Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Der selektive Blick

Feb• 27•17

„Wie heißt noch einmal unsere Box?“
„D5.“ Wir schlendern vor zum Türmchen des Hafenmeisters, aber der ist nicht aufzufinden. Zu früh.

Ima auf den Felsen

Klettern auf die Schäre

So landen wir im Foyer des königlichen Segelclubs. Eine der Damen des Büros nimmt sich unserer an und erklärt uns alles. Freundlich würde es nicht ganz treffen. Sie ist nachgerade herzlich! Es gebe sogar eine kostenlose Sauna. Wenn wir über Nacht bleiben wollen, sollten wir ein Ticket am Automaten ziehen… Da hinten fahre die Straßenbahn. Wir fühlen uns königlich willkommen geheißen. Kehren frohgemut zum Boot zurück und frühstücken erst einmal.

Wenig später ist das Türmchen des Hafenmeisters dann doch geöffnet. Ein junger Mann, der genauso hilfsbereit ist, wie die Dame des königlichen Segelclubs.
„Wann wollt ihr denn weiter?“
„Der Wetterbericht verspricht schönstes Segelwetter. Wenn das so kommt, würden wir heute nachmittag wieder los…“
„… Dann braucht ihr nichts zu bezahlen.“

Er zeigt uns auf der Karte, wo ein großer Ausrüster seine Waren anbietet. Ganz sicher Schärennägel und einen Schärenführer. (Wir werden das letzte Ansichtsexemplar erstehen. Zu einem kräftigen Preisnachlass, dabei sieht diese „Bibel“ fast aus wie neu!) Holz für die Selbststeueranlage? Kein Problem:
„Ich habe da noch eine Palette liegen, die kannst du geschenkt haben. Ich zeige dir gleich wo. Nimm das beste Brett heraus und lege sie wieder zurück.“
(Unterwegs werden wir einen Holzhändler finden, der uns für wenig Geld ein besseres Brett zuschneiden wird. Trotzdem noch einmal Danke an dieser Stelle!)
Gas auffüllen?
„Vielleicht da an der Tankstelle, auf alle Fälle könnt ihr dort Flaschen tauschen.“ (Keine deutschen, wie sich herausstellen wird.) „Schwedische kriegt ihr auch bei mir.“
Bankautomat? „Beim Supermarkt dort.“ (Leider außer Betrieb)

Wir schaffen nicht alles, was wir uns vorgenommen haben. Aber nachmittags gleitet Néfertiti über glattes sonnenbeschienenes Wasser. Drei Windstärken. Keine Welle. Sommer! Wir haben jetzt einen Gasflaschenadapter dabei für den Fall, dass wir eine schwedische Gasflasche kaufen müssen. Aber vor allem Schärennägel und einen Führer (Hamnguiden 5), der jeden Cent wert wäre, selbst wenn er das Vierfache gekostet hätte… und ein Brett, um die Windfahnensteuerung zu reparieren. Schwedisches Geld haben wir zwar immer noch nicht, aber in den nächsten Wochen werden wir herausfinden, dass man in Schweden fast überall mit Karte zahlen kann. Das echte Göteborg haben wir nicht gesehen. Aber auf unseren getrennten Rückwegen werden wir beide Göteborg unabhängig voneinander als eine der schönsten Städte unserer Reise entdecken.

Die Fahrwasserbaken vor Göteborg sind unverwechselbar. Lange Ausleger weisen zur Fahrwassermitte. Ima sitzt mal nicht mit einem Schmöker unten, sondern leistet mir Gesellschaft. Gerade grinst sie mich an:
„Bin ich froh bis hierhin mitgekommen zu sein.“ Dabei ist das Fahrwasser nach Göteborg nicht gerade der landschaftliche Höhepunkt unserer Reise. Wir üben den selektiven Blick: In die Richtung schauen, in der es schön ist… und kreuzen langsam aber stetig gen Westen.

Das Seitenfahrwasser knickt ab und wir können fast anliegen. Nur ab und zu ist ein Holeschlag fällig. Ein Blick auf die Seekarte. Irgendwo da drüben lauert ein Felsen unter Wasser. Wir müssen wenden und laufen darauf zu. Natürlich weiss ich nicht genau, wo die Untiefe liegt. Auch das Echolot ist von eingeschränktem Nutzen. Wenn die Logge laufen würde… So müssen wir die Entfernungen schätzen. Ich gehe lieber auf Nummer sicher.
„Klar zur Wende?“
„Klar.“ Néfertiti dreht zurück auf den alten Bug. Auf der anderen Seite des Fahrwassers können wir bis dicht an die Felsen heran. Tief genug. Aber wir machen wenig Luv. Unerwartet schnell müssen wir den nächsten Holeschlag machen. Eindeutig. Hier läuft Strom! Und zwar entgegen. Die andere Yacht, die bislang ebenfalls aufkreuzte, nimmt die Segel herunter und überholt uns winkend. Die meisten fahren bei der leichten Brise ohnehin unter Motor. Aber wir haben es nicht mehr weit. Habe eine kleine Bucht bei Björkö ausgesucht, die perfekt gegen alle Winde aus dem westlichen Quadranten geschützt ist.

