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Segeln als Digitale Nomaden

Wiedersehen mit der schönen Einhandseglerin

Mai• 19•17

Am Morgen weckt mich die Sonne. Sie knallt heiß von einem wolkenlosen Himmel herab. Kein Windpfeifen im Masttop. Ich greife zum Handy. Ima hat mir eine Liebes-SMS geschickt. Ich schicke ihr einen virtuellen Kuss zurück und schäle mich aus den Decken. Steige an Deck. Der Wind hat auf Nordost gedreht. Haucht auflandig auf den Strand. Néfertiti ist geschwoit und liegt jetzt dicht an der Untiefe, die man gut im Sonnenlicht sehen kann. Ich beglückwünsche mich zu dem vorsichtigen Ankermanöver gestern Abend. Die schwedische Yacht geht unter Segeln in Fahrt. Als sie gemächlich in der leichten Brise an Néfertiti vorbeizieht ruft mir einer der beiden Männer an Bord auf Deutsch zu:
„Das Leben ist schön!“

Vor Anker dicht bei der Untiefe

Idyllischer Arbeitsplatz

Was kann man dem noch hinzufügen? Ihm fällt tatsächlich noch etwas ein:
„Schönes Boot haben sie!“
„Ist 64 Jahre alt!“ Wir schnacken kurz. Wünschen uns gegenseitig eine gute Reise. Dann gleitet der weiße Schwan um die sonnenbeschienen Felsen und entschwindet meinen Blicken.

Auf mich wartet Arbeit. Das mit Ima in Göteborg gekaufte Brett  will zugeschnitten und montiert werden. Mit Säge, Raspel und Schleifpapier bringe ich es in Form. Leider fehlen mir die Maße, also schätze ich. Bohre von Hand die Schraubenlöcher und setze es schließlich in die Windfahnensteuerung ein. Schließlich öle ich das Ganze noch. Der Tischler hatte es mir so empfohlen. Anscheinend ist das Holz selbst stark ölhaltig. „Nur Öl benutzen, keinen Lack!“ hatte er mir ans Herz gelegt. Nun denn. In den Schären brauche ich die Windfahnensteuerung nicht unbedingt, aber später bei der Überfahrt schon. Ich checke den Wasserstand der neuen Batterie. (Alles okay) Und klebe den gebrochenen Spibaum, schiene ihn mit einer Manschette aus Glasfasermatte und Epoxy. (Misslingt). Währenddessen meldet sich Ima. Muss eine tolle Nacht gewesen sein. Anscheinend ging die Party zu Hause bei Sofia noch weiter. Sozusagen eine Afterparty Party.

Ankern dicht an der Untiefe

Néfertiti schwoit bis dicht an die Untiefe

Gegen Mittag setze ich den Anker kurzstag. Starte den Motor und setze das Ruder so fest, dass Néfertiti mit langsamer Fahrt vom Strand wegdrehen wird. Anker ausbrechen, hieven und fest laschen. Als ich fertig bin, hat Néfertiti brav vom Strand weggedreht und ich brauche nur noch die Genua auszurollen und den Motor zu stoppen. Segele mit achterlichem Wind in den Havstensund.

Ihr habt schon recht. Das wäre ideales Genakerwetter. Aber wer weiß, wie der Wind zwischen den steilen Felsen des Havstensunds dreht. Unter Genua habe ich alle Optionen und so weit will ich heute gar nicht. Will in die Dyvik (von Schweden) auf Otterön. Bestens gegen alle Winde aus Südwest über Nord bis Ost geschützt. Nur nach Süden bis Südosten offen…

Néfertiti segelt langsam durch die Engstelle. Wie gerne würde ich diesen Tag mit Ima teilen. Andererseits bin ich dankbar, dass niemand vielsagende Blicke auf die Logge wirft, die gerade mal einen Knoten anzeigt. Ein kleines Motorboot holt mich ein. Der Steuermann drosselt die Geschwindigkeit, um ein paar Worte mit mir auf deutsch zu wechseln. Er findet es toll, dass ich trotz des leichten Windes segele. Das passiert mir an dem Tag noch drei Mal. Zwei Fischer heben den Daumen als ich gemächlich an ihnen vorbei segele, ein anderer junger Mann, der uns in kleinem Segelboot mit laufendem Außenborder entgegen kommt, hebt ebenfalls den Daumen und der Skipper einer großen Yacht (unter Motor) ruft mir seine Anerkennung zu. Wer einhand segelt, macht ungleich leichter Kontakte. Die Menschen kommen auf einen zu. Sie haben weniger Scheu, als wenn man zu zweit unterwegs ist. Obwohl Ima so ein Kommunikationswunder ist…

Schärensegeln in Schweden

Schärensegeln

Hinter dem Havstensund verlässt Néfertiti die bekannten Gewässer, folgt den Klippen der Küste. Ich setze das Groß dazu. Néfertiti segelt lautlos durch ein Märchenland. Ich bin so gefangen von der erhabenen Landschaft, dass ich vergesse Fotos zu machen. Hinter jeder Ecke wartet ein neuer atemberaubender Ausblick. Schade, dass Ima das nicht erleben kann. Das warme Sonnenlicht auf den Schären. Die Reflexionen auf dem Wasser. Diese leichte sommerliche Brise. Ich kann förmlich hören, was sie sagen würde: „Schau nur dieses Licht!“ Wahrscheinlich sitzt sie jetzt im Flugzeug. Komisch, dass ich das schreibe, obwohl ich doch dafür verantwortlich bin. Aber wir Menschen sind mitunter widersprüchlich. Ich bin aus tiefstem Herzen glücklich und gleichzeitig vermisse ich sie…

