Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Nur sieben Meilen im Schärengarten

Mrz• 20•17

Als ich zurück in Hamburg war, sagte Marlies bei unserem ersten Treffen sinngemäß (und ich bin sicher, der eine oder andere von Euch denkt das auch):
„Ihr seid echt Weltmeister im langsam segeln!“ (Sie hat mit der Ahoi Marie knapp eine Woche bis Hamburg gebraucht.) Aber warum sollte man durch diese traumhafte Landschaft rasen, wo hinter jedem Stein eine neue Bucht zum Ankern einlädt, ein anderer Naturhafen wartet, eine Schäre schöner ist als die andere… Auch heute stehen nicht viele Seemeilen auf dem Plan. Bis Ängholmen sind es knapp sieben.

Vor dem Wind kreuzen im Schärengarten

Vor dem Wind kreuzen

Als ich morgens den Kopf zum Schiebeluk hinausstrecke, scheint die Sonne. Die Welt ist wie ausgewechselt. Blauer Himmel. Unter Segeln gehen wir ankerauf. Laufen mit gemütlichen 3 Knoten durch die Schären.

Während wir dem Sund folgen, lässt der Wind nach. Zwei Knoten. Egal. Unser Ziel ist ja nicht weit. Von achtern kommt eine kleine Regattayacht auf. Unter Groß und Genaker kreuzen sie in dem engen Fahrwasser vor dem Wind. Meisterhaft. Als sie uns überholen, rufe ich ihnen ein Kompliment auf Englisch zu und hebe den Daumen. Der Rudergänger bedankt sich akzentfrei in Deutsch und sagt etwas Nettes über Néfertiti.

Genaker segeln im Schärengarten

Vor dem Wind kreuzen

Wenn man eines dieser Fahrwasser auch nur ein einziges Mal befahren hat, wird es sofort einfacher, aber im Moment bin ich froh über unsere zuckelnde Fahrt von knapp zwei Knoten. Zeit genug immer wieder die Karte zu Rate zu ziehen, sozusagen geistig immer einen Schritt voraus zu sein, was mir das Geheimnis guter Navigation in den Schären zu sein scheint.

Gullholmen kommt in Sicht. Eng an eng stehen auch hier die Häuschen beieinander, nehmen sich gegenseitig unter die Fittiche und locken… Der Hafen ist gleich querab. Ein leichter Strom setzt nordwärts und unterstützt unsere Fahrt. Ima sagt:
„Malerisch, oder?“ Ich nicke. Eigentlich wollten wir eine Wanderung hierher unternehmen, aber bei dem nasskalten Wetter gestern?
„Wollen wir?“ Ima grinst breit und nickt. Heute brauchen wir nicht viele Worte, um uns zu verstehen.

Die andere Yacht geht dicht vor unserem Bug durch

Vor dem Bug kreuzen

Die Segel sind blitzschnell geborgen, die Maschine gestartet, ein schneller Blick in den Führer und schon läuft Néfertiti gegen den Strom auf den freien Gästesteg zu. Ich dosiere Néfertitis Fahrt so, dass wir auf der Stelle stehen, Ima steigt mit der Vorleine über und ich mit der Achterleine. Fest. Eine Frau spielt mit ihrem Kind vor dem Häuschen, das ich für das Hafenmeisterhäuschen halte. Sie unterbricht das Spiel und ruft uns zu:
„Do you stay over night?“
„No.“
„Than everything is fine!“ Ima stoppt die Maschine und zieht das Schiebeluk zu. Ich lege noch die Springs und schon spazieren wir in den hübschen Ort. Wir schlendern Hand in Hand durch die engen Gassen und stellen uns mal wieder vor, wie es wäre, hier eine Zeitlang zu wohnen. Auch nicht schlechter als Käringön. Die Sonne lacht, Schattenspiele an den Wänden. Es ist inzwischen sommerlich heiß. Was wir mitnehmen, ist vor allem ein Gefühl. Wir lernen niemanden kennen und kommen mit niemandem in Kontakt. Trotzdem fühlen wir uns beschenkt, als wir wieder aufbrechen. Diese Flexibilität, einfach irgendwo anzuhalten zu können, ist auch eines der wertvollen Mitbringsel der kurzen Etappen.

