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Leben als Digitale Nomaden

Liebeserklärung an die hässlichste Stadt Schwedens: Uddevalla

Jun• 05•17

Das Radio drüben ist verstummt. Ich sitze in der Kajüte Néfertitis. Ein paar Kerzen blaken, aber ich habe zusätzlich das elektrische Licht über dem Kartentisch angeknipst: Ich wälze Seekarten. Möchte gerne innen um Orust und Tjörn herum. Neues entdecken. Scheint auch grüner zu sein. Nachteil: Bei den angesagten südwestlichen Winden werde ich im Fjord ab Uddevalla kreuzen müssen. Aber vermutlich auch bei westlichen oder südlichen Winden, vielleicht sogar bei Südost. Denn sicherlich wird der Bodenwind sich den Konturen des Fjordes anpassen…

Segeln in den Schären

Hochnebel in den Schären

Vielleicht gehe ich nach Uddevalla. Dort könnte ich einen neuen Versuch starten, meine Gasflasche füllen zu lassen, anstatt sie auszutauschen. Die Tastatur meines Netbooks hat ihren Geist aufgegeben. Zu Hause habe ich eine Ersatztastatur. Vielleicht könnte ich in Uddevalla auch eine billige schwedische Tastatur mit USB Anschluss erstehen. Meine Kamera ist voll. Kann die Fotos nicht auf den Computer übertragen, weil ich das Passwort nicht tippen kann… So sehen also ungefähr meine Alltagssorgen aus, als ich schließlich das Licht lösche, auch die Kerzen ausblase, mich in meinen Schlafsack kuschele, in Gedanken Ima eine gute Nacht wünsche, und in einen tiefen, traumlosen Schlaf sinke.

Am nächsten Morgen herrscht Hochnebel. Etwa dreißig Meter über der Wasseroberfläche. Konturlose Watte über dem Masttop. Ich ziehe mir Ölzeug und Schwimmweste an und werfe die Bugleine los. Rolle die Genua aus und bin unter Segeln. Néfertiti nimmt Fahrt auf. Es fängt an zu nieseln. Wenn der Nebel tiefer sinken sollte, werde ich halt irgendwo ankern müssen… Das Fahrwasser schlängelt sich zwischen Felsen und Steilhängen hindurch. Mitunter nehme ich den Motor zu Hilfe. Als ich auf eine nicht frei fahrende Fähre warten muss, rolle ich sogar die Genua ganz ein.

Segeln bei Hochnebel in den Schären

Noch ahne ich nicht, dass die Windfahnensteuerung nicht wirklich funktioniert

Schließlich erreichen wir den breiten Fjord, der um Orust herum führt. Ich setze die Genua, das einmal gereffte Groß und rigge die Selbststeuerung. Néfertiti läuft vor dem Wind durch die verwunschene Landschaft. Ein glückliches Gefühl breitet sich in mir aus. Erst leise, dann immer lauter. Noch weiß ich nicht, dass das neue Pendelruder der Windfahnensteuerung zu groß geraten ist. Dass es ab einer bestimmten Geschwindigkeit, ohne den passenden Winddruck (Genakersegeln), die Windfahne steuert anstatt umgekehrt. Im Moment ist Néfertiti so gut ausbalanciert, dass sie auch ohne Windfahnensteuerung ihren Kurs halten würde… Wähne mich gut gerüstet, glaube bereit zu sein, um überall hin segeln zu können. Freue mich auf die Überquerung des Kattegats. Vielleicht kann ich durch den Limfjord in die Nordsee schlüpfen und doch noch die nordfriesischen Inseln besuchen? Das Wasser gurgelt an der Bordwand entlang. Während Néfertiti sich selbst steuert gehe ich unter Deck. Was für ein fröhliches Glucksen und Gluckern an der Bortdwand. Will mir zur Feier des Moments eine Kanne Tee zubereiten, den ich mir jetzt oft genug vom Munde abgespart habe. Was Ima wohl macht?

