Fahrtenseglers-Glück.de

Segeln als Digitale Nomaden

Wende um Wende

Jun• 18•17

Am nächsten Morgen klettere ich auf mein kleine Schäre und mache die eine Qi Gong Übung, die mir Ima gezeigt hat. Es ist frisch und der Himmel bewölkt. Ich fühle mich großartig. Sammele die zwei Bierdosen auf, die andere hinterlassen haben. Anscheinend sammeln die meisten Schweden Müll auf, ihren sowieso, aber auch „fremden“(!), denn auf den Schären haben wir in der ganzen Zeit keinen Müll gefunden! Ganz anders als bei uns, wo jeder meint seine Bonbonpapiere gehörten in die Natur… Zigarettenkippen sowieso und volle Dosen schleppen wir auf jeden Gipfel, aber die leeren erscheinen uns dann doch zu schwer, um sie den Berg wieder hinunterzutragen. Offenbar fühlt sich hier jeder mitverantwortlich für die Erhaltung dieser traumhaften Landschaft. Respekt Ihr Schweden! Ihr macht das super! Warum kriegen wir das bei uns nicht auch hin?!

Kreuzen in den Schären: Wende um Wende kämpfen wir uns südwärts

Auf der Kreuz


Ich bereite mir eine Kanne Tee, sitze in der Kajüte und fühle mich wohl in meiner kleinen Welt. Greife nach dem Tagebuch und bemerke mit Schrecken, dass der letzte Eintrag schon wieder zwei Tage zurück liegt… Das tut meiner guten Laune aber keinen Abbruch. Checke nur noch mal eben meine Mails. Lasse hat postwendend geantwortet. Anscheinend freut er sich genauso auf mich, wie ich mich auf ihn… Es ist toll Freunde zu haben. Fühle mich durch sie mit der ganzen Welt verbunden, obwohl ich hier doch nur auf einer kleinen Schäre bin. Auf einem Haufen Felsen umgeben von Wasser… Schließlich setze ich mich gemütlich auf Imas Koje, gegen das Schott gelehnt und trage Tagebuch nach, nippe ab und zu an meinem Tee.

So kommt es, dass Néfertiti erst am späten Vormittag ausläuft. Es weht inzwischen mit guten fünf, in Böen sicher sechs Windstärken. Natürlich aus Süd. Ich bin eingepickt, habe das Ölzeug an und den dicken Fleece darunter. Binde vorsorglich das erste Reff ins Groß und rolle die Genua gleich ein paar Ringe weg. So sind wir in den Böen gut besegelt. Leichter Seegang. Nach vier Wenden ist klar, dass auch Strom gegenan steht. Mühsam kämpfen wir uns nach Luv. Néfertiti stampft in der moderaten Welle, bremst sich selbst aus. Gischt spritzt bis ins Cockpit. Von achtern kommt eine Yacht auf. Sie laufen nicht mehr Höhe als wir, aber sind schneller. Wir sind für die Böen gut besegelt, aber in der übrigen Zeit… Vielleicht sollte ich die Genua ausreffen?

Segeln in den Schären

Wende um Wende segeln wir südwärts

Ich wäge noch ab, dagibt es plötzlich einen Schlag. Der Großbaum schwingt nach außen und das Groß beginnt zu killen. Der Schäkel für einen Block der Großschot ist gebrochen. Ich drehe bei und steige den Niedergang hinunter, hebe eines der Bodenbretter an und hole aus der (staubtrockenen) Bilge den Kasten mit den Ersatzschäkeln.

Wenig später ist Néfertiti wieder unterwegs. Das andere Boot ist inzwischen weit voraus. Ich reffe die Genua aus. Néfertiti atmet spürbar auf. Endlich hat sie die nötige Segelpower sich der Wellen zu erwehren. Stampft sich nicht mehr fest, sondern gleitet fast geschmeidig darüber hinweg. Läuft mit hoher Fahrt südwärts. Wende um Wende. Man kann auch zu vorsichtig sein! An dem Tag begreife ich es noch nicht richtig, aber Néfertiti kann deutlich mehr Segelfläche tragen, als gedacht. Mit den neuen Segeln muss ich auch keinen Segelriss mehr fürchten… Wieder ducke ich mich unter der spritzenden Gischt weg, die bis ins Cockpit geweht wird. Ach wozu ducken? Ich lasse mich von der See necken, als sie den nächsten nassen Gruß schickt. Mit dem guten neuen Ölzeug… Schmecke das Salz, als mir das Wasser über das Gesicht läuft.

