich gleichzeitig hineinfallen. Ziehe mich erst an der Draggenleine zu Néfertiti und dann an der neuen Luvleine, die stramm sitzt. Nach zwanzig Metern verschwindet die Leine unter Wasser. Hier ist sie verhakt. Ich zerre mit der Wut der Verzweiflung, zerre und zerre… Keine Chance. Dann versuche ich etwas anderes. Sozusagen das Schlauchboot unter die Leine zu klemmen und den Auftrieb zu nutzen. Ich ziehe und zerre…

Plötzlich gibt es unter Wasser eine milchige Explosion von Licht, ein helles Leuchten: Meeresleuchten. Gleichzeitig gibt die Leine nach und verläuft jetzt an der Wasseroberfläche, so stramm wie sie sitzt. Ich ziehe mich weiter zur Schäre. Dann noch einmal den ganzen Weg zum Boot zurück, um sicher zu gehen, dass die Leine jetzt auf direktem Weg vom Boot zum Haken läuft, ohne sich irgendwo verhakt zu haben. Die wild gestückelte Leine (es sind gut 90 m vom Boot zum Land) scheint mir wenig vertrauenerweckend. Ist die dünnste Leine doch nur 9 mm stark. Klettere an Bord. Ima sagt:
„Bist du endlich fertig?“ Es sind Stunden vergangen, ohne dass ich das gemerkt hätte.
„Nein. Ich muss noch eine Leine ausbringen.“
„Wir haben doch noch die Trosse im Vorschiff.“ Stimmt. Noch nie gebraucht, aber für Fälle wie diesen genau das Richtige. Ich führe die überflüssige Ankerleine des Zweitankers zum Bug, belege sie dort und knüpfe die Trosse ans freie Ende. Verlängere das Ganze mit den übrig gebliebenen Festmachern. Ziehe mich dann an der ausgebrachten Westleine zur Schäre zurück. Es wird unmerklich heller. Etwas weiter außen ist ein weiterer Haken und ganz außen noch einer, aber den kann ich nicht erreichen. Vorher müsste ich Néfertiti näher heran ziehen. Gegen satte 7 Bft… Mit diesen nassen schweren Leinen… Der Morgen dämmert herauf.

Ich arbeite abwechselnd an den beiden Leinen. Hole die eine zwei, drei Meter ein und dann die andere. Kämpfe längst jenseits meiner körperlichen Möglichkeiten. Jeder Meter kostet minutenlangen Kampf. Ima könnte mir mit Motorunterstützung helfen… Langsam kommt Néfertiti, legt sich in Windrichtung. Schließlich habe ich genug Leine eingeholt, um die stabilere Trosse auf dem äußersten Haken am Ende des Kurzen L-Schenkels zu belegen. Da fängt Ima an Bord an zu brüllen.

Ich verstehe kein Wort. Aber sie könnte mir mit Motorunterstützung helfen.
„Ich kann jetzt nicht! Starte den Motor!“ Sie versteht mich auch nicht. Wieder brüllt sie unverständliches. Ich lege mich wieder ins Zeug. Drüben wird das Niedergangschot zugeknallt. Höre sie immer noch brüllen. Zerre weiter an den Leinen, aber kriege Néfertiti keinen Meter mehr gezogen. Plötzlich kommt Ima wieder an Deck und brüllt mir Unverständliches zu. Vielleicht sollte ich doch mal nachgucken? Widerstrebend steige ich ins Dinghi und ziehe mich an der Landfeste zum Boot.
„Wir knallen auf die Felsen!“ Tatsächlich spüre ich gerade die Erschütterung. Néfertiti sitzt auf Grund. Eigentlich fest. Aber ab und zu hebt uns eine der unscheinbaren Wellen genug an, dass wir mit einem knirschenden Schlag aufsetzen.
„Ich will hier weg!“ Das Aufsetzen ist nicht übermäßig hart, aber doch deutlich spürbar. Néfertiti wird nur ein paar Zentimeter angehoben, aber unter uns ist kein Schlick, sondern Stein. Ich habe uns auf einen Felsen gezogen. Damit ist wenigstens klar, in welcher Richtung es wieder tief wird.

„Okay. Starte die Maschine. Ich hole die Leinen ein.“
„Lass doch die Leinen sausen!“ Sämtliche Leinen sind draußen. Ohne könnten wir nicht einmal im Hafen festmachen.
„Unter keinen Umständen!“ Als erstes hole ich die beiden Anker ein, lasse sie auf dem Seitendeck liegen. Néfertiti rummst wieder auf die Felsen und es geht mir durch Mark und Bein…

 

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 13.8.

