Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Unbetonnte Untiefen

Mrz• 01•17

Am nächsten Morgen brechen die Holländer auf. Es herrscht Nordwind. Nord bis Nordwest. Gut für sie. Schlecht für uns. Aber wir sind in den Schären. Während die Holländer nach Hause müssen. Wir müssen gar nichts. Haben einen Ozean von Zeit.

Klaus auf Felsen einer Schäre

Abendlicher Landgang


Ima hat gestern Abend den Führer durchgeblättert und alle Schären mit einem Bleistift markiert, die sie vom Foto her interessant findet. Utkäften auf Klåverön ist die nächste, die bei den herrschenden Windbedingungen Schutz für die Nacht verspricht. Sieht toll aus. Knapp zehn Meilen entfernt.

Wir sitzen im Cockpit. Ima wäscht ab, während ich das Geschirr abtrockne. Ich habe Lust zu wandern. Der Felsen, an dem Néfertiti liegt, ist eine vorgelagerte Insel, die wir gestern ausgiebig erkundet haben. Klein, aber von aussergewöhnlichem Liebreiz. Sie macht Appetit auf Björkö:
„Sag mal, Ima. Eigentlich reicht es auch, wenn wir nachmittags los segeln.“ Sie hält im Abwasch inne.
„Willst du einen Landausflug machen?“
„Wärst du dabei?“
„Klaro.“

Ich bringe Ben Nemsis zu Wasser und wir rudern zum Steg hinüber. Wanderstiefel an den Füßen. Ein Weg führt über die Wiese waldeinwärts. Nach wenigen Metern entdecken wir das erste Haus. Schön im Wald verborgen. Kurz darauf das zweite. Ein Auto parkt auf dem Weg. Ich hatte Wildnis erwartet…

Beiboot am Landeplatz

Angelandet

Wir gelangen in einen kleinen Weiler. Bin ein bisschen enttäuscht. Ima geht es so ähnlich. Sie spricht es aus:
„Sollen wir umkehren?“
Da entdecke ich einen Pfad, der in den Wald führt. Weg von dem breiten Weg!
„Lass uns den noch versuchen.“
„Okay.“ Kaum sind die Häuser außer Sicht, geht es mir besser. Ima findet Himbeeren. Während wir uns die Köstlichkeiten im Munde zergehen lassen, hören wir Stimmen. Zwei Gestalten biegen um die letzte Ecke. Alt und gebrechlich. Er geht gebeugt und benutzt einen Stock.
„Hej.“ Wir grüßen gegenseitig. Ein paar hundert Meter weiter stehen wir plötzlich auf einer asphaltierten Straße. Ein Auto fährt an uns vorbei. Plötzlich muss ich lachen. Ima guckt mich fragend an. Ich sage:
„Trau keiner Wildnis, die von alten Leutchen durchstreift wird!“
„Doch umkehren?“ Ich nicke und wenig später holen wir die beiden wieder ein.
„Hej.“
„Hej.“ Die Sonne scheint. Es ist ein wunderschöner Tag.

Abendstimmung

Néfertitis Ankerplatz

Zurück an Bord, brechen wir zügig auf. Ima löst die Vorleine und ich ziehe Néfertiti an der Heckankerleine rückwärts von den Felsen weg. Hole uns kurzstag und breche den Anker aus. Ich rolle die Genua aus. Wir verlassen die kleine Bucht, drehen bei und ich setze noch das Groß.

Néfertiti läuft hoch am Wind. Wir kreuzen. Laufen auf einen Felsen zu. Daneben lauern weitere Felsen unter der Wasseroberfläche. Vorsichtig, vorsichtig! Ermahne ich mich selbst und wende. Auf der anderen Seite des Fahrwassers lauern ebenfalls verborgene Steine. Unbetonnt. Ich nehme eine Peilung der achterausliegenden Bake. Demnach könnten wir noch etwas weiter auf dem Bug bleiben, aber ich weiß um die Ungenauigkeit von Peilungen. Wende wieder zurück, obwohl wir eigentlich noch Raum haben sollten. Steuere wieder auf den gleichen Felsen zu. Soviel Abdrift haben wir doch sonst nicht… Anscheinend drückt der Westwind uns auch das Wasser entgegen. Wir machen nur meterweise Luv. Wende auf Wende kämpfen wir uns gegen Wind und Strom zwischen den unbetonnten Untiefen hindurch.

