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Segeln als Digitale Nomaden

Fehlende Haken

Mrz• 12•17

Hinter der Durchfahrt wartet ein schmales Fahrwasser auf Néfertiti. Felsen und Felsen und Felsen. Ima grinst mich an:
„Toll hier!“
„Finde ich auch.“ Manchmal können Worte das nicht ausdrücken, was wir fühlen. Wir wissen beide, dass dieses „toll“ gute Chancen auf den Titel Untertreibung des Jahres hat.

Nach einer Weile erreichen wir die Hafenanlagen von Skärhamn. Sie bleiben an Steuerbord liegen. Vielleicht können wir da morgen unsere Vorräte aufstocken. Heute wollen wir weiter nach Sunna Holme. Zwei Kringel zieren den Eintrag in unserem Hamnguiden. Einer von Ima und einer von Johan. Wenn das keine Empfehlung ist! Bis dahin sind es keine zwei Seemeilen. Obwohl ich mich vorhin verfahren habe, empfinde ich das Ganze doch eher als bestandene Feuerprobe. Schließlich haben wir uns, wenn auch in letztere Sekunde, aber doch ganz manierlich aus der Affäre gezogen… Ohne GPS. Aber Odin ist noch nicht so ganz überzeugt, oder ist es Thor? Jedenfalls halten die nordischen Götter für uns noch eine zweite Feuerprobe bereit…

Blick aus dem Niedergang Néfertitis in den Abendhimmel

Abends

Sunna Holme verfügt über eine fast kreisrunde Ankerbucht. Bis auf die südliche Einfahrt rundum von Felsen eingefasst. Traumhaft schön. In der Mitte der Bucht ankert eine 15 m Yacht und an den Felsen liegen ebenfalls einige Boote vor Heckanker. Vorsichtig laufen wir an der 15 m Yacht vorbei und stoppen auf. Im Führer sind Haken eingezeichnet, aber:
„Siehst du einen Haken?“
„Nee.“ Langsam tasten wir uns näher an die Felswand heran. Wir suchen beide. Kein Haken zu sehen. Sechs, sieben Meter Abstand. Ich checke den Führer:
„Da muss einer sein. Sogar mehrere. Bitte, gib mir mal das Fernglas!“ Gut, das Licht ist ungünstig, aber nach zehn Minuten zentimeterweisem Absuchen mit dem Fernglas, müssen wir uns eingestehen, dass wir an der windtechnisch günstigsten Stelle keinen Haken finden.

Wir beschließen zu ankern. Die 15 m Yacht schränkt den Schwoijkreis für alle anderen ein, da sie wirklich genau in der Mitte geankert haben. Nach kurzer Überlegung fahren wir einen Platz in Luv der großen Yacht an, dichter an den Windschutz spendenden Felsen. Aufstoppen, Anker ins Wasser. Eindampfen. Hand auf die Kette. Deutlich spüre ich, was man nicht spüren möchte: Ruckeln. Ich wende mich zu Ima um und rufe:
„Leerlauf!“ Ima guckt mich fragend an:
„Nicht Motor aus?“ Die Crew denkt mit.
„Nein. Der Anker hält nicht!“ Dann müssen wir doch hinter der großen Yacht ankern. Da, wo man sehen kann, dass Böen die Wasseroberfläche kräuseln. Ein Sonnenstrahl bahnt sich seinen Weg durch die dichte Wolkenschicht. Sehnsuchtsvoll schaue ich zu der windgeschützten Felswand. Plötzlich glänzt vor mir ein niegelnagelneuer Haken im Sonnenlicht.
„Da ist ein Haken!“ Ich kann gar nicht fassen, dass ich den vorhin nicht gesehen habe. Jetzt präge ich mir die Stelle genau ein, anhand der Felsformation. Wir gehen ankerauf. Nehmen genügend Abstand, um den Heckanker (hoffentlich) da zu werfen, wo laut Führer Sandgrund sein sollte und laufen an die Felswand heran. Ima steht am Bug:
„Wo ist der Haken?“ Die Sonne ist wieder verschwunden. Aber ich weiß jetzt, wo ich den Haken suchen muss. Sicher hilft mir meine jugendliche Betätigung als Felskletterer den Felsen zu lesen.
„Da auf dem kleinen Plateau.“
„Da ist kein Haken!“
„Sag einfach die Entfernung zur Felswand an!“ Ima schaut ins Wasser und ruft:
„Fahr weiter!“ So ungenaue Angaben sind nicht wirklich hilfreich bei fünf Tonnen Gewicht.
„In Metern!“
„Fahr weiter!“
„Zentimetern?!“
„Stop!“ Ich belege die Leine des Heckankers auf der Klampe.
„STOP!!!“ und Néfertiti kommt neben der Felsennase zu Stehen, auf der der Haken trohnt.
„Ach da! Jetzt sehe ich ihn auch.“ Ich erspare mir jeden Kommentar und turne nach vorne.

In den Schären

In den Schären

Mit der langsam vorwärts drehenden Schraube schert Néfertiti immer weiter weg von der Felsennase mit dem Haken, obwohl ich das Ruder auf Steuerbordkurve festgestellt habe. Aber nach dem missglückten Anlegemanöver im Nordostseekanal weiß ich, was zu tun ist. Ich gehe zurück ins Cockpit, löse die Leine von der achteren Backbordklampe und belege sie auf der Steuerbordklampe. Gemächlich wandert der Bug wieder Richtung Felsennase. Leerlauf. Nach vorne gehen. Übersteigen.
„Motor aus!“ Nach einer gefühlten halben Stunde sind wir fest. Am besten Platz der ganzen Schäre. Wenn man denn die Haken findet! Vor uns eine vielleicht zehn Meter hohe Felswand, die uns perfekt abschirmt. Feuerprobe 2 bestanden. ;)

Nach Steuerbord kann man aber über leichtes Gelände (Für Kletterer: Schwierigkeitsgrad 1-2) zu einem kleinen Strand klettern, von dem aus man unschwer die Klippe besteigen kann. Oben fegt der Wind mit fünf Windstärken über uns hinweg, aber an Deck herrscht Windstille. Die Sonne kommt heraus. Aber Odin und Thor halten noch eine kleine Belohnung bereit: Während wir oben in den Felsen sitzen mit einem atemberaubenden Blick, und picknicken, brechen nach und nach alle anderen Boote auf. Wir liegen eng umarmt in einer sonnigen, windgeschützten, mit Gras gepolsterten Mulde und schauen auf das Meer hinaus. Ich bin noch ganz im Banne des einen Gedankens: Ortsunabhängig arbeiten…

Wir haben diesen wunderschönen Platz den ganzen Tag über für uns allein. Erst abends bekommen wir Nachbarn, die direkt neben uns festmachen. Junge Leute im 11 Meter Schiff des Vaters. Sie stören uns nicht. Im Gegenteil. Ima freut sich über einen Abendplausch von Bord zu Bord…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 18.8.

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