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Segeln als Digitale Nomaden

Hallo Hällö

Mrz• 25•17

Als es dunkel wird, checke ich den Wetterbericht, um mit den Informationen die Navigation vorzubereiten. Ima sieht von ihrem Schmöker auf und guckt mir von ihrer Koje aus zu:
„Und?“
„Perfekter Segelwind. Vier Bft aus Südwest.“
„Den willst du ausnutzen?“
„Ja.“ Vor uns liegt das angeblich gefährlichste Seegebiet der westschwedischen Schären. Um es zu entschärfen wurde von 1931 bis 35 der Sotekanal gebaut. (War wohl gleichzeitig auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die strukturschwache Gegend) Aber ich will außen herum. Bei dem guten Segelwind können auch die Weltmeister im Langsamsegeln mal eine (naja… etwas) größere Etappe ins Auge fassen… Néfertiti laufen lassen…
„Wir könnten nach Hamburgsund, mal wieder etwas Hafenluft genießen, oder zu einer der umliegenden Schären. Mal sehen.“ Ima hat sich wieder ihrem Roman zugewendet:
„Okay.“ Halber Wind bis Hällö und dann Raumer…

Im Schärengarten: Hällö

Néfertiti

Am nächsten Morgen wache ich früh auf. Voller Vorfreude springe ich aus der Koje und strecke meinen Kopf zum Niedergang hinaus. Grauer Himmel. Unfreundlich. Und kaum Wind. Wird schon noch kommen.

Wir gehen unter Segeln Ankerauf und dümpeln uns bei 1-2 Windstärken aus der Bucht hinaus. Segeln zwischen ein paar Felsen hindurch, um abzukürzen. Vielleicht kein Hasardstück, aber anspruchsvoll genug, um endgültig wach zu werden. Spart uns eine Meile, was nach nicht viel klingt, aber bei der aktuellen Geschwindigkeit fast einer Stunde Zeitersparnis entspricht. Um eine unbezeichnete Untiefe von 1,9 m zu umgehen halten wir erst auf die Mitte von Laangö zu. Bis dicht ans Ufer ist es dort tief, wenn die Felsen uns auch das letzte Bisschen Wind stehlen…

Im Schärengarten: Lysekil

Aufbruch unter fragwürdigem Himmel

Als wir eine Stunde später das betonnte Fahrwasser erreichen, ist endlich auch etwas Wind da. Allerdings aus West. Wir kreuzen gegenan. Bei der roten Tonne (Fl, 3s) werden wir abbiegen und hoffentlich anliegen können. Schlag um Schlag kämpfen wir uns vorwärts. Der weithin sichtbare Kirchturm von Lysekil verschwindet in einer Regenfahne. Schließlich erreichen wir die Tonne. Pünktlich dreht der Wind auf … Nordwest. Genau die Richtung, in die wir wollen. Wir kommen den überspülten Steinen zu nahe. Wenden. Das müsste reichen. Zurückwenden.

Im Schärengarten: Lysekil

Der Kirchturm von Lysekil ist eine weithin sichtbare Landmarke

Doch nicht. Wieder landen wir wir für meinen geschmack zu nahe an den Felsen. Wende folgt auf Wende. Wir machen nur wenig Luv. Offenbar steht uns nicht nur der Wind sondern auch der Strom entgegen. Ganz allmählich arbeiten wir uns an den Felsen vorbei. Als Skipper sollte man genau aufpassen, was man in solchen Situationen von sich gibt. Ich bin mir gar nicht bewusst überhaupt etwas gesagt zu haben, als Ima plötzlich sagt:
„Ich denke Segeln macht dir Spaß.“
„Wie?“
„Du fluchst immer beim Segeln.“ Hä??? Ich nehme mal an, dass das „immer“ eine ägyptische Übertreibung ist, aber im Moment bin ich tatsächlich etwas angestrengt. Habe mich so auf diesen Segeltag gefreut und jetzt dieses mühsame Ringen um jede Meile. Die zwei riesigen Baken bei Brandskärs Flak kommen und kommen nicht näher.
„Wenn der Wetterbericht zur Abwechslung mal gestimmt hätte, hätten wir längst Hällö passiert.“ Imas Gesicht verändert sich plötzlich:
„Hällö?!“
„Ja. Warum?“
„Da wollte ich unbedingt hin. Hällö. Wegen dem Namen.“
„Ok…ay…“ Ich dehne das Wort, um noch einen Moment nachdenken zu können.
„Es gibt auf Hällö nur einen engen und knifflig anzulaufenden Naturhafen…“
„… und der ist bei dieser Windrichtung ungeschützt?“ Vervollständigt Ima meinen Satz zur Frage.
„Nein. Der ist sogar super geschützt.“
„Aber du willst nicht hin?“ Naja. Segeln ist im Moment nicht wirklich die reine Freude.
„Doch von mir aus. Wir müssen ihn nur finden!“ Auch mit Seekarte und Führer gemeinsam konnte ich gestern Abend nicht sicher bestimmen, wo dieser Naturhafen sein soll. Irgendwo an der Ostseite Hällös… Ima guckt mich fragend an:
„Okay, was meinst du damit?“
„Ich meine, lass uns nach Hällö segeln.“
„Echt jetzt?“
„Ja. “

