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Segeln als Digitale Nomaden

Der Wecker

Mai• 30•17

Der Wind, der aufgekommen ist, als ich durch Fjällbacka schlenderte, steht nicht durch. Östlich Valöns, noch in Sichtweite der Hafenanlagen, verhungert Néfertiti in einer Flaute. Ich kann die Leute auf der Terrasse des Cafés sitzen sehen. Aber ich beneide keinen von ihnen. Genehmige mir stattdessen eine Schale meines Lieblingsjoghurts. Genuss pur. Schnappe mir mein Tagebuch und kritzele Buchstaben auf Papier. Was will ich mehr? Nach einer Weile kommt ein Windhauch auf und schiebt uns durch die verwinkelte felsumstandene Einfahrt der Bucht.

Schärengarten

Braune Segel vor grauer Ewigkeit

Die Felswand fällt senkrecht ins Wasser. Mit wenigen Metern Abstand gleitet Néfertiti an ihr vorbei. Die braunen Segel vor der steingrauen Ewigkeit.

Ich habe in meinem Leben oft die Abkürzungen genommen. Nicht alle waren kürzer. Auf lange Sicht gesehen. Die meisten waren bequemer. Manchmal bin ich auf den Felsen gelandet. Manche haben mich in die Irre geführt. Aber ich hatte immer das Gefühl „meinen“ Weg zu gehen. Jetzt frage ich mich manchmal, ob ich nicht einfach nur dem Gedrängel auf den Hauptstraßen aus dem Weg gegangen bin. Warum habe ich nie eine richtige Ausbildung gemacht? Warum habe ich mich mein ganzes Leben lang gegen ein etabliertes Leben gewehrt? Warum fehlt mir der Drang etwas aufzubauen? Warum ist meine ganze Sehnsucht unterwegs zu sein?

Néfertiti kommt aus dem gestörten Wind nahe der Steilwand heraus und leise stimmt die Bugwelle ihr liebliches Lied an. Ein Blick auf die Karte. Voraus. Wo ist die grüne Tonne? Wer hier segelt, muss sich hinter jeder Ecke neu orientieren.

Segeln in den westschwedischen Schären

Frieden

Sehnsucht unterwegs zu sein? Gerade bin ich unterwegs. Jetzt! Ich spüre, welchen Schatz ich da in den Händen halte. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, die Zeit zerrinnt zwischen meinen Fingern. In drei Wochen wird es vorbei sein und ich bereue zum ersten Mal diesen Job angenommen zu haben. Den Wecker gestellt zu haben, der mich aus diesem Traum aufwachen lassen wird. Meine früheren, monatelangen Reisen hatten alle eines gemeinsam: Ein offenes Ende. Ich bin erst heimgekehrt, wenn sich das richtige Gefühl eingestellt hatte. Wenn ich mich auf zu Hause gefreut habe, wenn der gute Moment für die Rückkehr gekommen war. Auch wenn das hin und wieder fünf Monate gedauert hat. Ich habe das Gefühl, die Angst, dass ich diesen Moment auf dieser Fahrt nicht erleben werde…

Das Fahrwasser knickt ab. Néfertiti passiert die grüne Tonne. Vor uns breitet sich ein ganz neuer Anblick aus. Auch navigatorisch. Wo ist die zweite grüne Tonne? Ach da. Ein Blick auf die Karte. Voraus. Da vorne ist auch die Bake von Sandviksholmen. Die Navigation ist anspruchsvoll heute. Dahinten das könnte Lyngö sein. Danach ginge es links ab. Vielleicht ist es aber auch nur ein Felsen der zu Hamburgö gehört. Werden wir sehen, wenn wir näher heran sind. Immer sollte man ein, zwei Schritte voraus denken. Néfertiti sucht sich ihren Weg zwischen hunderten von kleinen und großen Schären. Felsen, die sich so stark ähneln, dass die Schweden sie teilweise markiert haben. Mit Farbe oder kleinen Türmchen. Die Sonne knallt hochsommerlich heiß vom Himmel. Im T-Shirt ist mir fast zu warm. Drehe kurz bei, steige hinunter in die Kajüte und mische mir eine Limonade mit Wasser, Holunderblütensirup, Ingwer, Zitrone und etwas Honig. Schmiere mich noch einmal mit Sonnenmilch ein. Sicher ist sicher. Steige zurück an Deck. Halse und gehe wieder auf Kurs.

