Fahrtenseglers-Glück.de

Leben als Digitale Nomaden

Anholt: Treffpunkt der späten Langfahrtsegler

Aug• 14•17

Am nächsten Morgen setze ich mich in Ermangelung eines geöffneten Cafés in aller Frühe auf den Balkon des Seglerheims. Habe mir dort in der Küche einen Muckefuck gemacht und lasse meinen Blick über den Hafen schweifen. Es liegen nur noch eine Handvoll Boote hier.

Wanderung Anholt

Unterwegs auf der Insel

Ich sitze in der warmen Sonne unter blauem Himmel. Schreibe Tagebuch. Alles ruft in mir: „Ich will bleiben!“ Zücke mein Handy und checke den Wetterbericht… Morgen soll auch gutes Segelwetter herrschen. Bernhard Moitessier, einer meiner großen Segelhelden, sagte zwar, man solle einen günstigen Segelwind nicht ungenutzt verstreichen lassen. Sicher hat er Recht. Aber zum einen hat er sich selbst nicht immer daran gehalten, und zum anderen habe ich meinen ersten sechswöchigen Sommerurlaub allein, ohne Eltern, mehr oder weniger als Anhalter an der Landstraße verbracht, weil eine innere Unruhe mich immer weiter getrieben hat. Weil ich damals nicht verweilen konnte, wenn es mir irgendwo gefiel. Vielleicht ist es ein Fehler, aber ich werde heute nicht weiter segeln. (Vorsicht Spoiler: Es ist keiner. Auch wenn ich meinen schönen neuen Genaker zerreisse, wartet auf mich morgen einer der besten Segeltage meines Lebens!)

Stattdessen werde ich eine Wanderung machen. Anholt entdecken. Vielleicht nicht ganz Anholt, aber mehr sehen als nur den Hafen. Auch möchte Néfertiti ihr Make up gerne aufgefrischt sehen. Ein paar Rostflecken haben sich gebildet, die ich bis zur Bootsbesichtigung durch Lucky, Thomas und H.M. geflissentlich übersehen hatte… Kleinere Roststellen sind bei einem Stahlschiff ganz normal, aber fordern immer mal wieder einen pinselschwingenden Skipper. Last not least muss ich das Ruderblatt der Windsteueranlage verkleinern… und die Backbordseite Néfertitis schrubben… und jetzt höre ich lieber auf darüber nachzudenken, was ich sonst noch alles tun könnte, sonst komme ich nicht zu meiner Wanderung… ;)

Anholt Wanderung

Im Inselinneren

Ich bin glücklich mit meiner Entscheidung. Nehme noch einen Schluck Muckefuck und lasse zufrieden meinen Blick über das Meer schweifen. Die Sonne wärmt. Auch wenn ein feiner Geruch von Herbst in der Luft liegt. Wie eine Mahnung, dass auch dieser grandiose Sommer zu Ende gehen wird. Da klingelt das Handy. Ima ist dran. Sie hat Sehnsucht nach uns. (Mir und Néfertiti) Ima sorgt sich um den Film. Ihr Wunschfestival (bei dem auch unser erster Film Weltpremiere hatte) würde den Film gerne als erstes Festival zeigen, mit einer zusätzlichen Open Air Vorführung und einem Konzert einer unserer Protagonistinnen, der Sängerin Dina El Wedidi. Aber ein anderes Festival hat uns gefördert und dadurch das Recht auf die Weltpremiere… Ima ist ganz aufgelöst. Was kann ich ihr raten?
„Kannst du irgendetwas tun?“
„Nein.“
„Dann lass los, Ima. Wir haben unser Bestes gegeben. Der Film ist wunderschön geworden. Alles andere liegt nicht mehr in unseren Händen.“

Sie kann nicht… und weil die Sorgen gerade nicht genügen, sorgt sie sich auch noch um die Menschheit. Ich spreche ihr Mut zu. Als wir auflegen, hat mich die andere Welt da draußen eingeholt: Verschleppte Menschen und Folterungen in Ägypten. Ein psychisch Kranker ohne jede Wertschätzung demokratischer Werte auf dem Weg ins Weiße Haus. Toxine im Grundwasser. Müllberge in den Ozeanen… Die Welt marschiert auf den Abgrund zu! Mein Blick wandert wieder über das Meer zum Horizont. Ich fühle die Sonne warm und den Wind sanft auf meiner Haut. Es ist so schön hier. Ich reisse mich gewaltsam von den trüben Gedanken los. Es vergällt mir nur den Tag. Für mich soll es heute nichts als diese liebliche Insel geben, auch wenn morgen die Welt untergeht! Ist das egoistisch? Vielleicht. Aber ganz bestimmt auch gesund. Ich kann im Moment weder den Verschleppten helfen, noch den Amerikanern. Kann mir aber nicht vorstellen, dass jemand dumm genug ist, diesen verlogenen Egozentriker zu wählen. (Kein Kommentar. Das habe ich damals wirklich gedacht…) Nach einer Weile bringe ich meine Sachen an Bord und rücke mit Drahtbürste, Schleifpapier und Farbe den Roststellen zu Leibe. Als das getan ist, schlüpfe ich in meine Wanderschuhe.

