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Leben als Digitale Nomaden

Koster

Apr• 28•17

Auch am nächsten Morgen herrscht West bis Nordwest. Weniger stark als angekündigt. Der Himmel macht in Grau. Egal. Wir nehmen es, wie es kommt. Ölzeug an. Los!

Sannäsfjord

Sannäsfjord

Stetig tuckert Néfertiti durch den felsumstandenen Sund. Wald auf den Höhen und in den Mulden. Ima hat sich auf ihrem Lieblingsplatz am Niedergang niedergelassen, greift irgendwann zum Fernglas und saugt die Schönheit der Landschaft in sich hinein. Wir brauchen keine Worte, um uns zu verstehen. Das ist einer dieser wundervollen Momente, in denen alles stimmt. Obwohl die Maschine läuft und wir nicht segeln, obwohl die Sonne nicht scheint und es eigentlich auch ziemlich frisch ist…

Komisches Gefühl, dass Ima bald aussteigen wird. Ich werde sie vermissen. Dabei freue ich mich gleichzeitig auf den Einhandtörn. Meinem eigenen Rhythmus folgen. Mir endlich mal wieder selbst zu begegnen. Ohne die Einflüsterungen der geliebten Menschen um mich herum. In einer fremden Umgebung…

Kurz vor Resö raumt der Wind etwas und wir setzen die Segel. Hoch am Wind segeln wir durch das Schlupfloch und verlassen unser Paradies im innersten Schärengürtel. (Der Sannäsfjord schnitt sogar schon ins Festland.) Draußen stehen gut vier Windstärken. Unter Vollzeug prescht Néfertiti durch die vorgelagerten Schären. In den letzten Tagen hat sich Dünung aufgebaut, die spektakulär auf den Felsen brandet. Einer dieser Orte, an denen man sich tunlichst keinen Navigationsfehler leistet! Aber diesbezüglich sehe ich klar. Habe die Untiefentonne in Luv ausgemacht. In Lee begleiten uns noch teils überspülte Felsen, deren Position man aber gut anhand der Brandung ausmachen kann. Zur Not fahren wir eine Wende… Aber das wird nicht nötig. Der Wind nimmt langsam zu. Aber er raumt dabei auch, so dass wir weiter anluven und die Abdrift ausgleichen können. Trotzdem atme ich auf, als wir mit Swartskären die letzte Legerwall – Schäre an Steuerbord querab lassen.

Néfertiti nimmt die Dünung gelassen. Gelegentlich spritzt etwas Gischt zur Seite. Aber an Deck kommt kaum Wasser. Eine Bö orgelt heran. Lässt Néfertiti tiefer krängen. Ima dreht sich zu mir um und sagt:
„Ist ja alles halb so wild. Habe ich mir schlimmer vorgestellt.“ Ja. Ich auch. Da lugt sogar die Sonne schüchtern zwischen den Wolken hervor.

Ima am Niedergang Néfertitis

Ima an ihrem Lieblingsplatz

Néfertiti strebt Stora Brattskär zu. Der Seegang wird sanfter. Wir erreichen den Landschutz der luvwärtigen Inseln. Stora Brattskär sind zwei Untiefen vorgelagert. Wir könnten so gerade darüber hinweg segeln. Aber man muss sein Glück ja nicht herausfordern. Auch wenn hier keine Welle mehr steht. Wir segeln dicht ans Ufer heran, aber halten uns jenseits der Zehn Meter Linie. Der Meeresgrund steigt hier steil an. Ima lächelt mich an:
„Es ist so schön. Könnte ewig so weiter segeln.“ Ja. Im Moment ziehen wir an einem Strang.
„Ich auch. Aber tun wir nicht.“ Dabei zwinkere ich ihr zu. So schlüpfen wir zwischen Insel und Untiefe hindurch. Nördlich der Insel müssen (dürfen) wir ein letztes Stückchen kreuzen, bis wir den Hafen von Kyrkosund anliegen können. Erst kurz vor der Hafenmole nehmen wir die Segel herunter und starten die Maschine.

Als wir um den Felsen biegen, der die Hafeneinfahrt auf der einen Seite bildet, liegt Kyrkosund verlassen vor uns.
„Freie Liegeplatzwahl! Wo willst du hin?“ Ima zeigt voraus:
„Wo man auf das Meer sehen kann.“ Das passt mir auch, denn da können wir gegen den inzwischen frischen Wind anlegen. Néfertiti geht längsseits des mittleren Steges. Ganz vorne. Nur ein niedriges Mäuerchen beeinträchtigt den freien Blick auf das Meer. Ima ist ganz hingerissen.
„Das ist toll hier!“ Der Skipper fügt noch in Gedanken hinzu: Und sicher will hier keiner mehr Hafengebühren kassieren. Ima ist voller Überschwang:
„Wir sind auf Koster. Ich habe es bis hierher geschafft! Auf Koster!“
Der Skipper nickt. Sie umarmt umarmt ihn und gibt ihm einen Kuss:
„Und ich bin doch kein Weichei!“ Das bezieht sich auf unsere Auseinandersetzung bei Samsö. Anscheinend hat sie das mehr getroffen, als ich gedacht habe. Ich sage:
„Zur Feier des Tages lade ich das Nicht-Weichei zum Essen ein.“
„Echt?“
„Ja.“ Schließlich sieht Imas Aufenthalt auf Néfertiti seinem Ende entgegen. Fast zwei gemeinsame Monate sind vorbei. Unterm Strich tolle Monate. Ich spüre ein seltsames Ziehen, bei dem Gedanken, dass sie bald von Bord gehen wird. Imas Blick gleitet über die Häuschen am Hafen. Nach Restaurant sieht da nichts aus.
„Sicher finden wir etwas im Inneren der Insel.“

