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Leben als Digitale Nomaden

Der Klabautermann

Apr• 10•17

„Wir haben kaum noch frisches Obst.“ Ima nimmt sich einen der letzten Äpfel aus dem Obstkorb. Wahrscheinlich füttern wir den Klabautermann mit durch… und seine gesamte Verwandschaft. Jedenfalls nehmen unsere Frischvoräte immer rasend schnell ab.

Schweden: Segeln in den Schären

Unter Genua gen Resö

„Wir könnten nach Havstensund. Das ist keine Meile entfernt.“
„Okay.“ Strahlend blauer Himmel. An den (wenigen) Wolken merkt man, dass der Wind weiter oben ganz ordentlich bläst, aber hier unten, im Windschatten der Klippen, ist davon kaum etwas zu spüren. Wir gehen Anker auf und Ima steuert uns durch den Sund. Wenig später stehen wir vor den Hafenanlagen von Havstensund. Wir können längseits anlegen, gegen den Wind, der hier im Windschatten nur leicht weht. Der ganze Steg ist frei. Ideale Bedingungen.
„Willst du anlegen?“
„Ich?“ Ima guckt mich skeptisch an. Ich nicke. Ima überlegt einen Moment und sagt dann:
„Ja. Aber sag mir genau, was ich tun soll.“ Ich weise sie noch einmal ein und bereite Fender und Leinen vor. Langsam kommt Néfertiti herein. Guter Winkel. Ich stelle mich ans Want, die Leinen in der Hand. Ima beißt sich vor Konzentration auf die Unterlippe.
„Du kommst super!“ Zwei Meter, ein Meter. Ima ist schon in den Leerlauf gegangen. Stellt die Schraube auf Rückwärts, stoppt auf. Ich steige mit einem kleinen Schritt über, werfe die Achterleine auf den Steg und belege die Vorleine. Ima stoppt die Maschine und ich belege die Achterleine. Ima reicht mir zwei Festmacher mit dieser zur Schau getragenen Gelassenheit in der Bewegung, die mir verrät, dass Ima gerade stolz auf sich ist. Ich lege die Springs und sage:
„Perfektes Manöver. Besser geht es nicht!“
„Findest du?“ Ja. Finde ich. Ich nicke lächelnd und sie gibt mir einen Kuss von Bord zu Steg.

Im Hafenkontor befindet auch ein kleiner Verkaufsraum.
„Frischobst?!“ Die Hafenmeisterin sieht uns an, als hätten wir nach Dracheneiern gefragt:
„Die Saison ist vorbei. Im Sommer haben wir auch Obst und Gemüse, aber jetzt lohnt sich das nicht mehr.“
„Und im Ort?“ Sie schüttelt den Kopf.
„In Resö gibt es einen kleinen Supermarkt. Da kriegt ihr auch Frisches.“ Bis dahin sind es knapp drei Seemeilen.
„Danke für den Tipp.“

Ima sucht den Klabautermann

„War das da oben der Klabautermann?“

Ima hat Blut geleckt. Sie übernimmt auch das Ablegemanöver. Kurz in die Achterspring dampfen und dann vorwärts weg vom Steg. Erst vorsichtig Ruder legend und, als wir frei vom Steg sind, stärker. Perfekt. Ich rolle die Genua aus und wir segeln vor dem Wind durch den Sund. In diesen Gewässern fordern auch die kurzen Schläge einwandfreie Navigation. Während Ima uns nach Resö segelt, eile ich zwischen Kartentisch und Niedergang hin und her. Die Sonne kommt heraus.
„Da vorne liegt Resö. Wir müssen nur um die Halbinsel herum.“ Derweil kommen der Klabautermann und seine Sippschaft aus ihren Verstecken. Kein frisches Obst? Sie fühlen sich wohl um ihren Anteil gebracht…