Anholt

Blick über Anholt

Es geht steil bergauf. Schritt für Schritt folge ich dem asphaltierten Weg. Es fällt mir leicht. War wohl doch die Übermüdung, die mich gestern so schlapp machte. Erst einmal zum Dorf, will den Supermarkt checken. Auf dem Rückweg kann ich dort etwas einkaufen. Plötzlich dringt Motorengeknatter an mein Ohr. Kurz darauf rast mir ein Inselbewohner auf seiner Enduro entgegen. Fährt viel langsamer als im ersten Moment gedacht. Ich bin Straßenverkehr einfach nicht mehr gewöhnt…

Überall wuchern Brombeeren. Ich bleibe stehen und koste. Zuckersüß. Auch die wilden Äpfel sind lecker. Ich beschließe auf dem Rückweg Beeren zu sammeln und zurück im Hafen Pfannkuchen zu machen. Mit den ersten Häusern des Dorfes weicht der Asphalt einem Schotterweg. Wie die sandigen Dorfstraßen Brandenburgs. Kurz darauf stehe ich vor dem Supermarkt Anholts. Eigentlich wollte ich ihn nur ausbaldovern und später auf dem Rückweg einkaufen. Aber inzwischen ist der Gedanke an Pfannkuchen zur fixen Idee geworden. Hätte vor dem Aufbruch richtig frühstücken sollen… Erwartungsvoll betrete ich den kleinen Markt. Gemessen an den Preisen in Schweden ist es hier teuer! Klar. Die Sachen müssen auf die abgelegene Insel transportiert werden… Aber die Vorratschaps Néfertitis sind voll. Wollte nur etwas Brot und Frisches besorgen. Frisches werde ich unterwegs von den Büschen pflücken… und Brot kann ich backen. In der Pfanne.

So ziehe ich leicht und unbeschwert weiter. Wandere durch eine liebliche Landschaft.
Immer wieder bleibe ich stehen und stecke mir die dunklen Beeren in den Mund. Komisch, dass hier kaum jemand Brombeeren erntet… Alle sind zuckersüß. Ich sammele die Köstlichkeiten in einer Plastiktüte, die für alle Fälle immer im Rucksack steckt. Noch ein paar wilde Äpfel… Schließlich nehme wieder die Schleichwege hinunter zum Strand. Stapfe barfuß am Flutsaum entlang. Ab und zu umschmeichelt eine der kleinen Wellen meine Füße. Erfrischend aber nicht kalt.

Bei den Bedingungen könnte man auch neben dem Hafen ankern. Aber ich genieße die Bequemlichkeiten des Seglerheims. Da käme es mir schofel vor abends auszulaufen, um das Liegegeld zu sparen. Immerhin habe ich den Supermarkt gespart… ;)

So sitze ich nachmittags wieder auf der Terrasse des Seglerheims und brate in der angegliederten Küche Pfannkuchen mit den gepflückten Beeren und Äpfeln. Es sind so wenig Boote im Hafen, dass die Kameradschaft wieder funktioniert. Jeder ist an jedem interessiert. Alle sind spät unterwegs und die meisten haben mehrmonatige Reisen hinter sich. Ich komme mit einem Schweizer Pärchen ins Gespräch, die ihr Boot normalerweise in Kopenhagen liegen haben. Ich lade sie zum Pfannkuchen ein, aber sie wollen los, die Insel erkunden. Dafür laden sie mich ihrerseits Abends zum Grillen ein. Kurz darauf spricht mich der 70 jährige Mann aus Schweden an, ob ich auch schon schwimmen gewesen sei… (Nee, war ich nicht) Er komme seit Jahren mehrfach im Sommer her und kenne sich bestens aus. So weiß er auch, dass der Job des Hafenmeisters vakant sei… Irgendwann ruft die Pflicht. Ich gehe zum Boot und widme mich erst einmal der Windfahnensteuerung. Verkleinere das Pendelruder.

