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Leben als Digitale Nomaden

Der verlorene Freund

Jun• 11•17

Der Ankerplatz bei Oxholmen lässt zu wünschen übrig. Wunderschön gelegen, aber beim Eindampfen ziehe ich nur den Anker über Seegras. Zweiter Versuch… Dritter… Schließlich steuere ich die flachgehende Bucht nördlich an. Nach zwei weiteren Versuchen gräbt sich endlich der Anker ein. Nicht dass ich mich jetzt sicher fühlen würde. Nicht so wie sonst beim Ankern. Es sind zwar nur leichte Winde angesagt, aber zur Sicherheit aktiviere ich den Ankeralarm des Handys.

Verwunschene Schären

Normalerweise würde mich die Insel locken…

Komisch: Ich verspüre kein Bedürfnis an Land zu rudern und die Inseln zu entdecken, deren Liebreiz mich sonst immer gelockt hätte. Vielleicht habe ich heute auch genug gepullt. Als eine Gruppe Kanuten den Strand ansteuert, fühle ich mich entschuldigt. Allerdings stellen sie keine Zelte auf und paddeln nach einer kurzen Rast weiter… Kein Wind. Ich sitze im Cockpit und genieße die langsam hereinbrechende laue Sommernacht. Was Ima jetzt wohl macht? Würde diesen Moment gerne mit ihr teilen. Gehe nach einer wunderschönen langen Weile unter Deck und schalte das Ankerlicht ein.
Sende Ima einen virtuellen Gute-Nacht-Kuss und gehe zur Koje.

Am nächsten Morgen lässt der Wetterbericht drei bis vier Windstärken verlautbaren. Aus Süd. Nicht, dass davon schon etwas zu spüren wäre. Ich setze mich an den Kartentisch und wälze Seekarten. Möchte nach Högö. Da wollten Ima und ich auch schon hin, aber damals herrschte Nordwind, gegen den mir der Ankerplatz schlecht geschützt schien. Jetzt haben wir Südwind. Für den Ankerplatz auf Högö perfekt. Aber sonst?! Auf direktem Weg sind es grob 25 Meilen, aber ich werde kreuzen müssen…

Vielleicht herrscht im Fjord etwas mehr Wind. Schließlich liege ich in Lee der Schäre. Ich gehe ankerauf und motore in den Fjord. Es fängt an zu nieseln. Ich motore weiter. Ist das nicht komisch? Habe die Freiheit hier zu dümpeln, erinnere mich der unzähligen Diskussionen mit Ima genau zu diesem Thema und jetzt motore ich durch den schönen Fjord. Wenn Wind herrschte und ich kreuzen könnte, machte ich bei erwarteten vier Knoten Fahrt vielleicht zwei Meilen Luv pro Stunde. Hochgerechnet auf die Restdistanz… Eine Stunde später riffelt sich die Wasseroberfläche leicht. Das Nieseln geht in Regen über. Könnte jetzt vielleicht zwei Knoten laufen, das wäre eine Meile Luvgewinn pro Stunde… Ich wundere mich über mich selbst, checke Öldruck und Temperatur und lasse den Diesel weiterlaufen.

Im Fjord hinter Orust

Unter Maschine

Erst als etwa zwei Stunden später der Regen aufhört und die Wolkendecke teilweise aufreißt, stoppe ich die Maschine und setze Segel. Da stehen wir hinter Galterön. Der leichte Wind hat eine westliche Komponente und ich kann zwar nicht anliegen, aber habe einen langen Streckbug.

Drei Windstärken! Ich schaue auf die Blasen die an Néfertitis Bordwand entlang ziehen. Schaue ihnen nach, wie sie im Kielwasser vergehen. Die Sonne lugt vorsichtig zwischen den Wolken hervor. Ich sitze an der Pinne, spüre jede Regung Néfertitis, den leichten Ruderdruck und die leichte Zu- oder Abnahme der Krängung.