Klar zur Wende? Ich hänge die Winschkurbel in die andere Winsch, drehe durch den Wind. Lasse die Genua einen Moment backstehen und hole die Schot auf der anderen Seite dicht. Manchmal verhakt sich die Schot am Mast. Manchmal ist mein Timing nicht gut genug. Immer wieder muss ich die Genua mit Muskelkraft dicht winschen. Zumindest das letzte Stück. Nach einer Weile wird das ganz schön anstrengend! So bin ich froh, als wir die Untiefentonne passieren und ich größere Schläge segeln kann, das Boot länger auf dem gleichen Bug laufen lassen kann.

Schärensegeln

Immer noch auf der Kreuz

Néfertiti erreicht den Landschutz von Källön. Zwar weht der Wind den Sund entlang, aber der Seegang wird nichtig. Der leichten Westkomponente des Windes sei Dank. Auch kommt die Sonne heraus. Schönstes Segeln. Auch wenn meine Arme inzwischen lahm werden. Ich bemühe mich sehr um das Timing bei jeder Wende. Manchmal schaffe ich es die Genua dichtzuholen, ganz ohne winschen zu müssen.

Néfertiti kämpft sich zwischen Björkö und Hillare südwärts. Das Fahrwasser ist wieder eng geworden und Wende folgt auf Wende. Meine Arme ächzen. Bin am Ende mit meiner Kraft. Aber die Genua aus Erschöpfung reffen? Unter keinen Umständen! Inzwischen sind wir Stunden unterwegs. Ununterbrochen Kreuzen. Der Wind lässt etwas nach und die Sonne kommt heraus. Bis Kalvsund schaffe ich es auch noch! Dort werden wir abfallen können.

In Sichtweite von Kalvsund dreht der Wind südlicher und ich bin froh, dass wir so gerade durch die schmale Durchfahrt anliegen können. Dahinter werde ich wohl noch einmal kreuzen müssen, bis wir Rödskären passiert haben. So kommt es auch. Allerdings wird das letzte Stück kurzweilig. Zum einen hat der Wind nachgelassen und damit wird das Überholen der Genua deutlich leichter. Zum anderen haben wir Begleitung: Ein Wikingerschiff! Komme mir vor wie ein Weichei: Die Armen müssen rudern… Aber schließlich erbarmt sich ein Schlauchboot und schiebt sie …

Néfertiti erreicht das Fahrwasser nach Göteborg. Inzwischen wehen nur noch zwei, drei Windstärken. Wir segeln gemächlich auf Rivö zu. Ich habe eine Bucht ausgeguckt, die perfekt gegen Winde aus allen südlichen Quadranten geschützt ist. Vor den Toren Göteborgs. Ich erwarte es nicht wirklich, aber vielleicht schützt die vorgelagerte Insel auch etwas vor dem Schwell vorbeifahrender Schiffe, denn die Bucht liegt direkt am Hauptfahrwasser nach Göteborg hinein.

Drachenboot in den Schären

Das Wikingerschiff

Langsam, es fängt bereits an zu dämmern, laufen wir unter Segeln in die Bucht. Innen im Scheitel ankert eine andere Yacht. Während wir uns nähern, gehen die ankerauf, setzen die Genua. Aber ich habe eh einen anderen Platz für uns ausgeguckt. Ich rolle die Genua weg. Néfertiti dreht dicht unter Land in den Wind. Ich berge das Groß und tuche es auf. Eine kleine Runde unter Motor, um die Tiefen (Bzw. Tiefenänderung) zu loten. Keine großen Kanten. Aufstoppen. Ich gehe aufs Vorschiff und gebe den Anker Hand über Hand ins Wasser. Kurz eindampfen. Dann herrscht wieder Ruhe. Setze den Ankerball. Die anderen haben derweil die Bucht verlassen, drehen um, segeln wieder zurück. Anscheinend angeln die. Petri heil.

Sitze eine Weile im Cockpit. Wohlig ermattet. Am fernen Ufer, Richtung Göteborg, gehen nach und nach die Lichter an. Zeit unser Ankerlicht einzuschalten. Aber ich bleibe noch einen Moment sitzen. Genieße die angenehme Müdigkeit. Will den schönen Moment nicht mit Aktionismus zerstören. Die andere Yacht geht am alten Platz wieder vor Anker. Hoffentlich haben sie Angelglück gehabt…

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Dieser Blog Eintrag spielt am 10.9.

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