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Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Auf nach Anholt

Jul• 30•17

Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage, herrscht Stille. Ich schwinge meine Beine von der Koje und strecke meinen Kopf aus dem Niedergang. Der Wind hat auf Nordwest gedreht. Wind? Der leicht Luftzug verdient den Namen nicht: „Rasmus, wenn Du Néfertiti heute nach Anholt segeln sehen willst, musst du dich schon etwas mehr ins Zeug legen!“

Ich schalte das Ankerlicht aus, nehme den Schmöker wieder zur Hand und mache es mir auf meiner Koje bequem. Toll, wenn man diese Freiheit hat! Nach einer Weile werde ich wieder müde. Lege das Buch zur Seite und bin in kürzester Zeit eingeschlafen.

Morgens. Blick durch den Niedergang. Segeln wir heute nach Anholt?

Heute nach Anholt?


Ich wache erst Mittags auf. Die Sonne scheint durch den Niedergang herunter. Sie summt  fröhlich vor sich hin: „Das ist ein schöner Tag… ein schöner Tag…“ Ich schäle mich aus dem Schlafsack und werfe einen Blick nach draußen. Rasmus möchte Néfertiti unter Segeln sehen: Wahrscheinlich hält er mich längst für wortbrüchig, denn er hat sich wahrlich ins Zeug gelegt. Es herrscht die schönste Segelbrise. Gut drei Beaufort.

Ohne zu zögern gehe ich ankerauf. Während Néfertiti mit festgelegtem Ruder auf den schmalen Ausgang der Bucht zuhält, bereite ich schon den Genaker zum Setzen vor. Kaum sind wir durch die Felseneinfahrt geschlüpft, hisse ich das große bunte Segel. Noch das Groß dazu. Zusammen sind das 70 m², die ziehen: 4,5 Knoten… Wow!… 5 Knoten… Wow wow! … 5,3…Wow, wow, wow!

195° liegen an. Sind knapp 45 Seemeilen. Plus elf Meilen Gegenstrom. Grob geschätzt. Gerechnet mit „nur“ vier Knoten bedeutet das etwa 14 Stunden Fahrt. Wenn der Wind allerdings wieder einschläft… Bevor ich das Handynetz verliere, schicke ich Lucky eine SMS, dass ich nun doch gen Anholt segeln würde, aber erst im Laufe der Nacht ankäme. Wir könnten ja gemeinsam frühstücken, sie sollten mich auf alle Fälle wecken…

Der genaker Néfertitis leuchtet bunt.

Genaker segeln vom Feinsten!

Ich rigge die Windfahnensteuerung. Steige den Niedergang hinunter, um mir die Linsensuppe zu wärmen. Plötzlich schlagen die Segel. Ich stürze an Deck. Die Windfahnensteuerung hat angeluvt. Bringe Néfertiti wieder auf Kurs. Ich beobachte die Windfahne der Selbststeuerung eine Weile. Obwohl sie von der verkehrten Seite angeströmt wird, klappt sie nicht um, was die Gegenruderbewegung auslösen würde. Ich greife in die Pinne und falle von Hand ab. Teste die Fahne. Sie ist gängig und nicht verklemmt. Wenn ich sie von Hand umlege, reagiert das Pendelruder prompt…

Der Dampfkochtopf beginnt zu blasen. Wie oft habe ich innerlich gestöhnt, wenn ich bei Regen die gemütliche Kajüte verlassen musste, um Gas an oder aus zu stellen. Jetzt bin ich dankbar, von der Pinne aus den Haupthahn umlegen zu können. Während sich der Dampfkochtopf beruhigt, beobachte ich weiter die Selbststeuerung. Gustav und ich hatten sie in Göteborg am Morgen meiner Abfahrt gemeinsam examiniert und keinen Fehler finden können. Aber etwas stimmt nicht. Obwohl der Wind inzwischen von der verkehrten Seite auf die Windfahne trifft, klappt sie nicht um.

Nach einer Weile begreife ich, dass das Pendelruder zu groß ist. Der Wasserstrom entwickelt zu viel Kraft. Das Pendelruder steuert die Windfahne und nicht umgekehrt!

Zumindest beim Segeln mit Genaker.

Erst einmal steuere ich von Hand. Glücklicherweise segelt Néfertiti ausgewogen. Ich kann sie mal eine Minute sich selbst überlassen. Aber nicht stundenlang. Jedenfalls nicht unter Genaker. In der Nacht werde ich auf die Genua wechseln müssen. Der Wind ist unstet. Mal stärker, mal schwächer. Wahrscheinlich kommen wir erst morgen früh an…

Genakersegeln mit Néfertiti

Genaker und Groß bringen 70 m² ins Spiel

 

Aber jetzt gibt es erst einmal etwas Warmes zu essen! Habe heute wegen des hastigen Aufbruchs noch nichts zu mir genommen außer einer Handvoll Erdnüsse. Ich eile unter Deck, schöpfe hastig Suppe in die Schale. Schnell zurück ins Cockpit! Klemme mir die Pinne unter die Achsel und löffele meinen Eintopf. Schweden bleibt hinter uns zurück. Die Schären. Diese atemberaubende Landschaft. Hinter Anholt werde ich wieder in vertrauten Gewässern segeln, aber das begreife ich in dem Moment noch nicht richtig. Vor allem freue ich mich auf den Hochseetörn.