Hinter Dagholmen weitet sich der Fjord und die Sonne kommt heraus. Das Fahrwasser verläuft hier etwas westlicher. Der Streckbug wird kürzer. Wir müssen richtig kreuzen. Vielleicht läuft sogar ein leichter Strom gegenan…

Vor mir verschmelzen die Inseln zu einer zusammenhängenden Landmasse. Keine Chance, die schmale Durchfahrt bei Älgön auszumachen. Kreuzend habe ich auch keine Möglichkeit einem Kompasskurs folgend darauf zuzulaufen. Ich greife trotzdem zum Peilkompass und peile den abgesetzten Kompasskurs. Damit ich wenigstens weiß, wo ich zu suchen habe. Eine Viertelstunde später schiebt sich ein Kümo durch die schmale Einfahrt und jetzt weiß ich sogar genau, wo die Durchfahrt liegt.

Aber bis dahin warten noch unzählige Wenden auf mich. Der Wind brist auf. Nefertiti arbeitet sich durch eine leichte Welle. Kurz vor Älgön stößt von der Seite ein zweites Segelboot zu uns. Wir sind etwa gleich schnell. Mal ist der eine etwas weiter vorne, mal der andere. Vor der Durchfahrt läuft der andere bis zum gegenseitigen Ufer. Ich nutze einen leichten Winddreher und wende. Kann die Huk anliegen. Müsste mit der Abdrift genau hinkommen.

Felsenhüpfen bei Leichtwind

Wenden bei Leichtwind

„Jetzt habe ich dich!“ Der Schwede hält unbeirrt weiter auf das andere Ufer zu. Aber ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Genauer: ohne den Strom. Inzwischen hat der andere ebenfalls gewendet und holt auf. Ich komme zu nah an die Felsen und wende auf den Holebug. Der andere kommt jetzt mit Siebenmeilenschritten auf. Ich will keinesfalls Raum verschenken. Wende zurück. Habe noch so gerade die Nase vorn. Aber der andere steht weit in Luv. Ich kneife, um mich an den Felsen vorbei zu mogeln. Verliere Fahrt. Der andere zieht vorbei. Ich muss noch einmal auf den Holebug wenden. Als ich zurück wende, bin ich klar abgehängt. Trotzdem wird es für Néfertiti noch einmal eng. Möglicherweise setzt der Strom auf dieser Seite stärker als auf der meines Kontrahenten. Ich muss abermals wenden… und zurück wenden. Als wir den Felsen glücklich gerundet haben, segelt der andere weit weit voraus…

Mit raumen Wind queren wir die Bucht. Dabei lässt der Wind spürbar nach. Auf der anderen Seite der Bucht wartet eine enge Passage gegenan auf uns. Ich berge die Genua und starte die Maschine. Kaum können wir anliegen, rolle ich die Genua wieder aus. Nach Högö ist es nicht mehr weit. Ich genieße das Leichtwindsegeln in den Abend hinein. Alle anderen haben ihre Segel eingepackt und streben unter Motor ihren Nachtplätzen zu. Die meisten biegen in den Kanal nach Marstrand ein. Ein Boot der Küstenwache kommt Néfertiti entgegen. Der Steuermann richtet seinen Kurs so ein, dass wir uns nicht in die Quere kommen und winkt, als wir uns gegenseitig passieren. Schließlich weitet sich das Fahrwasser.

Högö kommt in Sicht. Die Ankerbucht liegt voller Boote. Néfertiti segelt in der leichten Brise bis an den Rand des Ankerfeldes heran. Wir drehen in den Wind und ich berge die Segel. Anders als sonst liegt nur ein einziges Boot an den Haken. Alle anderen ankern. Ich bereite die Bugleine und den Heckanker vor. Starte die Maschine. Vorsichtig laviere ich Néfertiti durch das Feld der Ankerlieger. Immer einen Blick auf dem Echolot, laufe ich den besten Haken an. Ganz hinten, im Scheitel der Bucht. Werfe den Heckanker auf Sandgrund. (Das kann man durch das klare Wasser sehen!) Halte ein bisschen gegen und grabe so den Anker mit der leichten Vorausfahrt ein. Belege die Leine und gehe zum Vorschiff. Kann noch einen Meter näher an den Felsen heran. Gehe zurück und gebe noch einmal einen Meter aus. Belegen. Nach vorne gehen und mit der Bugleine auf den Felsen klettern. Leine durch den Haken führen und wieder an Bord klettern. Belegen. Zurück ins Cockpit, Motor stoppen. Heckanker soweit durchsetzen, wie es geht. Ich bin angekommen. Tolles Gefühl.