Während Ima noch in der Kajüte herum pusselt, kommt dem Skipper eine Idee. Der Wind kommt von vorne, weht leicht schräg über den Steg. Ideal, um das unter Segeln ablegen zu üben.
„Wollen wir unter Segeln ablegen?“ Aus der Kajüte kommt unerwartet überhaupt keine Gegenwehr.
„Klaro.“ Und als sie den Kopf zum Luk herausstreckt:
„Willst du wieder angeben?“ Da hat man einmal einen Witz gemacht …
„Hier sieht doch eh keiner zu.“ Schließlich sind wir alleine am Steg.

Néfertiti liegt relativ weit vorne. Das ist gut, damit uns der Strom nicht so schnell rückwärts auf die rechtwinklig vom Steg weglaufenden Steine setzen kann, falls uns der Wind im entscheidenden Moment im Stich lassen sollte. Kugelfender ans Heck. Achterleine und Vorspring wegnehmen. Genua ausrollen und Back setzen. (Nicht ganz ausgerollen. Dann steht sie etwas höher und wird Ima weniger behindern. Außerdem lässt sie sich leichter bedienen, wenn man sie nicht um die Wanten herum ziehen muss.)
„Vorleine los!“ Ima wirft die Vorleine los. Der Bug schwingt langsam vom Steg weg. Das letzte Ende der Vorleine platscht ins Wasser. Ima ruft:
„Vorleine ist los!“ 40° vom Steg… Ich ziehe uns an der Spring etwas nach vorne. Néfertiti nimmt Fahrt auf … 50° Steuerwirkung! Ich werfe die Achterspring los und ziehe das lose Ende mit zwei, drei Mal nachfassen binnenbords. Steuere gleichzeitig mit den Oberschenkeln. Néfertiti dreht weiter weg vom Steg.
„Vorsicht, Genua kommt über!“ Ima duckt sich und ich hole die Genua über. Schon fängt das Segel den Wind. Langsam gleitet Néfertiti unter Segeln aus dem engen Quarée. Cooles Manöver! Ima kommt zum Cockpit zurück und wirft mir die aufgeschossene Leine auf die Cockpitbank, nimmt sich der Fender an, während ich die Achterspring aufschieße. Als alles verstaut ist, drehen wir noch einmal kurz bei und setzen das Groß, dann halsen wir und gehen auf Kurs. Rollen die Genua ganz aus. Ima grinst mich breit an. Ich kann sehen, dass sie sich genauso über das gelungene Manöver freut wie ich. Obwohl – oder gerade weil – es keiner gesehen hat.

Gemächlich zieht Néfertiti ihre Bahn. Wir überqueren ein breite Bucht. Ich habe die Genua gegen den Genaker getauscht, kaum, dass wir das schmale Fahrwasser hinter Gullholmen verlassen hatten.

Selber genakersegeln im Schärengarten

Unter Genaker im Schärengarten

Ima ist in der Kajüte zugange. Kurz darauf kredenzt sie eine selbstgemachte Ingwer-Zitrone-Holunderbeerblüten-Limonade, die einfach köstlich schmeckt. Der Wind hat vorlicher gedreht und weiter nachgelassen. Wir laufen nur ein bis zwei Knoten. Ima schaut nicht einmal auf die Logge. Keine spitze Bemerkung. Nur sonnige Harmonie. Ich genieße das sanfte Dahingleiten. Das leise Flüstern der Bugwelle. Alle Seemeilen die wir mit Néfertiti gesegelt sind, kulminieren in diesem Augenblick. Ich weiß nicht, ob ich dieses Gefühl wirklich beschreiben kann: Jede Meile durch schweres Wetter, jeder Brecher den Néfertiti weggesteckt hat, alle Gischt die irgendwann über das Deck geweht ist, aber auch jedes sanfte Dahingleiten ist heute irgendwie anwesend. Schwingt im Sonnenglast mit. Gibt einem das zauberhafte Gefühl etwas geschafft zu haben. Vielleicht sogar etwas Stolz.

Vor uns liegt eine hohe Klippe. Der Strom setzt in die Bucht hinein und versetzt uns in Richtung der steilen Felsen. Bei der geringen Fahrt haben wir nicht wirklich etwas dagegen zu setzen. Das wird knapp. Wir sind fast vorbei, als der Wind erstirbt. Langsam aber sicher werden wir auf die Felsen zu versetzt. Schließlich starte ich die Maschine, die uns aus dem Gefahrenbereich hinaus bringt. Kaum ist die Maschine wieder aus, breitet sich der Zauber von eben auch wieder aus.
„Möchtest du mal an die Pinne?“ Ima schüttelt den Kopf, genießt die langsam vorbeiziehende Landschaft genauso wie ich.

