Fahrtenseglers-Glück.de

Leben als Digitale Nomaden

Willkommen in Jöhteboria

Jun• 24•17

Am nächsten Morgen weht ein leichter Wind unter einem grauen Himmel. Kein Problem, ich will nicht weit. Langedrag liegt nur einen Katzensprung entfernt. Heute will ich nach Jöhteboria, wie die Schweden den Namen ihrer schöne Stadt aussprechen, die so ganz anders geschrieben wird. Bin mit Johan und Sofia verabredet. Die andere Yacht ist schon aufgebrochen. Ablandiger Wind. Ich hieve den Anker und lasche ihn in aller Ruhe an Deck fest.

Segeln nach Göteborg

Das letzte Stückchen nach Langedrag

Zurück im Cockpit rolle ich die Genua aus. Néfertiti nimmt Fahrt auf und schleicht aus der Bucht. Kaum sind wir an den letzten Felsen vorbei, haben wir Langedrag auch schon in Sicht. Etwas später steht Néfertiti vor der Hafeneinfahrt. Es hat angefangen zu nieseln. Mit dem Regen kommt plötzlich auch Wind auf, der quer zu den Boxen bläst. Ich segele gemächlich in den Hafen hinein. Rolle die Genua weg und starte die Maschine. Bringe Fender und Leinen aus. Motore langsam in eine der Boxengassen. Meine Farbenschwäche macht es etwas schwierig, die roten von den grünen Schildchen zu unterscheiden. Sonst macht das Ima. Schließlich bin ich an der freien Box schon vorbei, als ich sicher bin, dass es eine grüne ist… Kein Problem, ich fahre sowieso lieber gegen den Seitenwind an, bevor ich in eine Box einbiege.

Also drehe ich vor dem Hafenmeisterturm und laufe an. Kniffeliges Manöver. Bin froh, dass niemand zusieht. Es wird eines dieser Manöver, bei denen man im Nachhinein nichts gegen Zuschauer gehabt hätte. Néfertiti kommt genau richtig. So langsam wie möglich und so schnell wie nötig. Ich kriege die Heckleinen gut über die Pfähle (beide) und bekomme auch die luvseitige Sorgleine zu fassen, die ich hinter unsere Mittelklampe führe, so dass Néfertiti nicht mehr zu Seite ausbrechen kann. Mit wohl dosierter Fahrt bringe ich Néfertiti zentimetergenau an den Steg, belege die Heckleinen und steige mit den Bugleinen über. Ein sympathischer Mann kommt den Steg herunter, bleibt neben mir stehen und bewundert Néfertitis Linien:
„What a beautyful boat!“ Wenn ein Gespräch schon so beginnt… ;) Wir schnacken uns fest. Es nieselt und er hat nur einen Pullover an. Ich immerhin meine Ölzeughose. Néfertitis Motor läuft noch. Trotzdem dauert es gut zehn Minuten, bis wir uns verabschieden. Herzlich Willkommen in Jöhteboria!

Erst später merke ich, dass ich in genau der gleichen Box liege, Nummer 5, in der ich auch mit Ima gelegen habe. Johan und Sofia kommen erst am späten Vormittag. So habe ich genug Zeit die Sauna des königlichen Segelclubs auszuprobieren. Am Abend wird mir Gustav (der sympathische Mann von eben) erklären, dass es einen Knopf gibt, der den Saunaofen schnell aufheizen lässt. So dauert es ewig. Ich nutze die Zeit. Gehe zum Boot zurück und checke Mails.Ende August hatte ich eine Mail ist von David erhalten. Er hatte Liebeskummer. Hannah hatte sich von ihm getrennt. Sie hatte mich vor Ewigkeiten angeschrieben, er würde meinen Blog so lieben, immer wieder würde er ihr Stellen daraus vorlesen. Ob ich ihm nicht einen Weihnachtsgruß von Segler zu Möchte-Segler schreiben wolle? Wer könnte so geködert schon nein sagen? Ich habe den Kartengruß verschickt. Mir viel Mühe gegeben ihm etwas Gehaltvolles, Mutmachendes mit auf seinen Seglerweg zu geben. Danach sind wir in Kontakt geblieben und haben uns ein paar Mal … ähm … zweimal ;) getroffen. Inzwischen hat er seinen SBF gemacht. Trotz der Kürze unserer Bekanntschaft fühle ich mich beiden freundschaftlich verbunden. Nach kurzem inneren Kampf hatte ich ihn für ein paar Tage auf Néfertiti eingeladen, obwohl ich mich gerade auf das Alleinsein sehr freute. Schließlich weiß ich, was es bedeutet eine Große Liebe zu verlieren. Dass ein Tapetenwechsel zwar keine Wunder bewirkt, aber doch unheimlich gut tun kann. Er hatte postwendend zugesagt, es war nur noch die Frage wann. Jetzt finde ich eine Mail von ihm. Eigentlich wollte er in Schweden einsteigen und ich hatte ihn gebeten mir eine billige Tastatur zu besorgen. Die hat er schon gekauft. Jetzt schreibt er aber, dass er noch Klausuren zu schreiben hat und lieber in der letzten Woche einsteigen möchte. In Dänemark, oder wo ich dann auch immer bin, auch wenn das möglicherweise zwei Tage Kanalfahrt bedeutet… Das kommt mir zu pass. So habe ich noch etwas Zeit für mich. Ich beantworte seine Mail. Danach dusche ich ausgiebig und schlussendllich hat die Sauna auch ihre Betriebstemperatur erreicht.

