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Segeln als Digitale Nomaden

Seefein

Jul• 02•17

Ich krame im Schränkchen und ziehe mich an. Alle Sachen fühlen sich heute zum ersten Mal etwas klamm an. Trotz der sonnigen Tage. Wir haben schließlich Mitte September. Wegen der Morgenfeuchtigkeit an Deck ziehe ich auch noch die Ölzeughose drüber. Dann mache ich Néfertiti seefein: Erst das Groß. Steht ihr gut. Dann nehme ich den Anker an Deck, rolle die Genua aus. Steht ihr noch besser. Néfertiti legt etwas weiß auf. Ganz dezent. (Leise plätschert die Bugwelle) Und schon segeln wir aus der Bucht hinaus. Steht ihr am Besten.

Schärensegeln

Unterwegs

Wohin heute? Bei den östlichen Winden, die angekündigt sind, bietet es sich an entweder nach Dänemark überzusetzen (eigentlich sind die Winde dafür zu schwach) oder an Schwedens Küste südwärts zu segeln. Übermorgen würde ich gerne Lucky treffen. Er hat Anholt als Treffpunkt vorgeschlagen. Bin gespannt, ihn persönlich kennenzulernen. Die Mails, Kommentare und Forenbeiträge, die ich bisher von ihm gelesen habe, lassen mich einen sympathischen und intelligenten Zeitgenossen erwarten. Außerdem hat er mir ein altes nicht mehr gebrauchtes aber funktionsfähiges GPS Gerät geschenkt, dass ich aber vor der Abfahrt nicht mehr eingebaut habe. Schließlich schäle ich mich doch aus meinem warmen gemütlichen Lager. Erst einmal werde ich Süd machen. Das lässt mir alle Optionen offen.

Hinter der Huk wenden wir und laufen südwärts. Wir können sogar (fast) anliegen. Der eine oder andere Holeschlag fällt da nicht ins Gewicht. Ich kenne die Gegend von unserer Ankunft in Schweden. Da drüben haben wir geankert und später werden wir auch Fjordholmen passieren, wo Ima und ich unsere Feuertaufe bestanden haben. Was Ima jetzt wohl macht?

Ich erinnere mich, wie vorsichtig wir uns hier von Schäre zu Schäre getastet haben. Dagegen donnere ich jetzt mit einer Nonchalence durch die felsengespickte Landschaft, die ich damals nicht für möglich gehalten hätte. Zum Teil hängt das damit zusammen, dass Segeln durch bekannte Fahrwasser einfacher ist. Aber die Schärennavigation ist mir inzwischen auch zur zweiten Natur geworden. Es fällt mir viel leichter die Schären zueinander in Beziehung zu setzen. Das räumliche Vorstellungsvermögen hat sich geschärft. Ich habe aufgehört die Felsen als Hindernisse wahrzunehmen. Sie sind für mich Seezeichen geworden bzw. Landmarken. Seezeichen, die sich nicht losreißen können und vertreiben. Selbst wenn sie unter Wasser liegen, kann man sie bei Seegang an der Brandung erkennen…

Schären, ankern auf Seegras

Ankerplatz über Seegras. Der Anker gräbt sich trotzdem ein

Der Wind lässt nach. Néfertiti läuft knapp zwei Knoten. Längst hat die Sonne die Tautropfen auf Deck getrocknet. Vor allem auf den Cockpitbänken ;) Es wird sommerlich warm. Ich ziehe erst die Ölzeughose aus und dann die Fleecejacke. Langsam plätschern wir gen Süden. Die Logge fällt aus. Hmm! Wir haben Donsö noch nicht erreicht, da schläft der Wind ein. Die Fahrt wird schleppend. Da hilft nur abwarten und selbstgemachte Limonade trinken. Den obligatorischen Tee spare ich mir, da die Gasflasche zur Neige geht. Wäre mit jedem verstrichenen Tag noch blöder in Schweden eine neue Flasche kaufen zu müssen, die ich dann in Deutschland nicht mehr loswerde. Hauptsache, es ist noch genug Gas übrig, wenn David in Schweden (falls ich doch südwärts halte Richtung Kopenhagen) oder Dänemark an Bord kommt…

Wir kommen bei dem leichten Wind kaum voran. Stunde um Stunde vergeht und wir haben kaum 5 Seemeilen zurück gelegt. Ein Seehund schwimmt herbei und sieht neugierig zu Néfertiti herüber. Ich gucke genauso neugierig zurück. Nach ein paar Minuten wird ihm das Spiel zu langweilig und er taucht unter.