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14 Comments

  1. Carsten Schröder sagt:

    Junge, ist ja heute ein richtiger Krimi… wie kannst Du nur aufhören… jetzt, wo es sooooo spannend ist. 8-O

    Dein Blog ist so gut zu lesen! Immer wieder ein Fest. Aber heute… – ICH MUSS WISSEN WIE ES WEITER GEHT! Wie soll man so schlafen gehen? ;-)

    Lieben Gruß
    Carsten

  2. Walter sagt:

    pffff,
    boah, das war sicher keine feine Nacht, da gabs ordentlichen Streß :-(
    Bei deinem letzten Blogeintrag habe ich sowas ähnliches schon erwartet – wenn man zwischen deinen Zeilen liest.

    Da kommen in mir Erinnerungen hoch, als wir mal in den Inseln südlich von der Hauptinsel Hvar (Kroatien) Schutz vor der Bura suchten.
    Ankergrund ist dort „Wiese“, bzw Sand d.h. alle Stunde Motor starten und Anker neu setzen.

    …und dabei ein Auge immer auf Legerwall :-(

    • Klaus sagt:

      Das klingt sehr ähnlich. Ich dachte ja mit der ersten Landfeste in Luv das Problem gelöst zu haben… :(

      • Walter sagt:

        …das „Problem“ war, daß die, einbetonierten, Eisenrohre in diesem Jahr fehlten…
        All die vielen Jahre vorher konnte man dort relativ ruhig liegen/übernachten.
        …diese Rohre wurden einfach mit der Flex entfernt, fertig.
        Kann nur im Sinne der (ein paar SM entfernten) Marina gewesen sein – allerdings lassen die auch nicht jedes Segelboot rein, denn die großen Motorboote der Italiener bringen mehr Geld in die Kassa :-(

        • Klaus sagt:

          Ein Schelm, der da Böses … Wenn ich so etwas höre und plötzlich die Vermutung nahe liegt, dass da mal wieder die Profitgier am Werke war, frage ich mich doch ernsthaft, ob die ungezügelten Märkte wirklich der Weisheit letzter Schluss sind…

  3. Lothar sagt:

    Mitten drin nicht weiterschreiben…. Ich glaub‘ es hakt….

    In Zukunft solche Beiträge bitte zuende und nur noch mit happy-end und Küsschen für Ima.

    Danke für den schönen Blog!

  4. Sebastian sagt:

    Spannender Beitrag. Aber irgendwie macht es dann doch mehr Spaß derjenige zu sein der die Leutet gespannt warten lässt, die dramatische Pause setzt als der, der warten muss. Nicht das ich das ich vor hätte so etwas in Zukunft nicht mehr zu machen… :P Bin gespannt wie ihr da raus gekommen seit – und was noch passiert ist. :)
    Grüße von Bord,
    Sebastian

  5. Klaus sagt:

    Hi Sebastian,
    ich schreibe mit dem Rücken zur Wand. Momentan ohne Vorlauf. Da ist es doch besser häppchenweise statt verspätet. Beide Artikel sind für sich auch so schon lang geworden.

    Es macht übrigens nicht mehr Spaß, derjenige zu sein, denn jede Geschichte verliert Glanz, wenn man sie schon kennt…

    Liebe Grüße
    Klaus

  6. Michael sagt:

    Hallo Klaus,
    da hattet Ihr Glück, dass Nefertiti aus Stahl ist. Unser Wassermann (GFK)hätte wahrscheinlich stärker Schaden genommen. Ich kenne die physischen Schmerzen auch, die das Geräusch eines aufsetzenden Schiffes beim Eigner erzeugt. Ich hoffe Sie hat außer ein paar Kratzer am Kiel, nichts ernsthaftes abbekommen.
    Gruß
    Michael

    • Klaus sagt:

      Hallo Michael,

      oja. Das war nicht das erste Mal unser Glück… Damals als wir auf unserer ersten Fahrt am Steg liegend von einem Baggerschiff gerammt wurden, wäre manche moderne GFK Yacht zerbrochen. Wir hatten nur ein paar Beulen und zwei verbogene Spanten… Auch diesmal ist nichts Gravierendes passiert.

      Liebe Grüße :)
      Klaus

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