Fahrtenseglers-Glück.de

Leben als Digitale Nomaden

Segeln in Schweden: Auf nach Storö

Apr• 02•17

Am nächsten Morgen eile ich sofort an Deck, um die Reuse einzuholen, die die ganze Nacht im Wasser war. Der Himmel schaut unfreundlich. Grau. Fies. Aber (noch) trocken. Ima ist nicht weniger neugierig als ich. Hand über Hand hole ich die Leine ein. Wie schwebend kommt die Reuse langsam zur Wasseroberfläche. Es sitzen einige große Krabben darinnen. Fischers Glück…

Fischen in Schweden: Klaus holt die Reuse ein

Etwas gefangen?

Im Laufe des Tages soll es stärker wehen, deshalb wollen wir früh los. Nach Storö, einer Felseninsel, die dem eigentlichen Schärengürtel vorgelagert ist. Ein Felsen mitten im Meer. Aber die Krabben, das Geschenk des Meeres, zurückweisen?

Wir setzen Wasser auf und kochen die Krabben vor. Lecker rot warten sie den Tag über darauf abends zu einer Paella verarbeitet zu werden. Dann legen wir unter Segeln ab. Ima löst die Vorleine und ich ziehe uns am Heckanker zurück, bis wir kurzstag liegen. Der Wind dreht uns so, dass ich den Heckanker nur noch ausbrechen muss und die Genua ausrollen. Néfertiti nimmt Fahrt auf und wir segeln auf die westliche Ausfahrt zu. Nicht so eng wie die nordöstliche Einfahrt, aber eng genug. Wir können anliegen. Schnell das Groß hoch. Doch nicht anliegen: Ein Holeschlag ist nötig. Laufen auf die Felsen zu. 16 m Wassertiefe … 16 m Wassertiefe … Das Echolot springt auf 3 m! Ich reiße das Ruder herum. Keine Zeit für normale Kommandos:
„Achtung Wende!“ Genua back. Überholen … 17 m… Bin froh, als wir durch die Einfahrt geschlüpft sind.

Segeln in Schweden, Ima auf dem Weg nach Storö

Auf nach Storö: Noch ist der Seegang moderat

Draußen erwarten uns drei bis vier Windstärken. Néfertiti marschiert mit halbem Wind auf Storö zu. Unterwegs gilt es einigen betonnten Unterwasserfelsen auszuweichen und einigen unbetonnten …

Erst einmal laufen wir auf dem gestern abgesteckten Kurs. Die Schären treten zurück und im gleichen Maße nimmt der Seegang zu. Aus Südwesten rollt Dünung heran. Ima setzt sich auf ihren Lieblingsplatz am Niedergang. Wir treffen die Untiefentonne nördlich Torrens genau.
„Das schaukelt aber heftig für das bisschen Wind!“
„Ja. Wahrscheinlich eilen die Wellen dem Wind voraus. Irgendwann werden wir auch den passenden Starkwind zum Seegang haben. Ist ja auch angekündigt.“ Sie dreht sich zu mir um und verzieht ihr Gesicht zu einem schiefen Grinsen:
„Du solltest mich trösten!“
„Trösten?!“
„Ja. Was Positives sagen. Deine Crew aufmuntern…“
„Achso… Freu dich, wir haben noch keinen Sturm!“
„Trösten!!“ Ich streiche mit meiner freien Hand über ihren Rücken.
„Schon besser!“ Wenn ich mich anstrenge, fällt mir noch mehr Tröstliches ein:
„Die Hälfte der Strecke haben wir schon fast…“ (Das ist eine Übertreibung) „…und das letzte Stück werden wir im Landschutz von Lyngö und Ärholmen zurücklegen.“ (Das ist eine Hoffnung)
„Sowas wollte ich hören.“ Aha.

Néfertiti wiegt sich weich im Rhythmus der Wellen. Sie marschiert stetig auf die Schäre Storö zu, die am Horizont gut auszumachen ist. . Auf und ab. Vor uns liegt irgendwo eine Untiefentonne vor einer Untiefe mit nur 1,50 m. Auf die habe ich den Kurs abgesetzt. Vorher sollte an Backbord eine zweite Ost-Tonne auftauchen und an Steuerbord lauert eine Untiefe mit 1,20 m. Ich kann nichts ausmachen. Mulmiges Gefühl. Ich nehme das Fernglas zur Hilfe, das diesmal schon griffbereit im Cockpit lagert. Ima braucht nicht einmal aufzustehen. Da. Eine Untiefentonne taucht im Seegang auf und verschwindet wieder.
„Da ist sie.“ Topzeichen Ost. Soweit so gut, aber wo sind die anderen? Ein Sonnenstrahl stiehlt sich durch die graue Wolkendecke und lässt die Tonnen leuchten. Alles klar. Ich ändere den Kurs etwas auf Lille Haskär zu und Néfertiti läuft sicher zwischen den beiden Untiefen durch. Jetzt müssen wir nur noch den Felsen vor Haskär aus dem Weg gehen…

Ima beschäftigt sich mittlerweile mit Angeln. Wirft die Leine aus. Gibt nach, bis ein Großteil der Leine im Wasser ist. Holt sie nach einer Weile ein. Nichts. Wirft sie wieder aus…

Segeln in Schweden: Schären

Segeln in Schweden: Immer wieder lauern Unterwasserfelsen dicht unter der Wasseroberfläche. Aber bei Seegang sieht man die Brandung

Néfertiti wird auf Haskär zu versetzt. Glaube ich. Ich gehe höher an den Wind, um das auszugleichen, noch höher. Nach einer Weile ist klar, dass wir nur sehr knapp an den Felsen vorbeischrammen werden. Die sind zwar nur teilweise überspült, also relativ gut auszumachen, aber außerdem ist nicht ganz klar auf welchen Teil des gewaltigen Felsens, den ich für Storö halte, wir denn zu laufen sollen, denn Storö und Torsö dahinter verschmelzen optisch zu einer gewaltigen Schäre… Ich drehe zur Sicherheit bei und nehme ein paar Peilungen. Setze den Kurs neu ab. Da sagt Ima:

„Ich glaube ich habe was.“ Sie spürt einen deutlichen Widerstand und holt die Leine ein, während ich das Messer bereit lege. Meter um Meter wickelt sie die Leine auf. Ein metallisches Schlagen gegen die Bordwand. An der Angel hängt ein Bund Seegras.

