Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Autsch!

Mrz• 28•17

Wir liegen im geschützten Mauseloch des Naturhafens von Hällö. Geschützt, aber eben auch Mauseloch. Jetzt wollen wir wieder hinaus. Das „Wendebecken“, das man auf dem Foto sieht, scheint mir zu flach für uns zu sein. Das Segelboot, das spät abends noch herein kam und vor uns fest gemacht hat, schränkt den Raum mit tiefem Wasser weiter ein. Anscheinend führt für uns der einzige Weg … rückwärts hinaus. Auch dort wird der Raum eingeschränkt durch die Schweden. Am Pier liegt außerdem ein breites Motorboot, scheinbar der Versorger des Wanderheims auf der Insel. Wer unseren Blog schon eine Weile verfolgt, weiß, dass Néfertiti widerspenstig ist, wenn sie rückwärts fahren soll.

Ima zwischen den Felsen

Ima meditiert


„Wir gehen auf Nummer sicher. Hangeln uns an den beiden Booten rückwärts raus. Sobald die Vorspring eingeholt ist, ist deine einzige Aufgabe uns abzuhalten.“
„Okay.“ Ich starte den Motor. Der Skipper des Schweden erscheint an Deck und bietet seine Hilfe an.
„Yes, please, much appreciated!“ Ich hätte das Manöver neu besprechen sollen! Wir dampfen kurz in die Spring, das Heck wandert von den Felsen weg. Leerlauf.
„Vorspring los!“ Langsam laufen wir rückwärts. In dem Moment kommt die Fähre an. Ein großes rotes Motorboot. Es legt sich mit dem Heck zu uns an die Pier hinter den Versorger und lässt den gewaltigen Außenborder weiter laufen, was ich nicht bemerke. Derweil erreicht Néfertiti, Hand über Hand verholt, die Schweden. Langsam gleiten wir rückwärts. Der Schwede hält uns ab. Zwischen dem Schweden und dem Versorger sind ein paar Meter Abstand. Am besten hält uns der Schwede mit der Vorleine unter Kontrolle.
„Gib dem Schweden die Vorleine!“ Ich greife den Bugkorb des Versorgers. Der Schwede lässt los. Da ruft Ima:
„Vorleine?! Die habe ich nicht mehr!“ Als der Schwede uns abhielt, fühlte sich Ima nicht mehr gebraucht. Sie hat die Vorleine von der Klampe genommen und angefangen sie aufzuschießen. Néfertiti gleitet langsam weiter rückwärts. Da bemerke ich den Schraubenstrom der Fähre im Wasser. Ich rufe dem Bootsführer zu:
„Please stop your engine!“ Er reagiert nicht. Ich kriege die Reling des Versorgers zu fassen.
„ PLEASE STOP YOUR ENGINE!“ Ein paar der Fahrgäste, die mit Aussteigen beschäftigt sind, wenden mir den Kopf zu und sehen mich an, als käme ich vom Mars.
„STOP YOUR ENGINE!!!“ Das Heck Néfertitis wandert unbeeindruckt durch den seitwärts setzenden Schraubenstrom. Vielleicht geht es doch so…

Néfertiti in den Schären

Das „Wendebecken“

Es geht nicht. Der tiefe Kiel gab dem Heck sozusagen unter dem oberflächlichen Schraubenstrom Halt, aber zum Bug hin nimmt unser Tiefgang kontinuierlich ab. Schon wird der Bug zur Seite gedrückt. Ima hat den Bugkorb des Versorgers noch nicht zu fassen. Ich reagiere schnell. Gebe Gas voraus, um Néfertiti wieder unter Kontrolle zu bekommen, wiederhole damit aber nur den Fehler des Schweden gestern. Schon kracht unser Bug in die Felsen drüben. Leerlauf. Néfertiti legt sich quer. Langsam rückwärts. Noch zehn Zentimeter zum Heck der Fähre. Vorne auch nicht mehr. Der nicht vorhandene Wind, der Strom oder was auch immer drückt Néfertitis Bug herum. Ich manövriere nur so, dass ich mit unserem Heck weder die Fähre noch den Versorger touchiere.
„Ima: Bootshaken!“ Ich löse ihn aus der Verankerung am Heck und reiche ihn Ima. Der Bug schwingt langsam weiter. Endlich stellt der Fährmann seinen Motor aus. Ima drückt uns mit dem Bootshaken herum. So wenden wir am Ausgang des Mauselochs, der engsten Stelle an der ich jemals gewendet habe. Vielleicht hätte uns (und gestern den Schweden) mehr Fahrt rückwärts retten können. Der Schraubeneffekt hätte das Heck von der Fähre weggezogen. Mit mehr Fahrt hätte Néfertiti irgendwann auch wieder auf das Ruder reagiert. (Wenn wir bis dahin nicht die Fähre gerammt hätten.) Nur ein paar Meter weiter hätten wir das Mauseloch hinter uns gehabt und normal wenden können… Wahrscheinlich aber wäre das Beste gewesen gar nichts machen. Wir wären vergleichsweise sanft gegen die Felsen getrieben, hätten uns abgestoßen, damit Néfertiti neu ausgerichtet und die letzten Meter zur Wendestelle rückwärts auch noch geschafft…