Kyrkosund auf Koster

Nachsaison

Kaum ist Néfertiti versorgt, ziehen wir unsere Wanderstiefel an. Zwischen den Häuschen am Hafen, treffen wir ein älteres Ehepaar.

„Do you know this island?“
„No. Sorry. We are tourists, too.“ Was wir den suchten?
„A restaurant.“
„Our hotel has a very good restaurant.“ Sie erklären uns ausführlich und wortreich den Weg (Immer geradeaus!… Es gibt nur eine Straße) und wir marschieren los.

Nach halbstündigem Marsch (Orginalton Ima: Tut das gut zu laufen!) erreichen wir einen Klotz von Gebäude, der gut ein Hotel sein könnte. Auf dem Parkplatz davor stehen lustig anzusehende Kleinbusse. Wir nähern uns dem Eingang. Ein Mann tritt aus der Tür und kommt uns entgegen. Wir fragen ihn nach dem Restaurant. Der Schwede macht eine wegwerfende Geste.
„Yes. Thats here.“ Im Weitergehen sagt er noch:
„But unpayable expensive!“ Das wollte der Skipper jetzt nicht unbedingt hören. Schon gar nicht aus einheimischen (preisgewöhnten) Mund… Aber ein Wort ist ein Wort.
Ima guckt mich fragend an. Ich sage:
„Lass uns mal hineingucken.“ Ima gibt mir einen Kuss.
„Wir können ja nur einen Tee trinken. Ich brauche Internet.“ Wir treten ein.
Die Speisekarte liegt aus. Unbezahlbar. Der Portier ist nett. Kein Problem. Wir könnten gerne das Internet nutzen. Auch, wenn wir nur einen Tee trinken. Ima macht eine Bemerkung wegen des Restaurants und er sagt:
„No Problem. It’s lunchtime.“
„Lunchtime?“ Das Mittagsmenü liegt in einem Rahmen, den man auch in Deutschland bezahlen würde. Und in Skippers Möglichkeiten. Ima guckt mich fragend an:
„Sollen wir?“ Wenn das Schicksal schon soooo nachhilft… Ich nicke. Imas Augen strahlen. Sie kann sich über solche Dinge freuen wie ein Kind.

Kleinbusse vor dem Hotel

Vor dem Hotel

Allerdings sind wir noch etwas früh. Die junge Frau hinter dem Thresen der Bar ist genauso freundlich wie der Portier. Trotz unseres Seglerzivils… Die Küche öffne erst in einer halben Stunde. Wir könnten uns aber gerne Kaffee oder Tee nehmen. Ungefragt setzt sie noch dazu:
„It’s inclusive.“ Wir setzen uns auf die Terrasse mit Blick auf’s Meer. Ich habe die letzte Woche kein Tagebuch geführt und einiges nachzuarbeiten. Ima geht ins Internet und beantwortet Mails.
Irgendwann kommt das Essen. Essen?! Das Mahl. Zum Teller ablecken! Eine raffinierte, kreative Küche. Unsere Begeisterung wird dem Koch hintertragen und er lässt es sich nicht nehmen an unseren Tisch zu kommen und mit Ima zu fachsimpeln. (Ima hat früher regelmäßig große Bankette ausgerichtet. Ähnlich kreativ.) Die beiden sind auf einer Wellenlänge, aber irgendwann ruft die Küche …

Schließlich brechen auch wir auf. Der Portier hat uns noch in knappen Worten den Weg zum Supermarkt der Insel erklärt. (Immer weiter geradeaus! Der einzigen Straße folgen)

Als wir zurück in den Hafen kommen, den Rucksack voller Vorräte, ist ein zweites Boot eingelaufen. Die Filou. Sie kommen aus Norwegen und sind auf dem Rückmarsch nach Holland. Sie wollen über den Limfjord. Der Skipper der Filou sagt:
„In Norwegen waren die meisten Häfen schon zu. Ich glaube nicht, dass hier noch jemand Liegegeld kassiert…“ Ja. Das denke ich auch.
Eine halbe Stunde später klopft der Hafenmeister an…

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Dieser Blog Eintrag spielt am 30.8.

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