Das Wiedersehen mit Johan und Sofia ist herzlich. Während Sofia und ich mit der Straßenbahn ins Zentrum Göteborgs fahren, das etwa eine halbe Stunde entfernt liegt, fährt Johan mit dem Roller nebenher. Irgendwann verlieren wir uns aus den Augen. Aber kurz nach uns kommt auch er an. Obwohl auf ihn ein unerwarteter geschäftlicher Termin wartet, lässt Johan es sich nicht nehmen mir mit Sofia zusammen ihre Lieblingsplätze zu zeigen. Danke. Wir kommen an einem Kanelbullar Café vorbei und Sofia schwärmt von den Kanelbullar.
„The best in town!“ Ich lade die beiden ein, „Later would be fine, but let’s first enjoy the sun…“ Die Sonne ist nämlich inzwischen hervor gekommen. So schlendern wir zum Stadthafen hinunter, wo eine wunderschöne Ketch liegt. Wie eine Joshua nur schöner…

Leider kriegt Sofia von einer Sekunde zur anderen heftige Kopfschmerzen. Damit wird das Café auf morgen verschoben. Während Johan zu seinem Termin eilt, bringe ich Sofia nach Hause. Eine WG, wie wahrscheinlich alle WGs auf der ganzen Welt… Ich koche für Sofia einen Tee und verabschiede mich dann, um ihr nicht lästig zu fallen. Dabei beteuert sie, gar nicht zu wollen, dass ich gehe. Aber ich kann beim besten Willen nicht einschätzen, ob das Höflichkeit ist. Mich werfen Kopfschmerzen immer völlig aus der Bahn. Also schicke ich sie ins Bett und schiebe wichtige Besorgungen vor:
„Need to buy a new keybord.“ Denn auf David mit dem Keybord kann ich jetzt nicht warten. Die Kamera ist voll und ich habe schon zweimal die schlechtesten Bilder aussortiert. Jetzt sind keine mehr übrig, die ich löschen könnte, um neuen Speicherplatz zu gewinnen. Wir verabreden uns locker für morgen und umarmen uns zum Abschied. Sofia lässt mich einen sehr langen Moment nicht mehr los. Als wären wir uralte Freunde. Ich fühle mich wirklich willkommen in Jöhteboria!

Segelboot Muckle Flugga

Muckle Flugga …

Danach setze ich mich in ein Straßencafé und schreibe Tagebuch. Genieße den sommerlichen Tag. Wer seinen Kaffee ausgetrunken hat, kriegt kostenlos neuen. Nach und nach kommen immer wieder deutsche Touristen ins Café. Fast mehr Deutsche als Schweden… Rentner, die sich am Lebensabend Reisen gönnen, ein Kegelclub aus dem Ruhrpott, Wohnmobilfahrer aus Schwaben. (Man kriegt so einiges mit, wenn man still daneben sitzt) Alle haben das gleiche Thema zu fassen: Wie billig der Kaffee ist, wenn man drei vier Mal nachschenken lässt…

Schließlich breche ich auf. Kaufe Frischproviant und betrete ein Kaufhaus. Eher ein Einkaufskomplex. Schlendere zwischen Boutiquen und Läden hindurch. Vielleicht kriege ich hier irgendwo auch Elektroartikel. An der Wand eines Nebenganges entdecke ich eine Karte, die man in diesem Irrgarten auch bitter nötig hat. Ein Wachmann hält mich fünf Meter vor der Karte auf. Er verweigert mir, die Karte anzusehen.
„We are closing!“ Es sind hunderte von Menschen um uns herum. Mehrere Hundert…
„Just a gaze. For tomorrow.“
„NO!“
„Are you kidding?“
„GO!“
„Than please tell me, at least, if I can buy here tomorrow a new keybord for my computer.“
„GO!“
Ich kann auch stur sein, wenn ich den Sinn von etwas nicht einsehe. Also gehe ich, aber nicht weg, sondern um ihn herum auf die Karte zu. Er hält mich fest. Ich erspare euch den weiteren Wortwechsel. Das war das zweite von nur zwei Arschlöchern, die ich während der ganzen drei Monate getroffen habe. Die Karte habe ich nicht zu Gesicht bekommen… Aber eines ist sicher: Hier werde ich morgen nicht einkaufen, auch wenn dieses Gebäude den einzigen Elektromarkt Göteborgs beherbergen sollte…
(Tut es nicht)