Wolken und blauer Himmel

Himmel über Hällö und hunderte von Möwen

Nachdem wir die schmale betonnte Zufahrt hinter uns gebracht haben, stoppe ich auf. Begutachte den Schaden: Am Bug ist an mehreren Stellen der Lack weggeplatzt bis auf die Zinkschicht. Eine Bagatelle im Vergleich zum angekratzen Stolz des Skippers. Ich rolle die Genua aus und stelle die Maschine aus. Ärgere mich über mich selbst. Und über den ignoranten Steuermann. Und über mich selbst. Und ganz besonders über mich selbst. Jetzt legt die Fähre schon wieder ab. Warum habe ich nicht längsseits des Schweden gewartet? Warum habe ich das Boot nicht am Liegeplatz mit Leinenhilfe gedreht? Warum? Ima versucht mich zu trösten:
„Gräm dich nicht, bloß weil mal ein Manöver unter Hunderten schief geht.“ Irgendwie hat sie Recht. Ist trotzdem leichter gesagt, als getan. Die Fähre donnert heran, wird langsamer. (Was übrigens viele, viele, viele schwedische Motorboote machen. Rücksicht nehmen. Langsam überholen oder begegnen, damit wir Segler vom Schwell nicht so durchgeschüttelt werden. Durch ein Ankerliegerfeld donnert hier kaum einer mit Full Speed. Und wo werden noch einmal die Führerscheine gemacht?!) Es kostet mich etwas Überwindung, aber ich hebe dann doch die Hand zum Gruß.
Der Steuermann winkt zurück. Dann sind wir durch sein Kielwasser hindurch und er gibt wieder Gas. Ein griffbereiter Bootshaken hätte uns übrigens auch das ganze Schlamassel ersparen können. Seitenstrom oder nicht. Also eindeutig … ähm … ein Skipperfehler.

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 23.8.

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8 Comments

  1. Wolfgang G. sagt:

    Na, zum Glück mal wieder glimpflich davongekommen. Beeindruckend selbstkritisch und… lehrreich! Danke für die packend geschriebenen Tagesmomente, die mir Dein Blog immer wieder zu geben vermag. Einen gelungenen „richtigen“ Start in eine schöne Saison wünsche ich!

    • Klaus sagt:

      Hi Wolfgang,
      Eine schöne Saison wünsche ich dir auch.

      Am Montag war mein erster frühlingshaft warmer Tag auf Néfertiti :) Habe wegen eines leichten Hexenschusses (in der Besserungsphase) kaum etwas gemacht, sondern hauptsächlich gemütlich im Cockpit gesessen… Marlies von der Ahoi Marie kam zu Besuch und wir haben Tee getrunken. Eigentlich wollten wir den Heizungsaufsatz für den Gasherd testen, aber dafür war es zu warm…
      Ab und zu fuhr ein Schlepper oder eine Barkasse vorbei und hat Néfertiti leicht gewiegt. War ein wunderschöner erster Wohlfühltag an Bord… Mal sehen, wann Ima und ich zum ersten mal segeln. Das wird dann der richtige Saisonstart sein!

      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Christian sagt:

    Lieber Klaus, solche Erfahrungen teilst Du mit vielen Skippern und hinterher ist man immer schlauer! Wichtig ist immer, Farbe, Stahl etc.kann man reparieren. Wichtig ist Crew und Skipper nix passiert!

  3. Armin März sagt:

    Einzig der Stolz des Skippers hat etwas Schaden genommen ;-) Es wäre aber auch schade, wenn nicht!

    Hast Du eigentlich meine Mail bekommen oder ist die wegen zu vieler Links im Spamfilter hängen geblieben?

    Viele Grüsse
    Armin

    • Klaus sagt:

      Mensch Armin, entschuldige, Deine tolle Mail ist mir tatsächlich durchgerutscht. Bin froh, dass es doch nicht sooo schlimm war. Werde deine Anmerkungen bei der nächsten Auflage einbeziehen! Hoffen wir mal, dass es eine dritte Auflage gibt… ;)

      Tolles Boot! Sieht wunderschön aus. Wenn ich das nächste Mal im Süddeutschen Raum bin, würde ich gerne mit Euch segeln gehen. Danke für die Einladung: Freut mich tierisch… Und falls ihr mal in Hamburg sein solltet, meldet Euch unbedingt, dann können wir auch mal zu Néfertiti hinausfahren…

      Liebe Grüße
      Klaus

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