segeln Richtung Hamburgö

Richtung Hamburgö

Hinter St. Lyngö dreht Néfertiti nach Backbord. Hamburgö wollten Ima und ich eigentlich auch besuchen. Als Hamburger… Aber die hohe fjordartige Steilwand habe ich nicht erwartet, die sich plötzlich vor mir auftut. Mit achterlichem Wind segeln wir auf den schmalen Felseinschnitt zu. Auf die hohe Felswand. Ich möchte Ima anstubsen: „Guck mal!“ Aber auch so bin ich ganz erfüllt von der erhabenen Landschaft. Ima hat eine Whatsup-Gruppe mit unseren schwedischen Freunden gegründet. Ich poste ein paar Fotos. Das ist der unvollkommene Versuch Glück zu teilen in unserer digitalen Welt… Denn gleichzeitig lenkt es ab. Stärkt und schmälert den Moment gleichzeitig. Vor dem Wind läuft Néfertiti unter der hohen Felswand entlang.

Bei Ulön geht ein Segler ankerauf. Kurz bevor wir ihn erreichen, ist er unter Segeln. Auch nicht schneller als wir. Bis wohin reicht der Windschatten von Ulön? Mein Kontrahent nimmt die Kurve zu eng und bleibt hängen. Ich nehme die Kurve weiter, komme aber auch in den gestörten Wind. Schließlich befreit er sich zuerst. Trotzdem sind wir deutlich näher gekommen :D Der Andere läuft südwestlichen Kurs, folgt den Felsen an Backbord. Néfertiti ist auf der Verfolgung. Steuerbord voraus stehen drei Baken. Sie markieren das Hauptfahrwasser, das ich nehmen wollte. Ich bemerke sie erst im letzten Moment, drehe ab. Drei Baken auf engstem Raum. Ich kann sie räumlich nicht sofort zuordnen. Irgendwie ist das Bild verwirrend. Wo ist die Durchfahrt? Ich drehe bei und betrachte die Baken mit dem Fernglas. Ach so! Plötzlich ist der Groschen gefallen und ich kann nicht verstehen, warum ich das nicht gleich gesehen habe. Halsen. Es gibt eine Abkürzung, die das andere Boot nimmt, mit dem günstigeren Windwinkel. Vielleicht. Aber es könnte in den Windschatten dreier Schären geraten, während ich relativ freien Wind haben werde. Néfertiti schlängelt sich zwischen den Baken hindurch und segelt auf der Luvseite der drei Schären. Der andere ist meinen Blicken entzogen, aber kurz bevor wir die letzte Felsnase der dritten Schäre erreichen, da, wo die beiden Passagen wieder zusammenführen, taucht vor mir der Bug des Segelbootes auf, die Genua… Mein Vorteil war wohl geringer als gedacht. Hat er doch tatsächlich den Abstand ausgebaut. Inzwischen kann ich das ganze Boot sehen. Es segelt nur unter Genua … Eben hatte er doch noch Vollzeug?! … Ich erreiche die Huk…

Segeln und Angeln

Segeln und Angeln

Das Boot vor mir ist ein anderes. Mein Widersacher liegt bekalmt hinter den Schären. Das kleine Boot unter Genua segelt bei dem leichten Wind etwa so schnell wie wir unter Vollzeug. Mal zieht der eine ein bisschen davon, dann der andere. Wir kommen ins Gespräch. Segeln und Angeln. Der Segler drüben angelt für sein Abendessen. Um Makrelen zu angeln sollte man drei Knoten laufen, hatte Johan die Erfahrung seines Vaters an uns weiter gegeben. Und der hatte sie schon von seinem Vater. Nicht schneller und nicht langsamer. Der Segler drüben scheint das auch zu wissen…

