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Segeln als Digitale Nomaden

Verirrt?

Mrz• 09•17

Trotz der kurzen Nacht wachen Ima und ich früh auf. Unser Rhythmus hat sich auf dieser Fahrt so umgestellt, dass wir jeden Morgen mit dem ersten Tageslicht aufwachen. Fast egal wieviel Schlaf wir hatten.
„Wollen wir los?“
„Lass uns doch noch einen Spaziergang machen. Vielleicht sind die beiden auch schon wach.“
Nach einem kurzen Spaziergang, unsere Freunde schlafen noch, brechen wir auf. Bye bye Sofia and Johan. We will meet again!

Enge Passage

Solche Passagen sind in den Schären nicht selten

Schon seltsam, wenn Menschen ein Loch hinterlassen, die man eigentlich gar nicht kennt, nur ein paar Stunden, aber irgendwie auch schön… Ich konzentriere mich lieber auf weltliche Dinge: Ablegen. Wir dampfen rückwärts in die Spring und legen vorwärts ab.

Auch komisch. Früher haben wir die Boote, auch wenn sie dreizehn Meter lang waren, immer von Hand abgesetzt. Wir hatten nicht einmal einen Kugelfender für Notfälle an Bord. Dafür war ich immer bereit vom Steg aus das Boot abzusetzen und im letzten Moment an Bord zu turnen. Ima mag solche Übungen überhaupt nicht. Also manövrieren wir Néfertiti mit Motorkraft und Leinenhilfe. Inzwischen kommt mir das viel einfacher vor…

Klaus navigiert nach Sicht

Schärennavigation

Néfertiti läuft unter Motor durch das enge Fahrwasser. Nach der Passage gestern beunruhigt mich das nicht mehr allzu sehr. Leichter Nordwind, kein Platz zum Kreuzen. Grauer Himmel. Grau in Grau. Ima hat keine Lust zu steuern. Sie verschwindet in der Kajüte:
„Willst du auch deine Handschuhe?“ Es ist wirklich kalt heute. Nordwind. Wer weiß, wo der her kommt…
„Ja, bitte und die Mütze.“

Auf beiden Seiten wachsen die Felsen aus dem Wasser. Was für eine Landschaft! An Backbord öffnet sich eine große Bucht. Vor uns eine Bake. Ich gleiche das mit der Seekarte ab. Wir sollten uns an die Steuerbordseite halten. Da ist es bis zu den Felsen tief. Voraus die enge aber tiefe Durchfahrt. Dahinter sehe ich sogar ein Segelboot ankern.

Enge Passage

Passt!

Johan und Sofia haben ihre Jobs aufgegeben, um eine Reise-App zu vermarkten. Um unterwegs sein zu können. Um überall leben und arbeiten zu können. Ortsunabhängig. Glaube nicht, dass das etwas für mich wäre, aber ortsunabhängig! Wir könnten segeln und gleichzeitig unser Geld verdienen! Ich muss auch eine Möglichkeit finden, ortsunabhängig Geld zu verdienen! Als Autor sollte das doch möglich sein. Gedankenverloren wandert mein Blick zum Echolot. 1,70 m… Was ?!! Ich muss mich erst vergewissern. Tatsächlich: 1,70 m! … Nach einer Schrecksekunde nehme ich Gas weg, stelle den Schraubenhebel auf Rückwärts und gebe Vollgas zurück. Néfertiti stoppt auf. 1,60 m… Noch zehn Zentimeter Wasser unter dem Kiel. Langsam nimmt Néfertiti Fahrt über den Achtersteven auf. Ich nehme das Gas weg. Ima guckt mich entgeistert an.

„Irgendetwas stimmt hier nicht. Zu flach!“ Dabei sind wir in der Mitte des Fahrwassers. Eigentlich sollte voraus eine Tonne stehen. Ich sehe nichts. Und auch die enge Durchfahrt müsste betonnt sein… Schließlich schaue ich auf den Kompass. Wir sollten Nordkurs laufen. Tun wir nicht! Eher Nordost. Wir haben uns verfahren. Aber verirrt sind wir nicht. Als wir wieder zwei Meter Wasser unter dem Kiel haben, wenden wir vorsichtig und laufen zurück zu der Bake. Unserem letzten sicheren Schiffsort. Das ist das beste, was man in solchen Fällen tun kann. (Naja. Oder sein GPS zücken, aber das habe ich ja ins Schapp verbannt… Und ein Notfall ist das noch nicht.)

