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Leben als Digitale Nomaden

Kürbiskernbrot

Mai• 22•17

Die Nacht über soll es schwachwindig bleiben. Da kann man auch mal auf dem in den Schären nicht besonders gut haftenden Clay ankern. Die Bucht ist traumhaft schön. Ein Rudel Huftiere (Könnten das Gemsen sein?!) klettert über die steilen Felsen, die in der tiefer sinkenden Abendsonne rot leuchten. An dem einen Ufer habe ich einen kleinen knapp fünf Meter langen Strand entdeckt. Die windstille Bucht schreit geradezu nach einem Lagerfeuer. Außerdem sollte ich Gas sparen. Jeden Tag könnte die Flasche leer sein.

Ankerplatz Dyvig (In Schweden !)

Am Ankerplatz


Ich lasse Ben Nemsis zu Wasser, packe ein paar Sachen ein und rudere zu dem kleinen Sandstrand hinüber. Ideal. Ein steiler Felsen wird die Wärme reflektieren. Ich sammele Holz und versuche wieder das Feuer mit dem Funkenspender in Gang zu bringen… Versuche! Auch ohne Imas lustigen Kommentare braucht es dafür mehr Fingerfertigkeit, als ich habe. So greife ich letztlich doch zum Feuerzeug und Minuten später brennt ein kleines aber feines Feuer. Es wird eine der schönsten Nächte der Reise.

Abendstimmung am Ankerplatz Dyvig

Abendstimmung

Ich setze Teewasser auf und bereite mir, als es kocht, einen leckeren Tee. Sehe zu, wie es dunkel wird. Starre in die Flammen. Ich fühle mich wohl. Habe das Gefühl endlich mal wieder am Ruder meines Lebens zu stehen. In einer Beziehung geht man immer Kompromisse ein. Das ist gut und wichtig. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, irgendwann meine Entscheidungen geoutsourced zu haben. Anderen zu überlassen. Ima zu überlassen. Jede einzelne Entscheidung hat die Kraft mein Leben zu verändern. Aus Bequemlichkeit oder Feigheit lassen wir oft andere für uns Entscheidungen treffen. Häufiger als gesund ist. Es fängt harmlos an, man kauft das Kürbiskernbrot, obwohl man Sonnenblumen lieber mag. Man möchte dem anderen etwas Gutes tun. Freut sich über seine Freude. Wenn man aber merkt, dass es seit Monaten nur noch Kürbiskernbrot gibt, (obwohl man selbst meistens eingekauft hat) ist etwas schief. Vielleicht sogar weniger mit dem anderen, als mit einem selbst. Es sind Rollen und Gewohnheiten, die sich im Zusammenleben mit anderen Menschen entwickeln. Irgendwann kommt es einem normal vor, dass es immer Kürbiskernbrot gibt. Um in der Metapher zu bleiben: Ich brauche diese Zeit, um wieder herauszufinden, welches Brot ich mag… Darauf zu bestehen, dass ich die Rückfahrt einhand mache, war ein erster Schritt! Deshalb bin ich froh darüber hier allein zu sein, obwohl ich Ima vermisse.

Lagerfeuer in der Feuerschale

Authentisch sein

Das Feuer ist bis auf die Glut herab gebrannt. Ich lege Kartoffeln und Äpfel in die eine Ecke der Feuerschale und halte ein leichtes Feuer auf der anderen in Gang. Hänge meinen Gedanken nach. Manchmal habe ich den Eindruck, die Welt besteht hauptsächlich aus Herren und Sklaven. Die einen, die nur sich sehen, die immer führen und den Ton angeben, und auf der anderen Seite die, die alles tun, immer anderen zu Diensten zu sein, zu helfen und sich selbst dabei aus den Augen verlieren. Die einen sind zu egozentrisch und die anderen zu wenig. Es muss doch einen Weg geben, authentisch zu sein, seinem eigenen Stern zu folgen, ohne die anderen und deren Bedürfnisse zu ignorieren. Für sich selbst einzustehen und trotzdem für andere da zu sein…

Ich packe den Salat aus, Butter und Gewürze für die heißen Kartoffeln und genieße das Mahl. Sitze noch lange und schaue in das Brennen und Knistern und Glühen und Zischen. In das Züngeln und Flackern der Flammen. Bin mir bewusst, dass dieser Törn nur das Atemholen ist, das Bewusstmachen. Die eigentliche Arbeit wird einsetzen, wenn ich zurück bin…

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Dieser Blogger Beitrag spielt am Abend des 4.9.

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4 Comments

  1. Carsten sagt:

    Hallo Klaus,
    sehr schön geschrieben. Gerade wegen dieser ermöglichten Auszeiten halten Partnerschaften auch. Auch bei uns benötigt jeder seine Auszeit. Jeder hat eine Woche für sich. Wir nennen das „Tu was dir spaß bringt Woche“. Ich mache Segel- und Radtouren wo ich mich austobe, meine bessere Hälfte meistens irgendwo Musik. Diese Wochen nur für uns sind uns beiden sehr wichtig. Das bei immerhin fast 40 Ehejahren.
    Geht also!

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Carsten,
      Die „Tu, was Dir Spaß bringt Woche“ finde ich eine Superidee! Wenn das zu einer feste Größe in der Beziehung wird, wie bei Euch, ist es auch leichter umzusetzen, wenn man mal wieder Zeit für sich braucht…
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Michael sagt:

    Was für ein großartiger, berührender Text!
    Danke.

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Michael,

      manche Blog Artikel liegen einem besonders am Herzen. Wenn diese Artikel auch von anderen, wie von Dir und Carsten, besonders geschätzt werden, gibt einem das ein tolles Gefühl…

      Danke für Deinen schönen Kommentar. :)
      Liebe Grüße
      Klaus

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