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Segeln als Digitale Nomaden

Lotsen

Mrz• 05•17

Als ich über den Bugkorb an Bord Néfertitis klettere, steht Johan an Deck seines Bootes. Nicht mehr mit nacktem Oberkörper. Er hat eine Jacke übergezogen und bereitet das Ablegen vor.
„The forecast changed?“
„17 m/s!“ Wenn ich jetzt nur wusste, was das in Beaufort ist…


„The direction?“
„North east.“
„You would recommand us, to leave, too?“ Er guckt mir ernst in die Augen.
„Yes.“ … Hmm … Ima steht im Cockpit und hat unseren Wortwechsel verfolgt. Wir sehen uns an und sie nickt unmerklich. Eigentlich habe ich mich schon unterwegs entschieden. Fjordholmen lässt grüßen. Ich wende mich wieder Johan zu:
„We will leave, too. Where are you going to?“ Er lächelt mich erleichtert an.
„That is a good decision. We are going to Mossholmen. You can follow us, but we are only going with three knots. Fishing some more makarels for dinner.“ Dabei zwinkert er mir zu. Drei Knoten? Néfertiti wird sich freuen! Und mal mit einem Lotsen durch die Schären zu fahren ist bestimmt auch interessant.
„Okay.“ Ima grinst uns erleichtert an:
„So we still can have dinner together.“
„Yeah!“

Ich steige den Niedergang hinunter und sehe mir die Seekarte an. Obwohl wir einen Lotsen haben. Die ganze Strecke dauert vielleicht eine halbe Stunde. Es gibt eine haarige Passage zwischen zwei Felsen hindurch. Man kann auch außen herum fahren, aber wie ich Johan einschätze, wird er den kürzesten Weg wählen. Wenn wir unsere Lotsen aus irgendeinem Grunde unterwegs verlieren sollten, werden wir halt den Umweg in Kauf nehmen. Den Hafen finden wir auch alleine… Für alle Fälle stecke ich die Karte in eine Plastikhülle und nehme sie mit ins Cockpit. Damit sind wir aufbruchfertig.

Unsere Lotsen haben schon abgelegt. Wir folgen auf dem Fuße. Johan steuert an Vannholmen entlang und dann geradewegs auf die enge Passage zu. Wir motoren hinterher. Unsere Lotsen halten sich mittig. Wir auch. Sie sind ohne Probleme durch. Wir auch. Es fühlt sich nicht einmal besonders gewagt an. Aber es wird mein Verhältnis zu den Felsen hier für die Zukunft entspannen. War ich doch bisher immer wieder erstaunt aus welchen engen Ecken mitunter Boote ins Fahrwasser einbogen. Zukünftig werden wir unseren Respekt vor engen Durchfahrten nicht verlieren, aber doch relativieren. Einmal allerdings … Na ja. Aber davon wird morgen noch zu berichten sein…

Moosholmen ist der Heimathafen unserer Lotsen. Vor den Steganlagen stoppt Johan auf und zeigt uns, wo der Gästesteg liegt. Da wir in die hinterste Ecke wollen, mit dem Bug zur erwarteten Windrichtung, gehen wir rückwärts längsseits. Mit Néfertiti so eine Sache. Aber heute benimmt sich das alte Mädchen mal wieder…

Ich gehe mit Sofia zum Seglerheim. Wir sind die beiden eher Ruhigen der Runde. Johan nimmt dort die Fische aus und wir leisten ihm Gesellschaft. Ima zaubert an Bord ebenfalls etwas Köstliches für das gemeinsame Mahl. Wir bauen den Grill auf einem Felsen an der Ecke des Hafens auf, machen Feuer und grillen die Fische. In dem benachbarten Geräteschuppen wohnt ein Mann, der kräftig dem Alkohol zugesprochen hat. Johan bereitet irgendetwas an Bord vor („Surprise, surprise!“), da fängt der Mann an uns anzupöbeln. Einer von nur zwei unfreundlichen Menschen, die wir auf der gesamten Reise treffen werden. Sofia übersetzt, worum es geht, aber wie so oft bei Betrunkenen: Eigentlich pöbelt der Mann nur vor sich hin. Hat nicht mal die Eier zu uns zu kommen und die Auseinandersetzung zu suchen. Will eigentlich nichts ändern, sondern nur seinen Geifer absondern. Ekelhaft. Nach einer Weile bin ich von dem diffusen Lamento genug genervt, dass ich aufstehe, um die Sache auszutragen, aber Ima fasst mich am Arm.
„Der Typ ist betrunken und wir gehen eh gleich an Bord. Lass mal!“ Da hört er von alleine auf.

Es hat schon angefangen zu dämmern. Wir decken den Grill zu und gehen an Bord der Ocean Harmony. Johan hat die Kuchenbude und den Cockpittisch aufgebaut und gedeckt. Kerzen brennen und surprise, surprise: Die Heizung läuft!

Während der Wind über uns im Rigg pfeift, sitzen wir gemütlich im Warmen. Ima und ich haben noch die letzte Flasche von dem guten Wein unseres portugiesischen Nachbarn mitgebracht, die für den Anlass gerade richtig ist. Es wird einer der schönsten Abende der Reise. So sitzen wir bis spät in der Nacht zusammen. Irgendwann verabschieden wir uns. Schlendern Arm in Arm zurück zu Néfertiti. So heftig wie angenommen ist der Wind doch nicht geworden. Aber es ist frisch.
„Die beiden sind so offen und warmherzig. Ich habe das Gefühl neue Freunde gefunden zu haben.“
„Ich auch.“

♦♦♦

 

Dieser Blog Eintrag spielt am 17.8.

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8 Comments

  1. Christian sagt:

    Solche Begegnungen sind was wunderbares :-)
    LG Christian

  2. Walter sagt:

    yep,
    das sind die wunderschönen Erlebnisse des Reisens.
    Wir haben 1985 in Dänemark ein Ehepaar aus Hamburg kennengelernt und sind bis heute in Verbindung.
    Heuer im Juni werden wir uns wiedersehen :-)
    lG Walter

    • Klaus sagt:

      Mein Großvater hat einmal in Österreich mit meiner Mutter wild gecampt. Damals war meine Mutter noch eine sehr junge Frau. Irgendwann kam der Besitzer des Grundstücks und war erst gar nicht angetan… Mein Großvater und der Besitzer sind inzwischen gestorben, aber unsere Familien sind immer noch befreundet… Als ich ein Kind war, haben wir oft mit denen Weihnachten gefeiert, wann immer wir in Innsbruck waren in deren Wohnung übernachtet…
      Man muss nur offen sein ;)

      Wünsche euch viel Spaß im Juni!
      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Hagen sagt:

    Hallo,
    17m/s…??? geht mir auch manchmal so!
    1.Aufkleber von NV
    oder
    http://www.wetter.andreae-gymnasium.de/interaktives/Wind/umrech_wind.htm ;-)
    Weiter so!
    Grüße vom Binnenland
    Hagen

    • Klaus sagt:

      Cooles Umrechentool, Hagen. Finde ich gut, dass es auch Seegangsbilder integriert.
      Danke für den Tipp. Man ist halt mit einer Art die Windstärke zu messen groß geworden. Dann muss man bei den anderen immer nachrechnen…

      Liebe Grüße :)
      Klaus

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