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Leben als Digitale Nomaden

Aufbruch mit gemischten Gefühlen

Mai• 14•17

Ich schlendere alleine zurück zu Néfertiti. Der Hafen ist mittlerweile proppevoll und fest in norwegischer Hand. Jetzt verstehe ich, warum die Bedienung im Bistro gestern zwar Englisch und Norwegisch, aber kein Schwedisch sprach. Am Wochenende fallen die Norweger in Strömstad ein, um billig (!) einzukaufen. Die ersten Boote liegen im Päckchen. Zeit aufzubrechen.

Segeln in Schweden: Schären

Gut, ich habe im schlimmsten Moment nicht an Fotos gedacht, aber der Seegang sieht auf dem Foto so harmlos aus, dass es mir fast peinlich ist… Aber die Manöver des Motorbootes sprechen Bände…

In der Kajüte nehme ich mir die Seekarte vor. Könnte kurz nach Norwegen hinüber. Oder zurück an den Ankerplatz von gestern? Oder nach Trossö? Immer wieder geht mein Blick zu Imas leerer Koje. Wo sie jetzt wohl ist? Vielleicht starrt sie aus dem Fenster des Zuges auf die vorbeiziehende Landschaft und denkt an mich… Oder an die bevorstehende Party?… In den Böen höre ich den Wind im Masttop pfeifen. Draußen dürften fünf bis sechs Windstärken herrschen. Das ist auch angesagt. Ich stecke den Kurs auf Trossö ab, packe die Seekarte in die Plastikhülle, steige an Deck und schiebe sie unter die Cockpitgräting. Bringe eine Sicherungsleine an. Koche einen Tee und fülle ihn in die Thermoskanne. Ziehe endlich Ölzeug und Schwimmweste an. Ich nehme die Achterspring weg und setze sie als Mittelleine dicht. Löse Vor- und Achterleine, schieße sie auf und starte die Maschine. Direkt neben uns manövrieren gerade drei Motorboote. Kein Platz, um in die Spring zu dampfen.
„Are you leaving?“ preit mich eine Dame am Ruder des Motorbootes an, das direkt neben uns auf der Stelle steht.
„Yes, but I need a little space!“
„Okay!“ Die anderen haben das auch mitgekriegt und machen ihr Platz, damit sie mir Platz machen kann. Ich löse die Mittelleine und dampfe in die Spring. Langsam entfernt sich das Heck vom Steg, als wolle Néfertiti die Motorboote fortwischen, die uns meterweise Platz geben, bis ich Rückwärtsfahrt geben kann, schön langsam, und nach vorne gehen, die Spring lösen und schnell aufschießen. Wir kommen sauber aus der Lücke, drehen und laufen auf die Hafenausfahrt zu, durch die noch weitere Boote nachkommen. Das reinste Stop and Go für die Ankömmlinge… Kurz vor der Hafenausfahrt stoppe ich auch kurz auf und verstaue Fender und Leinen in der Backskiste. Ich bin unterwegs. Alleine. Das was ich mir so sehr gewünscht hatte. Aber im Moment fühle ich nur eines: Imas Abwesenheit.

Segeln in Schweden: Schären

Das ist Schärensegeln: Immer wieder dicht an den Klippen vorbei

Néfertiti tuckert durch das gleiche Fahrwasser, dass auch Ima und ich genommen hatten, als wir von Koster herüber kamen. Néfertiti kämpft gegen einen grimmigen Westwind von gut 6 Windstärken. Genau auf die Nase. Ich binde mich in die vorbereitete Leine ein.

Als Néfertiti den inneren Schärengürtel passiert hat, stoppe ich die Maschine. Ich setze das einmal gereffte Groß und die Genua. Hole die Schoten dicht. Hoch am Wind (Voll und bei) laufen wir südwärts. Ich habe einen Monat Zeit! Einen Monat! Freu dich doch, Klaus! Im Moment überwiegt der Abschiedsschmerz. Aber irgendwie tröstet mich das sanfte Heben und Senken, mit dem Néfertiti über die Wellen gleitet. Nur das Glucksen des Wassers an der Bordwand, der Wind auf meinem Gesicht. Etwas von der Anspannung fällt von mir ab. Wuuusch. Néfertitis Bug schneidet in eine Welle. Gischt spritzt und ein Regenbogen schimmert in den Wasserspritzern auf. Ach Ima! Könntest du das sehen. Wuuusch. Die Sonne leuchtet auf den Felsen und macht die weißen Schaumkämme noch weißer.

Ich hole die Großschot etwas dichter… Zuviel … wieder ein paar Zentimeter auslassen… Gut… Ein Blick zum Kompass. Wir sind auf Kurs, aber die Abdrift scheint größer zu sein, als bei der Vorbereitung am Kartentisch geschätzt. Ich ändere den Kurs, luve etwas an, um die höhere Abdrift auszugleichen. Ein tiefer Frieden kommt über mich, mit jeder Meile, die Néfertiti Süd macht. Ich atme tief.

