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Segeln als Digitale Nomaden

Gerammt

Dez• 06•12

Gouda 23.6.12

Am nächsten Morgen wache ich voller Tatendrang auf. Der Wind heult nach wie vor in den Wanten. Ich schiebe das Niedergangsluk auf und werfe einen Blick hinaus. Ein Segelboot wartet auf die Brückenöffnung. Unser Mast steht gut frei von dem Baum am Ufer. Aber was ist das? …

Direkt neben dem Boot treibt ein riesiger Klumpen Torf vorbei. Ein paar Meter weiter schwimmt noch einer…
Ich öffne das Gasventil und steige den Niedergang hinunter, um Wasser für das Frühstück aufzusetzen. Während ich den Frühstückstisch decke, höre ich draußen einen Schiffsdiesel.  Ein Baggerschiff fährt vorbei. Hundert Meter weiter versenkt es seine Haltepfeiler und sammelt die drei Meter umfassenden Torfklumpen ein.
Der Wasserkessel pfeift. Ich schließe den Haupthahn, brühe Tee auf und mache mich mit Heißhunger über das Frühstück her.

Etwas später vernehme ich wieder das Wummern des Schiffsdiesels. Klingt verdammt nah. Ich unterbreche mein Frühstück und schaue durch das Bullauge. Die Baggerschute setzt zurück. Vielleicht drei Meter entfernt. Mit wenigen Schritten bin ich den Niedergang hoch. Der Bug der Schute wird vom heftigen Seitenwind nach Lee gedrückt. Schon jetzt passt Néfertiti kaum zwischen den Bug und den Steg! Und der Bug schwingt weiter herum.
Ich rufe dem Schiffsführer eine Warnung zu und zeige auf seinen Bug, auf mein Boot, auf seinen Bug. Die Schute setzt ungeniert weiter zurück. Ich schreie. Das kann nicht gut gehen. Ich tobe, mache Zeichen. Keine Reaktion. Ich brülle. Es kracht.
Néfertiti wird zwischen Schute und Steg zerquetscht.
Es knirscht und quietscht. Stahl kreischt auf Stahl. Der Bug kratzt die halbe Bordwand entlang bis er endlich freikommt.
Der Matrose an Deck tut so, als sähe er mich nicht.

„Ey!! Ihr habt mich gerade gerammt!!“
Keine Reaktion.
Ich springe den Niedergang hinunter, reiße die Bodenbretter hoch. Kein Wasser!
Nehme das Handy und fotografiere den Unglückskahn, der abzuhauen scheint.

Diese Baggerschute hat Segelboot Néfertiti gerammt

Wollen die abhauen, nachdem sie Néfertiti gerammt haben?!

Aber sie kommen zurück. Genauso idiotisch nah!
Ich brülle ihnen zu, ja Abstand zu halten. Mache entsprechende Handzeichen.
Sie bohren ihre Pfeiler in den Grund, um ihr Schiff anderthalb Meter (!) neben Néfertiti zu verankern. Ich bin außer mir vor Wut.

Néfertitis Steuerbordseite ist auf 4 m an mehreren Stellen eingedrückt.
Später werde ich feststellen, dass zwei Spanten verbogen wurden und die Fender auf der Stegseite so zusammengequetscht wurden, dass die Farbe durch den Steg auch an Backbord weggekratzt wurde.

Der Steuermann reicht mir zur Entschuldigung seine Hand. „Ich dachte, es reicht.“ Wir tauschen die Versicherungsdaten. Immerhin gelingt es ihnen ankerauf zu gehen, ohne weiteren Schaden anzurichten.

Noch vor ein paar Minuten war meine Welt in Ordnung. Mir ist zum Heulen zumute. Und dann auch wieder zum Morden. Nur ein Seemann, der jahrzehntelang von seinem eigenen Segelboot geträumt hat, kann ermessen, wie ich mich fühle. Meine erste Fahrt auf eigenem Kiel und ich werde beinahe am Steg versenkt.

Der einzige Trost ist:
Néfertiti schwimmt. Sie macht keinen Tropfen Wasser.
Jedes Kunstoffboot wäre hier und heute zerbrochen. Was für ein wundervolles und starkes Boot!

 ♦♦♦

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2 Comments

  1. rob sagt:

    Uja, einmal zurück geblättert, als Du erledigt in die Koje bist, wollte ich schon kommentieren, nochmal sagen, wie schön Euer Boot ist. Der Innenausbau zu späteren Jahrzehnten für einen andere Welt ist, die Bullaugen! Und dass die Sorge so nachvollziehbar ist, ob der Motor immer weiter läuft. Ich habe es dann erst sein lassen, aber lesend ganz in Eurer Geschichte und mir für das Segeln schon soviel von dem was alles passieren kann vorgestellt habe und dann so ein unglaublicher Start! Nach der ganzen langen Vorgeschichte, wie soll man sagen, Wahnsinn!

    rob

  2. Klaus sagt:

    Lieber Rob,
    es macht mir eine große Freude, dass Du so Anteil nimmst. Viel Glück mit Deinem Boot!
    Liebe Grüße :)
    Klaus

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