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Segeln als Digitale Nomaden

Fjällbacka

Mai• 27•17

Am nächsten Morgen riechen meine Klamotten und Haare nach kaltem Rauch. Ich bin in aller Herrgottsfrühe wach. Erst einmal wasche ich mir die Haare. Mit Seewasser. Brrr. Spüle die Sachen von gestern. Hole Ben Nemsis nach einem kurzen Müslifrühstück (epochal: ohne Tee) an Deck und gehe kurzstag. Setze das Groß und hieve den Anker. Während ich ihn auf dem Vordeck fest lasche, greift der Wind ins Groß. Die Schot ist halb gefiert und nicht belegt. Trotzdem nimmt Néfertiti Fahrt auf und luvt an. Weg vom nahen Ufer. Das war keine Absicht, aber: Perfekt. Ich gehe zurück ins Cockpit, rolle die Genua aus und schon strebt Néfertiti in der leichten Brise dem Ausgang der Bucht zu, ohne die friedliche Stille gestört zu haben…

Segeln im Schärengarten

Im Schärengarten auf dem Weg nach Fjällbacka

Die Sonne scheint von einem blauen Himmel und verspricht einen grandiosen Tag. Néfertitis Bugwelle flüstert fröhlich. Aber mehr als ein Flüstern ist es nicht. Das ficht mich nicht an. Ich genieße die friedliche Stimmung. Auch ist mein erstes Ziel nicht weit. Ich will nach Fjällbacka. Frischproviant kaufen. Mir das Städtchen ansehen. Mich irgendwo in ein Café setzen und schreiben. Es steht auch auf der Liste von Johanns Empfehlungen. Bislang hat keine seiner Empfehlungen enttäuscht…

Mein Blick wandert hinüber nach Musön. Irgendwo dort liegt das Boot der Einhandseglerin. Vielleicht habe ich mich geirrt, als ich diese seltsame Verbundenheit spürte. Wenn nicht, werden sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen. Das war in meinem Leben immer so… Naja. Meist… Ehrlich gesagt… Manchmal. Ist aber ein tröstlicher Gedanke… ;)

Die schöne Morgenbrise lässt nach. Das fröhliche Gemurmel der Bugwelle wird träger, verstummt schließlich ganz. Da haben wir Fjällbacka schon in Sicht. Für die letzte Meile brauche ich eine Stunde. Na und? Schlag um Schlag kreuzt Néfertiti auf die Hafenmole zu. Ich fühle mich großartig. Bin voller Vorfreude auf das unbekannte Städtchen. Spüre die Wärme der Sonne auf meiner Haut, die sanften Bewegungen Néfertitis. Das leise Streicheln des Windes. Bin im Einklang. Ich ströme über vor Glück. Warum habe ich dieses Gefühl so oft auf dem Boot? Warum vergleichbar selten zu Hause?

Segeln im Schärengarten bei Fjällbacka

Nach Fjällbacka

Kurz vor der Hafenmole, die eigentlich selbst ein Steg ist (Man kann außen liegen), berge ich die Segel, hänge die Fender backbords über die Reling (Néfertitis Schokoladenseite) und bringe die Festmacher an. Starte die Maschine und laufe in den Hafen ein. Am Gaststeiger kann man nur an einer Seite längsseits liegen. Mit der Steuerbordseite. Auf den letzten Metern zum Hafen ist die Logge mal wieder ausgefallen. Um sie vom Steg aus frei schrubben zu können, müsste ich sowieso mit der Steuerbordseite anlegen. Also anstatt einfach zu drehen und mit dem Heck zum (kaum vorhandenen) Wind anzulegen, stoppe ich auf und hänge Fender und Festmacher um. Das dauert lange genug, um die Aufmerksamkeit eines Norwegers zu erregen. Bärtig. Ein Wikinger, wie er im Buche steht, mit einer Statur, die jedes Gegenüber unwillkürlich einschüchtert. Mich auch. Er steigt von seiner Yacht auf den Steg. Ich stoppe Néfertiti direkt neben ihm auf. Er nimmt ohne viel Federlesens meine Vorleine, während ich mit der Achterleine auf den Steg steige. Kurz darauf ist Néfertiti fest. Ich sage:
„Thank you!“ Er antwortet:
„You are welcome.“ Nicht das erwartete tiefe Brummen des Seebären, sondern das Stimmchen eines Engels. Hoch und ganz sanft. Fast weiblich.