Hinter einer engen Durchfahrt

Blick zurück

Inzwischen ahne ich, welche Abzweigung ich fälschlicherweise genommen habe und das Echolot misst auch kontinuierlich tiefere Tiefen. Bei der Bake stoppen wir auf, um uns neu zu orientieren. Ich zücke das Fernglas und schaue mir die vermeintliche Bucht genauer an. Im Norden kann ich jetzt auch die vermisste Tonne erkennen. Die Durchfahrt dahinter ist so eng und die Ufer so überlappend, dass das Ganze wie eine zusammenhängende Felsmasse aussieht. Deshalb habe ich für eine Bucht gehalten, was eigentlich mehrere überlappende Inseln sind. (Für die, die mit der Seekarte auf dem Schoß mitlesen: Uns Steuerbord haltend, haben wir anstatt das Fahrwasser westlich von Bredholmen zu nutzen, versucht zwischen Bredholmen und St. Vrångsholmen hindurchzufahren. Bitte kein Spott! Auf der Karte sieht es aus, als wäre so ein Fehler vollkommen unmöglich, aber wenn man nicht ganz bei der Sache ist…) Néfertiti nimmt wieder Fahrt auf und bald sind wir auch durch die enge Durchfahrt hindurch.

♦♦♦

Dieser Blog Beitrag spielt am 18.8.

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8 Comments

  1. Carsten sagt:

    Ach Klaus,

    wieder hast Du ein Schmunzeln auf mein Gesicht gezaubert!

    LG Carsten

  2. Jörg sagt:

    Das selbe ist mit passiert auf der Fahrt von Björlanda Kile nach Öckerö, sogar mit Navionics! Das ist ja gerade das tückische an den Schären. Man kann durch die Überlappungen und verschiedenen Höhen der Felsen Buchten kaum von Durchfahrten unterscheiden. Trotzdem ist es eine atemberaubende Landschaft.
    Fühlte mich gerade wieder auf meinem eigenen Törn 2015. Danke

    • Klaus sagt:

      Wenn man eine Weile in den Schären unterwegs ist, gewöhnt man sich an die anspruchsvolle, Aufmerksamkeit fordernde Navigation. Letzten Endes kochen auch die Schweden nur mit Wasser ;) Woran man sich nicht gewöhnt, ist, dass es im Falle eines Fehlers immer gleich knirscht. Das ist im Watt deutlich entspannter…
      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Klaus sagt:

    Und nein, das passiert nicht nur dir, Klaus. Ich hab solche Irrfahrten auch schon hingekriegt. Ein mulmiges Gefühl, wenn man als nicht Ortskundiger eine schöne Abkürzung fährt und plötzlich ohne jedes Seezeichen inmitten von Dutzenden kleiner Felsen steht, die aus dem Wasser schauen. Für mich hat da die klassische Navigation ein Ende, so etwas mache ich nur noch mit elektronischer Seekarte. Safety first.

    • Klaus sagt:

      „Safety first“ finde ich gut! :D

      Aber was das heißt, öffnet natürlich ein weites Feld:
      Die Auswahl eines Schiffes, das eine Grundberührung besser aushält? Die gedrosselte Geschwindigkeit, damit der eventuelle Aufprall nicht so stark ist? Training mit dem Kartenplotter, bis ich ihn perfekt beherrsche? Trainieren meines räumlichen Vorstellungsvermögens, bis ich den Abgleich zwischen Seekarte und Wirklichkeit perfekt beherrsche? Der Möglichkeiten gibt es viele und am besten man beherrscht sie alle ;)

      Liebe Grüße
      Klaus

      • Klaus sagt:

        Ich schätze die Kombination von Papierkarte und Plotter, beide liegen nebeneinander. Die Papierkarte für den großräumigen Überblick, den Plotter mit starkem Zoom für die Details in meiner Nähe. Insbesondere in den Schären isz es ja nicht immer einfach, jeden Unterwasserfelsen zielsicher in der Karte zu lokalisieren. Darum bin ich für die elektronischen Helferlein in solchen Gewässern sehr dankbar.

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