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Wie man seine Frau (zum Segeln) verführt

Nachtfahrt

Aug• 03•17

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Immer noch vernehme ich das Glucksen an der Bordwand und das leichte Wiegen Néfertitis. „Drrrrrring!“ Der Wecker klingelt. Ich schwinge meine Beine aus der Koje und steige den Niedergang halb hoch.

Voraus alles klar. Néfertiti ist auf Kurs Richtung Anholt. Ich lasse den Blick rundum schweifen. Ermahne mich langsam und genau zu gucken. Nichts. Außer einem Schiff auf dem Dampfertrack. Aber das ist ein Mitläufer, weit weg. Ich stelle den Kurzzeitwecker wieder auf zehn Minuten und lege mich rücklings auf Imas Koje. Von hier aus kann ich den Kompass am Niedergang ablesen. Mummele mich in die Fleecedecke. Höre auf das leise Gemurmel Néfertitis, kontrolliere mit einem letzten Blick noch einmal den Kurs und mache die Augen zu…

Segeln im Kattegat, Nachtfahrt

In die Nacht hinein

„Drrrrrring!“ Rundblick. Bin ich müde… Außer dem Mitläufer, der mir inzwischen sein Hecklicht zeigt, ist kein Schiff in Sicht. „Drrrrrring!“ In einer Sekunde bin ich auf den Beinen. Dabei war ich doch eben noch hundemüde… Voraus ist ein gelbes Blinken in Sicht gekommen. Nicht ein Licht sondern zig Lichter. Muss der Windpark südöstlich Anholts sein. Weit und breit bin ich hier alleine. Wecker stellen. Köstliches Gefühl von Luxus, sich auf der Koje ausstrecken zu können… Dösen… Denke an Ima… Schon acht Minuten herum. Ich stehe auf, werfe einen Rundblick hinaus und stelle mir den Wecker neu… Kann wieder nicht einschlafen. Stehe auf, checke die Lage und stelle mir den Wecker… „Drrrrrring!“ Rundblick. Nichts neues… „Drrrrrring!“ Rundblick. Alles klar.

„Drrrrrring!“ Brauche gar nicht aufzustehen, um zu wissen, dass der Wind weiter nachgelassen hat. Rundblick. Tatsächlich. Néfertiti schleicht mit zwei Knoten durch die See. Außerdem sind wir vom Kurs abgekommen. Steige an Deck und justiere Windfahnensteuerung und Segel neu. Sitze eine Weile im Cockpit. Die Lichter der Windräder blinken voraus. Das Leuchtfeuer von Anholt ist noch nicht in Sicht. Die blaue Kompassbeleuchtung stört auf Nachtfahrt enorm. Wie gerne hätte ich ein rotes Display. Ein langer Rundblick. Auf dem Dampfertrack fährt ein Großer Bruder Richtung Nordsee. Ich stelle die Kompassbeleuchtung aus und nehme stattdessen die Taschenlampe mit zur Koje. Stelle den Wecker und strecke mich behaglich auf Imas Koje aus…

Nachtfahrt im Kattegat

Mondhelle Nacht

„Drrrrrring!“ Voraus zwei Dampferlichter. Maschinenfahrzeug über 50 Meter. Es kommt uns entgegen. Ich beobachte das Schiff eine Weile von Imas Lieblingsplatz am Niedergang aus. Der wird uns an Steuerbord passieren. Hole mir einen Apfel aus dem Korb und beobachte, so langsam kauend, dass Ima ihre Freude an mir hätte, wie die Lichter stetig näher kommen, gleichzeitig auswandern und schließlich querab stehen. Weit ab. Als er uns das Hecklicht zeigt, stelle ich mir wieder den Wecker und lege mich auf die Koje. Von mir aus könnte es tagelang so weiter gehen. (Nächtelang.) Möchte gar nicht ankommen. Aber weiter segeln? Das kann ich Lucky nach dem Hin und Her nicht antun. Ich kuschel mich in meine Decke. Köstlicher Schlaf…

„Drrrrrring!“ Wir stehen nordwestlich Anholts. Von dem Leuchtturm ist nichts zu sehen. Sollte der nicht 14 Meilen Tragweite haben? Ist die Sicht so schlecht? Auf der Logge stehen schon 45 Meilen. Aber ich kann doch den Windpark im Süden sehen… Komisch. Anholt ist nicht auszumachen.

Ich schalte das Licht über dem Kartentisch ein. Leider sind die Windräder auf meiner alten Karte nicht eingezeichnet. Auf alle Fälle stehen wir noch im Tiefen. Ich starte das Handy und zeichne die GPS Position in die Karte. Das wird noch weit… Anscheinend setzt der Strom stärker gegenan als gefürchtet. Ein letzter Rundblick. Da ist ein Schein! Könnte das das Leuchtfeuer von Anholt sein?! Kann die Kennung nicht identifizieren. Oder ein Feuer auf der Hafenmole?! Oder eine neue Tonne?! Ist vielleicht die Untiefentonne mittlerweile befeuert worden? Wenn ich etwas näher bin, werde ich klarer sehen. Wir segeln erst einmal weiter aufgrund der GPS Position. Ich stelle den Wecker und schalte das Licht über dem Kartentisch aus…

