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Segeln als Digitale Nomaden

Ein abstinenter Großstädter

Jun• 28•17

Ob man eine Stadt schön findet oder nicht, hängt stark von den Menschen ab, denen man dort begegnet. So gesehen gehört Göteborg zu den schönsten Städten der Reise.

Ich sitze in der Straßenbahn. Keine Selbstverständlichkeit. Man braucht 1. passendes Kleingeld oder 2. eine Kreditkarte. In jeder zweiten Bahn entfällt Option 1… Sofia hat mir einen Elektromarkt empfohlen, um das Keybord zu kaufen. Ohne Tastatur kann ich das Passwort nicht tippen… Auf dem Handy habe ich eine Adresse gefunden und jetzt bin ich auf dem Weg dorthin.

Straßencafé in Göteborg

Ich sitze im Cafe und das Leben flaniert vorbei


Schwedische Laute um mich her. Für diese Menschen herrscht Alltag, sie denken an das abendliche Fernsehprogramm, den Streit mit der Nachbarin. Sie haben keine Lust zur Arbeit zu fahren oder große Lust, wie der Student, der eifrig Zahlenkolonnen in seinen Rechenblock kritzelt. Kaum jemand hat einen Blick für die Umgebung. Währenddessen habe ich das Gefühl, durch eine Zauberwelt zu fahren, aufregend und neu!

Ich kaufe eine billige (schwedische) Tastatur und bin kurz darauf auf dem Weg zurück in die Innenstadt. Schlendere bald auf eigene Faust durch die Gassen und sauge die sommerliche Atmosphäre in mich auf. Sicher spielt auch eine Rolle, dass ich seit zwei Monaten in der Natur unterwegs bin, sozusagen ein abstinenter Großstädter. So lasse ich mich von dem bunten Treiben durch die Straßen schieben und finde mich irgendwann vor dem Kanelbülle Café wieder, dass Sofia so gerne mag. Schicke Johan und Sofia eine Einladung. Sofia geht es besser. Sie wird gleich vorbeischauen, während Johan arbeiten muss.

Ich betrete den Gastraum, stelle mich in die Schlange. Um mich ungeduldige Deutsche, die darauf warten, dass der Kaffee zum Nachschenken durchgelaufen ist.
„Another one! I said three!“ echauffiert sich gerade eine Landsmännin am Tresen vor mir, dabei habe auch ich ihr genuscheltes Englisch nicht verstanden. Als ich dran bin, bestelle ich, so gut ich kann auf Schwedisch, worauf mir die etwas gestresste Bedienung ein breites Lächeln schenkt. Obwohl sie gemerkt hat, dass auch ich zur teutonischen Invasion gehöre oder gerade deswegen. Denn als ich mich mit Kaffee und einem Kanelbülle auf dem Tablett abwende, um mir einen freien Tisch auf der Straße zu suchen, sagt sie
„Tschüss.“

Nächtlicher Anblick des Hafens von Göteborg

Hafenlichter. Nachts verwandelt sich die hässliche Anblick in einen schönen …

Ich habe noch etwas Zeit zu schreiben, habe eine Idee für ein Serienkonzept, das ich stichpunktartig festhalte. Dann steht Sofia plötzlich lächelnd vor mir.
„You are better now?“
„Yes, I am fine.“ Ich bestelle ihr … Habe vergessen, was es genau war. Sie will keinen eigenen Kanelbülle und mir ist das Wagenrad auf dem Teller auch ein bisschen viel. So teilen wir uns die riesige Zimtschnecke. Ich glaube, Sofia erzählt für ihre Verhältnisse viel von sich. Wir sitzen lange an dem kleinen Tischchen. Zwei Bestellungen und drei mal Kaffee nachgießen später wird es Zeit für mich aufzubrechen. Schließlich will ich heute noch los. Zumindest zurück nach Rivö. Immer wieder komisch, wenn einem Menschen, die man nur so kurz kennt, so sehr ans Herz wachsen. Jedenfalls habe ich einen Kloß im Hals, als wir uns zum Abschied umarmen und das unbestimmte Gefühl von Verlust. Schließlich löse ich mich aus der Umarmung.
„Take care!“
„You too.“
„Greetings to Johan.“
„And to Ima!“ Nach ein paar Schritten drehe ich mich noch einmal um. Sofia auch. Wir winken uns ein letztes Mal zu und gehen unserer Wege…

Auf dem Rückweg kaufe ich noch ein paar Kleinigkeiten im Supermarkt. (Den leckeren Joghurt) Schließlich ist Göteborg möglicherweise mein letzter Hafen in Schweden bevor ich ins teure Dänemark komme ;)
Außerdem bin ich locker mit Lucky verabredet. Er hatte mir eine Mail geschickt. Sie segeln von Kopenhagen aus nordwärts. Er hat vorgeschlagen, dass wir uns auf Anholt treffen. Lucky hat im Segeln-Forum einen meiner Lieblingskommentare über Fahrtenseglers Glück geschrieben („Dieser Blog gehört zum Besten, was man übers Segeln lesen kann!“) und ich würde ihn gerne persönlich kennenlernen.

Zurück an Bord werfe ich den Rucksack auf meine Koje und bereite Néfertiti zum Ablegen vor. Würde mich gerne bei Gustav und Anna verabschieden, aber die beiden sind noch unterwegs. So legt Néfertiti genauso unbemerkt ab, wie sie gestern herein gekommen ist. Gleitet langsam aus dem Hafenbecken. Zum Ankerplatz nach Rivö ist es nicht weit…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 12.9.

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6 Comments

  1. Dirk sagt:

    Achja, da ist er wieder, der mitgefühlte Herzschmerz…aber so ist es auf Reisen, ein ständiger Wechsel von Ankommen und Abschied, sich kennenlernen und Tschüss sagen, angetrieben durch die Neugier und Sehnsucht nach dem Unbekannten…
    …du nimmst wieder so intensiv mit, Klaus. Danke dafür!

    Übrigens hat jeder Computer eine eingebaute Softwaretastatur, mit der Maus zu bedienen, nicht komfortabel, aber zum Passwort eingeben reichts. Nur mal so am Rande…;-)
    LG Dirk

    • Klaus Klaus sagt:

      Hallo Dirk,
      das hast Du wunderschön gesagt!

      Danke auch für den Tipp, mit der Softwaretastatur, die man mit der Maus bedienen kann. Falls das noch einmal passiert: Wie ruft man die auf? Bist du sicher, dass das auch funktioniert, wenn man noch nicht auf dem Desktop ist?

      Liebe Grüße :)
      Klaus

      • Dirk sagt:

        Wenn es um das Windows Passwort geht: im Anmeldebildschirm unten links auf den Dreiviertelkreis klicken, „Bildschirmtastatur“ auswählen und los! Viel Erfolg👍

        • Klaus Klaus sagt:

          Super. Danke noch einmal für den wirklich wertvollen Hinweis. Hätte ich es schon diesen Sommer gewusst hätte mir das echt geholfen…

          Liebe Grüße
          Klaus

  2. Lucky sagt:

    … und mit dem Kommentar hatte ich auch Recht! :-)

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