Ich richte mich auf und lasse meinen Blick über den Ankerplatz schweifen. Ich habe eindeutig den besten Platz erwischt! Néfertiti liegt genau in Windrichtung. Als ich auf Erkundung gehe, stelle ich fest, dass ich an einer kleinen Privatschäre festgemacht habe. Ohne Ben Nemsis komme ich gar nicht auf die eigentliche Insel Högö. Vielleicht morgen…

Néfertiti unter Segeln

Die Sonne kommt heraus

Jetzt habe ich mir erst einmal einen gemütlichen Abend verdient. Mit Kerzenlicht! Koche mir etwas Warmes, genieße den lauen Abend. Kann man das noch toppen?

Man kann: Ich habe Netz. Da hat mir jemand eine Mail geschickt. Ein Lasse. Die Mail ist lang. Der Schreiber beschreibt fast poetisch, wie er eine Buchhandlung aufsucht und plötzlich wie elektrisiert vor meinem Buch steht… Als er vom Internat schreibt, begreife ich, dass es jemand aus meiner Vergangenheit ist und plötzlich weiß ich auch, wer der Schreiber ist: Mein bester Freund aus dem Internat. Wir sind gemeinsam abgehauen. Er ist ein Jahr nach unserer Flucht abgegangen und wir haben uns vollkommen aus den Augen verloren. Jetzt wohnt er in Lübeck, also gar nicht so weit weg. Eigentlich plane ich durch den Limfjord in die Nordsee zu schlüpfen. Aber für das Stück westlich Jütlands bräuchte ich leichte Winde oder Ostwind. Wenn das Wetter für die Nordsee nicht mitspielt, könnte ich Lasse auf dem Rückweg besuchen. (Inzwischen haben wir uns mehrfach getroffen und auch Silvester zusammen gefeiert. Wir waren sofort wieder auf einer Wellenlänge. Haben ganz ähnliche Lebenswege gewählt. Er ist Journalist und Filmemacher geworden. Hat für den Spiegel, die Woche und und und gearbeitet. Ist bei Gruner & Jahr ein und aus gegangen. (Das liegt hundertfünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt.) Unglaublich, dass wir uns nie über den Weg gelaufen sind. Erst jetzt, da ich ihn wieder gefunden habe, merke ich, wie sehr ich den Kerl vermisst habe… Was für ein Glück, dass ich den Blog angefangen habe. Was für ein Glück, dass der Verlag den Blog entdeckt hat. Was für ein Glück, dass die Buchhandlung das Buch ausgestellt hat. Was für ein Glück, dass Lasse an dem ausgestellten Buch vorbei gegangen ist…)

Ich freue mich unbändig, dass Lasse sich gemeldet hat. Antworte ihm sofort, wie sehr ich mich auf ein Wiedersehen mit ihm freue. Dann steige ich auf meine kleine Privatschäre und feiere das Wiederfinden des verlorenen Freundes, indem ich mich still auf einen erhöhten Felsen setze und der Sonne zusehe, die langsam am Horizont im Meer versinkt.

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Dieser Blog Eintrag spielt am Abend des 8.9. und am 9.9.

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4 Comments

  1. Alex sagt:

    Hi Klaus,
    sehr schön geschrieben! Ich bewundere die Offenheit, mit der du auch privatere Dinge hier so selbstverständlich erzählst. Das macht deinen Blog zu etwas sehr besonderem, wie ich finde.
    Wir sind übrigens fast Nachbarn, habe mein Büro in der Martin-Luther-Strasse. Vielleicht kann ich mal bei Gelegenheit Néfertiti bewundern :)
    Viele Grüße,
    Alex

    • Klaus Klaus sagt:

      Lieber Alex,

      Coole Apparate die Du baust!
      Lass uns doch einen Kaffee trinken gehen, wo wir doch beinahe Nachbarn sind… Kannst gerne die Handynummer im Impressum nutzen, dann können wir einen Termin ausmachen. Würde mich freuen! :)
      Liebe Grüße
      Klaus

  2. Bennet sagt:

    Super spannender Bericht und tolle Bilder. Vielen Dank dafür!

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