Im Motorboot vor Néfertiti sitzt ein Pärchen im Cockpit, gemütlich ein Bierchen zischend. Hübscher hölzerner Verdränger. Ich frage nach einem Supermarkt und sie erklären mir ausführlich den Weg.

Fjällbacka ist wie ausgestorben. Bis auf den Supermarkt sind fast alle Läden geschlossen. Nachsaison. Überall das sinngemäß gleiche Schild an der Türe: „Nur am Wochenende geöffnet!“ Trotzdem mag ich diesen Ort. Ich bekomme meine Sachen. Sogar den leckeren Joghurt, auf den ich in letzter Zeit so einen heißen Appetit hatte… Schreibe an einem Picknicktisch eine Postkarte an das Team der Praxis, in der ich normalerweise putze (die bis heute dort an der Wand hängt). Das hatte ich meinem Chef versprochen und vor lauter Eindrücken fast vergessen. Werfe sie gleich in den Briefkasten. Während ich durch die Stadt stromere, kommt Wind auf. Eigentlich wollte ich mich in das einzige geöffnete Café setzen und Tagebuch schreiben. Aber die See lockt. Ich sollte weiter…

Trotzdem betrete ich das Café. Stehe am Tresen, um meine Bestellung aufzugeben, aber der Mann dahinter ignoriert mich. Die Frau vor mir hat er freundlich bedient, aber jetzt schafft er es weder meinen Gruß zu erwidern, noch mir ins Gesicht zu blicken. Er überhört mein Räuspern.
„Hallo?!“ Keine Reaktion. Stattdessen ordnet er mit einer Hingabe die Kuchen neu, die mir schon Bewunderung abnötigt. Ich nehme die absurde Situation als Gottesurteil. Die Sonne lacht, die See ruft: Ich sollte nicht drinnen sitzen und Buchstaben auf Papier kritzeln… Die Frau, die vor mir dran war, schenkt mir ein mitfühlendes Lächeln, als ich mich mit einem sanften „Thank you“ (das ich ernst meine, aber alle anderen im Raum als ironisch auffassen) umdrehe und fröhlich zu Néfertiti schlendere. Er hat mir die Entscheidung abgenommen. Das Wetter ist einfach zu schön! Noch schnell Wasser bunkern und die Logge schrubben, dann kann ich los.

Der Wikinger mit der Engelsstimme legt kurz vor mir ab. Auch die netten Leute, die mir den Weg zum Supermarkt erklärt haben, treffen Anstalten abzulegen. Wir wünschen uns gute Reise. Als ich schließlich Kugelfender und Springs fertig habe, sind die netten Leute immer noch nicht vom Steg weg. Sie stellen sich so ungeschickt an (Bei Bft 1-2, zu zweit auf einem 5 Meter Motorboot), dass ich mich frage, ob das mehr als ein Bierchen war.
„Do you need a hand?“
„No.“ Dann mache ich mich lieber aus dem Staub, bevor sie Néfertiti rammen können. Dampfe kurz in die Spring und ziehe Néfertiti rückwärts vom Steg weg. Aufstoppen, Leinen und Fender versorgen. Schon verlässt Néfertiti den Hafen. Draußen gehe ich in den Leerlauf, um die Segel zu setzen. Löse die Zeisinge des aufgetuchten Großsegels.
Die beiden haben es doch noch geschafft abzulegen, und holen Néfertiti ein. Stoppen neben uns auf. Wir schnacken kurz über die Schönheit der Landschaft. Sie wohnen auf einer der Schären und benutzen ihr Boot täglich. Seltsam, er wirkt nicht betrunken. Wir wünschen uns zum Abschied abermals eine gute Fahrt. Sie tuckern gemütlich voraus.