Segeln gen Anholt

Anholt in Sicht

„Drrrrrring!“ Der Wind hat sich nun auch zur Ruhe begeben. Néfertiti liegt bekalmt. Segel bergen? Plötzlich kommt der Wind zurück. Aus Südost. Eine leichte Brise. Trimme Segel und Windfahnensteuerung. Wir laufen kaum einen Knoten. So kämen wir morgen Mittag an… wenn überhaupt. Bei dem Strom… Kreuzen müssten wir auch. So sehr ich die kurzen Nickerchen schätzen gelernt habe, ich berge die Segel und starte die Maschine. Auch wenn mir jetzt drei Stunden Rudergehen bevorstehen…

Das gleichförmige Tuckern des Diesels. Im Steuern nicke ich immer wieder für Sekunden ein. Habe gerade meinen toten Punkt. Mir ist kalt. Ich bibbere still vor mich hin. Das hat keinen Sinn. Schlimm genug, übermüdet zu sein. Hat uns Fjordholmen nicht gelehrt, dass Unterkühlung gerade nicht hilft einen kühlen Kopf zu bewahren… Ich nehme einen Schluck heißen (naja) Tees aus der Thermoskanne. Setze die Pinne fest, um mir eine Wärmflasche zu machen und einen wirklich heißen Tee… Welcher Luxus! Welche Wohltat! Die Wärmflasche unter dem Ölzeug. Und dazu eine Muck dampfenden Tees in der Hand.

Der Morgen dämmert herauf. Anholt ist in Sicht. Ich sehe die Hafenmole schon von weitem. Aber es dauert und dauert. Die letzte Meile ist die Schlimmste. Sie zieht sich unendlich. Trotzdem bemächtigt sich ein Hochgefühl meiner, als Néfertiti gemächlich durch den Vorhafen ins innere Hafenbecken tuckert. Auf dem Steg erkenne ich eine blaue Gestalt. In Joggingklamotten. Die Gestalt geht zum Kopf des Steges und winkt mich heran. Nein. Winkt mir zu. Ich winke zurück. Stoppe auf und bereite Festmacher und Leinen vor. Steuere langsam den Steg an.
„Hallo Klaus!“
„Moin Lucky!“ Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen.

♦♦♦

Dieser Blog Artikel spielt in der Nacht vom 15. auf den 16.9.

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6 Comments

  1. Lucky sagt:

    Das war echt ein schöner Zufall, dass du just in dem Augenblick eingelaufen bist, als ich loslaufen wollte! Du hast dich durch diese Nacht ja echt durchgekämpft. Aber ich finde es echt super, dass du nicht abgedreht bist.

    Gruß aus Snaptun
    Luke

    • Klaus Klaus sagt:

      Ja. Ich auch. Euch wiederholt begegnet zu sein war ein großes Geschenk. :) Anholt selbst auch, aber davon wird noch zu erzählen sein…

      Liebe Grüße nach Snaptun (Da seid ihr ja schon wieder im schönen Dänemark unterwegs! Aber wir werden ja in ein paar Wochen auch noch einmal die Leinen loswerfen…)
      Klaus

      P.S. Wegen Wattenfahrt: Wollen wir nächste Woche mal skypen?

      • Lucky sagt:

        Moin Klaus,

        zunächst auch von meiner Stelle mein Mitgefühl für den Jobverlust. Ich hatte das gar nicht gesehen, wenn nicht der untere Kommentar gewesen wäre. Ich drücke die Daumen, dass dein Start in die digitale Selbstständigkeit klappt!

        @Skype: Gerne, ich schreib dir dazu gleich mal ne Mai..

        • Klaus Klaus sagt:

          Danke für Dein Mitgefühl!

          Das Skype Gespräch hat mir große Freude gemacht. Wenn im Nachhinein noch Fragen auftauchen… Melde Dich einfach!
          Liebe Grüße
          Klaus

  2. Hans Werner Höfel sagt:
    9. August 2017 um 16:24

    Hallo Klaus,
    ich kann Deinen Schock über den Jobverlust mitfühlen. Das geschah mir 7 mal im Leben. Heute bin ich 72 Jahre alt, seit 1973 Segler mit fast finalem Erlebnis im Skagerrak und immer noch heiß auf abenteuerliche Langfahrten mit meiner BAVARIA 707. Mein Beruf hat mit sehr tiefe (auch schmerzliche) Einblicke in das Thema Jobsuche geschenkt ,die ich in einem Buch „BLAUER SEKT, eine Bewerbungsstrategie“ dokumentiert habe. Eine Strategie die nicht auf dem üblichen erfolglosen Bla,Bla über Bewerbungsschreiben basiert, sondern auf dem Wissen wer in Unternehmen wirklich die Entscheidungen über eine Job trifft.

    Eine Kurzübersicht über diese Strategie finden Sie im Internet auf meiner Homepage unter http://www.hwhoefel.de; das von mir dazu ausführlich geschriebene Buch ist als KINDEL-Buch mit dem Titel „BLAUER SEKT, eine Bewerbungsstrategie“ erschienen und kann mit einem KINDLE Unlimited Zugang für 30 Tage kostenlos gelesen werden oder ist für 9,50 EUR als Download zu kaufen. Zu lesen ist es auch auf jedem PC, wenn man sich die kostenlose Kindle-App herunter lädt. Die Ausgabe als Taschenbuch (ISBN 9781520792095) kostet bei AMAZON.de 19,80 EUR.

    Dein Buch habe ich gerade gekauft!
    Auf gute Seemannschaft.

    Hans Werner Höfel

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