Hinter der Huk müssen wir anluven. Ich berge den Genaker und setze die Genua und wir schleichen hoch am Wind um die Ecke. Plötzlich ein ganz neues Bild vor uns. Wohin man auch sieht, überall Felsen. Kleine Felsschären, große Schären, mittlere Schären. Nichts als Felsen und Wasser. Ich orientiere mich. Da ist die Insel, davor der überspülte Felsen. Dann müsste das da Tornholmen sein. Aber irgendetwas in meinem Unterbewusstsein warnt mich. Wieder und wieder vergleiche ich das Kartenbild mit den Felsen um uns herum. Irgendetwas stimmt nicht, aber ich kriege es nicht zusammengesetzt. Das Echolot ist auch okay. Langsam gleitet Néfertiti weg vom Hauptfahrwasser in den Schärengarten. Backbord voraus ankern zwei Boote. Eigentlich müssten wir auf den Ankerplatz zudrehen. Aber … Ich höre immer auf meine innere Stimme. Sie irrt sich selten.
„Ima, gib mir doch bitte mal das Handy.“ Nur zur Sicherheit.
„Okay.“ Ima steigt in die Kajüte hinunter und reicht mir das Handy heraus.

Wenig später habe ich unsere GPS Position. Wir haben eben nicht Tornholmen passiert, wie ich glaubte, sondern nur einen kleine Schäre an der Huk.
„Was ist?“
„Nichts. Ich war mir unsicher, wo wir sind.“ Tornholmen liegt noch immer vor uns und nicht hinter uns. Wir müssen also den großen Felsen vor uns noch an Backbord lassen und können erst danach auf den Ankerplatz eindrehen. Eine halbe Stunde später bergen wir die Segel und starten die Maschine bei völliger Flaute, während sich der Himmel zu zieht. Wir laufen das letzte Stück auf den Ankerplatz zu.

Die beiden Muringbojen bei Angholmen sind belegt. Vorsichtig tasten wir uns an den beiden Segelbooten vorbei und ankern auf etwa drei Metern. Während ich das schwere Ankergeschirr ins Wasser gebe, sitzt Ima an der Pinne.
„Langsam eindampfen!“ Ima stellt den Schraubenverstellhebel auf Rückwärts. Ich lege die Hand auf die Ankerkette. Es ruckelt und ruckelt.
„Leerlauf!“ Ima verstellt den Hebel.
„Was ist?“
„Der Anker hält nicht. Wir gehen wieder ankerauf!“ Schade. Dieser Teil der Bucht ist am besten geschützt. So müssen wir weiter draußen ankern, wo der Führer guten Ankergrund ausweist.

Wenig später ankern wir auf acht Metern. Ima dampft den Anker ein. Diesmal gräbt er sich klaglos ein. Kein Ruckeln mehr und kein Zuckeln.
„Alles klar. Motor aus!“

Nur sieben Meilen. Aber haben wir deshalb weniger erlebt?

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 21.8.

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4 Comments

  1. Christian sagt:

    Hallo Klaus, ich stelle mir das herrlich vor, so langsam und mit wenigen sm durch die Schären zu schlampern. Genau meines :-) und die Harmonie an Bord spricht sowieso für sich. Ich warte nicht umsonst mit meiner Schärenplanung, bis ich in 4 Jahren im Ruhestand bin. Nur mit viel Zeit im Gepäck kann man das so genießen :-) LG Christian

    • Klaus sagt:

      Hallo Christian,
      Ja, Zeit sollte man schon mitbringen… Andererseits haben Marlies und Holli mit der 6,70 m „Ahoi Marie“ bewiesen, dass man bei günstigen Bedingungen auch relativ schnell da oben sein kann (Von Kiel aus braucht man je nach Motorleistung zwei Tage durch den Kanal und einen über die Elbe nach Hamburg, blieben roundabout 4 Tage von Kiel nach Kungsbacka) Wer also sein Boot sowieso schon in der Ostsee liegen hat und mit etwas stärkerer Mannschaft segelt…
      Ansonsten macht Segeln ohne Zeitdruck natürlich immer mehr Spaß (und ist meist auch sicherer, weil man nicht in die Versuchung gerät unter dem Druck von Rückreiseterminen bei ungünstigen Bedingungen auszulaufen.)

      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Carsten sagt:

    Einfach schön! Danke!

    Lieben Gruß

    Carsten

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