Der Navigator besteht die Feuerprobe. Noch ein bisschen weiter, dann ändert sich unser Kurs. Wir sollten hoch am Wind anliegen können. Aber Rasmus ist zu Witzen aufgelegt. Der Wind dreht auf NW. Oder haben wir Kreuzen abonniert? Bei durchstehendem Westwind hätten wir auf dem folgenden Stück anliegen können und nicht nur auf der letzten halben Meile zu der Tonne, von der aus wir einen neuen Kurs laufen müssen: NNW. Außerdem nimmt der Wind ab. Zehn Meilen haben wir längst auf der Logge, dabei haben wir erst die Hälfte der Strecke geschafft. Als wir die Tonne erreichen, weht nur noch ein leichtes Lüftchen aus NNW. Ich muss nicht groß in Imas Gesicht forschen, um zu wissen, was sie denkt. Also komme ich ihr zuvor:
„Motor?“
„Ich wollte dich nicht bitten, aber das fände ich toll.“
Wir bergen die Segel und starten die Maschine, tuckern durch die majestätisch raue Landschaft. Können uns nicht satt sehen.

Ima auf der Schäre

Abendstimmung

Direkt vor der Ankerbucht Utkäften liegt ein weiterer und unbetonnter Unterwasserfelsen. Wir halten uns an der Steuerbordseite der Einfahrt. Habe bei der Vorbereitung der Navigation eine Peilung eingezeichnet, die wir nicht überschreiten dürfen. Jetzt laufen wir an der vorgelagerten Schäre entlang. Auch an Steuerbord lauert hinter der Schäre ein Felsen, der so gerade überspült wird. Als die Schäre den Blick freigibt, entdecken wir den Stein sofort, der kaum die Wasseroberfläche durchbricht. Damit verliert die Steuerbordseite ihren Schrecken. Wir nehmen den identifizierten Felsen als Landmarke, halten uns noch etwas weiter nach Steuerbord und erreichen die Bucht problemlos.

In Utkäften ankern schon etwa 15 Yachten, oder liegen an den Felsen. Aber hier gibt es genug Platz für alle. Auch für uns und den Norweger, der in unserem Kielwasser hereingekommen ist. Wir ankern und sehen uns an.
„Schade. Die Bucht scheint beliebt zu sein.“ Ima sieht das ganz anders:
„Finde ich schön, dass hier noch ein paar Menschen sind… Vielleicht treffen wir jemanden an Land!“ Bald wird es dämmern. Wir machen trotzdem noch das Beiboot klar und rudern an Land. Allerdings sind wir die einzigen hier. Pech für Ima… Wir steigen auf einen felsigen Hügel und genießen den Sonnenuntergang. Was für ein traumhaft schönes Revier!

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 16.8.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

8 Comments

  1. Walter sagt:

    moin Klaus und Ima,
    hmmmm… wieder eine Gegend, die ich noch nicht kannte.

    Wenn das Wetter paßt, dann muß es dort sehr schön sein – zumindest zeigen es die Fotos, die man im INet findet.

    An die Art des Anliegens muß ich mich aber erst gewöhnen – kenne
    aus dem Mittelmeer nur das röm-kath… bis auf wenige Ausnahmen ;-)

    • Klaus sagt:

      Lieber Walter,

      Ja. Ich finde die Gegend so schön, dass selbst schlechtes Wetter der Schönheit keinen Abbruch tut. ;)

      Römisch-Katholisch anlegen (Wie ist DER Name eigentlich entstanden?! :D ) ist auf den meisten Schären nicht so ratsam. Auch wenn die Felsen oft steil ins Wasser führen, tun sie es selten senkrecht. Auch springen Felsen unter Wasser mitunter noch etwas vor. Du würdest also Römisch-Katholisch dein Ruder gefährden. Daran gemessen ist der Bug recht unempfindlich. Bei Néfertiti kommt dazu, dass der Tiefgang vom Bug bis zum letzten Drittel kontinuierlich zunimmt. Wir also mit dem Bug voran eine gewisse Tiefgangs-Reserve bekommen und so auch an Stellen liegen können, die Römisch-Katholisch nicht zu erreichen wären…
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Walter sagt:

    moin Klaus,
    Danke für die Erklärung, warum mit dem Bug voran festgemacht wird = alles klar bzw logisch für mich.