So segeln wir gemütlich plauschend an der Westküste von Valön entlang. Valön?! Der aufmerksame Leser mag sich fragen, ob wir im Kreise gesegelt sind. Sind wir nicht. Die Schweden sind nicht sonderlich kreativ, was die Namensgebung ihrer Schären angeht. Viele Namen findet man zwei-, drei- und vielfach auf den Seekarten. Vielleicht sind es einfach zu viele Schären…? Auch Lyngö werde wir gleich ein weiteres mal erreichen. Dahinter will ich das Fahrwasser verlassen, um eine Abkürzung zu nehmen. Nördlich an Hällsö vorbei. Auch der Angler luvt hinter Lyngö an. Er will nach Hunnebostrand. Während ich die Nacht bei Yttre Hyö verbringen möchte. Diesmal keine Namensgleichheit. ;) Es ist tatsächlich derselbe Naturhafen, in dem auch Ima und ich auf der Hinfahrt Schutz gefunden hatten. Vor der Einfahrt in die Bucht berge ich die Segel. Der Angler winkt zum Abschied. Wir wünschen uns gegenseitig gute Fahrt…

Segeln und Angeln

Der fischende Segler

Ich laufe langsam in die bekannte Bucht ein. Zu unserem alten Liegeplatz. Ein kleines offenes Motorboot schlängelt sich durch das extrem flache Gewässer zwischen den Schären, die diesen großartigen Naturhafen bilden. Es ist eine Minute vor Néfertiti da und nimmt den besten (tiefsten) Platz in Beschlag. Die Frau des Skippers fordert ihn auf, mir diesen Platz zu lassen, aber der Skipper pocht ihr gegenüber auf dem Recht des Ersten. Mich stört das nicht. Ich kenne Yttre Hyö ja und weiß, dass wir auch am Haken daneben ganz gut liegen. Nur werde ich tief springen müssen, denn der Felsen ist hier noch etwas niedriger. Das letzte Mal habe ich mir beim Sprung den Knöchel leicht gestaucht… Aber dieser Sorge enthebt mich der Skipper. Er nimmt meine Leine an, führt sie durch den Haken und gibt sie zurück an Bord. Wir sind schnell in ein Gespräch vertieft. Die Beiden wollen nur den milden Abend genießen. Werden, wenn es dunkel wird, wieder ablegen und zurück nach Hunnebostrand fahren.

Ich steige hinunter in die Kajüte. Genehmige mir den letzten Schluck der selbstgemachten Limonade. Mache mir einen Salat mit Brot. Noch habe ich Gas. Aber wie viel? Wäre blöd hier eine neue schwedische Gasflasche kaufen zu müssen, die ich in Deutschland nicht mehr los werde… Bin also etwas zurückhaltend mit warmen Essen und Tee. Mixe mir lieber noch eine köstliche Limonade. Entzünde ein paar Kerzen. Fühle mich angekommen. Irgendwann ertönt neben Néfertiti ein Motor. Ich strecke meinen Kopf aus dem Niedergang. Winke den beiden zum Abschied. Dann kehrt Stille ein. Ich bin hier allein. Ein schönes Gefühl.

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Dieser Blog Artikel spielt am 5.9.

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4 Comments

  1. jedes Mal ich lese die Geschichten mit Vergnügen!!! Danke schön.

  2. Julian Buß sagt:

    Ich habe es schon oft gesagt, und sage es immer wieder: Ich mag Deine Geschichten, sie zaubern mir regelmäßig beim lesen ein Lächeln auf das Gesicht :)

    Du könntest Deine ganzen Blog Geschichten in ein eBook packen und selbst via Amazon anbieten. Ich hab das mal als „Produzent“ gemacht (such bei Amazon nach „Heirö“), das war eigentlich einfach… vielleicht schaffen wir es noch vor den Ferien, uns mal persönlich zu unterhalten :)

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Julian,

      das aus deinem berufenen Munde freut mich ganz besonders! Wäre toll, wenn das mit einem Treffen klappen würde. :D

      E-Book und Print on demand habe ich schon lange vor, aber ich finde einfach nicht die Zeit dafür. Bin schon echt froh, dass ich es schaffe, halbwegs pünktlich den Blog zu füttern… Aber sobald ich etwas Luft habe, werde ich das angehen. Deine Erfahrungen dazu würden mich natürlich auch brennend interessieren!

      Also auf hoffentlich bald
      Klaus

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