Es herrscht praktisch keine Welle. Lauf Néfertiti, lauf! Herrliches Segeln. Das würde auch Ima mögen…

Vor uns am Horizont häufen sich die Silhouetten großer Frachtschiffe. Wir müssen den Schifffahrtsweg kreuzen. Das macht mir keine übertriebenen Sorgen. Von der Elbe her sind wir die großen Pötte gewöhnt. Die halten ihren Kurs. Der Trick ist: Dicht hinter dem Heck eines der Schiffe durchzugehen.

Bis wir den Dampfertrack erreicht haben werden, wird es dämmern. Ruhig atmet die See. Was für eine friedliche Stimmung. Ich bin froh Schweden den Rücken gekehrt zu haben. Nein, stimmt nicht ganz. Denn ich vermisse die Schären schon jetzt. Aber der Moment ist wunderschön. Also anders ausgedrückt: Ich bin froh den Bug auf die Hohe See gerichtet zu haben. Möchte nirgendwo anders sein.

Die Dampfer fahren in zwei Reihen. In jede Richtung eine. Die erste haben wir schon gequert. Sie war zufällig gerade frei. Den Dampfer der zweiten Reihe, hinter dem wir durchgehen wollen, habe ich ausgeguckt. Die Peilung steht. Das ist momentan gut, denn wir wollen ja möglichst nahe heran. Lagewinkel 60° – 70°. Perfekt. So weiß er, dass wir ihm nicht vor den Bug laufen werden und trotzdem kann ich die Peilung stehend halten. Als wir dicht genug heran sind, ändere ich den Kurs leicht. Die Peilung wandert langsam voraus. Néfertiti geht knapp vierzig Meter hinter dem Heck durch. Als das nachfolgende Schiff die Stelle erreicht, sind wir längst in Sicherheit.

Hochseesegeln. Die Sonne versimkt am Horizont.

Langsam senkt sich die Nacht herab.

Wir segeln auf einem idealen Kurs. Néfertiti prescht mit fast fünf Knoten über die wenig bewegte See. Das ist Genaker segeln: Zehn Grad Abweichung und wir laufen nur noch 3,5 Knoten. Zur Not kreuzen wir vor dem Wind. Aber noch laufen wir 200° (Kurs über Grund). Das Land verschwindet am Horizont. Ein erhebendes Gefühl. Die Sonne versinkt leuchtend orange im Meer. Langsam wird es dunkel. Néfertiti rauscht in die hereinbrechende Nacht. Sollte ich den Genaker gegen die Genua wechseln? Vielleicht funktioniert die Windfahnensteuerung dann wieder? Nein. Keine Fahrt verschenken, solange der Wind halbwegs aus der richtigen Richtung weht.

Der (Fast-) Vollmond steht inzwischen groß am Himmel. Umgeben von einem Meer aus Sternen. Kann mein Glück kaum fassen. Es ist September und ich darf hier mitten im Kattegat segeln. Außer mir ist niemand da und das fühlt sich großartig an. Fühle das sanfte Heben und Senken der See. Es ist wie Atmen. Das Plätschern der Bugwelle, das leise Schmeicheln des Windes. Ein warmes Gefühl wächst in meinem Innern: Dankbarkeit.

Der Wind dreht langsam aber kontinuierlich. Längst laufen wir keine 195° mehr, sondern 220°. Jetzt sogar 230°. Ich sollte halsen. Während ich das Manöver vorbereite, fällt eine Bö ein. Weiße Schaumköpfe um uns herum. Vereinzelt noch, aber nicht nur die Fahrt, auch der Wind hat plötzlich zugelegt. Kurzentschlossen berge ich doch den Genaker und setze die Genua. Die Bö hält nicht lange an, aber ich bin vom langen Rudergehen müde und noch steht mir ein weiter Weg bevor. Ich kuppele die Windfahnensteuerung wieder ein und siehe da: Sie steuert akkurat. Wir laufen aber nur noch knapp 3 Knoten …

Genüsslich flätze ich mich ins Cockpit, mache mir einen Tee und starre zu den Sternen hoch. Was für ein Frieden. Am Horizont ziehen die Lichter unserer großen Brüder ihre Bahn. Weit weg. Ich trinke aus und steige in die Kajüte hinunter, stelle den Kurzzeitwecker auf zehn Minuten und lege mich in voller Montur auf meine Koje. Decke mich mit Imas Fleecedecke zu. Höre auf das leise Glucksen an der Bordwand. Fühle die sanften Bewegungen Néfertitis. Dann bin ich auch schon eingenickt…

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Dieser Blog Eintrag spielt am 15.9.2016

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2 Comments

  1. Jens sagt:

    Na endlich wieder ein Bericht, sehr schön, aber du bist deiner Zeit voraus… am 15.9. 2017 ;-)

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