    ich habe im Forum von Yachtrevue das „für und wider“ vom röm-kath. gefunden :-)
    https://www.yachtrevue.at/forum/viewtopic.php?t=1004

    @röm-kath.
    dazu kann ich im Moment gar nix sagen, muß mal in Inet danach suchen.

    • Klaus sagt:

      Danke für den Link, Walter. Inhaltlich durchaus bereichernd, aber mich erstaunt (erschreckt) immer wieder der Ton in Segelforen. Wie sich Leute aufplustern, „ihre“ Sicht für die einzig mögliche halten, anstatt die Vorschläge anderer als Anregung zu nehmen, es bei nächster Gelegenheit mal anders zu probieren. Da wird gekämpft und gefochten. Man macht sich lustig und polemisiert. Dabei ist die Idee eines Forums doch eigentlich so eine schöne… Austausch mit Gleichgesinnten! Und wer will, könnte dabei sogar etwas lernen…

      Liebe Grüße
      Klaus

      • Walter sagt:

        yep,
        das ist sicher ein großes Problem, darum ich mich auch sehr selten „zu Wort melde“.
        Die Meinung anderer wird einfach ignoriert, weil eben viele denken „ICH habe Recht“, und ihre Ansichten den Kollegen aufzwingen wollen, basta.

        Wir/Ich haben von einem Franzosen mal gelernt, wie man eine Ankerboje achtern aufnimmt = ist um einiges leichter für die Person mit dem „Enterhaken“ ;-)
        … wir haben diesbezüglich auch schon schiefe Blicke geerntet – das ist ja gaaaaaz verkehrt.
        Aber nur solange es keinen Wellengang gibt :-)

        …in englischsprachigen Foren läuft das mit dem guten Ton untereinander weit besser ab.

        ich wünsche euch Beiden
        gute Fahrt/gute Wache.
        lG Walter

        • Klaus sagt:

          Ich denke immer, was gut für einen funktioniert, kann nicht falsch sein. Egal, was andere darüber denken…
          Danke für die guten Wünsche. Das wünsche ich Dir auch!
          Liebe Grüße :)
          Klaus

  3. Felix sagt:

    An dieser Stelle ein allgemeiner Kommentar, da ich nicht weiß wo ich ihn sonst loswerden kann:

    Moin Klaus,
    ich bin gerade in der Schlussphase meiner Masterarbeit und habe richtig Stress. Trotzdem fand ich in den letzten Wochen immer mal wieder Zuflucht in deinem Buch. Jetzt saß ich draußen in der nach Frühling riechenden Sonne und las genüsslich und voller Vorfreude auf die Saison die letzten Seiten. Um ein kurzes Feedback komme ich nicht herum:

    Klaus, du bist ein wahrer Fahrtensegler – ein Träumer, ganz nach meinem Geschmack!

    Ich werde Christian mal zu einem nächsten Seglerstammtisch überreden. Dann sehen wir uns hoffentlich wieder. Mit deiner Néfertiti würde ich bei Gelegenheit auch gern Bekanntschaft schließen.

    Lieb Grüße
    Felix

    • Klaus sagt:

      Moin Felix,

      schön von dir zu hören. Als wir uns bei Christian getroffen haben, warst du mir mit deiner offenen fröhlichen Art auch auf den ersten Blick sympathisch. Du wirst Christian übrigens nicht groß überreden müssen. Wir haben uns vor Kurzem spontan zu einem Elbspaziergang getroffen und dabei verabredet, dass es bald mal wieder ein Seglertreffen geben sollte ;) Aber eine Erinnerung wäre vielleicht nicht schlecht…

      Pass gut auf dich auf und toi, toi, toi für den Master!
      Klaus

      P.S. Schön, dass dir das Buch gefällt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.