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Leben als Digitale Nomaden

Interview mit dem Hamburger Abendblatt

Apr• 17•17

Am Morgen bin ich früh auf den Beinen, schiebe das Luk auf und kann mich kaum satt sehen an dem Grün. Der Himmel ist grau. Es fängt an zu nieseln. Ich schiebe das Luk wieder zu. Ima sieht mich aus ihrem Schlafsack aus an:
„Und?“
„Grau und fies… Aber wunderschön!“
„Wir segeln aber trotzdem weiter, oder?“
Morgen habe ich das Interview mit dem Hamburger Abendblatt. Hier hätte ich guten Empfang. Andererseits ist der im Führer so lieblich aussehende Ankerplatz von Sannäsfjorden auch nicht so weit von Havstensund entfernt… (Luftlinie)
„Wenn du willst…“
„Ja. Immer etwas Neues entdecken!“ Erst einmal setze ich Wasser auf. Für einen Frühstückstee. Danach wende ich mich dem Kartentisch zu und bereite die Navigation vor. (Unproblematisch)

Ankerplatz in den schwedischen Schären

Néfertiti vor Anker


Wenig später sind wir unter Segeln. Obwohl oben die Wolken nicht gerade langsam ziehen, ist das noch nicht der angekündigte Starkwind. Hier im Windschatten der hohen Klippen haben wir eher mit leichten und wechselhaften Winden zu kämpfen. Müssen kreuzen, wo Raumer Wind zu erwarten war. Schlag auf Schlag nähern wir uns dem letzten schmalen Durchstich. An der spiegelglatten Wasseroberfläche kann man erahnen, dass im Durchstich, mit den hohen Felsen zu beiden Seiten kein Wind herrscht. Tatsächlich erstirbt der Wind als wir uns nähern. Ima schaut mich mit diesem Blick an.
„Mach nur.“ Ihre Hand geht zum Anlasser. Nach kurzem Vorglühen erwacht der alte Sabb zu neuem Leben. Ich berge die Segel. Erwartungsfroh läuft Néfertiti in die waldumstandene Ankerbucht ein. Wir sind alleine. Drehen ein paar Runden: Loten, um den besten Ankerplatz zu finden. Ankern schließlich dicht unter dem Ufer. Wenn der Wind später auf Nordost dreht, sollten wir hier gut geschützt liegen. Leider ist der Empfang zwischen den hoch aufragenden Felsen schlecht.

Ima lächelt trotz des unfreundlichen Wetters

Schärenlächeln

Trotz des leichten Regens machen wir Ben Nemsis klar und rudern an Land. Machen einen Waldspaziergang. Auf der Höhe wird der Empfang etwas besser, aber nicht gut genug für das Interview. Auf der anderen Seite der Bucht sind die Felsen höher. Vielleicht von dort oben… sonst werde ich morgen früh Richtung Havstensund laufen. Wir sammeln ein paar Kräuter und Löwenzahn. Ima freut sich:
„Das gibt einen köstlichen Spinat.“ Wir wissen beide, dass Imas Tage an Bord gezählt sind. Wir genießen unser Zusammensein intensiver und gehen außerordentlich achtsam miteinander um.

Am nächsten Morgen rudere ich im Ölzeug zum anderen Ufer. Es regnet. Wenn ich oben auf der Klippe keinen Empfang habe, bleibt mir noch genügend Zeit, um nach Havstensund hinein zu laufen. Ich klettere über rutschige Felsen, folge einer Verschneidung. Bloss nicht stürzen. Das Gelände ist gestuft. Wenn ich falle, falle ich wenigstens nicht so tief. Schließlich bin ich oben angekommen, in Sichtweite eines Sendemastes. Vier Balken. Natürlich viel zu früh. Ich kauere mich in den dürftigen Windschatten einer verkrüppelten Kiefer und warte auf den Anruf. Es hört auf zu regnen. Bin aufgeregt.

Sendemast in den Schwedischen Schären

Vier Balken!

Das Handy klingelt pünktlich. Marlies Fischer ist selbst Seglerin. Sie bricht erst einmal das Eis, stellt ein paar allgemeine Fragen, um mich kennenzulernen. Schnell merken wir: Wir sind auf einer Wellenlänge. Das nimmt mir die Aufregung.
„Jenseits des Artikels: Das mit dem Palstek musst du mir noch einmal erklären.“ Erklären ist gar nicht so einfach.
„Ich mache ein paar Fotos und schicke sie dir.“ Wir haben schon eine halbe Stunde geredet, da kommt sie zu den relevanten Fragen.
„Was ist denn dein Lieblingsgrund?“ Mit der naheliegenden Frage habe ich überhaupt nicht gerechnet… Das eindrucksvollste Erlebnis, dass ich auf See hatte, das mich am meisten verändert hat, findet sich in der Sturmbeschreibung. Wir waren blauäugig in einen der schlimmsten Sommerstürme gesegelt, die je an Schottlands Küste wehten. Im Hafen hatten sie 64 Knoten Windgeschwindigkeit gemessen. Windstärke 12. Was mag es draußen auf See gewesen sein? Wir hatten uns eine Nacht und einen halben Tag durch das Inferno gekämpft… Aber wer geht schon wegen Stürmen segeln? Die schönsten Momente auf See sind für mich die Leichtwindtage, wenn die Sonne scheint und das Boot wohnlich bleibt… Blisterwetter. Wir unterhalten uns angeregt. Anderthalb Stunden lang. Glücklicherweise fängt es nicht wieder an zu regnen. Jedenfalls nicht während des Interviews. Schließlich sind wir durch.
„Wenn dir noch irgendwelche Ergänzungen einfallen, schreib mir einfach eine Mail.“ Später wird der Artikel im Hamburger Abendblatt erscheinen. Mein Chef beim Putzjob wird ihn lesen und mit leiser Bewunderung in der Stimme sagen: „Sie haben ja ein Buch geschrieben! Was sie für Geheimnisse haben!“

Ima unter Persenning

„Erzähl schon!“

Bester Dinge laufe ich zurück zum Landeplatz. Es nieselt wieder. Trotzdem sitzt Ima unter der Persenning im Cockpit und wartet auf mich.
„Und, war gut?“
„Ja.“
„Erzähl mal, was hat sie denn gefragt?“ Ima wurde als Regisseurin oft auf Filmfestivals interviewt. Für mich war es das erste Mal.
„War super.“
„Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“
Aber ich brauche erst einmal einen heißen Tee in der warmen und vor allem trockenen Kajüte, bevor ich Ima Rede und Antwort stehe.

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 28.8.

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6 Comments

  1. Carsten sagt:

    Hallo Klaus,
    mal wieder ein Komentar. Ich lese immer noch gerne Deine Artikel.Das Interview mit dem Abendblatt hat mich so zusagen bei Euch auf die Fährte gebracht. Der Artikel war sehr gut geschrieben von Frau Fischer.
    Schön beschrieben, welchen Aufwand Du getrieben hast um überhaupt dieses Interview führen zu können.

    Ich hoffe ja das dieser Sommer etwas besser wird. Wir als Katsegler sind ja noch mehr auf das richtige Wetter angewiesen als Ihr Yachtis.

    Gruß Carsten

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Carsten,
      das wusste ich ja garnicht. Toll, wenn sich so die Kreise schließen. Was so alles aus so einem Artikel erwachsen kann… Finde ich schön!
      Alles Liebe :)
      Klaus

  2. David sagt:

    Moin Klaus,

    gibt es den Artikel irgendwo online?
    Finde ihn über google nicht und würde ihn gerne lesen.

    Ganz liebe Grüße an euch

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