Ich hole die Genua über und wir segeln auf dem anderen Bug eine Meile, um mit etwas Sicherheitsabstand wieder zu wenden. Der Wind legt langsam aber stetig zu. Etwa fünf Windstärken. Wir segeln mittlerweile hoch am Wind.  Die Felsen bei Haskär liegen sicher hinter uns.

Ima ist immer noch mit der Angel beschäftigt. Obwohl sie noch nichts gefangen hat, lächelt sie mich an:
„Das ist ein tolles Spielzeug. Lenkt von den Wellen ab.“ Tatsächlich spritzt Néfertiti immer wieder Gischt zur Seite, aber im Großen und Ganzen haben wir kaum Wasser an Deck und so langsam erreichen wir auch den Landschutz Storös. (Lyngö erwies sich als bloße Hoffnung. Der Angel sei dank hat Ima es aber kaum gemerkt.) Wir segeln unter der felsigen Küste entlang der Insel, wollen nördlich um Stornö herum, um den Naturhafen zu erreichen, der auf der Westseite Storös liegt. Ein kleiner Umweg gegenüber der Querung südlich herum. Dafür segeln wir jetzt in Lee der Insel.

Segeln in Schweden: Schären

Überwasserfelsen… Aber Vorsicht bei Nacht!

Néfertiti erreicht den Einschnitt zwischen Stornö und Torsö. Ima holt die Angel ein. Nichts gefangen, aber Spaß gehabt. Ich rolle die Genua ein. Lasse Néfertiti hoch am Wind laufen und gehe vor zum Mast. (Habe die Umlenkung ins Cockpit heute probeweise umgangen, weil da soviel Reibung im System ist, dass es einfacher scheint das Fall ohne Winsch am Mast dichtzuholen.) Néfertiti luvt langsam an, ich gebe das Fall frei und das Großsegel kommt herunter, bevor es zu killen anfangen konnte. Perfekt. Während ich das Groß auftuche, treibt Néfertiti auf der Stelle. Ima hat die Angel unter Deck verstaut und startet nun die Maschine.

Ganz langsam laufen wir in den schmalen Felsenschlund ein. In die Felsen wurde ein Steg gebaut, an dem man gut festmachen kann. Weiß aber nicht wie man liegt, wenn ein stürmischer Südsüdwest da hinein bläst. Am liebsten würde ich in den schmalen Einstich, der laut Karte kurz hinter der Einfahrt abbiegt, in dem man wirklich 360° Schutz hat. Schon jetzt sind wir in ruhigem Wasser. Ima bereitet Leinen und Fender vor. Ich fahre noch etwas langsamer in den schmalen Schlauch, um ihr genug Zeit zu geben. Am Eingang des Einstichs liegt eine norwegische Yacht, die irgendwie weit gereist aussieht. Die junge Frau im Cockpit winkt uns heran. Bin lieber etwas vorsichtig bei frischem Südwest-Seitenwind. Steckt mir noch Hällö in de Knochen? Dann sollte ich besser sofort wieder auf’s Pferd steigen.
„How deep is it inside?“
„It is deep enough! Come! It is great here!“ Ihr Freund kommt nun an Deck und beide machen Anstalten auf die Felsen zu klettern. So herzlich eingeladen: Wer könnte da widerstehen? Ich lege Ruder und langsam gleitet Néfertiti über das spiegelglatte Wasser des Einstichs. (Kein Seitenwind im Windschatten der hohen Klippe by the way) Ich kann den Grund sehen. Das Echolot verweigert zwar gerade seinen Dienst, aber ich würde die Tiefe auf mindestens vier Meter schätzen. Wir gehen längseits an die Felsen. Die beiden nehmen unsere Leinen an.
„Welcome in Paradies.“ sagt der Norweger und ich glaube er hat Recht. Unser Liegeplatz auf Storö ist atemberaubend. Geschützt durch eine Felsenmauer haben wir doch den unverbauten Logenplatz mit Blick auf’s Skagerak. Ima sagt:
„We caught some crabbs. If you want, you are invited to a Paella.“ Das ist dem jungen Mann dann doch zu viel Nähe auf einmal.
„No thanks.“ Vielleicht mag er auch nur keine Krabben…
„We cooked already.“ sagt seine Freundin. Na denn. Trotzdem unterhalten wir uns später noch etwas von Boot zu Boot. Nach drei Monaten Segeln sind die beiden nun auf dem Rückweg. Möchten gar nicht zurück…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 24. August

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One Comment

  1. Martina A. sagt:

    Gesegelt bin ich in Schweden noch nicht, aber war auf einem Kutter. Das war für mich nicht nur eine Erfahrung wert, sondern ich ging auch mit einigen Fängen aufs Land. Der Ausblick aufs Meer ist natürlich immer eine Sache, die sich in Schweden lohnt. Herrlich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.