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Leben als Digitale Nomaden

Nähe zu mir

Jul• 12•17

Ab nach Anholt! Das ist mein erster Gedanke, als ich am nächsten Morgen voller Tatendrang aufwache. Drei Windstärken sind versprochen. Genakerwetter. Für die nächsten Tage ist Ostwind angesagt. Gut zum Übersetzen nach Dänemark. Aber noch herrscht bleierne Flaute. Ich stecke den Kurs ab. (Gestern abend war ich zu müde dafür…) Esse ein Müsli. Los!

Segeln in Schweden

Bleierne Flaute


Die ersten drei Meilen läuft Néfertiti unter Motor. Dann kommt Wind auf. Etwas zu vorlich für den Genaker. Ich setze Genua und Groß. Gemächlich schiebt sich Néfertiti gen Süd. Kurz darauf schläft die sanfte Brise wieder ein. Ich will nicht den ganzen Weg nach Anholt motoren… Das wird Lucky sicher verstehen und zur Not habe ich morgen noch einen Tag. Also lasse ich Néfertiti erst einmal… ähm… treiben.

Die Sonne knallt herunter. Komisch. Ich merke keine Ungeduld an mir. Ich nehme die Welt gerade so, wie sie ist. Daraus entspringt eine seltsame Gelassenheit. Hier und da kommt ein Windzug auf und ich halte Néfertiti so gut es geht auf 195°. Das bringt uns Richtung Anholt und Richtung Süden. Aber mit einem Knoten Fahrt und womöglich Gegenstrom…

Vor Néfertiti liegen ein paar Schären im Weg. Sie nähern sich quälend langsam. Wir sind mittlerweile Stunden unterwegs und haben gerade mal vier, fünf Meilen hinter uns gebracht. Der Wind dreht etwas rück und ich setze den Genaker. Die Logge steigt auf über zwei Knoten. So macht das Spass. Ich überlasse der Windfahnensteuerung das Steuern, als die letzten Felsen in unserem Kielwasser liegen. Schnibbel Gemüse. Setze Linsensuppe auf. Anholt wir kommen! Langsam aber … naja … sicher?!

Inzwischen ist Mittag durch. Wir haben kaum eine Meile pro Stunde geschafft. Der Strom steht uns entgegen. Wir werden wohl nachts segeln müssen. Morgen im Laufe des Tages ankommen. Eigentlich stehe ich dem nicht nur gelassen gegenüber: Ich freue mich sogar darauf. Nachts segeln! Das sollte eine fantastische Sommernacht werden. Laue Temperaturen. Eine leichte Brise aus Ost oder Südost. Besser geht es nicht!

Segeln in Schweden

Langsam segeln ist geil … manchmal!

Der Wind lässt nach. Weiter draußen ist die Wasseroberfläche leicht geriffelt. Also falle ich ab und halte seewärts. Der Wind schläft ein. Wir haben gerade mal Steuerwirkung. Die Felsen hinter uns entfernen sich nicht mehr. Oder sind sie gar näher gekommen? Es ist sommerlich heiß. Im September! Längst segele ich mit freiem Oberkörper. Ich beschließe mich der Navigation zu widmen und nehme eine Peilung.

Derweil ist die Linsensuppe fertig. Habe sie im Dampfkochtopf gekocht. Nachdem der zweite Ring draußen war, habe ich das Gas ausgestellt. Sobald der Druck abgebaut ist, ist die Suppe fertig. Genieße eine Schale… und noch eine … Ach schmeckt das gut… noch ein kleine…

Eine halbe Stunde später ist es amtlich. Die zweite Peilung bestätigt, was ich mittlerweile auch mit bloßem Auge erkennen kann: Wir segeln rückwärts. Ich schicke Lucky eine SMS. Werde heute doch nicht nach Anholt segeln. Vielleicht schaffe ich es ja morgen, aber dann werde ich erst spät ankommen. Ich sage ihm vorsorglich ab. Die wollen ja auch planen.

Zwei Stunden später. Früher Abend. Néfertiti steht weit draußen vor der Bucht, die ich gestern schon einmal als Ziel ausgeguckt hatte. Riffelungen gibt es auch hier keine mehr. Néfertiti tritt mehr oder weniger auf der Stelle und die See sieht aus wie geschmolzenes Wachs. Traumhaft schön.

Wir segeln jetzt seit mehr als zwölf Stunden. Haben kaum eine halbe Meile pro Stunde geschafft… Ich berge die Segel und laufe unter Motor auf Land zu. Mache ein paar Fotos und schicke eines an die What’sup-Gruppe mit Ima und Johan und Sofia. Komisch, es fühlt sich nicht wie eine Niederlage an. Eigentlich ein wunderschöner Segeltag. Fühle mich im Einklang mit mir selbst. Bin mir nah wie seit Ewigkeiten nicht mehr.

Segeln in Schweden

Observatorium

Teile der Bucht sind Sperrgebiet. Seltsame Gebilde stehen am Ufer. Fühlt sich an wie die Filmkulisse eines Science Fiction aus den 70ger Jahren… Die Bucht bietet einen gut geschützten Ankerplatz und ich genehmige mir zum Abendbrot noch eine Schale Linsensuppe.

Danach nehme mir einen Schmöker vor und verziehe mich in die Koje. Bald fallen mir die Augen zu. Ich stehe noch einmal auf, schalte das Ankerlicht ein, und kuschel mich in den Schlafsack. Ich verspreche mir eines: Morgen werde ich erst Ankerauf gehen, wenn auch Wind weht…

Wenige Minuten später lege ich den Schmöker zur Seite und schalte das Licht aus. Zwei Sekunden später bin ich eingeschlafen.

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Dieser Blog Eintrag spielt am 14.9.2017

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2 Comments

  1. StudHilfe sagt:

    So eine schöne Geschichte…
    Habe mit großem Genießen sie gelesen. Néfertiti – eine wunderschöne Name. „Néfertiti“ klingt sehr vorzüglich und raffiniert. Und die Bilder ergänzen die Atmosphäre. Ich bekam ein großer Eindruck von Ihnen Artikel, als ob ich selbst nach Dänemark segle.
    Vielen Dank dafür!

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