Eine große und hohe Schäre liegt im Weg. Ein Helikopter kurvt schon eine Stunde darüber hinweg. Gelegentlich hebt er lange Rohre an. Fliegt sie von einem Ort auf der Schäre zu einem anderen. Irgendwie stört der Fluglärm. Nach einer Stunde landet er auf der Schäre. Ich steuere zur Luvseite, in der Hoffnung dort wenigstens nicht in die Landabdeckung zu geraten. Damals haben Ima und ich die andere Seite gewählt… Auf der Luvseite kommen Stege in Sicht. Kurzerhand drehe ich bei, berge die Segel und lege unter Motor an. Was für ein heftiger Strom. Das Wasser muss hier durch ein Nadelöhr. Kein Wunder, dass wir soooo langsam sind. Mindestens ein Knoten gegenan… Nehme den Schrubber und schrubbe die Logge wieder frei. Wenn ich schon einmal dabei bin, auch gleich die Steuerbordseite, soweit man vom Steg aus hin langt. Dann steigt der Helikopter wieder auf und ich beschließe zu flüchten.

Unter Motor läuft Néfertiti im vollen Sonnenglast über eine spiegelglatte Wasseroberfläche. Die Engstelle haben wir hinter uns. Der Helikopter ist verschwunden. Eine leichte Riffelung färbt die Wasseroberfläche dunkel. Ich stoppe die Maschine und setze Segel.

So sieht uns Fjordholmen unter Segeln. Muss an die dramatischen Momente denken, die wir hier erlebt haben. Jetzt atmet Fjordholmen nur Stille und Frieden. Bin versucht die Insel anzulaufen und noch einmal zu entdecken. Aber sicher wäre Ima traurig, wenn ich das ohne sie machte… Steht Fjordholmen doch irgendwie für „unsere“ Bewährungsprobe. Wäre komisch, wenn ich plötzlich andere, eigene Erinnerungen an diese Insel knüpfen würde. So bleibt Néfertiti auf Kurs. Außerdem habe ich noch ein paar Stunden Licht. Jede Meile, die wir heute Süd machen, brauchen wir morgen auf dem Weg nach Anholt nicht zu segeln… Könnte eine rundum geschützte Bucht nördlich des Meeresarms nach Kungsbacka erreichen.

Nächtlicher Blick auf die Schären

Nachts

Der Wind kommt und geht. Die Dämmerung steht bevor, als wir gerade mal Särö erreicht haben. Eine weit geschwungene Bucht gegen Süden und Osten gut geschützt. Der Wetterbericht kündigt nur leichte Winde an. Also Plan B. Ich laufe in die flache Bucht ein. Kann im flachen Wasser bis auf den Grund sehen. Was ich da erkenne, erfreut den Segler wenig: Seegras. Dichter Bewuchs von Seegras. Probeweise gebe ich den Anker trotzdem auf 2,5 m Wassertiefe ins Wasser. Stecke viel Kette. Gebe dosiert Rückwärtsfahrt und das vermeintlich Unmögliche passiert: Der Anker gräbt sich ein. Über Nacht sind nur ein – zwei Windstärken angesagt, aber morgen soll eine schöne Segelbrise wehen. Um drei Beaufort. Ich werde nach Anholt übersetzen. Freue mich auf das Hochseesegeln. Bei den Bedingungen… Genaker und wenig Welle! Lucky wird übermorgen auf Anholt ankommen… So habe ich einen Tag für mich, um die berühmte Insel zu entdecken.

Für alle Fälle setze ich den Ankeralarm, bevor ich das Ankerlicht einschalte und hundemüde in meiner Koje verschwinde…

♦♦♦

Ich liege wach auf der Koje. Es ist noch früh. Weiß nicht, was mich geweckt hat. Der Schrei einer Möwe? Der Schwell eines vorbeifahrenden Schiffs? Ein Blick durch die Bullaugen sagt mir, dass die Felsen nicht gewandert sind und Néfertiti unverändert an ihrem Ankerplatz liegt. Kein Wind. Ich kuschele mich noch einmal in den Schlafsack.

Während ich mich in die wohlige Wärme kuschele, steht mir die Welt offen. Noch bin ich frei. Noch brauche ich nicht zu arbeiten. Draußen schreit die Möwe erneut. Was auch immer sie stört, mich stört es nicht. Vielleicht erfreut sie sich auch nur des Lebens. So eine friedliche Nacht. Bald bin ich wieder eingeschlafen…

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 13.9.2017

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2 Comments

  1. Walter sagt:

    moin Klaus,
    es wird Zeit, mal wieder ein Posting abzulassen…

    Waren mit dem Wohnmobil fast 3 Wochen lang unterwegs und besuchten auch unsere (langjährigen Freunde = 32 Jahre) in Hamburg ;-)

    Wir haben auch Krümmel wieder besucht, d.h. gegenüber der Elbe
    ist ein Speiselokal — leeeecker :-)

    Ansonsten ist es immer ein Genuß, deine Reise mitverfolgen zu können.

    lG Walter

    • Klaus Klaus sagt:

      Moin Walter,

      schön wieder von Dir zu hören. Ich erinnere mich, Du hast in einem früheren Post von Deinen Freunden geschrieben. Toll, wenn so eine Freundschaft so lange hält, auch wenn man sich nicht so oft sieht. Wenn Du mal wieder in Hamburg sein solltest, können wir uns auch gerne mal persönlich treffen. ;)
      Und natürlich freue ich mich, dass es Dir immer noch gefällt hier mitzulesen…
      Pass gut auf Dich auf!
      Liebe Grüße :)
      Klaus

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