Flautenregatta

Die Kontrahenten

Kurz vor Grebbestad knickt das Fahrwasser ab nach Norden: Kreuzen. Hinter mir segelt eine Jolle. Die zwei Jollensegler wollen scheinbar nach Grebbestad … Ihr könnt es euch schon denken: Wir segeln Regatta. Segeln? Naja: Der Wind ist fast eingeschlafen. Zwischen Null und einer Windstärke. Gerade mal Steuerwirkung. Wenn das Log auf einen Knoten steigt, fühle ich mich im „Geschwindigkeitsrausch“. Herrliches Segeln. (Im Buch habe ich ein Kapitel dem Leichtwindsegeln gewidmet, das für mich vielleicht der wichtigste Grund ist, das Segeln zu lieben.)
Obwohl die Jollensegler gelegentlich mit unlauteren Mitteln kämpfen (in der einen oder anderen Flaute paddeln), holen sie Néfertiti nicht ein. Immer wieder erwischt Néfertiti eine Privatbrise, die uns den Abstand halten lässt. Allerdings wende ich auch aktiv auf jeden Windstrich zu, der die Wasseroberfläche kräuselt, während die Jollensegler von einer Seite des Fahrwassers auf die andere kreuzen. Vor Grebbestad trennen sich unsere Wege und Néfertiti hat den Vorsprung sogar etwas ausgebaut. So ficht es mich auch nicht an, als – Otterön ist schon in Sicht – der Wind ganz einschläft. In zwanzig Minuten schaffen wir hundert Meter. Ich genieße einfach die schöne Abendstimmung. Fühle mich so geborgen in meinem Boot. Fühle mich eins mit der Welt. Da ertönt hinter mir das Tuckern eines Motors.

Flauten segeln

Die Brise erstirbt. Wen ficht das an in solch erhabener Natur?

Ich drehe mich um. Ein kleines Segelboot kommt von achtern auf. Ist noch weit weg. Ich höre es hinter mir tuckern … und tuckern …  Läuft sympathisch langsame Fahrt. Als es näher heran ist, drehe ich mich um und erkenne mit einem wohligen Schrecken, dass es das Boot der schönen Einhandseglerin ist. Sie selbst stützt sich mit den Armen auf die Sprayhood. Guckt geradeaus. Irgendwie erwarte ich, dass sie Fahrt herausnimmt und aufstoppt. Stattdessen macht sie eine extrem lässige Bewegung mit der Hand, die so gerade als Gruß durchgehen kann. Ich winke zurück. Stammele mir schnell in meinem Kopf, der gerade überhaupt nicht denken will, eine Bemerkung zusammen: „Doch nach Süden?!“ Sie starrt aber so angestrengt geradeaus, dass mir kein Wort über die Lippen will. Bin mir nicht einmal sicher, ob sie mein Winken bemerkt hat. Sie überholt, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. Zieht langsam davon. Ich irre mich selten in Menschen. Glaube auch jetzt nicht, mich getäuscht zu haben. Aber das ist nicht die offene Begegnung aus Strömstad. Vielleicht will sie alleine sein. Schließlich segelt sie einhand. Oder hat schlechte Erfahrungen mit einhand segelnden Männern gemacht… Schade. Ihr Boot verschwindet hinter der nächsten Huk und lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Wäre ihr gerne noch einmal begegnet. Vielleicht ankert sie ja auch in der Dyvig…

Die schöne Einhandseglerin überholt

Die schöne Einhandseglerin

Zwanzig Minuten später ist Néfertiti keine hundert Meter weiter. Ich berge die Segel und starte die Maschine. Biege um die letzte Huk. Die Dyvig von Otterön liegt einsam und verlassen. In mein Bedauern mischt sich auch eine seltsame Erleichterung. Womöglich hätte sie mein Ankern in dieser einsamen Bucht als Belästigung empfunden… Das Letzte was ich will, ist anderen Menschen ein schlechtes Gefühl geben. Davon gibt es eh schon zu viele in dieser Welt… In der Ferne sehe ich ihr Boot. Es läuft gerade in den Naturhafen von Musön ein… Gute Reise. Pass gut auf Dich auf!

♦♦♦

Dieser Blogger Beitrag spielt am 4.9.

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4 Comments

  1. Jens sagt:

    Hallo Klaus, deine Einhandsegerin kommt mir bekannt vor. Schau dir mal den Blog an : http://www.meerespfade.de/womit/. zumindest das Schiff hat eine ziemlich Ähnlichkeit mit deinem Foto ;-)
    LG
    Jens

  2. Walter sagt:

    Moim Klaus,
    „Die Brise erstirbt. Wen ficht das an in solch erhabener Natur?“

    einfach nur herrlich anzusehen!

    Wenn die Felsen nicht wären, könnte man auch auf den Shannon in Irland tippen ;-)

    mfG Walter

    • Klaus Klaus sagt:

      Moin Walter,

      Irland kenne ich leider nicht, aber ich möchte wirklich gerne mal hin. Am Liebsten auf eigenem Kiel…
      ;)

      Liebe Grüße
      Klaus

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