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Leben als Digitale Nomaden

Die schöne Einhandseglerin

Mai• 08•17

Auch am nächsten Morgen pfeift der Wind im Rigg. Ich höre ihn schon in der Koje. Aber Néfertiti liegt bewegungslos wie im Hafen. Nur alle paar Stunden, wenn die Fähre den Fähranleger ansteuert, läuft ein leichter Schwell durch die weit geschwungene Bucht. Trotzdem werden wir den gut geschützten Ankerplatz verlassen. Wir haben Anfang September. Es wird Zeit…

Starkwind im Skagerak

Windige Weiterfahrt

Wir ziehen Ölzeug an und gehen in aller Stille ankerauf. Der Wind ist ablandig. Niedrige Wolken ziehen unter einem grauen Himmel über uns hinweg. Gelegentlich schaut die Sonne heraus. Aber nur gelegentlich. In aller Ruhe versorge ich Anker und Kette, bevor wir die Genua aufziehen. Gemächlich segelt Néfertiti aus der Bucht aus. Noch befinden wir uns im Windschatten, aber je weiter wir uns von Koster entfernen, desto ungestümer gebärdet sich Néfertiti. Ima und ich sitzen still im Cockpit. Wir haben beide einen Kloß im Hals. Morgen wird Ima in den Zug steigen. Das Ende der gemeinsamen Reise nähert sich unaufhaltsam.

Nicht unaufhaltsam. Ich bräuchte nur zu sagen: Bleib! Aber ich tue es nicht. Ima lächelt tapfer und ich komme mir vor, wie der letzte Idiot…

Néfertiti ficht das nicht an. Sie scheint über die Wellen zu fliegen. Schaufelt Gischt und spritzt sie zurück ins Meer. Je weiter wir uns von Koster entfernen, desto schneller. Schon stehen wir vor der Einfahrt des südlichen Fahrwassers nach Strömstad. Kaum haben wir die ersten Schären passiert, beruhigt sich auch der Seegang, der durch den Schutz Kosters ohnehin moderat war. Eine Fähre überholt uns durch das Hauptfahrwasser, dreht vor uns und manövriert sich ohne Hilfe an den Fährterminal.

Schärensegeln: Ima im Cockpit Néfertitis

Ima lächelt tapfer

Vor der Hafenmole bergen wir die Genua und starten die Maschine. Der Himmel ist wieder dunkelgrau und ausgerechnet jetzt geht ein Schauer hernieder. Ima bereitet Leinen und Fender vor, während ich Néfertiti ins hintere Hafenbecken steuere. Der Hafen ist relativ leer und wir gehen längseits des langen Besucherstegs. Kurz darauf sitzen wir in der Kajüte und warten auf das Ende des Regens. Kann nicht lange dauern. Ist schon in Nieseln übergegangen. Ima checkt die Reiseverbindungen.
„Es gibt keinen Zug rüber nach Dänemark.“
„Wie?“
„Man muss Plätze reservieren, aber es ist keiner mehr frei.“ Anscheinend gibt es da ein Nadelöhr bei Kopenhagen.
„Vielleicht kann ich von Göteborg aus fliegen…“ Ima schreibt eine Nachricht und fragt, ob sie morgen Nacht bei Sofia übernachten dürfe.

Wir gehen in die Stadt. Feuchtes ungemütliches Nieselwetter. Ima möchte mich versorgt wissen. So stocken wir erst einmal die Vorräte auf. Dann gehen wir noch einmal essen. Auch hier gibt es einen erschwinglichen Mittagstisch. So sitzen wir gemütlich im Bistro, während draußen ein weiterer Wolkenbruch niedergeht.