Ich fahre mit der Straßenbahn zurück nach Langedrag. Auf dem Steg begegnet mir wieder Gustav, der sympathische Mensch von heute morgen. Irgendwie umgibt ihn das Fluidum der See. Weiß nicht, wie ich es besser in Worte fassen kann. Man spürt seine Liebe zur See in jedem seiner Worte. Selbst seine Bewegungen haben etwas von auf dem Meer sein. Wir kommen erneut ins Gespräch. Sind auf einer Wellenlänge. Gustav lebt mit seiner Freundin Anna an Bord. Er seit 17 Jahren und sie immerhin seit zwölf. Er lädt mich ein später sein Schiff zu besichtigen. Jetzt müsse er noch einmal los.

So kommt es, dass ich, als es dunkel wird, mit den letzten drei Bieren von Ima (ein Schwedisches, ein Dänisches, ein Deutsches) und einer Tüte der leckeren Chips zur Muckle Fuggla schlendere.
„Hello Gustav!“
Unten rumort es, dann steckt Gustav seinen Kopf zum Niedergang heraus:
„Come on board, Klaus.“ Als ich den engen Niedergang hinunter steige, finde ich mich in einem der gemütlichsten Salons wieder, die ich kenne. Was für ein feines Schiff…
Die beiden sind gestern von einem dreimonatigen Törn rund Island zurück gekommen. Kein Wunder, dass die See noch irgendwie mitschwingt…
„We need to sail every summer at least three months!“

Segelboot Muckle Flugga

… von Gustav und Anna. Wer sie trifft grüße sie doch gerne herzlich von mir!

Meine Chips verschmähen die beiden, hatten selbst eine Tüte geöffnet. Gustav trinkt aus Höflichkeit eines der mitgebrachten Biere (das Deutsche), während ich unbedingt ihres probieren soll… Anna hat heute ihren ersten Arbeitstag als Kindergärtnerin hinter sich gebracht und Gustav wird morgen seinem Kompagnon einen Besuch abstatten. Mal sehen, wie die gemeinsame Firma sich in den letzten drei Monaten gemacht hat…

Auf dem Boot wohnen. Das interessiert mich natürlich. Die Größe sei unerheblich, sagt Gustav. „We didn’t buy Muckle Flugga because of its size.“ Früher haben sie auf einem zehn Meter Schiff gelebt. Aber Gustav ist auch von Moitessier beeinflusst, so hat er auch immer mal wieder nach einer Joshua oder zumindest so einem ähnlichem Boot Ausschau gehalten.
„We have two Joshuas on this coast: One in Lysekil and a second in …“ Die habe ich doch auch gesehen! Dann wurde ihm die Muckle Flugga angeboten. Keine Joshua, aber … Da er das alte Boot eigentlich nicht verlassen wollte, hat er ein extrem niedriges Gebot abgegeben.
„Two hours later they accepted my offer and suddenly we had two boats…“ Man könne auf jedem Boot wohnen. Eine Heizung sei wichtig und gute Isolation.
„You can put the money, that you save by not renting an appartement, into the boat!“

Anna muss morgen früh aus den Federn. Als ich erste Anzeichen von Müdigkeit bei ihr bemerke, verabschiede ich mich nach einem wunderschönen (mehrstündigen) Abend unter Gleichgesinnten. So kommt es, dass ich mit zwei Dosen Bier und einer vollen Tüte Chips über den Steg zurücklaufe, über Néfertitis Bugkorb klettere und in die Kajüte hinuntersteige. Die Tüte Chips wird nicht lange überleben, aber die beiden Dosen Bier werden noch eine Rolle spielen …

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 11.9.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Comments

  1. Dirk sagt:

    Schön zu wissen, daß du hier warst😊 Werden ab jetzt drei Wochen lang ein bischen in deine Fußstapfen treten 👍LG

    • Klaus Klaus sagt:

      Ach toll, Dirk. Ich beneide Euch! ;) Ich finde es ein wunderschönes Revier! Aber ich muss mich noch etwas gedulden…
      Liebe Grüße
      Klaus

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.