Uddevalla

Welcome in Uddevalla

Uddevalla bedeutet einen Umweg von fünf Meilen. Als der Fjord nach Süd abknickt, komme ich noch einmal ins Grübeln. Hätte Lust mal wieder in einem Café sitzen und Tagebuch schreiben. Zumal es in Fjällbacka nicht geklappt hat. Das gibt den Ausschlag. Ich bleibe auf Kurs Uddevalla.

Als erstes unterquert man eine riesige Brücke. Dahinter kommen heruntergekommene Hafenanlagen in Sicht. Ein riesiges hässliches Silo. Uddevalla macht einem Zuneigung nicht leicht. Die Einfahrt in den Hafen ist erst spät auszumachen. (Sie liegt direkt neben dem Silo) Ich berge das Groß und tuche es auf. Segele nur unter Genua mit achterlichem Wind in den schmalen Kanal, der zum Stadthafen führt. Gelbe Tonnen schränken die enge Zufahrt noch weiter ein. Ein Teil der Pier ist eingestürzt. Wo bin ich da nur hingeraten? Im Hafenbecken schwimmt eine riesige Öllache. Ich segele langsam in den engen Hafenschlauch hinein. Der graue Himmel tut das seinige dazu. Alles wirkt menschenverlassen und trostlos. Weit innen finde ich den Gastliegesteg. Kurz vorher rolle ich die Genua auf… Als sie halb aufgerollt ist, verklemmt sich die Reffleine auf der Trommel. Noch haben wir Platz und der Hafen ist so geschützt, dass hier nur wenig Wind geht. Ich eile aufs Vorschiff. Der Überläufer lässt sich nicht so schnell klarieren. Müsste erst die Leine lösen… Hatte eigentlich den Schwimmponton anvisiert, aber ich könnte auch gegen den Wind längsseits anlegen. Das scheint mir für die nur halbaufgerollte Genua besser zu passen. Ein bisschen eng. Aber nach vorne habe ich Platz.

Pier Uddevalla

Eingebrochene Pier

Zuerst einmal mache ich die Festmacher und Fender an Backbord klar. Eine selbstgemalte Tafel zeigt eine Brückenhöhe unter dem Steg von 20 Zentimetern an (Oder waren es fünfzig?). Wer will denn da durch fahren? Erst als Néfertiti sich keinen Zentimeter mehr bewegt, realisiere ich, dass die „Brückenhöhe“ die Wasseroberfläche darstellen soll. Sitze zwei Meter vom Steg entfernt auf Grund. Ima wäre stolz auf mich. Ich komme nicht einmal auf die Idee zu fluchen. Stattdessen gehe ich in Leerlauf, nutze die stabile Situation und klariere in aller Ruhe die Genua. Die Wassertiefe nahm so schnell ab, dass ich hier bestimmt leicht wieder herunter komme. Zur Not muss jemand eine Leine am Schwimmsteg belegen, so dass ich mich rückwärts hinunter winschen kann. Wenn niemand kommen sollte, habe ich noch das Schlauchboot. Gut, dass sich die riesige Öllache bei der Hafeneinfahrt gesammelt hat und nicht hier herum schwabbert… Nach ein paar Minuten ist die Genua klariert. Niemand in der Nähe, dem ich eine Leine zuwerfen könnte.

Mit voller Kraft rückwärts und ein paar Schaukelbewegungen befreit sich Néfertiti aber auch so wieder. Also lege ich brav am Schwimmsteg an. Wenig später ist Néfertiti gut vertäut. Mein Blick schweift über die trostlosen Anlagen. So heruntergekommen, dass es schon wieder etwas hat. Willkommen in Uddevalla! Vielleicht, wenn die Sonne schiene…

Die junge Frau im Tourist Office lächelt mich herzlich an. Gas werde ich hier nicht gefüllt bekommen. Vielleicht in Jöhteboria. Aber es gibt einen großen Elektromarkt und ein paar Cafés, die sie mir alle in die Karte einzeichnet. Die Innenstadt wirkt im grauen Licht auch so, als habe sie schon bessere Tage gesehen. In der Einkaufsstraße lungern Jugendliche herum. Rauher Ton. Testosteron geschwängert. Die Mädchen girren und die Jungen raufen. Nichts Ernstes. Bin ich froh diese Lebensphase hinter mir zu haben, in der jeder versucht etwas Besonderes zu sein und gleichzeitig nicht aus der Reihe zu tanzen. Ein unmöglicher Spagat.