Segeln in Schweden: Schären

Markantes Seezeichen

Heute werde ich an anderer Stelle in den inneren Schärengürtel schlüpfen, als das letzte Mal. Durch die schmale Passage zwischen L. und St. Arsklaavet. Ein kleines offenes Motorboot überholt uns kurz vor der Durchfahrt. Bei den Felsen von Arsklaavet steilt sich der Seegang auf. Plötzlich nimmt der Rudergänger des Motorbootes die Fahrt heraus. Ich glaube, dass die gewaltigen Wellen dem fehlenden Landschutz durch die vorgelagerte Insel Ramsö geschuldet sind. Erst später werde ich den wahren Grund erkennen: Beim Aufbruch habe ich übersehen, dass hier der Meeresgrund innerhalb von fünf Kabellängen von über 200 Metern auf 10 Meter abnimmt. Deshalb die steile See. Die fünf Leute an Bord des kleinen Motorbootes tragen alle Schwimmwesten. Sie klammern sich am Süll fest. Wenn die hier kentern…! … Müsste die aus dem Wasser fischen … Bei dem Seegang in unmittelbarer Nähe zu den Felsen … wegen der starren Schraube, die sich solange dreht wie der Motor läuft, unter Segeln… Macht bloß keinen Fehler da drüben!

Ich komme näher. Vielleicht sollte ich in der Nähe bleiben, bis sie in Sicherheit sind… Eine besonders hohe Welle geht durch. Die nächsten Wellen sind weniger steil. Der Motorbootfahrer legt die Hebel auf den Tisch und nutzt den Moment, um zwischen die beiden Felsen zu flüchten. Er schafft es nicht gnz. Vor der letzten Welle bremst er noch einmal ab, dann ist er in Sicherheit. Im Vergleich zu dem kleinen Motorboot liegt Néfertiti ruhig in den Wellen. Wir überwinden die letzten zwanzig Meter und finden uns zwischen den Felsen auf glattem Wasser und fast bekalmt wieder. Langsam schleicht Néfertiti durch den Windschatten Lille Arsklaavets, während das Motorboot mit hoher Fahrt abläuft und bald außer Sicht ist.

Segeln in Schweden: Schären

Richtung Ankerplatz

Hinter dem Durchstich herrschen sanfte Verhältnisse. Auf der Hinfahrt hatte ich die andere Zufahrt gewählt, weil es auf halber Strecke einen Unterwasserfelsen gibt. Jetzt kann ich den Unterwasserfelsen schon auf weite Entfernung ausmachen. Genau genommen ist die Brandung, die weiß über dem Stein brodelt, ein exzellentes Seezeichen.

Wenig später erreicht Néfertiti das Hauptfahrwasser. Abfallen. Vor Ressö liegt noch ein Nadelöhr. Als wir durch sind, fühle ich mich in heimischen Gewässern. Die hohen Felsen schirmen die Bucht so gut ab, dass ich das Reff im Groß ausschütte. So kreuze ich das letzte Stück zum Ankerplatz unter Vollzeug. Ich hatte auf eine der Muringbojen spekuliert, aber alle drei sind belegt. Als ich dicht heran bin, rolle ich die Genua ein, dirke den Großbaum an, schnappe mir die Zeisinge aus dem Niedergang und gehe vor zum Mast. Néfertiti luvt von alleine an. Ich löse das Fall und das Groß geht nieder. In aller Ruhe Auftuchen. (Néfertiti liegt mit dem langen Unterwasserschiff ohne Motor sehr stabil. Wenn ich genügend Raum in Lee habe, starte ich die Maschine seit einiger Zeit erst nach dem Segelbergen. Wenn der Motor mal nicht anspringen sollte, ist die Genua ja in Sekunden wieder ausgerollt und Néfertiti manövrierfähig. Dafür macht der Schraubeneffekt -starre Schraube- keine Sperenzien…)
Langsam tuckern wir auf den südlichen Strand zu. Drehen eine Acht, um die Wassertiefe im Schwoikreis zu messen. Der Anker fällt auf 7,50 Meter Wassertiefe. Eindampfen. Ankerball. Gut angekommen. Was für ein berauschender Segeltag!

Einen Moment bleibe ich im Cockpit sitzen. Genieße die Stille. Dann begebe ich mich in die Kajüte. Bin voller Tatandrang. Koche etwas Warmes. Als es dämmert, zünde ich ein paar Kerzen an. Was Ima wohl auf ihrer Party erlebt? Schon toll. Sie wird Göteborg noch einmal ganz anders kennenlernen. Einen Ausschnitt des Lebens von Sofia und Johan teilen. Ich beneide sie ein wenig, aber um nichts in der Welt würde ich tauschen wollen…

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Dieser Blogger Beitrag spielt am 3.9.

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