Zurück an Bord, schlüpfen wir in unser Ölzeug. Auf uns wartet ein letzter gemeinsamer Ankerplatz in den Schären. Der Wind drückt Néfertiti auf den Steg. Ich bereite den Kugelfender vor, um uns mit Maschinenkraft gegen den Wind abzusetzen. Da biegt eine kleine deutsche Yacht um den Pier, steuert mit langsamer Fahrt auf unseren Steg zu. Am Ruder steht eine in Ölzeug gemummelte Gestalt. Eine Einhandseglerin. Gemessene Bewegungen. Sie fährt eine Runde um sich zu orientieren. Irgendwie atmet der ganze Auftritt geballte Seemannschaft. Der wieder einsetzende Regen gibt der Szene etwas Dramatisches. Sie hat sich entschieden und steuert den Platz vor uns an.
„Soll ich deine Leinen annehmen?“
„Das wäre nett.“ Ich steige auf den Steg und nehme das Boot in Empfang. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Als ihr Boot fest ist, stehen wir noch eine Weile im Regen auf dem Steg. Sie fragt:
„Nord oder Süd?“
„Wie?“
„Wo willst du hin?“
„Ich werde von hier aus nach Süden segeln. Strömstad ist sozusagen der nördlichste Hafen.“ Habe ich gerade ich gesagt?! Sie will nordwärts.
„Ich habe noch ein bisschen Zeit, bevor ich zurück muss!“ Komisch. Manche Menschen berühren uns auf den ersten Blick. Wir sind auf einer Wellenlänge. Irgendwie bedauere ich gleich auszulaufen. Wir stehen im Regen und unterhalten uns. Weiß nicht, was Ima so lange in der Kajüte macht.
„Muss langsam mal los.“
„Brauchst du eine Hand?“
„Danke, aber das dauert noch ein Momentchen…“

Abendstimmung in den Schären

Unser letzter gemeinsamer Ankerplatz

Als ich einen Blick in die Kajüte werfe, sitzt Ima im Ölzeug auf ihrer Koje und checkt Emails. Sofia hat geantwortet. Ima ist herzlich eingeladen, bei ihr zu übernachten.
„Sofia geht morgen auf eine Party. Sie fragt, ob ich mitkommen wolle…“
„Klar, warum nicht?“
„Ohne dich…?!“ Das dauert noch…
Ich starte die Maschine und nehme die Leinen weg. Dampfe in die Spring. Die Einhandseglerin klettert von ihrem Boot auf den Steg, aber es ist nichts mehr zu tun. Das Heck schwingt schon langsam weg vom Steg. Ich verstelle die Schraube auf rückwärts, gehe nach vorne und nehme die Vorspring an Bord.
„Gute Reise!“
„Danke. Pass auf Dich auf!“
„Du auch!“ Ich hole die Fender binnenbords. Néfertiti läuft langsam rückwärts, der Wind hilft den Bug zu drehen. Als wir vorne genug Platz haben, gebe ich Gas voraus und kurz darauf biegt Néfertiti um die Pier. Ich spüre ein befremdliches, leises Gefühl von Verlust. Spinne ich? Ich blicke noch einmal zurück, aber von hier aus ist das Boot der Einhandseglerin nicht mehr zu sehen. Vor der Hafenausfahrt, wo wir etwas mehr Leeraum haben, stoppe ich auf und löse die Fender von der Reling. Verstaue sie in der Backskiste. Schließlich ist Ima fertig und kommt an Deck.

Bis zum Ankerplatz ist es nicht weit. Unter Motor fahren wir durch den tief eingeschnittenen bewaldeten Fjord. Ein unbetonnter Unterwasserfelsen liegt im Weg. Vorsichtig suchen wir unseren Weg daran vorbei. Letzten Endes ist es leichter als gedacht.

Am Ankerplatz liegt sogar eine Muringboje aus, an der wir kurzerhand festmachen. Perfekter Landschutz. Kein Windzug kräuselt das Wasser. Ima telefoniert mit Sofia (auf Lautsprecher). Wegen der Party. Sie möchte nicht stören, aber Sofia lacht nur:
„Don’t be shy. I want you to come!“  Johan wird auch da sein. Als Ima auflegt, ist es abgemacht. Meine Crew bucht einen Flug am Sonntag für nicht ganz hundert Euro. Damit ist es amtlich. Ima wird morgen auf eine Party gehen und ich …

Wir verbringen einen wunderschönen letzten Abend bei Kerzenlicht und einem feierlichen Glas Wein. So richtig begreifen wir beide nicht, dass unsere gemeinsame Fahrt fast zu Ende ist.

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Dieser Eintrag meines Blogs spielt am 2.9.

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