Auch in Resö liegt der Gästesteg fast verwaist vor uns. Wir bergen die Genua und ich bringe Leinen und Fender aus. Allerdings ist Resö nicht so gut geschützt wie Havstensund oder unser Ankerplatz. Man spürt hier die Kraft des Starkwindes, der schräg von vorne auf den Steg weht.
„Ist etwas schwieriger diesmal. Willst du es trotzdem wagen?“
„Klaro!“
„Du musst stärker auf den Wind achten dieses Mal. Er kommt schräg von vorne und könnte den Bug zum Steg drücken. Wenn das passiert, musst du sofort in den Wind steuern, auch wenn das so aussieht, als würdest du vom Steg wegfahren. Wenn du langsam genug fährst, wird dich der Wind an den Steg drücken….“
Ima nickt. Fährt an. Ich stehe mit den vorbereiteten Leinen am Backbordwant. (Néfertitis Anlegeschokoladenseite). Etwas zu weit ab. Ima versucht das auszugleichen, indem sie auf den Steg zu steuert.
„Zum Wind! Nach Steuerbord!“ Aber Ima reagiert zu langsam. Der Wind kriegt den Bug zu fassen und je weiter er uns aus dem Kurs drückt, umso größer wird die Angriffsfläche. Das geht schief.
„Ruder hart Steuerbord!“ Ich springe mit einem gewaltigen Satz auf den Steg, greife den Bugkorb um Néfertiti abzuhalten, aber kann doch nicht verhindern, dass der Bug am Steg entlang schrammt. Dann ist Néfertiti unter Kontrolle. Der Wind drückt uns schön auf den Steg.
„Sorry Habibi!“
„Ist nicht schlimm!“ Ich grinse sie an:
„Nichts passiert, was man nicht mit etwas Farbe wieder in Ordnung bringen könnte.“ Wir halten eine kurze Manöverkritik ab, um zu begreifen, warum das eben passiert ist. (Zu steil auf den Steg zu gefahren)
„Am Besten fahren wir das Manöver gleich noch einmal.“
„Du willst ablegen und gleich wieder anlegen?!“
„Ja, genau.“
„Nee. Lass uns lieber erst einmal einkaufen gehen.“ Ich will Ima nicht zwingen. Also füge ich mich wieder besseren Wissens.

Der Supermarkt ist klein, aber es gibt frisches Obst und Gemüse. Und auch sonst noch den einen oder anderen Schatz. Sogar die leckeren nur leicht gesalzenen Chips! Mit vollem Rucksack stapfen wir zum Boot zurück. Die Müllcontainer des Hafens sind abgeschlossen. Irgendwo verständlich, ganz sicher legal, aber legitim? Ich denke an die Container in Neuenfeld hinter Schweinesand, wo ein Schild ausdrücklich die Ankerlieger auffordert ihren Müll im Hafencontainer zu entsorgen. Kurz darauf sind wir aufbruchbereit.
„Du Klaus. Mach du das mal. Ich übe, wenn der Wind leichter ist.“
„Am besten steigst du sofort wieder auf das Pferd! Ein paar Kratzer gehören dazu. Das passiert jedem. Ist wirklich nicht schlimm!“
„Nee, danke.“

Schweden, Schären: Ankerplatz vor Trossö

An der Muringtonne bei Trossö

So kommt es, dass ich wieder das Ablegemanöver fahre. Während der Klabautermann vom masttop aus zuschaut, einen frischen Apfel in der Hand. Nach einem kurzen Umweg über Killingen (dem Ankerplatz, den wir ursprünglich anlaufen wollten) kehren wir zurück nach Trossö. Ist besser geschützt und sieht einfach lieblicher aus… Die Muringbojen sind frei. Hatte die Hafenmeisterin von Havstensund uns nicht die Bestätigung gegeben, dass die Saison vorüber sei? So gehen wir an die Boje. Ohne schlechtes Gewissen.

Der Klabautermann ist nicht nachtragend. Auch ihm liegt etwas an guter Nachbarschaft: Bei Trossö ist der Empfang erstaunlich gut. Vier Balken. Ich rufe meine Mails ab. Da ist eine Neue.
„Was grinst du so?“ Ima guckt mich mit fragenden Augen an.
„111 Gründe, Segeln zu gehen zieht seine Kreise: Eine Journalistin des Hamburger Abendblatts will ein Interview mit mir machen.“
„Meinen Glückwunsch, Habibi.“ Ich lächele etwas unsicher. Der Klabautermann lacht sich ins Fäustchen. Er weiß, ich werde sicher Lampenfieber haben…

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Dieser Blog Eintrag spielt am 26.8.

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