Ich finde mich in einem kleinen Café wieder. Sehe aus dem Fenster, an dem inzwischen die Regentropfen herabrinnen. Die Jugendlichen sind zu cool, um sich davon einschüchtern zu lassen. Sie harren aus. Irgendwie erinnert mich das an meine Jugend im Internat. Längst habe ich dieses ungehübschte Städtchen ins Herz geschlossen. Mit jeder Minute mehr, die ich hier sitze und die Jugendlichen da draußen immer nasser werden, weil keiner das Weichei sein will, das zum Aufbruch mahnt…

Hässliches Uddevalla

Schönes Uddevalla

Ich vertiefe mich ins Tagebuch. Als ich wieder aufschaue, sind die Jugendlichen doch aufgebrochen. Stunden später hört der Regen auf. Da ist mein Tagebuch auf dem neusten Stand und ich bin nahe einer Coffeinvergiftung. Im Elktromarkt gibt es nur Tastaturen ab 40€. Wenn es wenigstens eine Englische gäbe, aber man führt nur Schwedische…
„May be in Jöhteboria.“
Na gut. Da werde ich vorbeikommen. Statt der Tastatur erstehe ich ein sehr gutes (und teures) Ladegerät. Die Batterie macht nämlich immer noch Sperenzien und inzwischen habe ich dem Internet entnehmen können, dass diese neue „Marine“-Batterie sich ausschließlich mit Ladegerät und Landstrom voll laden lässt.

Zurück an Bord schließe ich das Ladegerät an und starte das ganze Programm. Ich habe eine Tankstelle in der Nähe… nicht soooo weit weg … entdeckt.
Während das Ladegerät seiner Arbeit nachgeht, laufe ich drei Mal mit meinen 5 Liter Kanistern hin und her. Dann ist der Dieseltank gefüllt. Vorräte im Supermarkt gekauft. Bin wieder autark! Gutes Gefühl. Wenn jetzt auch noch die Batterie lädt!

Inzwischen liebe ich dieses heruntergekommene Städtchen. Irgendwie rauh aber ehrlich. Würde gerne noch einen Tag bleiben. Aber Johan segelt die Tage und hat ein Treffen bei Tjörn vorgeschlagen. Bei den leichten angesagten Winden sollte ich lieber morgen aufbrechen, sonst muss ich womöglich den ganzen Weg motoren…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 7.9.

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8 Comments

  1. Jens sagt:

    Orust,die Insel, wo unsere Snugata gebaut wurde… Ich hoffe,ich komm da auch mal hin…
    LG
    Jens

    • Klaus Klaus sagt:

      Ja. Wirklich ein schönes Plätzchen, wo Deine Snugata gebaut wurde. Ich würde auch gerne noch mal hin …
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Max sagt:

    Moin!

    Was ist denn das für eine komische Batterie die du da hast? Was für ein Typ ist das?

    Gruß!

    • Klaus Klaus sagt:

      Hi Max,

      Ich muss gestehen, dass ich das aus dem Kopf nicht mehr weiß. Müsste erst einmal zum Boot fahren und das nachlesen… Eigentlich ein gutes Zeichen, denn als das akut war hätte ich Dir die Bezeichnung zu jeder Tages- und Nachtzeit herunter leiern können… ;)

      Liebe Grüße
      Klaus

  3. Lothar sagt:

    Hej,

    nichts gegen Uddevalla, da kommt mein Boot her;-)

    Grüße und danke für den schönen Blog.

    Lothar

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