Im Schärengarten: Hällö

Wogende Felsen

Rasmus hat einen sehr (sehr, sehr) seltsamen Sinn für Humor. Fünf Minuten, nachdem wir uns entschieden haben Hällö anzulaufen, dreht der Wind zurück auf West. Zehn Minuten später rauscht Néfertiti mit 4-5 Knoten bei halbem Wind aus Südwest gen Hällö. Sogar die Sonne kommt heraus. Plötzlich macht Segeln wieder Spaß. Néfertiti pflügt durch das Wasser, dass es eine Freude ist. Kaum eine halbe Stunde später stehen wir südsüdöstlich Hällös bei der ersten Untiefentonne (Süd).
Ima hat die Größe mich von meinem Wort zu entbinden:
„Jetzt, wo es so gut läuft!“ Das rechnet der Skipper ihr so hoch an, dass er trotzdem den Kurs ändert, auf die Kardinalstonne Ost zu, die vor der Ostseite Hällös liegt.

Néfertiti läuft an der felsigen Küste entlang. Ima sucht mit dem Fernglas.
„Siehst du was?“ Eine kleine Yacht kommt uns unter Motor entgegen.
„Da vorne ist der Kai.“ Sie reicht mir das Glas. Tatsächlich eine Art Landesteg, aber er sieht ganz anders aus als auf dem Foto. Wirkt auch nicht besonders geschützt…
„Nee, das sieht anders aus.“ Hinter uns springt das Ufer zurück. Ein hoher Felsen hatte den Blick verwehrt. (Er trägt den bezeichnenden Namen Hamnskär, Hafenschäre, aber die Feinheit hatte ich damals noch nicht begriffen) Plötzlich erkenne ich Bojen im Fünfmeterabstand und die enge Einfahrt. Dahinter auch die richtige Pier. Irrtum ausgeschlossen.

Im Schärengarten: Hällö

Die enge Einfahrt liegt hinter Néfertitis Heck. Der hohe Felsen im Hintergrund ist Hamnskär.

„Da ist es. Hinter uns!“ Ich rolle die Genua ein und drehe in den Wind. Während ich das Groß berge läuft die schwedische Yacht (auch nicht größer als Néfertiti), die uns entgegengekommen war, an uns vorbei auf die Einfahrt zu und zerstreut damit auch Imas letzten Zweifel. Ima beobachtet die Yacht und kommentiert:
„Die legen sich an den Kai. Wenn für uns kein Platz mehr sein sollte, können wir ja weiter segeln.“
„Okay, aber erst einmal gucken wir uns das an.“ Das Groß ist aufgetucht. Ima startet die Maschine und hält auf das schmale Bojenfahrwasser zu, während ich noch Fender und Leinen an Steuerbord ausbringe.
„Übernimmst du?“ fragt Ima.
„Klar.“ Ich greife nach der Pinne. Gestern Abend hatte ich die enge Einfahrt gescheut, aber inzwischen reizt die Herausforderung: Um nichts in der Welt möchte ich jetzt weiter segeln. Wir stehen kurz vor der ersten Boje, da werfen die drüben die Leinen los und drehen, kommen wieder heraus. Ich stoppe auf, denn im Fahrwasser zwischen den Bojen ist kaum Platz für zwei Boote.

Als sie auf unserer Höhe sind, rufe ich:
„Why do you leave?“
„Too narrow!“ Zu eng. Das kann ja heiter werden. Vorsichtig laufen wir weiter. Am Kai prangt ein riesiges gelbes Verbotsschild. Ich habe es auch gelesen als Ima sagt:
„Anlegen verboten!“ Aber ich habe mir den Schlachtplan schon zurecht gelegt.
„Machen wir trotzdem. Dann checke ich zu Fuß die Lage und je nachdem verholen wir, oder segeln weiter.“

Im Schärengarten: Hällö

Glücklich fest!