Eine Meile weiter wartet ein ganz schmales Nadelöhr, wo wir genau gegen den Wind müssen. Mal sehen ob wir das unter Segeln schaffen…

„Rhe!“ Ich will die zwei nördlichen Tonnen, so knapp wie möglich passieren. Ein Pärchen liegt in Liegestühlen, am Fuss einer Steilwand. Sie beobachten Wende auf Wende. Ich stelle mir vor, wie schön das aussehen muss. Unsere braunen Segel… Néfertiti… Wie oft habe ich früher an solchen Stellen gesessen und sehnsüchtig auf die Segelboote geschaut… Besonders die unter Segeln. Ich könnte ihnen einen Gefallen tun und möglichst dicht passieren. Aber laut Karte liegt vor dem kurzen Steg ein Unterwasserfelsen! Ich mache es trotzdem, werde halt rechtzeitig vor dem Steg wenden… Der junge Mann steht auf und tritt auf den Steg. Als wir uns nähern, winkt er uns mit der einen Hand heran, als Zeichen, dass wir noch näher kommen können und zeigt mit der anderen auf den Felsen, der doch näher am Steg liegt, als gedacht. Wir passieren nahebei. Winken uns zu. Dann muss ich so oder so wenden.

Segelyacht Néfertiti in den Schären

Zum ersten Mal anlegen auf Schwedisch

Der Strom setzt in dem Nadelöhr kräftig gegenan. Aber mit jedem Schlag machen wir ein paar Meter Luv.
„Klar zur Wende?“
„Ja.“ Selbst Ima scheint sich von der Spannung anstecken zu lassen. Das Fahrwasser knickt ab. Ich glaube schon, es geschafft zu haben. Aber wie so oft folgt der Wind dem hohen felsigen Ufer. Und an Backbord gibt es noch vorgelagerte Unterwasserfelsen, die uns gefährlich werden könnten. Also weiter kreuzen. Drei vorsichtige Wenden später müssten wir die Unterwasserfelsen passiert haben. Ich lasse Néfertiti weiter auf Backbordbug laufen und schließlich ist klar, dass wir durch sind.
„Darf ich jetzt auch mal an die Pinne?“
„Klar doch!“ Wir tauschen die Plätze und ich betätige mich als Vorschoter. Immer wieder gleiche ich die Karte mit der Aussicht vor mir ab. Dem Fahrwasser folgen ist hier einfach. Aber diese kleine Bucht finden… In der Bucht soll ein Steg liegen. Da drüben ist ein Steg, aber es sieht irgendwie falsch aus. Soll ich das Handy…? Nein!
„Was ist?“ Habe ich etwas gesagt?
„Du hast den Kopf geschüttelt.“
„Das ist die verkehrte Bucht. Wir müssen noch weiter.“ Bald darauf öffnet sich die nächste Bucht. Da ist die Wiese, die auf dem Foto im Führer zu sehen ist, und da der Steg, der noch aus Zeiten stammt, als die Insel militärisch genutzt wurde. (Zu flach für uns) Wo im Führer die Haken eingezeichnet sind, liegt schon eine Yacht längsseits an den Felsen. Holländer. Wir bergen die Segel und laufen unter Motor vorsichtig in die Bucht ein. Ich bereite den Heckanker vor. Das holländische Pärchen klettert gerade in Wanderschuhen und Shorts die Felsen hoch. Als sie realisieren, dass wir anlegen wollen, kommen sie zurück, um unsere Leinen anzunehmen. Einen Haken haben wir schon ausgemacht. Ich gebe den Heckanker ins Wasser und wir nähern uns vorsichtig. Ima übergibt die Vorleine und kurz darauf sind wir fest. Die beiden sind auf dem Rückweg ihres Törns und geben uns noch ein paar Tipps zum Festmachen an den Felsen.
„Setz den Heckanker ordentlich durch!“
„Noch stärker?“ Die Leine führt schon steif ins Wasser.
„Ja.“ Ich hole noch einmal zwei Meter ein. Mehr kriege ich beim besten Willen nicht gezogen. Nach kurzem Woher und Wohin brechen die beiden zu ihrer Wanderung auf. Und wir sitzen eine Weile still im Cockpit. Dann sagt Ima:
„Was für ein wunderschöner Segeltag.“

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 15.8.

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2 Comments

  1. Lucky sagt:

    Ach Klaus,
    seit langem komme ich mal wieder dazu deine Blog zu lesen. Wie immer so schön als wäre man dabei gewesen. Ich hoffe ja immer noch auf ein Buch über deine Reisen – das wird bestimmt genauso gut wie die 111 Gründe.

    Schön, dass Ima dem Tag ähnlich erlebt hat wie du. Ich weiß nicht mehr an welchem Tag es war, als ihr „leicht unterschiedliche“ Wahrnehmungen hattet :)

    • Klaus sagt:

      Hallo Lucky,

      wie schön von Dir zu lesen! Habe erst vor ein paar Tagen an Dich gedacht, hatte aber soviel um die Ohren, dass ich dann doch nicht dazu gekommen bin eine Mail zu schreiben…

      Ja. Das Geheimnis der unterschiedlichen Wahrnehmungen ist eher einfach: Kein Seegang! Diesmal war es nicht nur wenig, sondern überhaupt kein Seegang ;) Das gefällt meiner Wüstenblume!

      Aber ich glaube sie hatte sich auch inzwischen aklimatisiert. Ich vermute, sie hätte zu diesem Zeitpunkt auch den Trip von Schleimünde nach Horup Hav anders empfunden…

      Das mit dem Buch habe ich fest vor… Einzig die Sache mit der Zeit…

      Pass gut auf Dich auf!
      Liebe Grüße
      Klaus

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