Ich heisse das Groß vor und stelle den Motor aus. Rolle die Genua aus. Was kostet die Welt?!

♦♦♦

Dieser Blog Artikel spielt am 5.9.

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6 Comments

  1. Lucky sagt:

    Wenn man länger unterwegs ist kriegt man immer Probleme mit dem Gas Nachschub. Was für ein System hast du? Ich habe das (teure) Campinggaz, aber zum Glück immer an wenigen Hotspots (Turku, Stockholm, Kalmar) Ersatz bekommen. Selbst bei täglich mehrfach kochen hält so ne Flasche bei mir 20-25 Tage.

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Lucky,
      schön mal wieder von Dir zu hören.
      Camping Gaz ist eine ziemlich gute Idee. Das hätten wir unterwegs auch bekommen können. Wahrscheinlich gibt es die europaweit auf jedem etwas größeren Camping Platz.

      Wir haben die normalen grauen Flaschen. Die 5 kg Flaschen (oder sind es 6??) halten etwa eine Saison… Auch diese Flasche hat letzten Endes bis zu Hause gehalten. (Bis im Winter jemand ins Schiff eingestiegen ist, um da zu übernachten. Der hat das Restgas verbraucht. Hat wohl nicht viel Freude dran gehabt… Jedenfalls nicht allzulange! ;) )

      Bei uns würde auch eine 11 kg Flasche in den Gaskasten passen (glaube ich), die ich vor einem neuerlichen Langtörn einsetzen würde. Dein Kommentar hat mich aber auf die Idee gebracht, auch noch einmal über einen Systemwechsel nachzudenken…
      Liebe Grüße :)
      Klaus

      • Klaus sagt:

        „Dein Kommentar hat mich aber auf die Idee gebracht, auch noch einmal über einen Systemwechsel nachzudenken…“

        Würde ich nicht machen. Nur vor so einer Reise die 5 kg-Flasche voll auffüllen lassen, dann bist du gut versorgt. Das ist ja auch deutlich billiger als CampingGaz.

        • Klaus Klaus sagt:

          Habe eben mal stichprobenartig die Preise verglichen. Habe knapp über zehn Euro für die letzte Füllung (5 kg) bezahlt und eine Campinggaz Flasche von 2,75 kg kostet knapp 64€. Das ist schon eine Hausnummer… ;)

          Liebe Grüße
          Klaus

          • Lucky sagt:

            Die 2,75 Kg Campinggaz kosten m. E. so um die 30 Euro und halten bei mir ca. 25 Tage bei voller Nutzung. Wo hast du 64 € gelesen?
            Die grauen 5Kg habe ich für meinen gasgrill @home: 10 € kommen hin.

            Ich würde an deiner Stelle auch nicht Umrüsten, da es deutlich teurer ist. Allerdings passen bei uns nicht mal die 5 Kg Dinger rein, insofern habe ich keine Wahl.

            Man kommt aber eben im Ausland etwas besser an die Flaschen ran. Alles hat eben Vor- und Nachteile. Wenn die 5 Kg bei dir eine Saison halten ist ja alles im Lot…

  2. Klaus Klaus sagt:

    Hi Lucky,
    ich hatte einfach stichprobenartig bei Amazon geschaut. Da kosten die „großen“ Kartuschen immer noch 64 Euronen… Ich denke auch nicht an jetzt, sondern an den Fall, dass wir vielleicht im nächsten Jahr ;) gen Süden segeln… Und nicht für nur drei Monate…
    Liebe Grüße :)
    Klaus

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