Garnelen am Rumpf Néfertitis

„Du weißt, dass dein Schiff mal wieder aus dem Wasser muss, wenn …“

Die Sägekante wird … ähm … etwas wellig… ich schleife von Hand so gut ich kann nach, aber das neue Pendelruder ist eh ein Provisorium. Ich montiere die Windfahnensteuerung und öle die Schnittkante. Da lässt mich Motorengeräusch aufschauen. Eine Bavaria 44 kommt herein . Mit deutscher Nationale. Man sieht auf den ersten Blick, dass sie heuer viele Meilen hinter sich gebracht hat. An Bord ein langhaariger Geselle, der mir auf den ersten Blick sympathisch ist. Einhand. Sieht nicht so aus, als würde er meine Hilfe brauchen, aber zur Sicherheit frage ich doch:
„Soll ich deine Leinen annehmen?“
„Das wäre nett.“ Langsam kommt die Perithia herein. Perfektes Manöver. Auf der anderen Stegseite, kurz vor Néfertiti. Während er die Springs ausbringt, widme ich mich wieder meinen Pflichten. Mache mich daran, das Unterwasserschiff auf der Backbordseite abzuschrubben. Im grünen Eldorado sitzen mittelfingerlange Garnelen. Der Langhaarige sitzt inzwischen gemütlich im Cockpit und sieht zu mir herüber. Ich rufe ihm zu:
„Du weißt, dass dein Schiff mal wieder aus dem Wasser muss, wenn du soooo lange (ich zeige) Garnelen beherbergst.“ Er kommt herüber:
„Wie lange warst du denn schon nicht mehr aus dem Wasser?“
„Vier Jahre.“ Ich mache ein paar Fotos für den Blog. Der Langhaarige sagt:
„Die da drüben haben zu. Hast du eine Ahnung, wo noch ein Laden auf hat?“
„Nee, ich glaube, jetzt ist hier alles zu.“
„Schade. Hätte so gerne ein Bierchen getrunken.“ Gut, dass Gustav und Anna mir die letzten Bierdosen in Göteborg wieder mit gegeben haben…
„Ich habe noch genau zwei Dosen Bier übrig. Wenn du magst, komme ich gleich rüber.“
„Auja.“ Nachdem ich meiner Pflicht Néfertiti gegenüber Genüge getan habe, schnappe ich mir die zwei Dosen und sitze kurz darauf bei Uwe im Cockpit der Perithia. Die Abendsonne wärmt noch und er fragt nach dem Woher und Wohin. Ich erzähle ausführlich. Aber eigentlich möchte ich doch etwas über Uwe erfahren. Also frage ich:
„Und du?“
Uwe ist Berufssegler und war gerade ein halbes Jahr unterwegs. Er hat seine Perithia an wechselnde Crews verchartert (Mit ihm als Skipper). Shetlands, Rund Island, Grönland… Im Laufe des Gesprächs stellt sich heraus, dass er mit seiner Frau sogar durch die Nordwestpassage gesegelt ist. Da kommen mir die Schären Schwedens plötzlich nicht mehr ganz so weit vor… Ein spätes Boot läuft durch die geschwungene Hafeneinfahrt. Die Grenzenlos. Uwe sagt:
„Das Boot kenne ich. Das liegt in Stralsund. Wollen wir ihnen helfen?“
Die Chartercrew beherrscht das Boot. Wir nehmen trotzdem die Leinen an.

Wenig später, ich habe mich mittlerweile von Uwe verabschiedet, steht eine Frau der Grenzenlos am Stegende neben Néfertiti und raucht. Sie zwinkert mir zu:
„Anleger- Zigarette!“ Ihr werdet es schon erraten. Wir kommen schnell ins Gespräch. Sie schwärmt genauso vom Watt wie Ima und ich. Fühle mich ihr irgendwie verbunden.

Als es dämmert ist von den Schweizern nichts zu sehen. Also mache ich eigene Pläne und gehe ich ins Seglerheim, um Suppe zu kochen. Auch für morgen. Der Himmel steht orange in Flammen. Atemberaubend. Ich schieße für euch eine Reihe von Fotos, aber keines wird dem Spektakel am Himmel gerecht. Dann muss ich mich wieder der Suppe widmen. Eine Frau betritt die Küche. In einer Schüssel Berge schmutzigen Geschirrs.
„You saw this sky?“ frage ich sie. Sie antwortet auf deutsch:
„Ja. Toll nicht wahr?“ So gibt es noch einen Plausch. Sie und ihr Mann sind auf Elternzeit. Waren hoch bis Haparanda… Ich erzähle das so ausführlich in dem vergeblichen Versuch etwas von der kameradschaftlichen und offenen Stimmung einzufangen, die hier herrscht: Anholt ist Mitte September der Treffpunkt der späten Langfahrtsegler.

Nächtlicher Blick über den Hafen Anholts

Keines der Fotos wird der Realität gerecht…

Schließlich wandere ich mit einem Topf dampfender Suppe zurück zu Néfertiti. Von allen Seiten wird mir guter Appetit gewünscht. Ich steige hinunter in die Kajüte, nehme mir eine Schale und fühle mich beglückt. Freue mich über jeden, den ich hier getroffen habe. Toll, dass ich geblieben bin! Toll, dass ich überhaupt Luckys Ruf gefolgt bin, zu dieser Insel zu segeln. Danke euch allen! Schließlich schalte ich das Licht aus. Morgen habe ich einen langen Tag vor mir. Noch ein kurzer Gedanke an Ima, dann bin ich auch schon eingeschlafen. Leicht gewiegt in der Sicherheit des Hafens.

♦♦♦

Dieser Blog Eintrag spielt am 17.9.

You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Comments

  1. Gert sagt:

    Super spannender Beitrag, wie immer! Tolle Bilder! Das mit dem Brot aus der Pfanne kannte ich noch gar nicht, guter Tipp, weil ja Brot auf See so schnell steinhart wird. So backt man sich einfach selbst frisches! Top! Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.