Wenige Minuten später liegt Néfertiti längsseits an der Pier. Vor uns ein enger Felsenschlauch. Vom Wind, der draußen vier bis fünf Windstärken hat, ist hier kaum etwas zu merken. Das wird das Manövrieren vereinfachen. Ich klettere auf die Felsen. Innen liegt nur ein Motorboot. Der Kanal scheint zu eng zum wenden, aber die Felsen fallen fast senkrecht ins Wasser, bis auf eine Stelle. Wir werden bis zu dieser Stelle vorfahren, dann ist hinter uns noch Platz für ein anderes Boot. Allerdings befindet sich der Haken für die Achterleine in gut vier Metern Höhe, vom Boot aus nicht zu erreichen. Das schaffen wir schon. Wenn Ima das Ruder übernimmt, könnte ich über die Felsen turnend die Leinen führen. Als ich zurück an Bord komme, sagt Ima:
„Lass uns lieber woanders hin fahren.“ Die hohen Felsen haben ihr Respekt eingeflösst.
„Das schaffen wir schon. Du bleibst an Bord und hältst Néfertiti von den Felsen ab! Und ich ziehe uns nach vorne.“ Plötzlich steht der Motorbootfahrer auf den Felsen vor uns:
„Do you need a hand?“
„Would be great.“

Das Verholen erweist sich als einfacher als gedacht. Nur komisch in fünf Meter Höhe die Leinen zu führen. Gut, dass der Fels trocken ist. Während ich Néfertiti an der Vorleine ziehe, bedient der Schwede die Achterleine und Ima steuert Néfertiti klar von der Felswand. Die Fender tun ihr übriges… Dann liegt Néfertiti längsseits an den Felsen vor zwei Haken. Mit ein wenig Klettern werden noch die Springs ausgebracht und dann haben wir Zeit diesen wahrhaft himmlischen Liegeplatz zu bestaunen.
„Tack!“ Eine Einladung zum Tee schlägt der hilfsbereite Schwede aus. Ima zieht es an Land, während ich Nefertiti noch ein wenig fein justiere, damit man (möglichst) leicht an und von Bord gelangen kann. Ein bisschen Kletterei ist aber doch nötig.

Im Schärengarten: Hällö

Ein bisschen Klettern ist aber doch nötig

Hällö ist ein riesiger Felsen im Meer. Mit einer magischen Anmutung. Als Ima zurück kommt, ist sie voller Begeisterung:
„Das ist meine Insel! Fast so schön wie Wangerooge!“ Das will was heißen!

Nach einem gemütlichen Tee, brechen wir auf zu einer Querfeldeintour Richtung Süden. Ein Feldhase flüchtet vor uns. Ein Hase in dieser Felsengegend? Später sehe ich noch einige andere… Tatsächlich blüht und gedeiht es in jeder noch so kleinen Mulde. Irgendwo verwehrt uns ein breiter Canyon den Weiterweg. Wir laufen an der Schlucht entlang. Schließlich finden wir Wegmarkierungen, wie im Hochgebirge, die zu einer Brücke über den Canyon führen.

Abends, wir genießen gerade unser Abendbrot, kommt noch eine Segelyacht herein. Schweden. Sie fahren langsam an uns vorbei, wollen an den Platz vor uns.
„Attention!“ Ich zeige mit dem ausgestreckten Arm auf den vorspringenden Felsen vor unserem Bug und klettere dann an Land, um ihnen zu helfen. Sie entscheiden sich neu. Wollen doch an den Platz hinter uns gehen und manövrieren rückwärts. Ich klettere auf die Klippe zu dem hohen Haken, der für die beiden an Bord unerreichbar ist. Sie fahren rückwärts wieder aus dem Nadelöhr. Plötzlich bricht der Bug aus.

Im Schärengarten: Hällö

Néfertiti im Naturhafen von Hällö

Der Skipper gibt Vollgas voraus, um den Bug wieder einzufangen, aber das Manöver misslingt. Krachend donnert der Bug in die Felsen auf der anderen Seite. Später sind nicht mal Lackkratzer zu sehen. Mit Rückwärtsfahrt bringt er das Boot wieder unter Kontrolle. Fährt einen Anlauf, seine Frau wirft mir die Vorleine zu. Ich führe sie um den Haken und gebe ihr den Rest der Leine wieder zurück. Dann eile ich über die Felsen, um auch die Achterleine anzunehmen. Kurz danach liegen sie fest. Das Pech der Schweden hätte uns Mahnung sein sollen, aber leider haben wir sie nicht vernommen…

 

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Dieser Blog Artikel spielt am 22. 8.

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